Das Internet der Dinge, philosophisch betrachtet

Aspekte der Technikphilosophien von Martin Heidegger, Günther Anders und Bruno Latour im Blickwinkel aktueller Industriepolitik


Seminararbeit, 2014

47 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Internet der Dinge - philosophisch betrachtet

2. Das Internet der Dinge
2.1. Ein kurzer Überblick über die Geschichte
2.2. Das Internet der Dinge
2.3. Cloud Computing
2.4. Philosophische Betrachtungen zum Internet der Dinge

3. Die Technikphilosophie Martin Heideggers
3.1. Die vier Vorträge
3.2. Der Hinweis
3.3. Heideggers Herangehensweise
3.4. Das Ding
3.5. Das Wesen des Kruges
3.6. Die Sterblichen, der Tod, die Spiegelung, die Welt und die Wissenschaft
3.7. Philosophiehistorische Bezüge
3.8. Die Antizipation einiger moderner technischer Entwicklungen
3.9. Eine kritische Würdigung

4. Einige Aspekte der Technikphilosophie von Günther Anders
4.1. Technik und die Antiquiertheit
4.2. Die Diagnosen
4.3. Versuch einer kritischen Sichtweise oder die Antiquiertheit der Antiquiertheit

5. Technisch-philosophische Ansätze von Bruno Latour
5.1. Die Symmetrie
5.2. Das Parlament der Dinge

6. Zur Philosophie des Internets der Dinge
6.1. Das philosophisch Interessante am Internet der Dinge
6.2. Heidegger und das Internet der Dinge
6.3. Anders und das Internet der Dinge
6.4. Latour und das Internet der Dinge

7. Die Offenheit der Themenstellung

1. Das Internet der Dinge - philosophisch betrachtet

Philosophische Positionen zur Technikphilosophie[1] sind besonders dann von nachhaltigem Interesse, wenn sie erstens eine gewisse Antizipation der zukünftigen Entwicklung der Technik erlauben und zweitens in ihren Positionen an eben diesen Entwicklungen ´mitwachsen´, womit gemeint ist, dass sie sich durchaus an den jeweiligen neuen Entwicklungen messen lassen. Dies betrifft sowohl den gestellten Anspruch als auch die den Theorien innewohnende Aussagekraft.

Da sich Zukunft, und diese wird – was inzwischen weitgehend unbestritten ist - grundlegend von der Technik bestimmt, weder direkt aus der Gegenwart ableiten noch voraussagen lässt, andererseits die Antizipation des Zukünftigen[2] für den Menschen von Beginn an eine der größten Herausforderungen dargestellt hat, sind die beiden genannten Punkte gerade für technisch-philosophische Positionen von grundlegender Bedeutung.

Aus dem Gesagten ergibt sich auch, dass eine wesentliche Aufgabe einer Philosophie der Technik darin liegt, Antworten auf „die historisch einmaligen und neuen Fragestellungen, vor die uns die Entwicklung der zeitgenössischen Technik stellt“[3] zu finden.

Gerade die modernen industriellen Entwicklungen stellen dabei eine der größten Herausforderungen dar. Dies begründet sich unter anderem in der inzwischen hohen Komplexität der technischen Entwicklungen, der weitreichenden Bedeutung der Entwicklungen für die Gesellschaft sowie in dem direkten und sehr komplexen Zusammenhang zwischen technischen und ökonomischen Entwicklungen. Themen wie Globalisierung, Fortschritt, Wachstum oder auch mögliche alternative ökonomische Konzepte hängen unmittelbar mit der Entwicklung der Technik zusammen.

Im gegenständlichen Essay sollen drei philosophische Positionen mit dem sogenannten Internet der Dinge in Bezug gesetzt werden. Unter dem Internet der Dinge [4] versteht man die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte mit einer virtuellen Repräsentation einer Internet-ähnlichen Struktur, so Mark Weiser im Jahr 1991.[5]

Handelte es sich 1991 noch um eine Vision, so sind mittlerweile zahlreiche Voraussetzungen für die Umsetzbarkeit geschaffen worden bzw. es finden sich inzwischen auch in unterschiedlichsten Bereichen konkrete Implementierungen. Das Internet der Dinge gilt heute sowohl im gesellschaftlichen Umfeld als auch im Bereich der Industrieproduktion - dort wird es mit dem Begriff der vierten industriellen Revolution bzw. dem Begriff Industrie 4.0 identifiziert - als einer der Zukunftstrends, der schon heute begonnen hat und in naher und mittlerer Zukunft weitreichende Konsequenzen für unser aller Leben haben wird.

So gehen einige Autoren sogar davon aus, dass sich auf Basis des Internets der Dinge Modelle für eine vollkommen neue Ökonomie aufbauen werden. Man spricht hier von sogenannten collaborative commons, Strukturen und Modellen, die erstmals eine bisher nur schwer vorstellbare Alternative zu unserem vorherrschenden marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem darstellen könnten.[6]

Es gibt zahlreiche weitere verwendete Begriffe wie ´Ubiquitäres Computing´ oder ´Persuasive Computing´, die prinzipiell aber stets den gleichen Grundgedanken einer „durchgängigen Optimierung und Förderung wirtschaftlicher und sozialer Prozesse durch eine Vielzahl von in die Umgebung eingebrachte Mikroprozessoren und Sensoren“[7] beschreiben.

Um die zunächst nicht vermuteten Zusammenhänge zwischen einer philosophischen Theorie und einer modernen technologischen Entwicklung kurz im Ansatz darzustellen, sei einleitend auf eine Parallelität zwischen beiden Ansätzen hingewiesen. Ein grundlegendes Element des Internets der Dinge sind ´aktive Komponenten´, die über Vernetzung eine mobile Unterstützung des Nutzers mit Informationsdiensten ermöglichen. Die drei angesprochenen philosophischen Ansätze haben andererseits ebenfalls eine Gemeinsamkeit. Auch sie gehen von aktiven Elementen aus, die mit dem Menschen aktiv in Wechselwirkung treten. In diesem Sinne werden gewisse aktuelle Entwicklungen von Heidegger und Anders antizipiert sowie von Bruno Latour in einen modernen philosophischen Kontext gesetzt, den zu beschreiben eine Aufgabe der gegenständlichen Arbeit sein wird. Ubiquitäres Computing´ oder `chtbiquitäres Computing er und sozialer Prozesse durch eine Vielzahl von in die Umgebung eingebacht

Zunächst geht es darum die Grundstrukturen des Internets der Dinge zu skizzieren und die wesentlichen strukturellen Elemente herauszuarbeiten, die auch philosophisch von Relevanz bzw. Interesse sind. Auch bei der Darstellung der drei technisch-philosophischen Positionen von Martin Heidegger, Günther Anders und Bruno Latour liegt der Schwerpunkt naturgemäß auf den Themen, die sich auf das aktive Element der Technik, die Rolle der Dinge bzw. die Vernetzung technischer Elemente beziehen. Denn genau diese Punkte sind es, die die Parallelität zu den Entwicklungen des IoT erkennen lassen.

Den Abschluss der Arbeit bildet der Versuch einer kurzen systematischen Gegenüberstellung der Positionen basierend auf grundlegenden Frage- und Problemstellungen zum Internet der Dinge.

Dass es sich jedenfalls um eine weitreichende technologische Entwicklung, und damit auch um ein für einen philosophischen Diskurs interessantes Thema handelt, konnte durch die einleitenden Anmerkungen schon gezeigt werden. Mark Weiser formuliert im Jahre 1991 die Entwicklungen gewissermaßen ´philosophisch antizipierend´:„The most profound technologies are those that disappear.“[8]

2. Das Internet der Dinge

2.1. Ein kurzer Überblick über die Geschichte

Industrielle Veränderungen hatten seit jeher grundlegende Auswirkungen auf die Entwicklungen der menschlichen Gesellschaft. Die sogenannte erste industrielle Revolution[9] wird auf den Zeitpunkt der Entwicklung der Dampfmaschine, also auf ca. 1750 datiert. Dampfmaschinen ermöglichten eine wesentliche Steigerung der Produktivität in der Textilindustrie oder bei der Herstellung von Grundversorgungsgütern.

Schon die sogenannte zweite industrielle Revolution wird allerdings je nach Lehre bzw. kulturellem Hintergrund mit unterschiedlichen Entwicklungen verbunden. Während die deutsch- und französischsprachige Forschung den Begriff eher mit dem Aufkommen der chemischen Industrie sowie der Elektrotechnik in den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts verbindet, betont die angloamerikanische Variante den Übergang zur Massenproduktion (Einführung des Fließbandes) als das wesentliche Charakteristikum dieser zweiten Umwälzungsphase. Erstmals wurde der Begriff jedenfalls im Jahr 1936 von Georges Friedman formuliert und zwar im Zusammenhang mit der Nutzung der Elektrizität.

Die industrielle Revolution Nummer Drei wird durch die Einführung von Elektronik und Informationstechnik, etwa mit Beginn der 60-er Jahre des vorigen Jahrhunderts, ausgelöst, verbunden mit verschärften Anforderungen im globalen Wettbewerb sowie der Möglichkeit einer variantenreicheren Produktionsmethodik. Manchmal spricht man auch einfach von der Einführung der Speicher Programmierbaren Steuerung (SPS) als dem wesentlichen Element der dritten industriellen Revolution.

Nun spricht man knapp fünfzig Jahre nach der letzten grundlegenden Veränderung der Produktionsmethodik schon wieder von einer industriellen Revolution, und zwar dem sogenannten Internet der Dinge oder auch dem ubiquitären Computing.[10] Im industriellen Umfeld spricht man auch von Industrie 4.0.[11]

In allen Fällen finden die gleichen Grundkonzepte Verwendung, wobei allerdings wie bereits erwähnt, die Schwerpunkte bei den verwendeten Begriffsklärungen für das Internet der Dinge leicht unterschiedlich gesetzt werden. Die Begriffserklärungen reichen von „der Entwicklung intelligenter Überwachungs- und autonomer Entscheidungsprozesse in der Produktion“[12] über die „Informationsaggregation im Engineering und Betrieb über verschiedene Projekte, Anlagen und Anlagenbetreiber hinweg´[13] bis hin zu folgender Charakterisierung, entnommen aus den offiziellen Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0: „Industrie 4.0 meint im Kern die technische Integration von Cyber Physical Systems (CPS) in die Produktion und die Logistik sowie die Anwendung des Internets der Dinge und Dienste in industriellen Prozessen – einschließlich der sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation.“[14]

Dieser Ansatz kann auch die Basis für völlig neue Anwendungsfälle bilden, etwa das Konzept Augmented Reality, was wörtlich übersetzt die ´Erweiterung der Wahrnehmungsrealität mit Hilfe computergestützter Methoden´ bedeutet. Mit Hilfe dieses Konzepts kann der Umgang mit komplexen Systemen oder Abläufen wesentlich zu verändert werden.

Diese letztgenannte Charakterisierung zielt auf einen sehr wesentlichen Punkt des Konzepts des Internets der Dinge, nämlich auf die Transparenz und Durchlässigkeit der unterschiedlichen Anwendungsebenen. Prof. Dr. Henning Kagermann formuliert dies wie folgt: „Die vierte industrielle Revolution ist durch eine noch nie dagewesene Vernetzung über das Internet und durch die Verschmelzung der physischen mit der virtuellen Welt, dem Cyberspace, zu den sogenannten Cyber-Physical Systems gekennzeichnet. Der virtuelle Raum wird in die physische Welt verlängert.“[15]

2.2. Das Internet der Dinge

Unter dem Internet der Dinge versteht man wie eben beschrieben die „Allgegenwärtigkeit von Informationstechnik und Computerleistung, die in prinzipiell alle Alltagsgegenstände eindringen“[16] oder anders ausgedrückt die Ergänzung des Internets durch intelligente Gegenstände bzw. eine Ausweitung des Internets in die reale Welt. Weitgehend deckungsgleich verwendete Begriffe sind „Ubiqitäres Computing“, „Pervasive Computing“, „Cyber Physical Systems“ oder „Ambient Intelligence“.

Gemeinsam ist allen Entwicklungen die Unterstützung des Menschen durch die auf Basis vernetzter Systeme zusammenarbeitenden Computersysteme, Mikroprozessoren und Sensoren. Damit wird die Verschmelzung der realen mit der virtuellen Welt realisierbar.

Kleine smarte Geräte bzw. smarte Funktionalitäten[17] werden in alltägliche Dinge eingebaut und verleihen diesen damit eine Intelligenz sowie eine aktive Rolle im Netz bzw. auch ihrer lokalen Umgebung gegenüber.

Aber auch Gegenstände innerhalb des Produktionsprozesses erhalten ihre eigene Intelligenz, wie Netzwerkzugriffe, die Adressierung aus dem Internet und die damit verbundene eindeutige Identifizierbarkeit. Diese „Objekte“ sind in der Lage Daten aus der Umgebung zu sammeln oder auch eine Beeinflussung der Umgebung zu erreichen. Die industrielle Anwendung dieses Ansatzes erfolgt wie schon angemerkt in der neuen Produktionsmethodik Industrie 4.0. Beliebige Elemente der Produktionslandschaft werden über das Internet ansprechbar, steuerbar und können Informationen übergeben. Dinge sind in diesem Ansatz gewissermaßen eine Versammlung unterschiedlichster Eigenschaften, Eigenschaften die zur Rede stehen und etwas repräsentieren „was den Menschen angeht“.

Die Beispiele für mögliche Anwendungsszenarien sind zahlreich:

- Wearables (Sensoren in Kleidungsstücken), smarte Sensoren im Reisegepäck
- Transportlogistik (u.a. mit RFID versehene Elemente einer Logistikkette)
- Anwendungen in der Einkaufswelt oder im Sport- und Freizeitbereich
- Verknüpfung mit dezentralen Produktionsmethoden (3-D Drucker, ...)
- Vernetzung im Haus, Sensoren in Möbeln oder Fußböden, in Kühlschränken oder in der Heizungsanlage, ...
- Anwendungen im Bereich der Medizintechnik, wie z.B. ´Roboter im Körper´, implantierte und vernetzte Chips
- Sprachsysteme zur Steuerung von Alltagsgegenständen, Brillen für Augmented Reality, etc.
- Systeme zur Erkennung von menschlichen Gesten, Nutzung des Internets für den Straßenverkehr, etc.

Zusätzliche Möglichkeiten ergeben sich durch die Einbettung der Systeme in den täglichen Gebrauch, durch mobile Zugriffsmöglichkeiten sowie der Verlagerung zentral notwendiger Daten in eine virtuelle Datenspeicherung. Dies wird als Cloud Computing bezeichnet (vgl. unten). Damit besteht insbesondere die Möglichkeit einer Sammlung von Daten aus der Umgebung sowie andererseits einer aktiven Beeinflussung eben dieser Umgebung.

Gerade bei der Entwicklung der für diese Technologie notwendigen Konzepte versuchten die Techniker die immer wieder auftretenden Unterschiede zwischen der modellhaften und der tatsächlichen Nutzung der Informationstechnologien aufzudecken und zu reduzieren. Zahlreiche empirisch durchgeführte Untersuchungen haben gezeigt, dass „Menschen die Tendenz haben, die über Medien konstruierten (virtuellen) Welten mit dem realen Leben gleichzusetzen.“[18] Gerade dieser Aspekt ist einerseits eine wesentliche Voraussetzung für die mögliche Akzeptanz der Technologie und zeigt andererseits, dass die Verschmelzung der virtuellen mit der realen Welt ein geradezu beabsichtigtes Strukturelement moderner Internettechnologie darstellt.

2.3. Cloud Computing

Ergänzt bzw. erst möglich gemacht wird das Konzept des Internets der Dinge durch das sogenannte Cloud Computing. Dieses Konzept stellt die Nutzung flexibler und verteilter Software innerhalb des Internets der Dinge sicher. Cloud Computing bildet im Wesentlichen eine Plattform zur Speicherung von Daten sowie zum Ablauf von Anwendungen (Programme oder Apps). Die einzelnen intelligenten Einheiten sind über Kommunikationsnetze mit der Cloud verbunden. Ein großer Vorteil dieses Konzepts liegt in der Verarbeitungsmöglichkeit großer Datenmengen. Diese hier angewandten Analysemethoden sind auch unter dem Begriff Big Data bekannt.

Über eine Cloud können auch Anwendungen bzw. Applikationen zentral entwickelt, verwaltet und bereitgestellt werden. Diese können dann von den potentiellen Anwendern ohne Änderung bzw. Anpassung bei Bedarf „als Dienst“ genutzt werden.

2.4. Philosophische Betrachtungen zum Internet der Dinge

Unter dem Internet der Dinge versteht man wie oben beschrieben die Ergänzung des Internets durch intelligente Gegenstände oder eine Ausweitung des Internets in die reale Welt. Damit ergibt sich eine Verschmelzung der realen mit der virtuellen Welt.

Das Internet der Dinge setzt sich im Wesentlichen von der technischen Seite her betrachtet aus den folgenden Strukturelementen zusammen:

1. Die verwendete Basistechnologie (Netzwerk, Software, Cloud, Datenbanken, ...)
2. Die Dinge (Hardware-Elemente, mit RFID versehene Elemente, Sensoren, ...)
3. Die Schnittstellen zum Menschen (Software, Endgeräte, ...)
4. Hinzu kommt noch als viertes Element das Gesamtkonzept Internet der Dinge, denn gerade in diesem Fall gilt, dass das Ganze wesentlich mehr ist als das Einzelne.

Aufbauend auf dieser Gliederung ergeben sich folgende Punkte bzw. Aspekte, die von philosophischem Interesse sind:

1. Die Dinge sind keine rein passiven Objekte, sondern sie haben eine aktive Rolle bzw. Komponente. Dinge versammeln eine Reihe von Eigenschaften, sie dringen in bisher isoliert gedachte Gegenstände des Alltags ein.
2. Die Dinge erhalten ihre finale Funktion und damit Bedeutung erst über die Vernetzung. Man sieht den Dingen ihre mögliche Funktion bei isolierter Betrachtungsweise nicht an.
3. Das Netz erzeugt eine Transparenz bzw. Durchlässigkeit. Die eindeutigen Unterschiede zwischen virtueller und realer Welt verschwimmen.
4. Die Dinge kommunizieren mit ihrer direkten Umgebung, haben Einfluss darauf bzw. reagieren auf die Umwelt. Die Objekte sind kontextsensitiv und die Objekte werden automatisch erkannt.
5. Nähe und Entfernung sind nicht mehr wirklich feststellbar. In diesem Sinne kann man davon sprechen, dass die mit dem Internet der Dinge verbundene Technologie ´aus dem direkten Blickwinkel des Menschen verschwindet´.
6. Die eigentliche Intelligenz der Objekte entsteht durch die Umgebung (´ambient intelligence´).
7. Der technologische Ansatz fördert Dezentralisierung, mobile Unterstützung des Nutzers an jedem Ort und zu jeder Zeit.
8. Der Nutzer wird gleichzeitig auch ´Objekt´ im Netz. Die klassische Subjekt - Objekt Relation löst sich zunehmend auf.
9. Durch die Auflösung der Subjekt - Objekt Beziehung werden die gesamten im Netz verfügbaren Datenstrukturen für alle (berechtigten) Benutzer zur möglichen Quelle von Information.
10. Die Auswirkungen des IoT reichen wie oben beschrieben in beinahe alle Bereiche menschlichen Lebens (Handel, Logistik, das berufliche Umfeld, der private Bereich, das industrielle Produktionsumfeld, Freizeitbereich, Gesundheitswesen, Mobilität und Verkehr)
11. Die Technologie erfordert neue Ansätze in der Mensch-Maschine-Schnittstelle (Human-Machine-Interface, HMI).
12. Durch das Internet der Dinge wird eine Gleichberechtigung zwischen Mensch und den Dingen erfordert. Gerade im Internet der Dinge hat jeder eingebundene Gegenstand eine Doppelrolle, die Grenzen zwischen dem einzelnen Objekt und der Gesellschaft, genauer der gesellschaftlichen Funktion des einzelnen Objekts sind aufgehoben.
13. Das Internet der Dinge enthält zahlreiche Parallelitäten zu einer eigenen Sprache, in der die Dinge ´adressiert´ werden können. Der Ingenieur verwendet eine auf das Gebiet auf welchem er tätig ist zugeschnittene Spezialsprache, die für Außenstehende zumeist unverständlich ist. Zudem ist die Frage der Benennung technischer Gegenstände ein wesentlicher Teil eines technischen ´Schöpfungsaktes´. Technik ist damit untrennbar mit Sprache verbunden und das technische Ding ist erst dann ´fass- und begreifbar´, wenn es einen Namen hat. Dies kann durchaus im Sinne des berühmten Satzes 5.6 im Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein aufgefasst werden: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“[19]
14. Handeln und Wissen gehen ineinander über, jede Handlung innerhalb des Internets der Dinge wird zur Grundlage von Wissen und umgekehrt.
15. Räumliche, zeitliche und handlungstechnische Aspekte sind innerhalb des Internet der Dinge vollkommen abgedeckt.
16. Der von Latour verwendete Begriff des Aktanten charakterisiert das Internet der Dinge und dessen Elemente geradezu perfekt und beschreibt eine neue Rolle innerhalb der vernetzten Gesellschaft.
17. Die aktive Rolle, die etwa Latour den Dingen mit seinem Begriff des Parlaments der Dinge zuspricht, ist eine grundlegende Eigenschaft für die Komponenten des Internets der Dinge.

3. Die Technikphilosophie Martin Heideggers

3.1. Die vier Vorträge

Martin Heidegger hielt am 1. Dezember 1949 unter dem Titel Einblick in das, was ist im Club in Bremen vier Vorträge mit den Titeln Das Ding, Das Gestell, Die Gefahr, und Die Kehre. Der erste Vortrag wurde in etwas erweiterter Fassung am 6. Juni 1950 in der Bayerischen Akademie der schönen Künste in München erneut gehalten.

In diesen, zum damaligen Zeitpunkt durchaus umstrittenen Vorträgen setzt sich Heidegger mit einigen zentralen Gesichtspunkten moderner Wissenschafts- und Technikphilosophie auseinander.

Interessant ist hier die Hintergrundgeschichte, die Rüdiger Safranski in seinem Werk über Heidegger berichtet. So wurde der Vortragssaal am Vorabend des ersten Vortrags im Juni 1950 gestürmt. Dem anwesenden Staatssekretär sei es dann während des Vortrages ´zu viel´ geworden und er sei aufgestanden, und auch einen Teil des Publikums habe Heidegger hinter sich gelassen[20]. Der Originalbericht in der Zeit aus dem Juni 1950 unter dem Titel Martin Heidegger in München beschreibt die Situation: „Der kleine zierliche Mann mit dem Gesicht eines französischen Weinbauern las unter atemloser Stille“[21] Ganz anders die Situation dann bei der Wiederholung des Vortrages im Jahr 1953 an der Akademie in München. Heidegger erhielt stehende Ovationen, er habe mit dem Gestell einen zentralen Begriff in die damalige Diskussion eingebracht und den ´Nerv der Zeit´ getroffen[22].

3.2. Der Hinweis

Heidegger beschäftigt sich in dem kurzen Artikel Der Hinweis[23] mit den Begriffen Entfernungen, Nähe bzw. Ferne. Er konstatiert, dass Entfernungen durch die Flugmaschine, den Rundfunk, den Film, die Fernsehapparatur, schrumpfen, „die bald das Gestänge und Geschiebe des Verkehrs durchjagen und beherrschen wird“[24] ein. „Allein, das hastige Beseitigen aller Entfernungen bringt keine Nähe.“[25]

Für Heidegger bedeutet eine kleine Entfernung nicht schon Nähe und eine große Entfernung noch keine Ferne. „Alles wird in das gleichförmig Abstandlose zusammengeschwemmt.“[26] Heidegger zieht diesen Gedanken weiter, indem er meint: „Ist das gleichförmig Abstandlose nicht noch unheimlicher als ein Auseinanderplatzen von allem. Der Mensch starrt auf das was mit der Explosion der Atombombe kommen könnte. Der Mensch sieht nicht, was längst schon angekommen ist“[27] und weiter: „Worauf wartet diese ratlose Angst noch, wenn das Entsetzliche schon geschehen ist ?“[28] Das wirklich Entsetzende ist für Heidegger jenes, „dass nämlich trotz allem Überwinden der Entfernungen die Nähe dessen, was ist, ausbleibt.“[29]

Damit ist der Rahmen abgesteckt, für die Dinge, denen sich Heidegger über den Begriff der Nähe anzunähern sucht und auch für den Grundgedanken von Heideggers Herangehensweise, dass nämlich bereits die Grundelemente einer scheinbar ´objektiven´ Herangehensweise ein Ergebnis nach sich ziehen, das den Menschen eigentlich von der Welt entfernt.

3.3. Heideggers Herangehensweise

Zunächst zur Ausgangslage, warum denn die Frage nach dem Ding eigentlich von Bedeutung ist. Vier Gründe sind für Heidegger hier maßgebend:

- Ausgehend von der Frage der Nähe versucht Heidegger das Wesen der Dinge zu erfassen bzw. zu ergründen.
- Die Frage nach dem Ding hat einen wesentlichen Bezug zum Sein, zur Frage nach dem Sein, der zentralen Frage in Heideggers Philosophie.
- Das Ding, genauer die Herangehensweise an die Frage nach dem Ding hat einen direkten Bezug zum Denken allgemein, auch zu den Themen Heimat, Bauen oder Wohnen, Themen über die Heidegger ebenfalls in diesen Jahren Vorträge gehalten hat.
- Die Frage nach dem Ding ist die Basis für die Einordnung der modernen Wissenschaft in seine Gesamtphilosophie. Heidegger will den Dingen ihre vorenthaltene Würde wiedergeben.

Heidegger sieht sich bei der Frage nach dem Ding nicht in einer erkenntnistheoretischen Tradition[30], sondern er geht von der Frage nach dem Menschen aus bzw. von der Frage nach dem Sein. Er wählt bei zahlreichen Überlegungen einen etymologischen Ansatz, d.h. er versucht die Begriffe nach ihrer Herkunft, ihrer historischen Bedeutung zu ergründen und diese in einen Zusammenhang zu stellen. Die zentralen, und im Folgenden zu erklärenden Begriffe sind: Nähe, Ding, Herstand, Geschenk, Geviert, Vierung sowie Sterben, Tod und die Welt.

Interessant ist auch, dass sich Heidegger in diesem Artikel explizit nur auf wenige Philosophen bezieht, diese sind Platon, Meister Eckhart sowie Kant. Indirekt werden von Heidegger die Positionen von Aristoteles sowie Descartes rezipiert.

3.4. Das Ding

Heidegger stellt die Frage, was ist nun das „Dingliche am Ding, was ist das Ding an sich?“[31] Er versucht diese Frage am Beispiel eines Kruges zu beantworten. Worin besteht das Krughafte des Kruges ? Die Wissenschaft ist für Heidegger hier kein geeigneter Partner, sie ist nicht in der Lage uns darüber Auskunft zu geben, denn „die Wissenschaft macht das Krug-Ding zu etwas Nichtigem, insofern sie Dinge nicht als das Maßgebende zulässt.“[32]

Das Krughafte des Kruges kann also nicht über die Wissenschaft beantwortet werden, die Annäherung kann eher über die Funktion erfolgen: „Schenken aber ist reicher als das bloße Ausschenken“ bzw. „Das Krughafte des Kruges west im Geschenk des Gusses.“[33]

[...]


[1] Im folgenden wird der Einfachheit halber nicht zwischen Technikphilosophie und Philosophie der Technik unterschieden, so wie dies etwa von Klaus Kornwachs vorgeschlagen wird. (vgl. dazu Kornwachs, 2013, p.8)

[2] Matthias Horx spricht in dem Zusammenhang davon, dass „Intelligenz etwas mit der Ahnung des Kommenden zu tun hat“, vgl. Matthias Horx, Die acht Sphären der Zukunft, 2002, p. 26

[3] Kornwachs, 2013, p.8

[4] Abkürzungen bzw. weitere weitgehend ident verwendete Bezeichnungen sind: IdD sowie Internet of Things (IoT)

[5] Mark Weiser, The Computer for the 21st Century, 1991

[6] Vgl. dazu etwa die Überlegungen von Elinor Ostrom oder Jeremy Rifkin, Die Null Grenzkosten Gesellschaft

[7] Friedewald, et. al., Ubiquitäres Computing, 2010, p.9

[8] Mark Weiser, XEROX PARC 1991 in: Michael Friedewald, Ubiquitäres Computing, p. 9

[9] Diese Definition der „industriellen Revolutionen“ richtet sich nach den im industriellen Umfeld (VDI, ...) üblichen Festlegungen. Sie unterscheidet sich grundlegend von der von Günther Anders. Es wäre interessant hierzu einen möglichen Vergleich der beiden Charakterisierungen (u.a. sprechen beide ja von drei Revolutionen) durchzuführen.

[10] Vgl. dazu Michael Friedewald, Ubiquitäres Computing, Das „Internet der Dinge“, 2010

[11] Die Herausarbeitung der genauen technischen bzw. begrifflichen Zusammenhänge zwischen dem IoT und dem Begriff Industrie 4.0 würden den Umfang der gegenständlichen Arbeit übersteigen.

[12] Vgl. dazu Dr. Wegener, Siemens AG, Presseinformation Hannover Messe, März 2013

[13] „Herausforderungen und Anforderungen aus Sicht der IT und der Automatisierungstechnik“, Prof. Dr. Birgit Vogel-Heuser, TU München, 2014

[14] Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, BM für Bildung und Forschung, April 2013

[15] Prof. Dr. Henning Kagermann, „Chancen von Industrie 4.0 nutzen“, in Thomas Bauernhansl, et. al., Industrie 4.0 in Produktion, Automatisierung und Logistik, 2014, p. 545

[16] Michael Friedewald, et. al., 2010, p.9

[17] Der Begriff ´smart´ wird hier im Sinne von „mit Intelligenz versehen“ verwendet.

[18] Friedewald, et.al, 2010, p.34

[19] Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, Satz 5.6

[20] R. Safranski, Ein Meister aus Deutschland, 2011, p. 432 ff.

[21] DIE ZEIT, Archiv, Ausgabe 24/1950

[22] Allerdings findet sich der Begriff des technischen Gestells schon bei Ernst Kapp, Grundlinien einer Philosophie der Technik aus dem Jahr 1877. Vgl. Vorwort, p.VI

[23] Die folgenden Zitate beziehen sich wenn nicht anders angegeben auf die genannten Artikel in den Gesammelten Ausgaben, Band 79, Bremer und Münchner Vorträge

[24] Ebda. p.3

[25] Ebda.

[26] Ebda. p.4

[27] Ebda.

[28] Ebda.

[29] Ebda.

[30] Heidegger vermeidet etwa klassische Begriffe der Erkenntnistheorie wie Subjekt/Objekt, etc.

[31] Das Ding, p.6

[32] Ebda. p.9

[33] Ebda., p11

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Das Internet der Dinge, philosophisch betrachtet
Untertitel
Aspekte der Technikphilosophien von Martin Heidegger, Günther Anders und Bruno Latour im Blickwinkel aktueller Industriepolitik
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
47
Katalognummer
V311039
ISBN (eBook)
9783668122147
ISBN (Buch)
9783668122154
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heidegger, Latour, Anders, Technikphilosophie Cloud Computing, Internet der Dinge, Antiquiertheit
Arbeit zitieren
Christian Zwickl-Bernhard (Autor), 2014, Das Internet der Dinge, philosophisch betrachtet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311039

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