Philosophische Positionen zur Technikphilosophie sind besonders dann von nachhaltigem Interesse, wenn sie erstens eine gewisse Antizipation der zukünftigen Entwicklung der Technik erlauben und zweitens in ihren Positionen an eben diesen Entwicklungen 'mitwachsen', womit gemeint ist, dass sie sich durchaus an den jeweiligen neuen Entwicklungen messen lassen. Dies betrifft sowohl den gestellten Anspruch als auch die den Theorien innewohnende Aussagekraft.
Da sich Zukunft, und diese wird – was inzwischen weitgehend unbestritten ist – grundlegend von der Technik bestimmt, weder direkt aus der Gegenwart ableiten noch voraussagen lässt, andererseits die Antizipation des Zukünftigen für den Menschen von Beginn an eine der größten Herausforderungen dargestellt hat, sind die beiden genannten Punkte gerade für technisch-philosophische Positionen von grundlegender Bedeutung.
Aus dem Gesagten ergibt sich auch, dass eine wesentliche Aufgabe einer Philosophie der Technik darin liegt, Antworten auf „die historisch einmaligen und neuen Fragestellungen, vor die uns die Entwicklung der zeitgenössischen Technik stellt“ zu finden.
Gerade die modernen industriellen Entwicklungen stellen dabei eine der größten Herausforderungen dar. Dies begründet sich unter anderem in der inzwischen hohen Komplexität der technischen Entwicklungen, der weitreichenden Bedeutung der Entwicklungen für die Gesellschaft sowie in dem direkten und sehr komplexen Zusammenhang zwischen technischen und ökonomischen Entwicklungen. Themen wie Globalisierung, Fortschritt, Wachstum oder auch mögliche alternative ökonomische Konzepte hängen unmittelbar mit der Entwicklung der Technik zusammen.
Im gegenständlichen Essay sollen drei philosophische Positionen mit dem sogenannten Internet der Dinge in Bezug gesetzt werden. Unter dem Internet der Dinge versteht man die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte mit einer virtuellen Repräsentation einer Internet-ähnlichen Struktur, so Mark Weiser im Jahr 1991.
Handelte es sich 1991 noch um eine Vision, so sind mittlerweile zahlreiche Voraussetzungen für die Umsetzbarkeit geschaffen worden bzw. es finden sich inzwischen auch in unterschiedlichsten Bereichen konkrete Implementierungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Internet der Dinge - philosophisch betrachtet
2. Das Internet der Dinge
2.1. Ein kurzer Überblick über die Geschichte
2.2. Das Internet der Dinge
2.3. Cloud Computing
2.4. Philosophische Betrachtungen zum Internet der Dinge
3. Die Technikphilosophie Martin Heideggers
3.1. Die vier Vorträge
3.2. Der Hinweis
3.3. Heideggers Herangehensweise
3.4. Das Ding
3.5. Das Wesen des Kruges
3.6. Die Sterblichen, der Tod, die Spiegelung, die Welt und die Wissenschaft
3.7. Philosophiehistorische Bezüge
3.8. Die Antizipation einiger moderner technischer Entwicklungen
3.9. Eine kritische Würdigung
4. Einige Aspekte der Technikphilosophie von Günther Anders
4.1. Technik und die Antiquiertheit
4.2. Die Diagnosen
4.3. Versuch einer kritischen Sichtweise oder die Antiquiertheit der Antiquiertheit
5. Technisch-philosophische Ansätze von Bruno Latour
5.1. Die Symmetrie
5.2. Das Parlament der Dinge
6. Zur Philosophie des Internets der Dinge
6.1. Das philosophisch Interessante am Internet der Dinge
6.2. Heidegger und das Internet der Dinge
6.3. Anders und das Internet der Dinge
6.4. Latour und das Internet der Dinge
7. Die Offenheit der Themenstellung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das "Internet der Dinge" (IoT) aus technikphilosophischer Perspektive, indem sie moderne technische Entwicklungen mit den Philosophien von Martin Heidegger, Günther Anders und Bruno Latour in Bezug setzt. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese klassischen Ansätze heutige technische Phänomene antizipieren und welche Konsequenzen sich daraus für das Verständnis der Beziehung zwischen Mensch, Technik und Gesellschaft ergeben.
- Analyse der Grundstrukturen und Elemente des Internets der Dinge.
- Technikphilosophische Deutung der Rolle aktiver technischer Komponenten.
- Gegenüberstellung der Theorien von Heidegger, Anders und Latour in Bezug auf die Vernetzung.
- Untersuchung gesellschaftlicher und ökonomischer Auswirkungen des IoT (z.B. collaborative commons).
Auszug aus dem Buch
3.4. Das Ding
Heidegger stellt die Frage, was ist nun das „Dingliche am Ding, was ist das Ding an sich?“ Er versucht diese Frage am Beispiel eines Kruges zu beantworten. Worin besteht das Krughafte des Kruges? Die Wissenschaft ist für Heidegger hier kein geeigneter Partner, sie ist nicht in der Lage uns darüber Auskunft zu geben, denn „die Wissenschaft macht das Krug Ding zu etwas Nichtigem, insofern sie Dinge nicht als das Maßgebende zulässt.“
Das Krughafte des Kruges kann also nicht über die Wissenschaft beantwortet werden, die Annäherung kann eher über die Funktion erfolgen: „Schenken aber ist reicher als das bloße Ausschenken“ bzw. „Das Krughafte des Kruges west im Geschenk des Gusses.“
Die Versammlung der Berge nennen wir Gebirge. Die Versammlung des zweifachen Fassens in das Ausgießen nennen wir das Geschenk. Im Wesen des Kruges, so Heidegger, „weilen Himmel und Erde.“ Erde mit allen Elementen die sie enthält, wie der Quelle, Gestein, Regen, Tau, Wein, Frucht, Rebe, Sonne. „Das Geschenk des Gusses ist der Trunk für die Sterblichen.“ Er stillt auch die Feier des Festes ins Hohe („der Guss ist der den unsterblichen Göttern gespendete Trank“).
Heidegger erweitert die Sichtweise, indem er wieder einen etymologischen Zusammenhang herstellt: „Im Schenken des geweihten Trankes west der gießende Krug als das schenkende Geschenk.“ Damit wird der Bezug zur ursprünglichen Bedeutung des Begriffes Guss hergestellt, ein Wort das seinen Stamm im indogermanischen opfern hat: „Gießen ist, wo es wesentlich vollbracht, zureichend gedacht und echt gesagt wird: spenden, opfern und deshalb schenken.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Internet der Dinge - philosophisch betrachtet: Einführung in die technikphilosophische Relevanz des Themas und Darstellung der grundlegenden Zielsetzung, aktuelle technologische Entwicklungen mit philosophischen Positionen zu verknüpfen.
2. Das Internet der Dinge: Definition und geschichtliche Einordnung des Internets der Dinge, einschließlich der technologischen Grundlagen wie Cloud Computing und der Beschreibung zentraler Strukturelemente.
3. Die Technikphilosophie Martin Heideggers: Detaillierte Auseinandersetzung mit Heideggers Verständnis von Technik, dem Wesen des Dings und der kritischen Sicht auf die moderne Wissenschaft als mathematischen Entwurf.
4. Einige Aspekte der Technikphilosophie von Günther Anders: Untersuchung von Anders' Thesen zur "Antiquiertheit des Menschen" und der Rolle der Technik als Subjekt der Geschichte in einer technisierten Welt.
5. Technisch-philosophische Ansätze von Bruno Latour: Darstellung der Akteur-Netzwerk-Theorie Latours, insbesondere der Symmetrie zwischen Technik und Gesellschaft sowie dem Konzept des "Parlaments der Dinge".
6. Zur Philosophie des Internets der Dinge: Synthese der vorangegangenen Kapitel durch Anwendung der Theorien von Heidegger, Anders und Latour auf das spezifische Phänomen des Internets der Dinge.
7. Die Offenheit der Themenstellung: Reflexion über die Zukunftsfähigkeit der erarbeiteten Ansätze und Ausblick auf gesellschaftspolitische Konsequenzen wie alternative ökonomische Modelle.
Schlüsselwörter
Internet der Dinge, Technikphilosophie, Martin Heidegger, Günther Anders, Bruno Latour, Vernetzung, Cyber-Physical Systems, Aktanten, Ontologie der Technik, Industrie 4.0, Subjekt-Objekt-Relation, Digitalisierung, Collaborative Commons, Technikfolgenabschätzung, Phänomenologie der Technik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Internet der Dinge (IoT) und reflektiert dieses Phänomen kritisch mithilfe der Technikphilosophien von Martin Heidegger, Günther Anders und Bruno Latour.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der aktiven Rolle technischer Dinge, der Vernetzung von Alltag und Produktion, sowie den soziologischen und ontologischen Konsequenzen einer zunehmend durch Technik bestimmten Welt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie klassische technikphilosophische Theorien aktuelle Entwicklungen des IoT antizipieren und welche Konzepte helfen können, das Verhältnis zwischen Mensch und vernetzten Systemen neu zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine technikphilosophische Analyse, die phänomenologische Zugänge und etymologische Herleitungen mit soziologischen Theorien (wie der Akteur-Netzwerk-Theorie) kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit den drei genannten Philosophen und eine anschließende systematische Anwendung dieser Theorien auf das spezifische Konzept des Internets der Dinge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Technikphilosophie, Internet der Dinge, Subjekt-Objekt-Relation, Vernetzung und Aktanten charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst Heideggers Begriff des "Gevierts" das Verständnis des IoT?
Heidegger hilft, die Dinge des IoT nicht mehr als rein passive, beherrschbare Werkzeuge zu sehen, sondern als aktive Bestandteile einer Welt, die unsere menschlichen Lebensbereiche konstituieren.
Warum ist das Konzept der "collaborative commons" laut Autor relevant?
Der Autor sieht in den "collaborative commons" das Potenzial für ein neues, auf Kollaboration basierendes Wirtschaftssystem, das als Alternative zur klassischen marktwirtschaftlichen Ordnung aus dem IoT erwachsen könnte.
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- Christian Zwickl-Bernhard (Autor), 2014, Das Internet der Dinge, philosophisch betrachtet, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311039