Fortschritt. Der Fetisch der modernen Industriegesellschaft

Der Begriff Fortschritt bei Marx, Lukacs, Bloch und Marcuse


Seminararbeit, 2014

49 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Fetisch Fortschritt

2. Der Begriff des Fetischs
2.1. Der Fetischbegriff bei Karl Marx.
2.2. Der Fetisch im Werk von Georg Lukacs
2.3. Fetischismus bei Herbert Marcuse.
2.4. Fetisch im technisch-philosophischen Umfeld.
2.5. Die Abstraktion oder das Gemeinsame am Fetischbegriff

3. Der Fortschritt.
3.1. Der Fortschrittsbegriff.
3.2. Fortschritt bei Karl Marx.
3.3. Fortschritt bei Herbert Marcuse.
3.4. Fortschritt bei Ernst Bloch
3.5. Der Fetisch Fortschritt bei T.W. Adorno

4. Der Fortschritt als DER allgegenwärtige Fetisch einer industriellen Gesellschaft

5. Die Denkunmöglichkeit eines alternativen Ansatzes

6. Anlage A.

7. Literaturverzeichnis

1. Der Fetisch Fortschritt.

Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch.

In Erfindungen listiger Kunst weit über Verhoffen gewandt, neigt bald er zu Bösem, zu Gutem bald. Sophokles, Antigone

Denken und Hoffen als elementare menschliche Kategorien stehen am Beginn jedes vernünftigen menschlichen Handelns. Eingebettet in Raum und Zeit begleiten sie jedes menschliche Tun. „Denken ist Überschreiten“, so formuliert es Ernst Bloch am Beginn seines Werkes Atheismus im Christentum 1. Überschreiten von Grenzen, von scheinbaren oder tatsächlichen Einschränkungen am Übergang zu Neuem, zu Unbekanntem und bisher nicht Ge- oder bewussten. So steht für den Menschen, Denken am Beginn alles Zukünftigen, in einem erweiterten Sinn am Beginn jedes Fortschritts.

Fortschritt hat etwas mit Hoffnung bzw. Erwartung an das Zukünftige zu tun. Deshalb ist es ein in allen systemischen Philosophien explizit oder implizit enthaltenes Thema. Insbesondere seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wird es auch auf allgemein-wissenschaftlicher Ebene diskutiert. Besonders in den Momenten, in denen sich erwartete Entwicklungen, Verbesserungen nicht oder nicht im erwarteten Ausmaß einstellen, wird Fortschritt insgesamt thematisiert bzw. von der Gesellschaft oder einzelner Gruppen in Frage gestellt.

Was hat nun eben dieser für die menschliche Geschichte so elementare Begriff des Fortschritts mit dem Begriff des Fetisch zu tun ?

Fetische als Zaubermittel, Machwerke oder Machtwerke bzw. der Fetischismus als die Verehrung bestimmter Gegenst ä nde im Glauben an ü bernat ü rliche Eigenschaften werden im Sinne eines „quasireligiösen dinglichen Verhältnisses zu Produkten“ sind Begriffe die in zahlreichen philosophischen bzw. anthropologischen Fragestellungen diskutiert werden. Die Bedeutungskette ist umfassend und weitreichend. Man spricht vom allt ä glichen Fetischismus oder vom Fetischismus im religiösen Umfeld. In beinahe jeder Religion gibt es Fetischobjekte. Freud führt in seinem 1905 erschienen Werk Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie den Begriff des sexuellen Fetischismus ein.

Marx spricht bereits 50 Jahre früher vom Warenfetisch und er erweitert den Begriff später zusätzlich auf Geld bzw. Kapital. Und auch in vielen Theorien postmarxistischer Philosophen und Theoretiker findet sich der Begriff des Fetischs, etwa bei Ernst Bloch oder T.W. Adorno.

Auch in den Wirtschaftswissenschaften spricht man heute vom Fetisch, etwa vom Fetisch Wachstum. So formuliert die Sozialökologin Marina Fischer-Kowalski, Tochter von Ernst Fischer in einem Interview auf die Frage, ob die Vorstellung permanenten Wachstums ein Fetisch sei: “Ja, und ein gefährlicher noch dazu. Die Politik muss neue Visionen entwickeln.“2

In einer Verallgemeinerung des Begriffs ist es nun durchaus angebracht vom Fortschritt als dem Fetisch jeder industriellen Gesellschaft zu sprechen. Dies gilt, so die These der gegenständlichen Arbeit weiter, unabhängig davon, ob es sich um eine kapitalistische oder um eine marxistische Gesellschaft bzw. Gesellschaftsidee handelt. T.W. Adorno spricht etwa ganz konkret von der Fetischierung des Fortschritts und auch Hartmut Böhme oder Bruno Latour verwenden den Begriff des Fetischs im Zusammenhang mit der modernen industriellen, dem Fortschritt verschriebenen gesellschaftlichen Entwicklung. Die These, der in der gegenständlichen Arbeit nachgegangen werden soll, lautet also: Fortschritt ist DER Fetisch jeder Industriegesellschaft.

Zunächst geht es in Kapitel 2 um eine Charakterisierung sowie philosophie-historische Einordnung des Begriffs eines Fetischs. Der Begriff des Fortschritts wird in Kapitel 3 charakterisiert und philosophisch hinterlegt. Philosophie-historische Bezüge werden dabei zu Marx, Marcuse, Adorno und Bloch hergestellt. In Kapitel 4 wird versucht die grundlegende These der Arbeit nachzuweisen, und zwar dass für den Begriff des Fortschritts alle herausgearbeiteten Charakteristika eines Fetischs zutreffen. Die Gegenüberstellung der Wesenszüge eines Fetischs mit dem Begriff Fortschritt zeigt in fast allen verwendeten Zusammenhängen Übereinstimmung.

In diesem Sinne kann es als gerechtfertigt angesehen werden vom Fortschritt als dem Fetisch jeder modernen industriellen Gesellschaft zu sprechen. Kapitel 5 zeigt insbesondere die Denkunmöglichkeit eines alternativen Ansatzes.

2. Der Begriff des Fetischs.

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann / Sind ihre Kräfte nicht die meinen? / Ich renne zu und bin ein rechter Mann / Als hätte ich vierundzwanzig Beine Goethe Faust Teil 1 Fetisch ist wie eben erwähnt ein in zahlreichen Disziplinen und Zusammenhängen verwendeter Begriff. Zurückgehend auf lat. facitus, das Nachgemachte, portugiesisch feitico bzw. das französische Wort fétiche für Zauber bzw. Zaubermittel bezeichnet Fetischismus etwa im religiösen Kontext den Glauben an „übernatürliche Eigenschaften bestimmter auserwählter oder ungewöhnlicher (vorwiegend selbstgefertigter) Gegenstände unbelebter Art und deren Verehrung.“3 Böhme spricht davon, dass Fetischismus „seit er in den europäischen Sprachen Platz griff, der Terminus einer korrupten Objektbeziehung“4 war. Die wesentliche Komponente liegt dabei in der, einem Objekt nicht primär zukommenden Eigenschaft im Locke´schen Sinn. Locke unterscheidet ja zwischen primären Qualitäten, die den äußeren Dingen als solche eigen sind, wie zum Beispiel Ausdehnung, Gestalt, Dichte oder Zahl und sekundären, subjektiven Eigenschaften wie Farbe, Geschmack oder Geruch, die nur Empfindungen im erkennenden Subjekt sind.

Charles de Brosses, französischer Jurist, Naturforscher sowie Enzyklopädist, der den Begriff des Fetischismus in seinem Werk Culte des dieux fetiches aus dem Jahr 1760 gebildet hat, verwendet den Begriff zur Bezeichnung einer „Vergötterung oder auch Dämonisierung sinnlich anschaulicher Gegenstände, die von den Fetisch-Männern gemacht werden und in die der Geist hineingezaubert wird“.5 Auf de Brosses wird sich später auch Marx in seiner Rezeption des Begriffes beziehen. Grigat spricht davon, dass dem Begriff eine Bedeutungsspanne von Machtwerk bis Machwerk zukomme bzw. dass die in den romanischen Sprachen sich darauf gebildeten Wörter Dinge „wie Täuschungen, Fälschungen, Künstlichkeit, Schminke oder auch Schmuck“6 bezeichnen.

Wesentlich ist also, dass die dem Ding nicht primär zukommenden Eigenschaften „ihm in einem projektiven Akt beigelegt werden, und zwar so, dass das Ding für den Fetischisten diese Bedeutungen und Kräfte inkorporiert und ausstrahlt.“7 Da gerade durch diesen subjektiven Akt der Projektion wesentliche Kriterien der Rationalität bzw.

Wissenschaftlichkeit verletzt werden, ist der Begriff des Fetischismus seit der Einführung des Begriffes durch de Brosses negativ belegt. Wenn man also von einem Fetischismus spricht, so gilt dies mit wenigen Ausnahmen (nur Auguste Comte setzt den Fetischismus als Positivit ä t 8) eher als pejorativ. Freud und Marx verwenden den Begriff sicherlich im negativen Sinne. Grigat dazu: „Marx bezeichnet mit dem Fetischismus nicht das Positive oder dessen Ausgangspunkt, sondern das Negative, das zu Kritisierende und Abzuschaffende.“9

Historisch bzw. systemisch wird der Begriff in einem verallgemeinerten Sinn neben der Verwendung im alltäglichen Sprachgebrauch wie schon oben erwähnt in folgenden Zusammenhängen verwendet:

- Fetischismus im religiösen Umfeld, im Sinne der eben angesprochenen Verehrung bestimmter Gegenstände im Glauben an übernatürliche Eigenschaften
- Sexueller Fetischismus als eine Form der Sexualität, die sich auf bestimmte Gegenstände oder Körperteile richtet.
- Warenfetischismus, als die Verkehrung eines gesellschaftlichen Verhältnisses von Menschen in ein Verhältnis von Waren.

Fetischismus im religiösen Sinn geht von der Unterscheidung zwischen Gottheiten einerseits und der belebten bzw. unbelebten Natur andererseits aus. Nur den Gottheiten wird die Fähigkeit einer Wirkungsmacht auf das Subjekt und dessen Wohlbefinden zugetraut. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass den Elementen bzw. Objekten des Fetischismus, die in allen Religionen vorkommen genau diese Eigenschaft eines Einflusses auf das Subjekt, welches mit dem Objekt in Beziehung tritt, zugetraut bzw. zuerkannt wird. Fetische (=Fetischobjekte) kommen bei allen Naturvölkern vor und diese Ü bertragung des Fetisch-Mechanismus wird von allen Systemen bzw. Theorien, die den Begriff des Fetischs verwenden, zu Grunde gelegt. Grigat weist darauf hin, dass das Verständnis des Fetischismus von Beginn an stark durch den Zusammenhang mit dem Auftreten von Fetischobjekten in den Kolonien geprägt gewesen ist. Dies bedeutete einerseits eine den Fetischobjekten zugedachte magische Aura, aber auch eine Verbindung des Begriffes mit Ausbeutung und Unterdr ü ckung.10 Eine, jedenfalls innerhalb der jeweiligen den Fetisch anbetenden Kultur positive Prägung entsteht durch den bei den Naturvölkern vorkommenden Einsatz eines Fetischs in der Naturheilkunde. Interessant ist auch, das der Protestantismus den Begriff des Fetischismus auch in Abgrenzung zum katholischen Glauben verwendet bzw. verwendet hat.

Freud, der den Begriff des sexuellen Fetischismus unter Bezugnahme auf Binet bzw. Krafft-Ebing in den 1905 erschienen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie erstmals erwähnt bzw. in seine Theorie eingeführt, bezieht sich ebenfalls auf Naturvölker bzw. auf den Wilden, wenn er davon spricht, dass der Ersatz nicht zu Unrecht mit dem Fetisch verglichen werde, „in dem der Wilde seinen Gott verkörpert sieht.“11 Obwohl Freud dem Fetischismus kein eigenes Werk gewidmet hat, bildet der Fetischismus doch eine zentrale Kategorie seiner Sexualtheorie. Im Kapitel über die sexuellen Abirrungen spricht Freud von Fetischismus als einem „ungeeigneten Ersatz für ein Sexualobjekt.“12 Dieser Ersatz für das Sexualobjekt ist ein „im allgemeinen für sexuelle Zwecke sehr wenig geeigneter Körperteil oder ein unbelebtes Objekt, welches in nachweislicher Relation mit der Sexualperson, am besten mit der Sexualität derselben steht.“13 Für Freud ist ein gewisses Maß an Fetischismus auch dem normalen Leben regelm äß ig eigen, der pathologische Fall tritt erst bei Fixierung sowie dann ein, wenn der Gegenstand zum alleinigen Sexualobjekt wird. Freud erklärt den Fetischismus mittels der Substitutionsthese. Eigen ist dem Fetischismus nach Freud stets auch eine Überschätzung des Objekts. Böhme weist noch auf den sehr interessanten Punkt hin, dass der Fetischismus bei Freud immer m ä nnlich 14 ist.

Grigat hat die Bedeutung des Fetischs bzw. der Fetischverhältnisse sehr deutlich auf den Punkt gebracht, wenn er meint: “Die Geschichte erscheint so nicht mehr wie im traditionellen Marxismus vorrangig als eine Geschichte von Klassenkämpfen, sondern als eine Geschichte von Fetischverhältnissen.“15 Gerade die im gegenständlichen Papier formulierte und diskutierte Abstraktionstheorie stützt diese These ganz wesentlich.

2.1. Der Fetischbegriff bei Karl Marx

Solange der Mensch sich nicht als Mensch erkennt und daher die Welt menschlich organisiert hat, erscheint dies Gemeinwesen unter der Form der Entfremdung. Karl Marx, Ökonomisch-Philosophische Manuskripte

Bei Karl Marx kann der Begriff des Fetischs als Leitmotiv 16 seiner Kritik der politischen Ökonomie gesehen und verstanden werden. Karl Korsch bezeichnet das Kapitel über den Fetisch sogar als den Kern der Marxschen Kritik an der politischen Ökonomie. In Band 1 seines Hauptwerkes Das Kapital schreibt Marx ausgehend von einem einfachen technischen Produkt wie einem Tisch: „Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding.“17

Marx findet zu dem, was er später als Warenfetischismus bezeichnen wird, über seine Beschäftigung mit christlicher Kunst bzw. Religion und Kunst im Zeitraum 1842/43. Aus den vorliegenden Exzerpt-Heften, in denen er sich auf de Brosses sowie Benjamin Constant bezieht, lässt sich die Genesis des Marxschen Fetischismuskonzepts18 ablesen. Marx weiter den Begriff des Fetischismus präzisierend: „Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist. Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt ... aus dem eigentümlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert.“19 Der Warenfetischismus entsteht für Marx also durch die (industrielle) Produktion, die Warenform des Produkts bzw. den durch die Produkte vermittelten sozialen Zusammenhang sowie durch die emotionale Bindung an ein bestimmtes (Waren-) Objekt. Böhme formuliert dies so: „Die in die Dinge investierte Macht scheint als die Macht der Dinge zurück“.20 Für Marx ist dieser Fetischcharakter der Produkte nicht ein Einzelfall, sondern von systemischem Charakter. Dies führt Marx auch dazu den Fetischcharakter nicht nur bei dem einzelnen Produkt, der Ware zu sehen, sondern im Sinne einer Verallgemeinerung spricht Marx im Verlauf des Kapitals auch von einem Geldfetisch sowie von dem Fetisch Kapital. Der Geldfetisch und der Kapitalfetisch stellen die logische Weiterentwicklung des Warenfetischs dar. Kurz dazu: „Durch das Geld tritt der Gesellschaft ihre eigene bewusstlose Abstraktion als verselbständigte, entfremdete Macht gegenüber.“21 Gemeinsam ist allen diesen ´Fetischgestalten´,„dass der reale gesellschaftliche Vermittlungszusammenhang für die Protagonisten unsichtbar wird und sich für sie stattdessen als Eigenschaft von Dingen darstellt.“22 Diese Umkehrung des Verhältnisses von arbeitsteilig tätigen Menschen in ein versachlichtes Verhältnis von Waren sowie die damit einhergehende Verselbständigung der Waren bzw. des Geldes gegenüber dem Menschen wird auch als Verdinglichung bezeichnet. Die lebendige Arbeit verdinglicht sich zur Ware. An der Stelle sei nochmals explizit darauf hingewiesen, dass diese Verdinglichung bzw. der Fetischismus für Marx wesentlich am Begriff des Marktes hängt, durch den für Marx im kapitalistischen System alles zur Ware wird. Damit wird die Frage einer Fetisch-freien Gesellschaftsform wesentlich von der Frage bestimmt, ob es eine Gesellschaftsform ohne Markt geben kann, ob gewissermaßen der Markt der Technik ´inhärent´ sei oder durch die Gesellschaftsform bedingt ist. Auch Kurz weist auf den wesentlichen Einfluss des Marktes auf die Fetischierung hin, wenn er meint: “Der Einsatz der gesellschaftlichen Ressourcen geschieht nicht vermittels einer bewussten gemeinschaftlichen Regulation im vorhinein durch gesellschaftliche Institutionen, sondern vermittels einer blinden Verausgabung von Arbeitsenergie für anonyme Märkte, deren gesellschaftliches Zusammenstimmen sich ebenso blind und objekt-systemgesetzlich erst im Nachhinein und ´hinter dem Rücken´ der beteiligten Subjekte erweisen kann,..“23 Gerade zum Einfluss des Marktes gibt es innerhalb der marxistischen Tradition im weiteren Sinn unterschiedliche Auslegungen der Marxschen Position. Marx selbst, und darauf weist etwa Terry Eagleton hin, sei der Meinung gewesen, dass der Markt für eine bestimmte Übergangszeit notwendig sei und er sei „nach Ansicht einiger Marxisten .. selbst ein Marktsozialist gewesen.“24 Auch Trotzki habe sich, so Eagleton für den Markt ausgesprochen. Grundsätzlich sei an der Stelle angemerkt - ohne allerdings hier darauf näher eingehen zu können -, dass es zahlreiche Gründe für die Position gibt, dass der Markt aus der Technik und dem technischen Prozess heraus entsteht, und somit von seinem Entstehen her also an die Technik selbst gebunden ist25.

Der Prozess in welchem etwas zu einem Gegenstand wird, also die Vergegenständlichung, ist für Marx neutral besetzt. Die Entfremdung entsteht bei Marx, im Gegensatz zu Hegel, durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, unter denen die vergegenständlichte Arbeit geleistet wird und nicht schon durch die Antithese der Entäußerung (zur ´These des Geistes´) wie bei Hegel. Auch dies zeigt wieder, dass der Prozess der Herstellung an sich bei Marx nicht die Züge von Entfremdung oder Fetischismus trägt, sondern dass diese beiden Aspekte allein durch die Art der Produktionsverhältnisse bedingt sind.

Ohne auf alle Zusammenhänge und Facetten des Marxschen Fetischbegriffes eingehen zu können, sei doch im Hinblick auf die Fragestellung der gegenständlichen Arbeit im folgenden versucht die wesentlichen Charakteristika des Fetischbegriffes bei Marx stichwortartig zusammenzufassen:

- Der Warenfetisch ist für Marx das quasireligiöse Verhältnis des Menschen zu den Produkten, die in arbeitsteiliger Produktion hergestellt werden.
- Geld- und Kapitalfetisch entstehen bei Marx als logische Abstraktionsstufe aus dem für Marx ursprünglichen Begriff des Warenfetischs.
- Den Fetischen Ware, Geld und Kapital werden Eigenschaften zugeschrieben, die der eigentliche Gegenstand26 nicht hat. Sie betreffen sekundäre Eigenschaften und der Fetisch entsteht durch die Projektion dieser Eigenschaften in den Gegenstand durch das Subjekt, den Menschen also.
- Die Ware (das Geld, das Kapital) erscheint dem Produzenten wie ein Fetisch, obwohl sie nur ein vergegenständlichtes Ergebnis der Arbeit darstellt.
- Fetischismus charakterisiert für Marx den Kapitalismus bzw. die Produktionsform im Kapitalismus, da Menschen nur im Kapitalismus über die Ware in entfremdeter Form miteinander in Beziehung treten. Dies hängt damit zusammen, dass den Produkten von Natur aus die Eigenschaft Ware nicht zukommen würde.
- Die Eigenschaft Ware ist damit eine sekundäre Eigenschaft, die durch eine gesellschaftliche Zuschreibung entsteht bzw. den Gegenständen durch das Umgehen als Waren zugeschrieben wird.
- Eine Aufhebung des Warenfetischs wäre für Marx nur durch eine Aufhebung der Warenproduktion selbst möglich.
- Der Geldfetisch entsteht durch eine weitere Abstraktion, es handelt sich so könnte man sagen, um einen Meta-Fetisch. Geld hat im Gegensatz zur Ware keinen Gebrauchswert, sondern nur einen Tauschwert. Damit erscheint Geld als Substanz der Waren. Die schöpferische Arbeit in Gestalt des Geldes führe zur Magie des Geldes bzw. zu Geld als sichtbare Gottheit, als eine „zauberische Multiplikation der Endlichkeit des Subjekts.“27
- Fetisch ist ein systemischer Mechanismus mit einer bei Marx universalisierten Macht.28
- Der Fetisch Geld ist dynamisch, er steigert die eigene Abstraktion und l ä sst die Dinglichkeit hinter sich.29
- Fetisch ist bei Marx eine Metapher, die universell ist und auf die eigene Kultur des Kapitalismus verweist.30
- Im Fetisch zeigt sich die „Gesamtheit aller semiotischen Prozesse, in denen sich der Kapitalprozess artikuliert und darstellt.“31 Damit wird er auch zu einer universellen Metamorphose, wodurch die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt entsteht.32

2.2. Der Fetisch im Werk von Georg Lukacs

Der Begriff des Fetischs, wie eben dargestellt ein wenn nicht der zentrale Begriff der Kritik der politischen Ökonomie, ist in der postmarxistischen Tradition eingehend und kontrovers diskutiert worden. Viele der Autoren beziehen sich dabei auf das grundlegende Werk von Georg Lukacs Geschichte und Klassenbewusstsein aus dem Jahr 192233. Vielfach wird die Aufsatzsammlung als die wichtigste neuere Fortbildung des Begriffs Verdinglichung 34 gesehen.

In dem Kapitel Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats 35 stellt Lukacs die Frage nach der Warenstruktur als die zentrale Frage dieser Entwicklungsstufe der Menschheit in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Es handelt sich im Gegensatz zu früheren Epochen mit Warenverkehr um ein spezifisches Problem des modernen Kapitalismus, da sich erst im Kapitalismus diese Warenform zu einer wirklichen Herrschaftsform der gesamten Gesellschaft (p.99) bzw. einer Universalkategorie entwickelt hat. Grigat dazu: “Er betrachtet ihn (den Warenfetischismus36, Anm. des Autors) als ein Spezifikum der kapitalistischen Produktionsweise.“37 Durch die Verdinglichung, so Lukacs weiter wird die Beziehung zwischen Menschen verdeckt, dies zu durchschauen wird aber in Anbetracht der zunehmenden Kompliziertheit der gesellschaftlichen Verhältnisse immer schwieriger. Auch die Arbeitskraft selbst erhält, so Lukacs in Darstellung der Position von Karl Marx, in der kapitalistischen Epoche die Form einer ihm zugehörigen Ware. Und diese Arbeitskraft wird, so Lukacs den Ansatz Marx´ erweiternd durch neue Ansätze etwa des Taylorismus auf Kalkulierbarkeit hin ausgerichtet. Dieser Ansatz geht einher mit den Arbeitsteilung, Spezialisierung sowie mit einem Auseinanderreißen der Produktion, des Produkts und auch des, das Produkt herstellenden Subjekts (p.101). Besonderheiten des Arbeiters werden als blo ß e Fehlerquellen gesehen, der Mensch wird mit Willenlosigkeit in das mechanische System eingefügt, welches vom Arbeiter vermehrt ein kontemplatives Verhalten fordert. Alles wir der Zeit untergeordnet, der Mensch ist nur mehr Verk ö rperung der Zeit.

Im Unterschied zu früheren Gesellschaften, in denen sich ähnliche Entwicklungen zeigten, ist jedoch in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaftsform das Schicksal des Arbeiters zum allgemeinen Schicksal der ganzen Gesellschaft geworden. (p.103) Die Naturgesetze der kapitalistischen Produktion haben die gesamte Gesellschaft erfasst und bestimmen diese. Lukacs geht so weit, dass sich seiner Meinung nach sogar die gedankliche Auseinandersetzung des Individuums mit der Gesellschaft nur mehr in Form von Tauschakten zwischen isolierten Warenbesitzern abspielen könne. Die Dinge des Alltags erhalten durch ihren reinen Charakter als Ware eine neue Objektivität, eine neue Dinghaftigkeit mit der ihre ursprüngliche Dinghaftigkeit verloren geht (sekundäre Eigenschaften eines Dings im Sinne Lockes). Das wesentliche Grundprinzip für diese Entwicklung stellt für Marx als auch für Lukacs das Privateigentum dar, durch das die Individualit ä t des Menschen und der Dinge entfremdet wird. Durch die Verwandlung der Warenbeziehung in ein Ding von gespenstiger Gegenst ä ndlichkeit wird dem ganzen Bewusstsein des Menschen ihre Struktur aufgedrückt. Lukacs sieht darin eine restlose, bis ins tiefste physische und psychische Sein des Menschen hineinreichende Rationalisierung der Welt. Diese Rationalisierung geht allerdings nicht so weit, dass dadurch auch Krisen ausgeschlossen wären. Die Struktur einer Krise ist für Lukacs die Steigerung der Quantit ä t und Intensit ä t des Alltagslebens der bürgerlichen Gesellschaft. Sie entsteht dadurch, dass die einzelnen Elemente bzw. Teilsysteme nur zufällig aufeinander bezogen sind und ihr normalstes Funktionieren etwas Zuf ä lliges ist.(p. 110) Konkurrenz zwischen verschiedenen Warenbesitzern wäre so Lukacs in einer rationellen funktionierenden Gestalt der

Gesamtgesellschaft unmöglich. (p.111) Aus dieser Unabgestimmtheit des Gesamtsystems entsteht nach Lukacs immer wieder eine Krise, die dem ö konomischen Denken des B ü rgertums eine un ü bersteigbare Schranke setzt. (p. 113)

Die Verdinglichung aller Lebensäußerungen gilt sowohl für die besitzende Klasse als auch für das Proletariat, sie stellen so Marx dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber während sich die Bourgeoisie in dieser Selbstentfremdung wohl fühlt, fühlt sich die Klasse der Arbeiter in der Entfremdung vernichtet, sie erblickt darin ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz. (p.147)

2.3. Fetischismus bei Herbert Marcuse

Für Herbert Marcuse bilden die Begriffe des Fetischs oder des Fetischismus keine zentrale Kategorie seines Denkens, er verwendet den Begriff durchaus häufig, allerdings in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen. Er bezieht sich einerseits auf Marx, wenn er meint, dass dieser in seinen Frühschriften den Prozess der Verdinglichung erörtert und beschrieben habe und er diesen Prozess als Warenfetischismus dargelegt habe: „Das System des Kapitalismus verbindet die Menschen miteinander vermittels der Waren, die sie austauschen.“38 Dieser Fetischcharakter der Warenwelt entspringt für Marcuse in direktem Bezug auf die Formulierung von Karl Marx im Kapital aus dem eigent ü mlichen gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, welche Waren produziert. Der interessante Punkt auf den Marcuse in der weiteren Diskussion hinweist, ist die Frage, wie besonderes und allgemeines Interesse in der marxistischen Theorie miteinander verschmolzen werden können. Marcuse sieht hier nicht ein neues System der Produktion als wesentlich an, sondern „das Individuum ist das Ziel.“39 Und dieser individualistische Zug wird von Marcuse als grundlegend f ü r die Richtung des Interesses der Marxschen Theorie angesehen. Umgesetzt werden kann dies in der kommunistischen Revolution durch einen Akt der Aneignung, was bedeutet, „dass die Menschen mit der Abschaffung des Privateigentums wahrhafte Besitzer aller dieser Dinge werden, die ihnen bislang entfremdet gegenüberstanden.“40 Also auch bei Marcuse sollte wie bei Marx alleine durch die Umkehrung der Eigentumsverhältnisse eine grundlegend neue und geänderte Situation für den Menschen entstehen.

[...]


1 Ernst Bloch, Atheismus im Christentum, Gesamtausgabe Band 14, p. 15

2 Marina Fischer-Kowalski, Interview DER STANDARD, 26.5.2014

3 WIKIPEDIA, Fetischismus (Religion), online unter www.de.wikipedia.org/wiki/Fetischismus_(Religion)

4 Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur, p. 17

5 Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Meiner, 2013, p. 220

6 Stephan Grigat, Fetisch und Freiheit, p. 25

7 Böhme, p. 17

8 Böhme in Das Fetischismus-Konzept von Marx und sein Kontext, zit. nach Grigat, p. 31

9 Grigat, Fetisch und Freiheit, p.31

10 Ebda., p.25

11 Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1976, p. 31

12 Ebda., p. 29

13 Ebda. p. 30

14 Böhme, p.397

15 Grigat, Fundamentale Wertkritik, p.113

16 Vgl. Ernst Lohoff, Kapitalakkumulation ohne Wertakkumulation, p. 39

17 Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, p. 83

18 Böhme, p. 311

19 Marx, p. 85

20 Böhme, p. 319

21 Kurz, Marx 2000, p. 4

22 Lohoff, p. 39

23 Kurz, Marx 2000, p. 3

24 Terry Eagleton, Warum Marx recht hat, p.38

25 Einige Aspekte sind: die technische Erfindung ist in ihrem Entstehen immer anonym; Technik basiert wesentlich auf Wissenschaft, auch diese ist anonym; eine Abstimmung im Vorhinein, wie von Kurz angedeutet, ist praktisch und technisch unmöglich; die beteiligten Subjekte sind in Anbetracht der gewachsenen Komplexität nicht (mehr) in der Lage eine Abstimmung vorzunehmen; die horizontale Breite ist viel zu groß, als dass eine Abstimmung möglich wäre; etc.

26 Gegenstand wird im folgenden eher abstrakt im Sinne eines Objekts der Betrachtung und nicht im Sinne des dinglichen Objekts verstanden.

27 Marx in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, zitiert nach Böhme, p. 320

28 Böhme, p. 320

29 Vgl. dazu Hans Blumenberg, Geld oder Leben, zitiert nach Böhme, p. 323

30 Nach Blumenberg Paradigmen zu einer Metaphorologie, zit. nach Böhme, p. 326

31 Böhme, p. 326

32 Ebda.

33 Die folgenden Zitate beziehen sich auf die im Internet verfügbare Ausgabe von Geschichte und Klassenbewusstsein

34 Vgl. dazu Grigat, p. 101

35 Lukacs, p. 97

36 Weder bei Marx noch bei Lukacs findet sich eine klare begriffliche Abgrenzung zwischen Verdinglichung und Warenfetischismus, darauf weist auch Grigat explizit hin (p. 108).

37 Grigat, p. 106

38 Marcuse, Vernunft und Revolution, p. 246

39 Ebda., p. 250

40 Ebda. p. 254

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Fortschritt. Der Fetisch der modernen Industriegesellschaft
Untertitel
Der Begriff Fortschritt bei Marx, Lukacs, Bloch und Marcuse
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
49
Katalognummer
V311040
ISBN (eBook)
9783668095472
ISBN (Buch)
9783668095489
Dateigröße
713 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technikphilosophie, Bloch, Marcuse, Adorno, Marx, Fortschritt, Fetisch
Arbeit zitieren
Mag.Mag.Ing. Christian Zwickl-Bernhard (Autor), 2014, Fortschritt. Der Fetisch der modernen Industriegesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311040

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