"Lernt mich gut lesen!" Nietzsche lesen als Einübung in die Haltung des freien Geistes


Bachelorarbeit, 2015
40 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nietzsches Auffassung von Stil und Sprache
2.1. „Der Stil muss leben“
2.2. Wir „besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge“

3. Nietzsches literarische Mittel in ihrer Wirkung auf den Leser
3.1. Der Aphorismus als Nietzsches philosophische Form
3.2. Aphorismus 307: Zu Gunsten der Kritik.
3.3. Aphorismus 343: Was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat
Exkurs zur Metapher nach Hans Blumenberg

4. Der Charakter des freien Geistes und die Herausforderungen des Lesers
4.1. Schaffend im Angesicht des radikalen Nichts
4.2. Das Bild des Tanzes als Notwendigkeit der Bewegung
4.3. Die wenigen freien Geister
4.4. Die Übung des freien Geistes und die Kunst des Lesens
4.5. Die Tugenden des freien Geistes

5. Schluss

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

„Meinem Leser.

Ein gut Gebiss und einen guten Magen - Diess wünsch´ ich dir!

Und hast du erst mein Buch vertragen, Verträgst du dich gewiss mit mir!“

Friedrich Nietzsche

1. Einleitung

Die Gedankenwelt Friedrich Nietzsches ist in ihrer philosophischen Bedeutsamkeit für die europäische Philosophiegeschichte essenziell. Seine poetische Sprache, sein Genie und seine andauernde Aktualität begeistern viele seiner Leser1. Doch worin mag diese außergewöhnliche Faszination, die seine Leser bis heute in den Bann zieht, bestehen? Werner Stegmaier schreibt am Ende der Einleitung seines Buchs Nietzsches Befreiung der Philosophie: „Vor allem aber danke ich Friedrich Nietzsche. Sein V. Buch der Fr ö hlichen Wissenschaft war das Irritierendste und Faszinierendste, was mir in einer über vierzigjährigen akademischen Beschäftigung mit Philosophie begegnet ist.“2 Die beiden Substantive, Irritation und Faszination, möchte ich mir an dieser Stelle borgen, denn sie beschreiben passend auch meine Erfahrung mit der Lektüre Nietzsches. Die eigentümliche Kombination aus Irritation, die zuerst eine ablehnende Haltung hervorrufen kann, ein Gefühl von Resignation vor dem Unverständnis und der gleichzeitigen Faszination für die Komplexität seiner Gedanken und für seine sprachliche Versiertheit machen Nietzsches besonderen Reis aus. Von dieser Erfahrung geht diese Arbeit aus. Ihr liegt die Überzeugung zu Grunde, dass die außergewöhnliche und schwer zu beschreibende Kraft des Werkes Nietzsches vor allem mit der eigentümlichen Verschränkung von Form und Inhalt zusammenhängt. Diese soll hier mit besonderem Fokus auf den Leser untersucht werden. Durch welche literarischen Mittel lässt Nietzsche den Leser was erfahren? Und welche Konsequenzen hat seine Art und Weise des Schreibens auf die Haltung des Lesers? Zwar ist der „Nietzscheleser“ an sich nie zu beschreiben, da jeder Leser sich und sein Leben in die Lektüre hineinträgt, dennoch möchte ich versuchen Hinweise in den sprachlichen Mitteln Nietzsches und in seinen eigenen Äußerungen über sein Schreiben zu finden, die eine gewünschte Wirkung seiner formulierten Sprache erkennen lassen.

Nach einigen Vorbemerkungen zu Nietzsches Auffassung von Stil und Sprache soll der Aphorismus, der ein wesentlicher Bestandteil der Schriften Nietzsches ist, in den Blick genommen werden. Er interessiert als außergewöhnliche Art des Philosophierens, besonders in Hinblick auf seine dialektische, offen-geschlossene Form (siehe Kapitel 3.1.). Anschließend sollen beispielhaft zwei Aphorismen der Fr ö hlichen Wissenschaft 3 herausgegriffen werden und auf heraus stechende literarische Mittel untersucht werden (siehe Kapitel 3.2. und 3.3.). In einem anschließenden Exkurs soll besonders die Metapher in ihrem spezifischen Wahrheitscharakter nach Hans Blumenberg beleuchtet werden. Es handelt sich in dieser Arbeit um eine Auswahl von Aphorismen, der kein besonderes Schema zu Grund liegt, da mein Vorhaben grundsätzlich mit jedem Aphorismus Nietzsches möglich wäre. Aus der Analyse sollen Konsequenzen und Wirkungen für die Denkhaltung des Lesers herausgearbeitet werden, die anschließend mit dem Charakter des „freien Geistes“, den Nietzsche entwirft, in Verbindung gebracht werden (Kapitel 4). Dabei leitet mich die These, dass die intensive Lektüre von Nietzsches Aphorismenbücher, genauer der Fr ö hlichen Wissenschaft als Einübung in eine philosophische Haltung des freien Geistes verstanden werden kann. Weiterhin möchte ich durch eine beispielhafte Analyse des Stils Nietzsches zeigen, wie er zu dieser Einübung subtil auffordert.

2. Nietzsches Auffassung von Stil und Sprache

Bevor diese Arbeit sich der Fr ö hlichen Wissenschaft und der Form des Aphorismus widmet, sollen einige Vorüberlegungen vorangestellt werden, aus denen sich das Bild eines Philosophen zeichnet, dessen Schreiben sich immer auch mit der Reflexion der Sprache und mit ihrer Relevanz für unser Denken auseinandergesetzt hat und somit zum Mittel seiner Kritik wird.

„Ausgehend von der Einsicht, daß sich jegliche, auch die philosophische Rede in einem von der Grammatik und Metaphorik der Sprache vorgezeichneten Begriffsgebäude bewegt, wird die rhetorische Reflexion für Nietzsche zum vordringlichsten Instrument der Kritik an einer überkommenen, ‚metaphysischen‘ Wahrheitskonzeption.“4

Dieses große Vorhaben Nietzsches, die radikale Kritik am vermeintlich Festen, bewerkstelligt er also nicht nur durch das, was er sagt, sondern vor allem dadurch, wie er es sagt: Durch seinen Stil, oder besser gesagt, durch die Vielheit seiner Stile. Dabei ist auch grundsätzlich seine Auffassung von Sprache relevant, die unsere Sprache als etwas entlarvt, das uns Wahrheit vorgaukelt, uns weismachen will, Begriffe wären in der Lage die Dinge an sich zu beschreiben. In diesem Kapitel sollen einige wichtige Hinweise für Nietzsches Verständnis von Stil und Sprache dargelegt werden, bevor genauer anhand des Aphorismus als Form und den ausgewählten Aphorismen, die einzelnen Stile und ihre Konsequenz für den Leser herausgearbeitet werden.

2.1. „Der Stil muss leben“

Für die Darstellung der Auffassung Nietzsches vom Begriff des Stils, oder wie er schreibt, der „Kunst des Stils“ (EH, 4, 304)5 soll sich auf zwei Textstellen seines Werkes bezogen werden, in denen er sich konkret zum Begriff des Stils äußert: Zum einen auf seinen Nachlass aus dem Sommer 1882, zum anderen auf seine Selbstbiographie Ecce homo. Wie eine Anleitung klingen seine Notizen von 1882: „Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll l e b e n “. (Nachlaß 1882, KSA 10, 1109 )6 Was meint Nietzsche hier mit leben? Übertitelt sind seine kurzen nummerierten Abschnitte mit „Zur Lehre vom Stil“. Diese Sätze sind von einer Sehnsucht nach Persönlichkeit oder eben nach Leben im Stil geprägt und stellen Forderungen danach auf: „Der Stil soll beweisen, daß man an seine Gedanken g l a u b t , und sie nicht nur denkt, sondern e m p f i n d e t .“ (ebd.) und „Je abstrakter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muß man erst die S i n n e zu ihr verführen.“ (ebd.) Nietzsche verwendet hier Worte wie „empfinden“, „Sinne“ und „verführen“. Dieses affektive Vokabular verlangt alles andere als eine argumentativ systematische Ausdrucksweise philosophischer Gedanken. Die Überzeugungskraft bzw. Wirkungskraft auf den Leser hat eine andere Qualität. „Stil im Sinne Nietzsches verrät sich vor allem durch seine lebendige Unmittelbarkeit, Ausdrucksvielfalt und Intensität“, folgt also der „Grundidee sinnlicher Wirkungskraft“7. Man kann also sagen, Nietzsche überzeugt nicht im Sinne einer logischen Argumentation, er zeigt vielmehr etwas, er lässt etwas erfahren, er fasziniert und macht betroffen. Nicht allein die logische Vernunft kann

Nietzsches Schriften nachvollziehen, es braucht einen anderen Zugang, einen persönlichen und emotionalen. Aus diesem Grund steht für Nietzsche die reale Sprechsituation dem geschriebenen Wort gegenüber deutlich im Vordergrund (vgl.: Nachlaß 1882, KSA 10, 1109 ), denn das Gespräch oder die gesprochene Rede in konkreten Situationen hat für Nietzsche Potentiale, die in der Schrift verloren gehen. In einem realen Gespräch ist meist genau erkennbar, wer angesprochen ist, denn die physische Anwesenheit des Gegenübers ist evident. Man gleicht seine Redeweise an und kann sich auf konkrete Eigenheiten der gemeinsamen Situation einstellen. Ein Text hingegen hat die unbestimmte Öffentlichkeit als Adressaten. Der maßgebliche Unterschied ist hier vor allem, dass der Körper in einem Gespräch leiblich anwesend ist. Man äußert nicht nur Begriffe, man bewegt seinen Mund, spricht in unterschiedlichen Stimmlagen, verzieht das Gesicht und gestikuliert mit den Händen. Emotionen werden dem Gegenüber erfahrbar, man ist affektiert vom menschlichen Antlitz seines Gesprächspartners, man kann ihn anders verstehen als einen Text, den man auf Grund seiner geschriebenen Sprache eher geneigt ist, auf formal logischer Grundlage nachzuvollziehen. Doch Nietzsches Anspruch an den Stil seines Schreibens ist ein anderer: Dieser versucht sich von Grund auf an der realen Sprechsituation zu orientieren und plädiert für einen „Reichthum an Gebärden. Man muß Alles, Länge und Kürze der Sätze, Interpunktionen, die Wahl der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente - als Gebärden empfinden lernen.“ (ebd.) Hier wird das Verhältnis von Stil und Leben deutlich. Wenn man überzeugen will, mit dem, was man sagt, mit dem, was man glaubt und empfindet, muss man sich gebärden, muss die Sinne des Gegenübers verführen. Dieses Motiv des Gebärdens ist es, mit dem Nietzsche seinen (Schreib-)Stil belebt. Weiterhin sind Gebärden Ausdruck nonverbaler Kommunikation in einem Gespräch. In der Analogie zum Schreiben, werden Gebärden zu etwas, das nicht explizit erwähnt wird. Sie sagen nichts, sie zeigen etwas. Dies ist eine Beobachtung, die noch in der Analyse der Aphorismen interessant sein wird: Der Fokus auf dem Dazwischenliegenden, auf dem, was nicht explizit gesagt wird.

Ein weiterer Aspekt des Stils Nietzsches ist die Vielfalt der Stile, wie in Ecce homo deutlich wird: „Und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer Zustände bei mir ausserodentlich ist, giebt es bei mir viele Möglichkeiten des Stils -“ (EH, 4, 304) Diese Kunst, die inneren Zustände in geschriebener Sprache für den jeweiligen Leser erfahrbar zu machen, ist eine situative Kunst. Sie kann keinen allgemeingültigen Anspruch haben, denn sie widmet sich einer Gemütsregung neben vielen anderen. Jedes Gefühl, jeder Gedanke hat seinen eigenen Stil, welcher erprobt oder wie Nietzsche sagt gelernt (vgl.: Nachlaß 1882, KSA 10, 1109 ) werden muss. Durch die Vielheit der Stile wird so auch die Vielheit der Perspektiven deutlich, die Nietzsche vor allem in seinen Aphorismenbüchern darlegt. Jeder Aphorismus widmet sich einer anderen Thematik, hat einen anderen emotionalen Ausgangspunkt. Somit kann er in seinem eigenen Stil seine eigene Wahrheit bergen, die jedoch neben anderen existiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Nietzsches Vorliebe für das gesprochene Wort eine maßgebliche Auswirkung auf sein Schreiben hat. Die Intensität und Unmittelbarkeit seiner Sprache springen den Leser gerade zu an, faszinieren ihn durch die Sprachgewalt und irritieren8 ihn, in dem sie ihn zunächst durch vorübergehendes Unverständnis herausfordern. Seine Forderung nach Leben im Stil und die Kraft, die dadurch aus seiner Sprache auf den Leser einwirkt, ruft eine Betroffenheit hervor, die durch eine Analyse seiner literarischen Mittel genauer in den Blick genommen werden soll. Wie ist der Leser konkret betroffen, involviert oder irritiert und was kann die Konsequenz dessen sein? Für diese Frage ist weiterhin Nietzsches Auffassung von Sprache wichtig, die hinter diesem Verständnis von Stil steht.

2.2. Wir „besitzen doch nichts als Metaphern der Dinge“

Ueber Wahrheit und L ü ge im aussermoralischen Sinne, eine Abhandlung aus den nachgelassenen Schriften Nietzsches von 1870 bis 1873, gibt Aufschluss über die Frage, welchen Charakter die Sprache für Nietzsche hat. Seine Gedanken sollen hier kurz dargestellt werden, da sie grundlegend sind für die Lektüre seiner Aphorismen. In dieser kurzen Schrift stellt Nietzsche sich folgende Frage: „Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten?“ (WL, I, 878) Es wird angezweifelt, ob die Sprache überhaupt den Anspruch haben kann, die Wahrheit eines Dings, das Wesen einer Sache, auszudrücken. Die Bildung unserer Begriffe ist willkürlich, sie entstehen als bloßes Wort und stehen sofort „nicht [nur] für das einmalige ganz und gar individualisierte Urerlebniss, dem es sein Entstehen verdankt, […] sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche“ (ebd., 879). So werden sie augenblicklich zur Metapher. Unsere Sprache ist nichts als Metapher. Wir haben nur sie, nennen sie Begriff und lassen dadurch unsere Sprache „Hart- und Starr-Werden“ (ebd., 883). Nietzsche setzt diesem Bild der harten, starren, vermeintlich wahren Begriffswelt eine in „hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse“ (ebd.) entgegen, in der der Mensch schöpfend ist. Wir glauben die Wahrheit über die Dinge zu besitzen, sie ausdrücken zu können, die Wahrheit sprechen zu können, doch sie ist „auch dem Sprachbildner ganz unfasslich“ (ebd., 879). Nietzsche zu Folge haben wir vergessen, dass unser gesamter „mathematisch zerteilte[r] Begriffshimmel“ (ebd.) einer doppelten Metaphorisierung zu Grunde liegt: Zum einen die Übertragung vom Ding zum Abbild im Gehirn, also einem Nervenreiz, den wir von unserer Umwelt empfangen, und zum anderen die Übertragung dieses Abbilds in einen Laut, den wir schließlich Wort nennen. „[D]u r c h diese Unbewusstheit, eben durch dies Vergessen [kommt der Mensch] zum Gefühl der Wahrheit.“ (ebd. 881) Hier wird ein wichtiger Aspekt sichtbar, denn Wahrheit, im metaphysischen Sinne, ist nur ein Gefühl. Wahrheit und Lüge sind für Nietzsche nur gewohnte Abläufe. Nichts ist von sich aus wahr oder falsch. Wir haben uns auf Begriffe geeinigt und wenn diese mit verwerflicher Konsequenz „falsch“ einsetzt werden, sprechen wir von Lügen. Doch diese Setzungen sind nur Setzungen, die uns die Grammatik und die vermeintliche Bestimmtheit unserer Sprache nahelegt. So hat die Auffassung von Sprache, die den Begriffen versagt, etwas über die „Dinge an sich“ sagen zu können, also der Metapherncharakter, eine direkte Auswirkung auf die Auffassung von Wahrheit, die es dann „an sich“ nicht geben kann . Es ergibt sich eine dialektische Struktur in dieser Auffassung von Sprache: Sie ist zum einen „Gefängnis“, das zum Gefühl der Wahrheit verleitet, aus dem jedoch zum anderen, nur mit ihrer eigenen Kraft ausgebrochen werden kann.9 Eine Folge dieser Überlegung ist für Nietzsche: Durch das Gefühl der Wahrheit, dass uns unsere Sprache nahelegt, an das wir uns gewöhnt haben und durch die Tatsache, dass wir uns vergessen haben als schöpferische Subjekte, können wir „mit einiger Ruhe, Sicherheit und Consequenz“ (WL, I, 883) leben. Heinz Krüger misst Nietzsches Sprachauffassung eine große Relevanz für die Interpretation der philosophischen Form des Aphorismus zu. Er unterstellt Nietzsche eine „paradoxe Koinzidenz von Anerkennung und Ablehnung“10 der Sprache. Sie ist nach Krüger der Grund für Nietzsches häufige Doppeldeutigkeit der Begriffe. Er ist veranlasst Nietzsches Urteile „über Philosophie, Religion, Moral, Gesellschaft […] nicht so sehr im Sinne ihres sprachlichen Ausdrucks, viel eher aber als Entfaltungsmomente eines aus der Umklammerung der Sprache sich befreiendes Denken zu interpretieren.“11 Und schließlich: „soll man ihn nicht allein „beim Wort nehmen““12, sondern auch die mehrdeutige Verwendung der Worte beobachten. Dies ist mir ein wichtiger Hinweis für die folgende Analyse.

3. Nietzsches literarische Mittel in ihrer Wirkung auf den Leser

3.1. Der Aphorismus als Nietzsches philosophische Form

Die oben genannte Vielheit der Stile äußert sich in der Philosophie Nietzsches auch durch die Vielheit literarischer Gattungen, die seinen Gedanken „immer wieder einen neuen Charakter“13 gegeben haben. Kein anderer Philosoph fand für seine Gedanken so vielfältige Stile und Formen. Doch nehmen besonders die Aphorismenbücher in Nietzsches Werk eine wichtige Funktion ein: „Als Nietzsche, gelöst von Schopenhauers Metaphysik, zu seinem eigenen Philosophieren kommt, entscheidet er sich mit MA [Menschliches, Allzumenschliches; 1876 - 1878 verfasst] vor allem für Aphorismen.“14 Stegmaier sieht hier eine Verbindung zwischen Nietzsches „eigenem Philosophieren“ und der Form des Aphorismus, was eine genauere Betrachtung dieses Verhältnisses spannend macht. Außerdem zeigt diese Annahme, dass die literarischen Formen in Nietzsches Philosophie nie einfach nur Ausdruck eben jener waren. „Nietzsche bedachte sie immer mit: in unterschiedlichen Formen kann Unterschiedliches zur Sprache kommen.“15 Doch was macht die Besonderheit von Nietzsches Aphorismen aus? Warum entscheidet Nietzsche sich für diese Form und was sind ihre erwünschten Wirkungen?

Die literarische Form des Aphorismus hat eine lange Geschichte. Das erste Werk, was den Aphorismus im Titel trägt, Hippoktrates Aphorismoi war „zwei Jahrtausende lang vorbildlich für diese Textgattung“16. Das griechische Wort aphorismós lässt sich unter anderem mit Abgrenzung, Definition oder medizinischem Lehrsatz übersetzen, „seine Wirkung ist aber eher entgegengesetzt:“17 Zwar erscheint der Aphorismus durch seine kurze Form abgrenzend, doch von einer Definition ist er weit entfernt. Meist war der Aphorismus „als eine freie Form des Ausdrucks von Gedanken angesehen und benutzt worden. Er eignet sich zum Experimentieren mit Einfällen, mit unfertigen Entwürfen“18.

Nietzsche jedoch entwickelt den Aphorismus in einer speziellen Art und Weise weiter. Grundsätzlich lässt sich Nietzsches Aphorismus und seine Denkbewegung, nach Borsche, so beschreiben:

Er „beginnt irgendwo, bei irgendeinem gegebenen Begriff, fragt nach seiner Bedeutung, seinem Sinn, nach den seinen Gebrauch leitenden Absichten, Interessen, Vorstellungen und führt am Ende dazu, daß sich unerwartete Perspektiven und Durchblicke eröffnen, neue Deutungen möglich werden, andere Fragen stellen.“19

Für Nietzsche ist die Form des Aphorismus also nichts, was noch beendet werden muss oder eine Vorstufe darstellt, sondern ist Ausdruck der „Ungewissheit und Vieldeutigkeit des Daseins“ (FW, 2). Somit ist er für Nietzsche auch Mittel, seine grundsätzliche Frage nach der Legitimation von Wahrheit und somit seine radikale Kritik am absolut Wahren vorzuführen und ist gleichzeitig Form einer spezifischen „Wahrheit“, die man, wie Borsche bemerkt, „zunächst lieber in Anführungsstriche“20 setzt. Zu diesem Vorhaben der radikalen Infragestellung des absoluten Anspruchs der Wahrheit sei vorbereitend zur Charakterisierung seiner Aphorismen kurz etwas gesagt: In Nietzsches Sprachauffassung deutet sich schon an, wie er das Verhältnis von Mensch und Welt denkt. Wir sind nicht in der Lage mit unserer Sprache die Welt auch nur ansatzweise zu treffen und wenn wir glauben, etwas absolut Wahres auszudrücken, so bleibt uns nur die „Vermenschlichung“ (FW, 109) der Natur, eine menschliche Struktur, die wir kennen und die wir dann auf die unordentliche, unvernünftige und chaotische Welt übertragen. Der Mensch hat keinen göttlichen Kern, hat keine Vernunft und „Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Werth für das Leben entscheidet zuletzt.“ (Nachlaß 1885, KSA 11, 34 253 ) Die metaphysische Wahrheits- konzeption weist Nietzsche somit entschieden zurück.

„Am Ende der metaphysischen Epoche des Denkens, das Nietzsche durch die Erfahrung vom Tod des moralischen Gottes, der die Wahrheit gebietet, charakterisiert, führt der diese Epoche tragende Wille zur Wahrheit schließlich zur Einsicht in die gänzliche Unmöglichkeit wahrer Erkenntnis, nicht nur für uns hier und jetzt, sondern an sich und überhaupt.“21

Was für eine erschreckende „Erkenntnis“. Nietzsche bleibt jedoch nicht in nihilistischer Verzweiflung stehen, sondern fragt sich, wie er das, was nun kommen muss, formulieren kann. Er findet die Form des Aphorismus bzw. die der Aphorismenbücher (also Aphorismen in ihrer Kontextualisierung), die keine absolute Wahrheit lehren, sondern eher etwas zeigen. Sie lassen den Leser die Bewegung von der Erfahrung der Unmöglichkeit wahrer Erkenntnis hin zur „Leidenschaft der Erkenntnis […] als der seine nihilistische Konsequent reflektierende Wille zur Wahrheit“22 erfahren und so wird eine philosophische Haltung spürbar, die von fröhlicher Paradoxie geprägt ist.

Nietzsche selbst äußert sich in seinem Werk über den Aphorismus. Im Folgenden soll sich an den wesentlichen Aspekten orientiert werden. Auffällig ist, dass Nietzsche viele Bezeichnungen für seine Form findet. Mal spricht er von Sentenzen, mal von Meinung oder Sprüchen. In seinem Nachlass von 1880 notiert Nietzsche:

„Es sind Aphorismen! Sind es Aphorismen? - mögen die welche mir daraus einen Vorwurf machen, ein wenig nachdenken und dann sich vor sich selber entschuldigen - ich brauche kein Wort für mich.“ (Nachlaß 1880, KSA 9, 7192 )

Durch die Behauptung „Es sind Aphorismen!“, die jedoch direkt wieder durch die anschließende Frage „Sind es Aphorismen?“ in Frage gestellt wird, klingt eine Aufforderung an. „Nietzsche [übergibt] hier die Entscheidung über den aphoristischen Charakter seines Werkes ausdrücklich an seine Leser“23. So hat also der Leser die Aufgabe, sich selbst einen Begriff zu machen und nicht das geläufige Verständnis eines Aphorismus zu übernehmen, dass wohl zu Nietzsches Zeiten einen Charakter „des Unernstes, der Unverbindlichkeit und des Literatenhaften“24 hatte. Der letzte Satz „ich brauche kein Wort für mich“ macht nochmal deutlich, wie sehr es für Nietzsche weniger um ein starres begriffliches Fassen seiner Philosophie geht, sondern um einen beweglichen Umgang mit Begriffen und dem Schaffensprozess einer eigenen Begriffsbildung, den er im oben beschriebenen Wechselspiel von Behauptung und Frage, vor allem in der Frage, fordert. Es wird eine Behauptung aufgestellt, die jedoch sofort in ihrer Gänze wieder befragt wird. Diese eigentümliche Bewegung ist typisch für einen Aphorismus, wie Nietzsche ihn formt, und auch eine typische Situation, die der Leser mit dem Werk auszuhandeln hat.

In seinen Streifz ü gen eines Unzeitgem äß en schreibt Nietzsche:

„Der Aphorismus, die Sentenz, in denen ich als der Erste unter Deutschen Meister bin, sind die Formen der „Ewigkeit“; mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder Andre in einem Buche sagt, - was jeder Andre in einem Buche nicht sagt …“ (GD, 51)

[...]


1 Durch die verwendeten Personalpronomen und Substantivendungen möchte ich ausdrücklich niemanden in seiner Menschenwürde verletzen. Dass die Syntax der vorliegenden Arbeit grammatische Strukturen aufweist, die traditionell das Männliche betonen, dient nicht dem Zweck, Menschengruppen oder Individuen auszugrenzen oder zu beleidigen, sondern möchte ein flüssiges Sprachbild garantieren, dessen Hauptaugenmerk dem philosophischen Gehalt gilt. Akzeptanz und Toleranz jeder Menschengruppe und jedem Individuum gegenüber sind für mich so wichtig wie selbstverständlich.

2 Stegmaier, Werner: „Nietzsches Befreiung der Philosophie. Kontextuelle Interpretation des V. Buches der Fr ö hlichen Wissenschaft “, Berlin/Boston: de Gruyter GmbH, 2012, Vorwort, S. 6.

3 Aphorismus 307 im III Buch und Aphorismus 343 zu Beginn des V Buches. Beide analysierten Aphorismen sind unter 6. Anhang vollständig zitiert angehängt, um ein genaues Nachvollziehen der Analyse zur garantieren.

4 Simonis, Linda: „Der Stil des Verführers. Nietzsche und die Sprache des Performativen.“, in: „Nietzsche Studien. Internationales Jahrbuch für die Nietzsche-Forschung“ (2002), hrsg. v. Abel, Günter und Stegmaier, Werner, Band 31, S. 57 - 74, S. 57.

5 Nietzsches Werke werden im laufenden Text nach der KSA, hrsg. v. Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino, mit Werksigle, Abschnitt-/Aphorismusnummer und, wenn zur Übersicht erforderlich, Seitennummer gemäß folgendem Schema zitiert: (EH, 4, 304); gesperrte Hervorhebungen sind dem Original entnommen.

6 Nietzsches Nachlass wird im laufenden Text nach der KSA, hrsg. v. Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino, mit Jahr, Bandnummer und Abschnittsnummer gemäß folgendem Schema zitiert: (Nachlaß 1882, KSA 10, 1109 ); gesperrte Hervorhebungen sind dem Original entnommen.

7 Simonis, „Der Stil des Verführers“, a.a.O., S. 61.

8 Vgl.: Stegmaier: „Nietzsches Befreiung der Philosophie“, a.a.O., S. 5.

9 Krüger, Heinz: „Über den Aphorismus als philosophische Form“, München: Dialektische Studien edition text + kritik, 1988, S. 80.

10 Ebd., S. 79.

11 Ebd., S. 80.

12 Ebd.

13 Stegmaier, Werner: „Friedrich Nietzsche zur Einführung“, Hamburg: Junius Verlag, 2011, S. 98.

14 Ebd., S. 100.

15 Ebd., S. 99f.

16 Borsche, Tilman: „System und Aphorismus“, in: „Nietzsche und Hegel“, hrsg. v. Djuric, Mihailo und Simon, Josef, Würzburg: Königshausen + Neumann, 1992, S. 58.

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd., S. 56.

20 Ebd., S. 54.

21 Ebd.

22 Ebd., S. 55.

23 Greiner, Bernhard: „Friedrich Nietzsche: Versuch und Versuchung in seinen Aphorismen“, in: „Zur Erkenntnis der Dichtung“, hrsg.v. Gerhart Baumann, Band 11, München: Wilhelm Fink Verlag, 1972, S. 11.

24 Ebd., S. 9.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
"Lernt mich gut lesen!" Nietzsche lesen als Einübung in die Haltung des freien Geistes
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
40
Katalognummer
V311042
ISBN (eBook)
9783668096141
ISBN (Buch)
9783668096158
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lernt, nietzsche, einübung, haltung, geistes
Arbeit zitieren
Laura Meinhardt (Autor), 2015, "Lernt mich gut lesen!" Nietzsche lesen als Einübung in die Haltung des freien Geistes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311042

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