Das vorliegende Buch ist kein wissenschaftliches im landläufigen Sinne. Vielmehr gehört es zu einer Wissenschaft, für die subjektives und vom persönlichen Erleben geprägtes Vorgehen ausschlaggebend ist. Ich beginne nämlich – in diesem Fall beim Nachdenken über musikalische Vorgänge – bei meinem Erleben oder der persönlichen Erfahrung und versuche, den ungeordneten Reichtum der Eindrücke so tief wie möglich auszuloten. Erst dann mache ich mich auf die Suche nach vorhandenen Theorien und Konzepten.
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil
Vom Klang zum Ton – eine Einführung
1. Die anfängliche musikalische Situation oder die Musikalisierung des Menschen
2. Focusing oder die Bedeutung des Körpergefühls
3. Vom Körpergefühl zur Bedeutung
4. Der horchende Resonanzkörper
5. Der energetische Körper
6. Der ekstatische Körper I: Sirenen-Geburtlichkeit
7. Der ekstatische Körper II: Die Geburt der menschlichen Musik
8. Vom Singen zum Sagen
9. Der dreigliedrige Körper
Zweiter Teil
Zur musikalischen Praxis
Üben mit dem Körper
Das Was und Wie des Unterrichtens
Focusing mit einer Sängerin – ein Protokoll
Der Körper kennt den Ton – Intonation als Aspekt der Tongebung
Freie Improvisation oder Die kreative Intelligenz des Körpers
Lampenfieber
Der komponierende Körper
Die Bedeutung des Dirigenten für das Erleben der Musiker
"Die Musik" ist die Therapie
Mit dem Körper hören
Zielsetzung & Themen
Das Buch verfolgt das Ziel, das musikalische Erleben durch die Focusing-Methode von Eugene T. Gendlin zu vertiefen und eine Brücke zwischen der phänomenologischen Selbsterfahrung des Musikers und musikwissenschaftlichen sowie psychologischen Konzepten zu schlagen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie körperliche Resonanz als Grundlage für einen kreativen und authentischen Ausdruck in der musikalischen Praxis genutzt werden kann.
- Verbindung von Körpererleben und musikalischer Praxis
- Anwendung der Focusing-Methode auf den Prozess der Tonwerdung
- Einfluss der pränatalen Psychologie auf das musikalische Hören
- Analyse der energetischen Dynamik des Musizierens
- Praktische Ansätze für Unterricht, Üben und Improvisation
Auszug aus dem Buch
Die innere Art erlebe ich so:
Ich sehe und lese die Note...ich nehme mich gleichzeitig selbst wahr, beziehungsweise die Art und Weise, wie ich jetzt mit dem Ton in Beziehung trete... – und nun mit dem Ton bin. In diesem Moment geschieht etwas... mein Körper öffnet sich und dehnt sich zu dem Ton aus... aber auch der Ton zu mir. Es entsteht ein grösserer Raum um mich herum, in dem etwas aus der Note sich mit mir selbst verbindet. Das ist aber nicht mehr nur die Note, das ist etwas Grösseres, etwas körperlich Spürbares...mich Umfassendes, das mein Sein augenblicklich färbt...schwängert...umhüllt...belebt.
Ich spüre ein Gegenwärtigsein des Tones c, das sich mit meinem Sein vermischt...in ein und derselben Lunge atmet...in ein und dieselbe Bewegung mündet. Ich bin in etwas drin... ich bin im Tonklang und der Tonklang ist in mir...
Ich bin in einer Bewegung...ich bin das Bewegtsein selbst...es strömt und geht weiter...zu etwas hin... – auf etwas zu...will mehr Bewegung...will aufgehen...sich erweitern...es ist wie ein Meer, aus dem sich etwas herausbewegen will. Aus der Ganz-Körperbewegung, die uneingeschränkt ich selbst bin und die vor allem aus dem Becken und dem Kontakt mit dem Boden, der Erde kommt, belebt sich zunehmend der Brustraum, der nun die Arme hervorbringen will; die Hände spüren schon den Handraum, sie wollen sich bewegen...kneten...lustvoll greifen...mit etwas in Kontakt kommen, sie wollen etwas in die Hände bekommen...ein Objekt, aber nicht lediglich ein äusseres, sondern ein den Handbewegungen entsprechendes. Die Hände und Arme formen das Instrument vor...haben es, bevor es da ist...und nun setzt sich im Innern etwas in Gang, in dem eine Richtung deutlich spürbar wird: Gestützt aus der Hüftgegend stülpt sich etwas um...nach oben...schiebt sich deutlich in Richtung Hals und Kehlkopf..., es will den Mund öffnen, den Mund-Rachenraum vergrössern. Und nun wird die innere Bewegung abgeholt von einem kraftvollen Punkt zwischen Nase und Stirn an der Nasenwurzel; hier ist eine geballte Kraft am Werk, die einen Übergang vom Inneren zum Äusseren bewirkt. Sie zieht das Innere nach aussen, bündelt die innere Energie wie zu einem Lichtstrahl... öffnet ein wenig den Brustraum und will in den Ton münden...zum Ton werden...sich in ihm ausdrücken...in ihm erscheinen...sich manifestieren...materialisieren... – Gestalt gewinnen.
Zusammenfassung der Kapitel
Vom Klang zum Ton – eine Einführung: Der Autor erläutert sein Anliegen, eine "Erste-Person-Wissenschaft" zu etablieren, die das musikalische Erleben als Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis begreift.
Die anfängliche musikalische Situation oder die Musikalisierung des Menschen: Es wird analysiert, wie sich der Mensch durch einen unhörbaren, aber körperlich spürbaren Prozess von einem "Klangkörper" zu einem produktiven musikalischen Wesen wandelt.
Focusing oder die Bedeutung des Körpergefühls: Einführung in Gendlins Methode und die Bedeutung des "felt sense" für die Verbindung von Körpererleben und Erkenntnis.
Vom Körpergefühl zur Bedeutung: Beschreibung, wie der Prozess des Focusing aus vagen körperlichen Empfindungen zu konkreten, sinnvollen Ausdrucksformen führt.
Der horchende Resonanzkörper: Untersuchung der pränatalen Grundlagen des Hörens und der Bedeutung des Horchens für die Entwicklung des musikalischen Körpers.
Der energetische Körper: Diskussion der Theorien von Ernst Kurth und deren Verbindung zu Focusing sowie pränatalen Erfahrungen.
Der ekstatische Körper I: Sirenen-Geburtlichkeit: Untersuchung der ekstatischen und oft schmerzhaften Dynamik bei der Hervorbringung von Klang.
Der ekstatische Körper II: Die Geburt der menschlichen Musik: Analyse der Transformation von der archaischen Klangwelt zur bewussten, geformten Musik.
Vom Singen zum Sagen: Betrachtung der Wandlung des subjektiven Klangempfindens in den objektiven, stofflichen Ton.
Der dreigliedrige Körper: Zusammenfassende Typologie der musikalischen Entwicklung in eine fluidale, schwelgerische und tonale Stufe.
Schlüsselwörter
Focusing, Körpergefühl, felt sense, musikalisches Erleben, Tonwerdung, Geburtlichkeit, Klangkörper, Resonanz, Improvisation, Musiktherapie, pränatale Psychologie, Ernst Kurth, Intonation, Lampenfieber, Erste-Person-Wissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Buch grundsätzlich?
Das Buch widmet sich der körperlichen Wirklichkeit des Musizierens und erforscht den Prozess, wie aus einem inneren, unhörbaren "Klang" ein manifest erklingender Ton wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Anwendung der Focusing-Methode auf die Musik, der "Körperwissens"-Ansatz, die pränatale Psychologie des Klangs sowie die energetischen Aspekte des Musizierens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Musikern und Musikpädagogen einen Weg zu zeigen, wie sie durch die Aufmerksamkeit auf körperliche Resonanz ein tieferes, persönlicheres und lebendigeres musikalisches Erleben erreichen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die phänomenologische Selbsterfahrung in Verbindung mit Gendlins "Focusing"-Methode, um den Prozess der musikalischen Gestaltung aus einer "Erste-Person-Perspektive" zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Entwurf zur "Evolutionsgeschichte des Klanges" und einen zweiten Teil, der diese Erkenntnisse konkret auf die musikalische Praxis (Üben, Improvisation, Dirigieren) anwendet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie "felt sense", "Geburtlichkeit", "Körperresonanz", "Improvisation" und "energetischer Körper" beschreiben.
Wie unterscheidet der Autor "Hören" und "Horchen"?
Während "hören" eine rein funktionale Wahrnehmung ist, ist "horchen" für den Autor eine aktive Gabe höherer Ordnung, bei der der Körper zum Resonanzorgan für Liebesbotschaften und Lebensenergie wird.
Wie kann man mit Lampenfieber umgehen?
Der Autor schlägt vor, Lampenfieber nicht durch Flucht zu vermeiden, sondern durch Focusing als ein Signal des Körpers zu verstehen und die energetische Veränderung im Körper aktiv zu spüren und zu begleiten.
- Arbeit zitieren
- Mathes Seidl (Autor:in), 2015, Fluidum Musik. Die körperliche Wirklichkeit der Töne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311079