Linguistik als Naturwissenschaft? Wissenschaftstheoretische Einordnung im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Sprachwissenschaft

3. Die Linguistik im 19. Jahrhundert

4. Theorien zur Begründung der Sprachwissenschaft als Naturwissenschaft
4.1. Wilhelm Freiherr von Humboldt
4.2. August Schleicher
4.3. Die Junggrammatiker

5. Schlussfolgerungen

6. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Einordnung der Sprachwissenschaft nach Hermann Paul

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Durch die Sprache gibt sich der Mensch nicht nur am unmittelbarsten als denkendes Vernunftwesen im Gegensatz zu allen übrigen Wesen zu erkennen, sondern gleichzeitig ist sie auch in ihrer unendlich wechselvollen Mannigfaltigkeit der handgreiflichste Ausdruck für all das, was in Zeit und Raum Geschlechter und Gemeinschaften in verschiedene Nationen zusammenfasst oder scheidet. (Thomsen 1979, 1)

Mit dieser Aussage beschrieb der Däne Vilhelm Ludwig Peter Thomsen die Bedeutung der Sprache für die Menschheit. Thomsen, seines Zeichens Sprachwissenschaftler der indogermanischen und finno-ugrischen Sprachen, untersuchte wie viele seiner gleichgesinnten Kollegen die Entwicklung der Sprachen, indem er ihre vergangenen Formen erforschte. Thomsen wurde 1842 geboren und starb 1927; er wirkte dementsprechend in der Hochphase der Entwicklung dieser Wissenschaft.

Die Sprachwissenschaft, heute eine anerkannte Geisteswissenschaft, erfuhr im 19. Jahrhundert eine gravierende Wende. Thomsen bezeichnete diese in seinem Abriss über dieGeschichte der Sprachwissenschaft bis zum Ausgang des 19. Jahrhundertsals „neue Ära in der Geschichte unserer Wissenschaft“ (Thomsen 1979, 42). Kaum jemand, der die Sprachwissenschaft nicht selbst studiert, würde vermuten, dass innerhalb dieses Prozesses so viele neue Theorien und Erkenntnisse aufgekommen sind.

Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll hierbei auf nur eine jener Theorien und den daraus gewonnenen Erkenntnissen gelegt werden.

Die heutige Zugehörigkeit der Sprachwissenschaft zu den Geisteswissenschaften wurde im Laufe dieses Umbruches im 19. Jahrhundert in Frage gestellt. Einige Sprach- wissenschaftler vertraten sogar die Auffassung, dass die Sprachwissenschaft den Na- turwissenschaften angehöre. Neben einigen namhaften Vertretern wie Wilhelm von Humboldt, August Schleicher sowie August Leskien existierte am Ende des 19. Jh. eine ganze Gruppe von Sprachwissenschaftlern, die sogenannten Junggrammatiker1, die Verbindungen zwischen Sprache und Natur sahen. Nach einer Zusammenfassung der Entwicklung der Sprachwissenschaft bis ins 19. Jahrhundert, soll aufgezeigt werden, wie die Vertreter dieser Theorie ihre Erkenntnisse begründeten. Weiterhin ist fraglich, wie groß der Einfluss dieser Theorie auf unsere heutige Linguistik ist und ob diese auch heute noch anwendbar ist.

2. Die Entwicklung der Sprachwissenschaft

Die Entwicklung der Sprachwissenschaft lief vermutlich mit der Entwicklung des Menschen einher. Bereits im Alten Testament stellte sich die Frage nach der Namens- gebung für alltägliche Dinge (Thomsen 1979, 1). War es Gott, der beschloss, dass der MenschMenschheißt und GottGottgenannt wird, oder war es der Mensch selbst? Mit fortschreitendem Wissen, vermehrte sich auch die Zahl der Fragen. In der Antike stell- ten sich die griechischen Philosophen eine ähnliche Frage: Die Frage nach dem Ur- sprung der Sprache. Hinzu kam das Interesse an der Entstehung von so vielen unter- schiedlichen Formen (Thomsen 1979, 2f).

Die Antworten auf diese komplexen Fragen wurden im Altertum in zwei unterschiedlichen Kulturen untersucht. Einerseits begann man in Indien alte Gesänge zu erforschen und ihre richtige Auslegung und Überlieferung zu überprüfen. Andererseits untersuchten die griechischen Philosophen die Frage des Verhältnisses zwischen dem Gedanken und dem Wort sowie zwischen den Dingen und ihren Namen. Das vermutlich erste und die Etymologie begründende Werk der griechischen Kultur stellte Platons „Kratylos“ ca. im 4. Jh. v. Chr. dar (Thomsen 1979, 3-8).

Auf dem Gebiet der Grammatik war es vermutlich sein Schüler Aristoteles, der die ersten Theorien begründete. Er nahm eine Unterscheidung aller Worte in drei „Wort- klassen“ vor. Er unterschied innomen, verbumundconiunctio(Thomsen 1979, 12).Somit unternahm der Philosoph den ersten Schritt in Richtung unserer modernen Gramma- tik. Als wenig später die philosophischen Schulen bei den Griechen entstanden, setzten auch diese sich mit der Sprache auseinander. Namhafte Schulen wie z.B. die Epikureer, die Stoiker und die Skeptiker vertraten ihre ganz eigenen Auffassungen.

„Die Epikureer scheinen den Standpunkt eingenommen zu haben, dass die Sprache an und für sich von Natur aus […] da sei und dass die den verschiedenen Völkern einmal gegebene, zum Teil von der Umgebung bedingte Natur es sei, die den verschiedenen Sprachen ihr Gepräge gebe; dass aber nachher die Vorstellungen und ihre Bezeichnungen bei den verschiedenen Völkern allmählich bestimmter ausgebildet würden nach Notwendigkeit und Bedarf sowie Herkommen.“ (Thomsen 1979, 13)

Ähnlich den Epikureern verbanden auch die Stoiker Sprache und Natur miteinander. Sie hielten die Sprache als Etwas, dass „in der Seele des Menschen von Natur aus entstanden ist“, etwas Wahres. Die Skeptiker hingegen sahen die Sprache als „ein willkürliches, zufälliges Setzen“ und waren der Auffassung, „dass sonst alle Völker einander müssten verstehen können“ (Thomsen 1979, 14).

Trotz der Frage nach dem Ursprung der Sprache stellte dies allerdings etwa bis 300 v. Chr. noch keine konkrete Wissenschaft dar. Erst dann existierte ein tatsächliches Sprachstudium. Diears grammatica(Kunst der Grammatik) machte sich dabei frei von den philosophischen Einflüssen und wurde zur Wissenschaft (Thomsen 1979, 16f). Etwa 200 Jahre später erschienen sodann die ersten systematischen Grammatiken, u.a. durch Dionysios Thrax. Ihren Höhepunkt bei den alten Griechen hatte die Wissen- schaft allerdings erst um 200 n. Chr. mit ihren Vertretern Apollonios Dyskolos und dessen Sohn Herodian auf der Grundlage von Aristarchs acht erforschten Wortarten, die bis in die Neuzeit weitergetragen wurden (Thomsen 1979, 19).

Die Grammatiklehre der Griechen wurde allerdings auch schon vor Christi Geburt durch Krates von Mallos nach Rom getragen und dort von Aelius Stilo und Marcus Terentius Varro in das Römische übernommen. Auch hier entwickelte sich die Sprachwissenschaft weiter und es wurden ausführliche Grammatiken und Glossare verfasst (Donat ca. 350 n. Chr, Priscian ca. 500 n. Chr.). Hierbei wurde eine bereits früh festgelegte Terminologie übernommen, auf der sich die grammatische Wissenschaft bis ins 19. Jahrhundert aufbaute (Thomsen 1979, 20ff).

Die Grammatiken im Altertum widmeten sich dabei nur ihrer eigenen Sprache, namentlich dem Lateinischen und dem Griechischen. Diese Verfahrensweise wurde über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit fortgesetzt. Durch das aufkommende Christentum wurde das Interesse an anderen Sprachen größer, zog allerdings noch keine grammatische Erforschung dieser nach sich (Thomsen 1979, 29 - 32).

Erst mit der Renaissance und dem steigenden Interesse für orientalische und semiti- sche Sprachen hielt auch ein neuer Fortschritt in der Sprachwissenschaft Einzug. Zu- nächst erfolgten einige Versuche, alle europäischen Sprachen zu gruppieren. Im 16. Jh. wurden dann neue Ansätze und empirische Methoden zur Laut- und Formenlehre ent- wickelt. Bis zum 18. Jh. gewann sodann die Etymologie wieder an Bedeutung, sodass diverse europäische Sprachen nach ihrem Ursprung erforscht wurden. Die Schwierig- keit dieser Forschungen bestand größtenteils darin, in der Vergangenheit zu forschen.

[...]


1Die Bezeichnung „Junggrammatiker“ wird langläufig als Bezeichnung für die Begründer und Anhänger des junggrammatischen Forschungsprogramms genutzt. Obgleich die Verwendung dieser Bezeichnung von einigen Sprachwissenschaftlern und der Gruppierung selbst kritisch betrachtet wird (Einhauser 2001, 1340), wird sie hier der einfacheren Darstellung halber genutzt.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Linguistik als Naturwissenschaft? Wissenschaftstheoretische Einordnung im 19. Jahrhundert
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Grammatiktheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V311092
ISBN (eBook)
9783668097452
ISBN (Buch)
9783668097469
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
linguistik, naturwissenschaft, wissenschaftstheoretische, einordnung, jahrhundert
Arbeit zitieren
B.A. Susann Greve (Autor), 2015, Linguistik als Naturwissenschaft? Wissenschaftstheoretische Einordnung im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311092

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