Die Besonderheiten der Raumstrukturen in Arthur Schnitzlers „Lieutenant Gustl“ auf der Grundlage von Jurij Lotmans Grenzüberschreitungstheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
20 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arthur Schnitzlers „Lieutenant Gustl“
2.1. Die Figur „Gustl“
2.2. Die diegetische Welt des Lieutenant Gustl
2.3. Schnitzlers Auswahl bestimmter und unbestimmter Räume

3. Jurij Lotmans „Sujet“-Theorie
3.1. Der semantische Gegensatz
3.2. Die Theorie der Grenzüberschreitung
3.3. Die Übertragung des semantischen Gegensatzes auf weitere Ebenen

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

A 1: Lieutenant Gustls Weg durch Wien

A 2: Screenshot der Website des Café Schwarzenberg

A 3: Übersicht „Sujet“ nach Martínez/Scheffel

A 4: Übersicht "Sujet" in Schnitzlers "Lieutenant Gustl"

A 5: Blauer Kreis markiert den inneren Stadtkern Wiens

1. Einleitung

Mit seinem Werk „Die Struktur literarischer Texte“ hat Jurij Michajlovič Lotman 1972 eine Theorie entworfen, durch welche sich die Literatur rein räumlich strukturieren lässt. Seine Sujet-Theorie (oder auch Grenzüberschreitungstheorie genannt) erklärt den Begriff Ereignis und grenzt ihn damit „vom alltäglichen Ereignisbegriff [ab], mit dem man jedes beliebige punktuelle Geschehen bezeichnet“1. Dieser bei Lotman „theoretisch verwendete Begriff“2soll im späteren Verlauf erörtert und angewendet werden.

Für jene Anwendung wurde Arthur Schnitzlers Erzählung „Lieutenant Gustl“ von 1900/01 gewählt. Durch die spezielle Raumordnung bietet sich das Werk an, um Lotmans Ausführungen näher zu betrachten.

Es beschreibt eine Nacht im Leben des Lieutenant Gustl, der nach einem Opernabend und einer Beleidigung durch einen satisfaktionsunfähigen3Bäckermeister beschließt, sich das Leben zu nehmen. Während er über das Geschehene nachdenkt, läuft er durch Wien. Manche Orte lösen dabei Erinnerungen an vergangene Zeiten aus, mit denen er versucht, sich abzulenken. Als er sodann in den frühen Morgenstunden nach Hause gehen will, um sich zu erschießen, beschließt er, vorher noch zu frühstücken. Dabei erfährt er, dass der beleidigende Bäckermeister in der Nacht vom Schlag getroffen wurde und verstorben ist. Damit ist des Lieutenants Absicht, sich das Leben zu nehmen, hinfällig.

In welchem Zusammenhang die eingeschlagene Route des Lieutenant mit dem Geschehen zu sehen ist, soll unter Anwendung der Sujet-Theorie dargestellt werden. Des Weiteren soll überprüft werden, inwieweit die Aussagen Lotmans in diesem Werk tatsächlich zutreffend sind und ob sie grundsätzlich angewendet werden können.

Hierzu soll im Folgenden zunächst die Figur des Lieutenant Gustl in seiner diegetischen Welt betrachtet werden. Sodann wird Lotmans Grenzüberschreitungstheorie thematisiert und im Detail vorgestellt werden. Die dort getroffenen Aussagen werden anschließend auf die im Vorfeld analysierte diegetische Welt in Schnitzlers Werk angewendet, um herauszustellen, ob eine Grundsätzlichkeit der Theorie gegeben ist oder nicht.

2. Arthur Schnitzlers „Lieutenant Gustl“

Arthur Schnitzler hat eine ganz besondere Art, Erzählungen zu schreiben. Viele zeichnen sich durch Eigenheiten aus, die der Leser sofort bemerkt und die die Grenzen von Erzählungen und ihren Techniken sehr oft austesten. Ähnlich ist es auch in der Erzählung „Lieutenant Gustl“:

Die Erzählung setzt in medias res ein. Lieutenant Gustl befindet sich am späten Abend in einem Oratorium und lauscht der Musik. In seinen Gedanken fragt er sich, warum er überhaupt dort ist und von wem er die Eintrittskarte hat. Er stellt sich vor, was er ansonsten an diesem Abend getan hätte und stellt fest, dass er sich gerne mit seiner Bekannten Steffi getroffen hätte, diese aber eine andere Verabredung habe. Dementsprechend hätte er nichts anderes vorgehabt und sei deshalb in das Oratorium gegangen. Er denkt an den nächsten Tag, an dem er sich mit einem Doktor duellieren würde und an den Tag, an dem es zu dem Disput kam, der das Duell verursacht hatte.

Als das Oratorium sein Ende findet, hat es Gustl sehr eilig, die Oper zu verlassen. Dabei erblickt er eine junge Frau, die ihm offenbar gefällt und folgt ihr in Richtung Ausgang. Als sie von ihrem Begleiter ihren Mantel gebracht bekommt, ärgert sich Gustl offenbar darüber, dass sie ihm schöne Augen gemacht habe, obwohl sie in Begleitung ist.

Er geht selbst zur Garderobe, um seinen Mantel zu holen und drängt den Garderobenbediensteten zur Eile. Als ihm dabei jemand den Weg verstellt, verliert er seine Geduld und beleidigt den Herren vor ihm. Jener Mann dreht sich um und Gustl erkennt den Bäckermeister aus seiner Gegend. Der Bäckermeister greift an seinen Säbel und droht ihm, seinen Säbel zu zerbrechen und an sein Regimentskommando zu schicken, wenn er sich weiterhin so verhält. Gustl, der nicht glauben kann, dass dieser Zivilist ihn gerade beschimpft und einen „dummen Bub“ genannt hat, schaut nach allen Seiten, dass es keiner der Anwesenden gesehen hat. Da der Bäckermeister allerdings leise sprach, hat es Niemand mitbekommen.

In seiner Ehre beleidigt, sucht er nach dem Mann, findet ihn aber nicht wieder. Er geht auf die Straße und versucht immer noch zu verstehen, was drinnen gerade passiert ist. Er denkt darüber nach, den Bäckermeister für den Verlust seiner Ehre zu erschlagen, wie sein Ehrenkodex es ihm vorschreibt. Doch er stellt fest, dass er es gleich hätte tun müssen. Nun sei es dafür zu spät, da der Bäckermeister satisfaktionsunfähig ist und er ihn somit nicht zum Duell herausfordern kann. Da er seine Ehre nicht wiederherstellen kann und es mit ihm aus ist, sobald der Bäckermeister jemandem von dem Vorfall erzählt, beschließt er, sich zu erschießen.

Er geht auf der Straße entlang, nicht fähig an etwas anderes zu denken. Er überquert die Aspernbrücke und findet sich schließlich im Prater wieder. Immer wieder kehren seine Gedanken zu seinem bevorstehenden Selbstmord zurück. Nachdem er stundenlang durch die die Stadt geirrt war, schläft er in der Nacht auf einer Parkbank ein. Er erwacht in den frühen Morgenstunden, geht vorbei am Nordbahnhof in die Praterstraße und überquert ein zweites Mal die Aspernbrücke.

Er beschließt, sich vor seinem Selbstmord noch ein Frühstück zu genehmigen und geht in sein Kaffeehaus, welches inzwischen, da es Morgen ist, geöffnet hat. Hier erfährt Gustl vom Kellner, dass den Bäckermeister am Abend der Schlag getroffen hat, als er vom Theater auf dem Weg nach Hause war, und dieser nun tot ist. Da der Bäckermeister somit Niemandem erzählt haben konnte, was passiert ist, lässt Gustl seine Selbstmordabsichten fallen und bereitet sich gedanklich auf das am Nachmittag stattfindende Duell mit dem Doktor vor.

Arthur Schnitzler verwendet in seiner Erzählung nur selten Dialoge und lässt die Figur ihre Gedankenwelt als inneren Monolog darstellen. So ergibt es sich, dass die Erzählung in homodiegetischer Erzählhaltung durch den Lieutenant selbst vermittelt wird. Dabei verwendet Schnitzler eine interne Fokalisierung und einen dramatischen Modus, um die Gedanken- und Gefühlswelt des Lieutenants so unmittelbar wie möglich darzustellen. Nachfolgend soll es zunächst um die Figur des Lieutenant Gustl und die räumliche Strukturen seiner diegetischen Welt gehen.

2.1. Die Figur „Gustl“

Nach Lotman ist die Figur der „Bewohner der fiktiven Welten fiktionaler Erzählungen“4. Figuren „sind die Träger von menschlichen Handlungen und damit ein zentrales Element von Erzählungen“5. Ausschlaggebend für die Wahrnehmung der Figuren ist die Ergänzung der Leerstellen „durch kognitive Schemata“, wie es auch bei der Wahrnehmung realer Personen stattfindet6. Dabei lässt sich zwischen flachen, weniger komplexen und runden, komplexen Charakteren unterscheiden7. Flache Charaktere sind dabei eher statisch und verändern sich nur wenig, wobei runde Charaktere eine dynamische Entwicklung durchlaufen.

Bei der Figur Lieutenant Gustl handelt es sich um einen flachen Charakter. Er ist ein stolzer Soldat, der sich auf seinen Rang etwas einbildet. Er stellt sich höher als den einfachen Bürger und möchte auch so behandelt werden: „Die Leut’ können eben unserein’n nicht versteh’n, sie sind zu dumm dazu…Wenn ich mich so erinner’, wie ich das erste Mal den Rock angehabt hab’, sowas erlebt eben nicht ein jeder…“8.

Die Figur erinnert an den klassischen Stereotypen, dessen Reaktionen leicht vorhersagbar erscheinen. Die Figurencharakterisierung erfolgt dabei „figural“9, also durch die Figur selbst. Durch Gustls Darstellung seiner Gedankenwelt wird schnell deutlich, dass er sehr oberflächlich wirkt. Auffällig ist, dass die Figur leicht reizbar ist, insbesondere im Hinblick darauf, wie die Menschen ihm entgegentreten: „Ich möcht’ Ihnen raten, ein etwas weniger freches Gesicht zu machen, sonst stell’ ich Sie mir nachher im Foyer! – Schaut schon weg! … Daß sie alle vor meinem Blick so eine Angst hab’n…“10.

„» Herr Lieutenant! « … schon die Art, wie er » Herr Lieutenant « gesagt hat, war unverschämt!“11. Dies weist erneut darauf hin, wie wichtig dem Lieutenant seine Stellung als Soldat ist. Um sich bestätigt zu fühlen, ist Gustl dabei abhängig von sozialen und gesellschaftlichen Milieus, die seine Ansichten stützen. Aus diesem Grund kommt ihm nicht in den Sinn, dass er sich aus heutiger Sicht den „normalen“ Bürgern gegenüber äußerst respektlos verhält, obwohl ihm doch der Anschein wichtiger ist, als die tatsächlichen Begebenheiten.

„» Sie zweihundertvierundzwanzig! Da hängt er! Na, hab’n Sie keine Augen? Da hängt er! Na Gott sei Dank! … Also bitte! « … Der Dicke da verstellt einem schier die ganze Garderobe… » Bitte sehr! «…

» » Geduld, Geduld! « «

Was sagt der Kerl?

» » Nur ein bisserl Geduld! « «

Dem muss ich doch antworten … » Machen Sie doch Platz! «

» » Na, Sie werden’s auch nicht versäumen! « «

Was sagt der da? Sagt er das zu mir? Das ist doch stark! Das kann ich mir nicht gefallen lassen! » Ruhig! «“12

Die darauf folgende Beleidigung durch den Bäckermeister ist dabei in seiner Welt ein durchaus ernst zu nehmendes Problem, da sie einen Ehrverlust bedeutet. Aufgrund seines Charakters und seiner Gedankengänge bestehen anfangs allerdings Zweifel an seiner Selbstmordabsicht. Inwieweit der Charakter im Laufe der Erzählungen Veränderungen durchmacht und dementsprechend statisch oder dynamisch ist, soll in Kapitel 3 geklärt werden. Wichtig dabei wird auch sein, inwieweit sich die Figur in Lotmans Theorie einfügt. Zunächst soll in den Kapiteln 2.2. und 2.3. die Untersuchung der räumlichen Strukturen in den Vordergrund gestellt werden.

2.2. Die diegetische Welt des Lieutenant Gustl

Der diegetische Raum kann durch den Autor unterschiedlich gestaltet werden. Es sind sowohl reale als auch fiktive Orte nutzbar. Des Weiteren ist frei wählbar, ob nur der Hintergrund der Handlung oder auch der Schauplatz des Geschehens faktual oder fiktiv sind. Ebenso gibt es noch viele Ebenen dazwischen. Eine häufig verwendete Variation sind auch reale unbestimmte Orte. Jene Orte können als real angesehen werden, wenn alle anderen Orte sich als real erweisen, auch wenn sie nicht näher bestimmt sind13. Jene unbestimmten realen Orte sollen in Kapitel 2.3. näher betrachtet werden. Inhalt dieses Kapitels wird der Weg des „Lieutenant Gustl“ aus Schnitzlers Erzählung innerhalb der Stadt Wien sein.

[...]


1Renner, Karl: Grenze und Ereignis. Weiterführende Überlegungen zum Ereigniskonzept von J.M. Lotman, In: Norm - Grenze - Abweichung. Kultursemiotische Studien zu Literatur, Medien, Wirtschaft, Hrsg.: Lukas/Frank, S. 357 – 381, Passau: Karl Stutz, 2004, S 360.

2Renner: Grenze und Ereignis, S. 360.

3Schnitzler, Arthur: Die großen Erzählungen. Stuttgart: Reclam, 2006. Nach Anmerkung 21,8f., S. 331, satisfaktionsunfähig = nach dem Ehrenkodex der k. und k. Armee nicht duellfähig; Ottosson, Cathrine: Über den Tod und die Ehre in der Novelle Leutnant Gustl von Arthur Schnitzler. http://su.diva-portal.org/, 24.07.2007, http://su.diva-portal.org/smash/get/diva2:197436/FULLTEXT 01.pdf , (Zugriff am 18.08.15). satisfaktionsfähig = derjenige, welchem ein Offizierskorps nach Prüfung und Erwägung seines Rufes in Beziehung auf Charakter, privates und geselliges Leben, Wahl des Umgangs, Sitten, Takt und Bildung die Würdigkeit zum Offizier zuerkennen würde.

4Lotman, Jurij: Die Struktur literarischer Texte, München: Wilhelm Fink Verlag, S. 144.

5Ebd., S. 144.

6Ebd., S. 148.

7Ebd., S. 148.

8Schnitzler: Die großen Erzählungen, S. 14.

9Lotman: Die Struktur literarischer Texte, S. 149.

10Schnitzler: Die großen Erzählungen, S. 10.

11Ebd., S. 13.

12Ebd., S. 17.

13nach Martínez/Scheffel: Einführung in der Erzähltheorie.9., erweiterte und aktualisierte Auflage (2012). München: C.H. Beck, 1999, S. 151 – 153.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Besonderheiten der Raumstrukturen in Arthur Schnitzlers „Lieutenant Gustl“ auf der Grundlage von Jurij Lotmans Grenzüberschreitungstheorie
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Einblicke: Arthur Schnitzlers Prosa
Note
3,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V311093
ISBN (eBook)
9783668097650
ISBN (Buch)
9783668097667
Dateigröße
1317 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
besonderheiten, raumstrukturen, arthur, schnitzlers, lieutenant, gustl, grundlage, jurij, lotmans, grenzüberschreitungstheorie
Arbeit zitieren
B.A. Susann Greve (Autor), 2015, Die Besonderheiten der Raumstrukturen in Arthur Schnitzlers „Lieutenant Gustl“ auf der Grundlage von Jurij Lotmans Grenzüberschreitungstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311093

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