Erneuerung als das 'Wieder-Identisch-Werden' mit der Geschichte oder die Heimkehr einer Nation in die Bibel

Die Vision vom 'Neuen Juden' in den zionistischen Kollektivsiedlungen in Palästina bis 1920.


Essay, 2015

4 Seiten, Note: 1,0


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Erneuerung als das 'Wieder-Identisch-Werden' mit der Geschichte oder die Heimkehr einer Nation in die Bibel: Die Vision vom 'Neuen Juden' in den zionistischen Kollektivsiedlungen in Palästina bis 1920.

Es kommt darauf an, an einem geistigen Kompromiss überhaupt noch zu leiden[1]

Auf dem Land, in einer agrarwirtschaftlich orientierten, solidarischen Gemeinschaftssiedlung, dem Kibbuz, sollte er entstehen, der neue Mensch, der zionistische Chaluz[2]. Und zumindest „statistisch scheint die Verbindung der 'Judenfrage' mit der Hoffnung auf ein neues Menschengeschlecht ziemlich gesichert.“[3]

In einem Europa sich stetig verschärfender Anfeindungen ergab sich für die europäischen Juden die Notwendigkeit, ein neues Selbstbild zu formen. Dies galt vor allem für die jüdische Jugend, welche eine Fortführung der von ihren Eltern betriebenen Assimilation ablehnte. Im Gegensatz zur Generation ihrer Eltern bestand für sie die wahre jüdische Emanzipation einzig und allein in der Rückkehr zum Judentum. Denn die Assimilationsbemühungen der Eltern hatten sich, wie die zahlreichen Pogrome in Russland[4] als auch die Dreyfuss-Affäre in Frankreich zeigten, überall in Europa als gescheitert offenbart. Die Konsequenz, welche die Zionisten[5] aus diesen Entwicklungen zogen, war die Notwendigkeit einer Erneuerung des Judentums, nach der Devise: „Wenn ihr das Exil nicht liquidiert, wird das Exil euch liquidieren.“ [6]

Zionismus als Reaktion auf die Krise des Subjekts in der Moderne

Das Bekenntnis zum Judentum wurde spätestens 1886 mit Theodor Herzls in Leipzig veröffentlichtem „Der Judenstaat“ ein politisches. Der 'Neue Jude' bekannte sich zum Judentum, jedoch nicht in traditioneller Weise. Er wählte einen neuen Weg des Bekenntnisses. Wie hieß das Ziel der 'Neuen Juden' in die Zukunft hinaus? Welches war dieses Ziel, dieses Unerreichte, was sie kühn machte, was sie beseelte, dieses Zukünftige, was sie gegenwärtig machte? Was wollten sie aus ihrem Land gestalten? Was sollte entstehen aus dem Gewesenen? Was war ihr Entwurf? Hatten sie eine schöpferische Hoffnung?

Damals hatten sie einen Entwurf. Damals wollten sie, was es zuvor noch nie gegeben hatte, und freuten sich auf das Morgen, das Übermorgen.

Man ist nicht realistisch, wenn man keine Idee hat[7]

Die Idee war, dass durch die Rückkehr zum Boden im Heiligen Land, die Rückkehr in die Geschichte geglückt sei. Das Geschichtsbild der zionistischen Siedler, die in den ersten drei Alija-Wellen[8] nach Palästina kamen, um 'Neue Juden' zu werden, war geprägt von zwei grundlegenden Maximen: einerseits beinhaltete es die starke Ablehnung jüdischen Lebens in der Diaspora, die als krankmachend und existenziell bedrohlich stigmatisiert wurde. Andererseits wurde die biblisch dargestellte jüdische Antike überhöht zur heroischen, wehrhaften Vergangenheit der werdenden jüdischen Nation. Die Zionisten bezeichneten ihre Einwanderung nach Palästina als Alija. Die Verwendung dieses Begriffs verweist auf das Konstrukt von Heimat und Diaspora.

Denn die Formulierung stammt aus der Bibel und steht ausschließlich für die Rückkehr von Juden ins „Gelobte Land“. Die Alija beinhaltete damit die Idee, nach Erez Israel zu repatriieren, also den Ort der eigenen Bestimmung zu erreichen, durch die Rückkehr aus dem Exil ins Heimatland. Das Ziel der Erschaffung des 'Neuen Juden' ist erst dann erreicht, wenn diese Begriffe von Jude, Land (Boden) und Heimat wieder identisch geworden sind. Im Moment des Identisch-Werdens mit diesen Begriffen ist die Rückkehr in die Geschichte geglückt.

Heimkehr als Überwindung der Entfremdung

Rückkehr bedeutete auch Rückfindung zum 'wahren' jüdischen Wesen, von dem sich, so die zionistische Argumentation, die Juden durch das Leben im Exil entfremdet hatten. Der Inbegriff der Entfremdung und des 'Unwahren' und 'Unnatürlichen' war der „Galuth-Jude“ [9], der 'Alte Jude' im Exil. Das Aufkommen der Vision vom 'Neuen Juden' stand unter dem Einfluss zeitgemäßer Erscheinungen des Fin de Siècle, dazu zählten die Reformbewegung, der Sozialismus sowie die Entstehung einer Jugendkultur. Gleichsam verwoben ist in die Vision vom 'Neuen Juden' darum emanzipatorisches, nationalistisches und sozialistischen Denken.

Der neue jüdische Mensch war eine Vision, die von den am stärksten in die jüdische menschliche Emanzipation involvierten Kräften getragen wurde. Diese Kräfte fanden sich vor allem innerhalb der Zionistischen Organisation, die sich ab 1896 um Theodor Herzl formiert hatte, sowie in der jüdischen Jugendbewegung – und hier vor allem in Osteuropa. Einhellig leiteten die Genannten eine Notwendigkeit zur Erneuerung aus der Unmöglichkeit eines aufrechten jüdischen Lebens in der Diaspora ab. Die Diaspora stand bei ihnen gleichsam für jüdisches Leiden, sei es in Gestalt der leiblichen oder der geistigen Judennot.[10]

Heimat als Tor zur Rückkehr in die Geschichte

Die Notwendigkeit zur Erneuerung des jüdischen Menschen wurde in Europa formuliert. Doch zur vollständigen Erneuerung gehörte auch der Boden des Heiligen Landes, erst dort würde der 'Neue Jude' vollendet. Die Vorbereitungen zur Erschaffung des 'Neuen Juden' fanden zuweilen noch außerhalb Palästinas, in Haschara-Stätten[11], auf Trainingsfarmen oder in jüdischen Pfadfindergruppen statt. Doch zielten diese Vorbereitungen auf das Leben in einer landwirtschaftlichen Kollektivsiedlung, dem Kibbuz, ab. Denn nur durch die Rückkehr ins Heilige Land, die Rückkehr zur körperlichen Arbeit und die Rückkehr zur Landwirtschaft in einer solidarischen jüdischen Gemeinschaft konnte der sogenannten 'Alte Jude', wie er im Exil lebte, überwunden werden, so die Idee der Kibbuzniks. Dies führte dazu, dass sich schließlich in den Kibbuzim in Palästina die zionistischen Ziele mit der Vision vom neuen jüdischen Menschen in einer sozialistisch organisierten Gemeinschaft vereinten.

Ideell wurde die Vision vom 'Neuen Juden' also vor allem von den sozialistisch geprägten Zionisten, von den Chaluzim, oder schon vorher, von Moses Hess, getragen. (Doch finanziert wurden die notwendigen Strukturen der Erneuerung in Palästina überwiegend durch Spenden aus weniger idealistischen Milieus in Westeuropa und den USA.)

Der 'Neue Jude' war der ins Heilige Land und in die jüdische Geschichte zurück gekehrte Jude. Die Judenfrage war in diesem Fall einer „modernen Lösung“ tatsächlich mit der Hoffnung auf ein neues Menschengeschlecht verbunden. Die Rettung und Erlösung des jüdischen Volkes, und damit der gesamten Menschheit, durch den Messias, wurde in der Vision vom 'Neuen Juden' vorweggenommen. In dieser Betrachtungsweise, als auch in der Wortwahl innerhalb des Erneuerungsdiskurses, ist eine Art Säkularisierung des messianischen Glaubens evident. Die Vision vom 'Neuen Juden' stand für das selbstständige Eingreifen in die Geschichte und für die Aufgabe des durch Gott zugewiesenen Exils. Dennoch ist der Inhalt der Vision mit Gott versöhnlich, denn sie beinhaltete ja, so die Überzeugung, eine Rückkehr zum echten Judentum.

Die Bibel als Grundlage eines nationalen Narrativs

Indessen wurden offenkundige Bezüge zur jüdischen Religion und Tradition im Diskurs zur Erneuerung des Juden von den säkularen Zionisten weitgehend unter 'jüdische Geschichte' subsumiert und nach Maßgabe eines nationalen Narrativs gedeutet und verwertet. Im Ergebnis liegt die Schlussfolgerung nahe, dass der 'Neue Jude' als das Resultat einer überwundenen 'Entfremdung' von der jüdischen Tradition und Religion, von der hebräischen Sprache, dem 'jüdischen Boden' und der jüdischen Gemeinschaft 'in Zion' gedacht wurde. Bei der Erneuerung des jüdischen Menschen ging es nicht darum, etwas nie dagewesenes gänzlich neu zu erschaffen sondern vielmehr darum, einen jüdischen Idealzustand, einen idealen jüdischen Menschen, wiederherzustellen – und dies wohl durchaus im Sinne der Bibel.


[1] Max Frisch: Stiller, Frankfurt am Main 1997, S. 245.

[2] Chaluz/Chaluzim: hebräisch für Pionier.

[3] Yuri Slezkine: Paradoxe Moderne. Jüdische Alternativen zum Fin de Siècle, Göttingen 2005, S. 93.

[4] Beispielsweise die Pogrome in Odessa 1821, 1859, 1871, 1881.

[5] Der Zionismus war stets eine pluralistische Bewegung, weshalb eigentlich nicht von dem Zionismus die Rede sein kann. Für die Kibbuzim beispielsweise war ein sozialistisch gefärbter Zionismus, wie er in Osteuropa dominant war, charakteristisch, während der Zionismus 'Herzlscher Prägung' stark 'bürgerliche' Elemente aufwies.

[6] Zeev Jobotinsky (1880-1940), Bewunderer Mussolinis, Führer der Zionisten-Revisionisten, favorisierte den bewaffneten Kampf für einen jüdischen Staat. Zitiert in: Jochanan Bloch: Judentum in der Krise. Emanzipation, Sozialismus und Zionismus, Göttingen 1966, S. 81.

[7] Frisch, S. 249.

[8] Alija bedeutet die Rückkehr von Juden ins Gelobte Land. 1. (1882-1903) 2. (1904-1914) 3. (1919-1923).

[9] Galuth: Hebräisches Wort für die jüdisches Diaspora.

[10] Max Nordau sprach auf dem ersten Zionistenkongress von der jüdischen Doppelnot, von der geistigen und leiblichen Judennot. Zur Entstehung der geistigen Judennot: 'Diese aus der Unterdrückung der Wahrheit des wirklichen Wesens stammende Kraftlosigkeit und Unaufrichtigkeit des Einzelnen bedeutet auch für das ganze jüdische Volkstum eine Bedrohung und Gefährdung schwerster Art. Denn der Zwitterstand der Assimilation führt das Gesamtjudentum zur Erweichung der starken, tragenden sittlichen Mächte: es schwindet die Pflege der religiösen und nationalen Überlieferungen in den Familien dahin, mit der Sprache der Väter gerät das reiche jüdische Schrifttum in Vergessenheit, kurz, es bahnt sich unerbittlich eine Auflösung der Volkskultur, eine Entjudung des jüdischen Geistes an.', in: Otto Eberhard, Pro Palästina. Schriften des Deutschen Komitees zur Förderung der Jüdischen Palästinasiedlung. Heft III: Der Zionsgedanke als Weltidee und als praktische Gegenwartsfrage, Berlin 1918, S. 5. Leibliche Judennot ergab sich aus den Folgen bitterster Armut vor allem osteuropäischer Juden.

[11] Es bildeten sich Gruppen aus Studenten, Schülern, Handwerkern und Jugendlichen aus gutbürgerlichen Kreisen, die beschlossen, ihr Leben der Aufbauarbeit in Palästina zu widmen. Sie verließen ihre Universitäten, Schulen und Ausbildungsstätten und begannen in ihren Gastländern mit der Aufnahme landwirtschaftlicher Arbeit. Die provisorischen Siedlungen, in denen sie zusammen wohnten, nannten sie Haschara (hebräisch für: Vorbereitung). Es handelte sich bei ihnen um völlig mittellose Idealisten. Führer und Organisator dieser Chaluz-Bewegung wurde Josef Trumpeldor.

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Titel
Erneuerung als das 'Wieder-Identisch-Werden' mit der Geschichte oder die Heimkehr einer Nation in die Bibel
Untertitel
Die Vision vom 'Neuen Juden' in den zionistischen Kollektivsiedlungen in Palästina bis 1920.
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
4
Katalognummer
V311109
ISBN (eBook)
9783668097810
ISBN (Buch)
9783668097827
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Israel, Palästina, Bibel, Neuer Mensch, Kibbutz Kibbuz Naher Osten Gordon Herzl Nordau Utopie, Dreyfuss Judentum
Arbeit zitieren
Kristin Vardi (Autor:in), 2015, Erneuerung als das 'Wieder-Identisch-Werden' mit der Geschichte oder die Heimkehr einer Nation in die Bibel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311109

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