Mediale Varietäten des Deutschen als Ausdruck ökonomischen Sprachwandels am Beispiel sozialer Netzwerke und Instant Messaging Services


Hausarbeit, 2015

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprachwandel im historischen Kontext
2.1 Faktoren des Sprachwandels
2.2 Standardvarietäten

3. Sprachökonomie

4. Mediale Varietäten des Deutschen
4.1 Instant Messaging
4.2 Twitter

5. Analyse medialer Textformen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Als Mitglied einer Gesellschaft und damit Teil eines sozialen Systems ist es für jeden Menschen unabdingbar, in irgendeiner Form zu kommunizieren. Neben der Verwendung technischer Hilfsmittel für Menschen mit sprachlichen Beeinträchtigungen ist jedoch der aktive Sprachgebrauch vorherrschend, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und sich auszudrücken. In Deutschland spricht man deutsch, aber ein wirklich einheitliches Deutsch gab es nie. Die deutsche Sprachgeschichtsschreibung nach Jacob Grimm und später Wilhelm Scherer periodisiert die Entwicklung des Deutschen vom Indogermanischen vor ca. 3000 Jahren bis hin zum Gegenwartsdeutsch (seit ca. 1950) in verschiedene Phasen, in denen sich das Deutsche durch sprachsystematische und soziokulturelle Faktoren immer wieder veränderte.1

Heutzutage können sich Mitmenschen älterer Generationen viele Wörter des Jugendsprachgebrauchs kaum erschließen, da z.B. durch Innovation eine neue Lexik entsteht, die nur von bestimmten sozialen Gruppen verwendet wird. Neben diesen Wortneubildungen existieren außerdem morphologische, syntaktische sowie flexionsabhängige Veränderungen der Sprache in Verbindung mit u.a. gesellschaftlichen und medialen Faktoren, die Auswirkungen auf unseren Sprachgebrauch haben. „Gesprochene Sprache duldet ein gewisses Maß an Variation und Redundanz.“2 Diese sprachlichen Phänomene sieht man häufig bei jüngeren Menschen, die so durch Sprachökonomie bequemere Formen des Ausdrucks benutzen als bspw. ihre Eltern.

Im Jahr 2006 thematisierte eine Ausgabe der Zeitung ‚Spiegel‘ in besonders negativer Weise solche Veränderungen des Deutschen und kam dabei zu dem Fazit: „Die deutsche Sprache wird so schlampig gesprochen und geschrieben wie noch nie zuvor.“3 Diese Kritik deutet auf einen vermeintlichen Verfall der Sprache hin. Sprachverfall würde jedoch bedeuten, dass sich Komplexität und Wortreichtum zurückbilden. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht geht man daher von ‚Sprachwandel‘ aus, da Sprache kein starres System ist, „sondern täglich neu und kreativ verwendet wird, um all den Anforderungen gerecht zu werden, für die wir Sprache benötigen […].“4 Dies können z.B. Briefe, Telefonate, Bewerbungen, Postkarten, Gedichte und vieles mehr sein. Je nach Anlass wird unsere Sprache unterschiedlich benutzt, um situationsangemessen zu kommunizieren.

In einer Zeit moderner Medien werden die Varietäten des Deutschen besonders deutlich. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter ermöglichen es jedem Nutzer, Gedanken, Erlebnisse oder andere spontane Ideen zu veröffentlichen oder die von anderen Nutzern zu kommentieren. In der vorliegenden Arbeit sollen am Beispiel des sozialen Netzwerks ‚Twitter’ sowie an Instant Messaging Services wie ‚SMS’ oder ‚WhatsApp’ mediale Varietäten des Deutschen untersucht werden, um herauszuarbeiten, inwieweit sprachliche Variationen in diesen Medienplattformen einen Beitrag zu einem ökonomischen Sprachwandel leisten.

Einleitend wird daher zunächst sprachhistorisch vorgegangen und aufgezeigt, wie sich sprachlicher Wandel vollzieht und welche grundlegenden Muster er umfasst. Anschließend wird vertiefend auf den Aspekt der Sprachökonomie eingegangen. Hierbei wird versucht, Motive und Grundtendenzen darzustellen, die unsere Sprache früher wie heute durch sprachsystematische Faktoren einfacher machen. In diesem Zusammenhang wird ebenso auf Varietäten des Deutschen eingegangen, von denen die medialen Formen im anschließenden Teil im Zentrum stehen. Am Beispiel von ‚Instant Messaging‘ und ‚Twitter‘ sollen sprachliche Phänomene veranschaulicht und analysiert werden, um abschließend auf den Begriff des Sprachwandels zurückzukehren. Wie äußert sich Sprachökonomie im medialen Kontext und warum sind die Veränderungen im Sprachgebrauch funktionale Formen sprachlichen Wandels? Im nachfolgenden Teil wird nun vertiefend auf den Aspekt des Sprachwandels eingegangen.

2. Sprachwandel im historischen Kontext

„Wenn die Realität sich ändert, ändert sich auch die Sprache.“5 Durch wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kommunikationstechnischen Fortschritt bspw. veränderte sich im Laufe der letzten Jahrhunderte deutlich der Gebrauch unserer Sprache. Angefangen bei der Entwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg und der damit verbundenen Möglichkeit, Sprache effizient einer breiten Masse zugänglich zu machen, bis hin zur modernen Mediengesellschaft hat sich das Deutsche verändert, weil sich die für die Menschen relevanten Themen verändert haben. Sprachwandel bedeutet also immer, dass es sich dabei um ein Zusammenspiel aus kulturellen und sprachsystematischen Aspekten handelt. Es ist die sich verändernde Wirklichkeit der Menschen, die Ausgangspunkt für den Sprachwandel ist.

2.1. Faktoren des Sprachwandels

Sprache besitzt eine mehrschichtige Struktur, die sich in verschiedene Ebenen einteilen lässt. Neben Phonologie, Morphologie und Syntax spiegelt sich Sprachwandel außerdem in Graphie, Lexik und Pragmatik wider. Wörter werden z.B. durch Lautverschiebungen sowie Änderungen in Flexion und Derivation anders gesprochen und geschrieben. Durch diese Veränderungen kam es letztlich zur Periodisierung des Deutschen wie wir sie heute kennen. Zu beachten ist jedoch, „dass es keinen ‚Sprachwandel an sich‘ gibt, sondern dass man von Anfang an die verschiedenen Ebenen der Sprache […] unterscheiden muss. In diesen Subsystemen verläuft Sprachwandel nach jeweils eigenen Prinzipien.“6 Dieser Wandel vollzieht sich nicht intentional; Keller (2003) bezeichnet dies als ‚Phänomen der dritten Art‘ und meint damit, dass nicht von jemandem bestimmt wird, welche neuen Wörter es gibt, sondern dass der Wandel zwar durch die Gesellschaft ausgelöst wird, die Menschen dies aber nicht absichtlich tun.7

Im Sinne des Strukturalismus lässt sich sprachlicher Wandel entweder synchron oder diachron untersuchen. Eine synchrone Perspektive erfasst sprachliche Besonderheiten zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserer Geschichte, während eine diachrone Betrachtung vielmehr den historischen Verlauf der Sprachentwicklung in den Fokus nimmt und so nicht nur punktuell Phänomene der Sprache beschreibt, sondern hinterfragt, warum sich die Sprache so entwickelt hat.8 Als mündliches und schriftliches Verständigungssystem fordert Sprache immer wieder neue Ausdrucksformen, die bspw. durch politische Entwicklungen oder Handelsbeziehungen verschiedener Kulturen initiiert werden. In Zeiten einer interkulturellen Gesellschaft vollzieht sich Sprachwandel ganz offensichtlich. Wo mehrere Sprachen am gleichen Ort gesprochen werden, beeinflussen sich diese gegenseitig und Wörter werden adaptiert (z.B. ‚Lahmacun‘). Die türkische Pizza besitzt offensichtlich keinen deutschen Namen, wird aber von der Mehrheit der Deutschen so bezeichnet wie es türkischstämmige Mitmenschen tun.

Neue Wörter werden in der Regel von Sprechern in verschiedenen Situationen verwendet, weil sie eine Sache besser beschreiben. Wörter werden verkürzt, damit man sie schneller sprechen oder schreiben kann oder man versprachlicht einen Inhalt auf unterschiedliche Weise, um der jeweiligen Situation angemessen zu kommunizieren. Diese drei Aspekte können als Faktoren des Sprachwandels zusammengefasst werden: Innovation, Ökonomie und Variation. Die Variation soll nachfolgend genauer untersucht werden.

2.2 Standardvarietäten

Durch die Faktoren des Sprachwandels entstehen im deutschsprachigen Raum viele verschiedene Varietäten, die sich von der sogenannten ‚Standardsprache‘ absetzen. Die Standardsprache betrachtet bspw. Niehaus (2014) als „eine bestimmte Ausprägung des Sprachgebrauchs, nämlich eine stets öffentliche, geschriebene und distanzsprachliche Form des Deutschen.“9 Die Sprachgeschichtsschreibung untersucht jedoch vor allem die Abweichungen von dieser Standardsprache. Von Polenz (2009) verweist in diesem Zusammenhang auf die verschiedenen Varietäten des Deutschen:

Sprachgeschichte ist nicht nur Stilgeschichte der schönen Literatur und der gepflegten Sprachkultur. Auch andere Stilbereiche müssen berücksichtigt werden, von der Gebrauchsprosa in Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Technik bis zur spontanen Umgangssprache der verschiedenen sozialen Gruppierungen.10

Neben den für diese Arbeit besonders relevanten medialen Varietäten umfasst das Deutsche weitere Varietäten wie z.B. Dialekte, die auf regionalen Unterschieden beruhen, oder Soziolekte, bei denen sich die Sprache unterschiedlicher sozialer Gruppen voneinander unterscheidet. Um behaupten zu können, dass bspw. das Bayrische in geographischer Hinsicht oder die Sprache bestimmter politischer oder religiöser Gruppierungen in soziologischer Hinsicht Varietäten darstellen, muss als sprachliche Referenz ein Standarddeutsch existieren, das nicht mit einem Einheitsdeutsch gleichzusetzen ist, da das Deutsche gerade aufgrund seiner kommunikativen Funktion heterogene Formen annimmt:

Sprachliche Kommunikation funktioniert nicht deshalb, weil es homogene Sprach-Teilgemeinschaften gibt, deren Mitglieder über eine (nahezu) identische Sprachkompetenz verfügen, […], sondern weil Sprecher in der Zeit auf der Basis des Kooperationsprinzips ihr sprachliches Wissen interaktiv synchronisieren.11

Löffler (2004) definiert den Begriff ‚Varietät‘ als „neutrale[n] Terminus für eine bestimmte kohärente Sprachform, wobei spezifische außersprachliche Kriterien Varietäten definierend eingesetzt werden.“12 Die Kriterien für eine Einteilung der verschiedenen Varietäten basieren dabei auf geographischen, sozialen, funktionalen sowie situationellen Aspekten, deren exakte Einordnung im standardsprachlichen System nur schwer zu definieren ist, weil es vor allem im Gesprochenen immer auch Mischformen aus Standard und Varietät gibt. Da bspw. nationale Varietäten, Mediolekte oder Umgangs- und Fachsprachen immer auch Teile des Standarddeutschen enthalten und die Grenzen dazwischen nur unscharf sind, bietet sich zur Veranschaulichung ein Modell an, das als Kontinuum angesehen wird, da so „nicht eine Hierarchie zwischen Standard, Substandard und Nonstandard, sondern eine Überlappung, […]“13 dargestellt wird, die sich viel deutlicher der Sprachwirklichkeit annähert.14 Nachfolgend wird nun auf die Funktion der Sprachökonomie eingegangen, die in vielen Varietäten für einen Wandel der deutschen Sprache sorgt.

[...]


1 vgl. Ernst (2012): Deutsche Sprachgeschichte. S. 18-19.

2 Ebd. S. 29.

3 Denkler et. al. (2008): Frischwärts und unkaputtbar. S. 7.

4 Ebd. S. 7.

5 Moraldo & Soffritti (2007): Deutsch aktuell. S. 9.

6 Nübling (2010): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. S. 1.

7 vgl. Keller (2003): Sprachwandel. S. 93, S. 100-107.

8 vgl. Ernst (2012): Deutsche Sprachgeschichte. S. 25.

9 Niehaus (2014): Kontinuität im Neuhochdeutschen ‚von unten‘ und ‚von oben‘. S. 301.

10 von Polenz (2009): Geschichte der deutschen Sprache. S. 12-13.

11 Schmidt (2004): Die deutsche Standardsprache. S. 280.

12 Löffler (2004): Wie viel Variation verträgt die deutsche Sprache? S. 19.

13 vgl. ebd. S. 21.

14 Für eine genaue Abbildung des Kontinuum-Modells siehe Anhang Abbildung 1.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Mediale Varietäten des Deutschen als Ausdruck ökonomischen Sprachwandels am Beispiel sozialer Netzwerke und Instant Messaging Services
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Sprachgeschichte des Deutschen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V311416
ISBN (eBook)
9783668101319
ISBN (Buch)
9783668101326
Dateigröße
1469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachgeschichte, Varietät, Sprachwissenschaft, Sprachökonomie, historische Sprachwissenschaft, Sprachwandel
Arbeit zitieren
Kevin Salzmann (Autor), 2015, Mediale Varietäten des Deutschen als Ausdruck ökonomischen Sprachwandels am Beispiel sozialer Netzwerke und Instant Messaging Services, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311416

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