Warum lässt Gott Leid zu? Die Theodizeefrage aus verschiedenen Standpunkten

Das Buch Hiob, Ludwig Feuerbach und Herbert Rommel


Seminararbeit, 2015
8 Seiten, Note: 1,0
Laura Smith (Autor)

Leseprobe

Gliederung

I. Warum lässt Gott Leid zu?

II. 1. Eine logische Herangehensweise an das Theodizeeproblem
2. Religionskritischer Ansatz von Ludwig Feuerbach
3. Das Buch Hiob
4. Zeitgemäße theologische Antwortversuche

III. Zusammenschau und Zusammenfassung

IV. Literaturverzeichnis

I. Warum lässt Gott Leid zu?

Warum musste mein Kind sterben? Warum gibt es Naturkatastrophen? Warum werden Kriege geführt? Warum müssen so viele Menschen hungern? Sobald man derartige Fragen nach dem „warum?“, nach dem Sinn des Leidens stellt, drängt sich auch die Frage auf, wie Gott dies zulassen kann. Diese Frage, welche schon die Kulturen der Antike beschäftige, bezeichnete der Philosoph G.W. Leibnitz als Theodizeefrage.

Bereits der frühchristliche Apologet Lactantius formuliert die Problematik, von welcher die Arbeit handeln soll bereits sehr treffend:

„Entweder will Gott die Leiden aufheben und er kann nicht oder er kann und will nicht oder er will nicht und kann nicht oder er will und kann“1.

Viele Atheisten und Agnostiker stützen sich auf diesen Widerspruch, dass es Leiden auf der Welt gibt, obwohl es einen Gott gibt, um an der Existenz Gottes zu zweifeln oder sie gar zu negieren. Wie sich nun die Existenz Gottes angesichts des Leidens in der Welt vielleicht doch rechtfertigen lässt, möchte ich in meiner Seminararbeit aus verschiedenen Standpunkten darstellen.

II.1. Eine logische Herangehensweise an das Theodizeeproblem

Zunächst werde ich mich um eine logische Herangehensweise an die Thematik bemühen. Der Religionspädagoge Herbert Rommel geht davon aus, man könne sich der TheodizeeProblematik nur nähern, wenn spezifische Prämissen erfüllt sind. Ist eine Prämisse nicht erfüllt, würde sich die Frage der Theodizee nicht stellen.

Die erste Voraussetzung ist zunächst die Annahme, dass Übel auf der Welt und somit Leid existieren. Wer das Leid in der Welt nicht als solches wahrnimmt, würde nie auf die Frage nach dem „warum“ des Leids stellen.

Als nächstes muss die Existenz Gottes anerkannt werden. Es spielt jedoch keine Rolle, ob die Existenz Gottes auf eine religiöse Überzeugung zurückzuführen ist, oder nur als Hypothese, also als theoretisches Konstrukt besteht. Beide Ansichten lassen es zu, über Gott zu diskutieren.

Die dritte zu erfüllende Prämisse ist die Vermutung, Gott sei allmächtig. Wäre dies nicht gegeben, würden wir Gott eine Schwäche zuschreiben, was aber auch Lactantius verneinte. Es wäre angemessen, die Allmacht Gottes differenzierter zu betrachten, jedoch auf dieser rein logischen Ebene muss diese Hypothese so stehen gelassen werden. Zuletzt muss dem Gott noch zugesprochen werden er sei gut und handle dementsprechend im moralischen Sinne gut. Demnach steht dieser Gott dem Leid der Menschen nicht gleichgültig gegenüber. An dieser Stelle ist der Einwand berechtigt, dass der Gottesbegriff sehr eng gesehen wird. Hans Mendl würde hier proklamieren: „Ertragt Gott in seiner Weite!“2 Die Reduktion auf einen lieben und guten Gott, was er als „Gottesinfantilisierung“3 bezeichnet, ist gewiss ein unzulängliches Gottesverständnis, ist jedoch für die logischen Argumentationszwecke erforderlich.

Aus der Synthese der vier erörterten Prämissen lässt sich logisch folgender Schluss ziehen: Wenn ein Gott existiert, welchem die Eigenschaften der Allmacht und Güte zugeschrieben werden, dürfte es keine Übel in der Welt geben. Tatsache ist jedoch dass es dennoch Übel in der Welt gibt. Zwischen diesem Ist-Zustand (es gibt Übel auf der Welt) und dem Soll-Zustand (es kann keine Übel auf der Welt geben aufgrund eines allmächtigen und gütigen Gottes) besteht ein Widerspruch. Dies ist die Paradoxie, welche das Theodizeeproblem auf logischer Ebene beinhaltet.4

II.2. Religionskritischer Ansatz von Ludwig Feuerbach

Im folgenden Verlauf möchte ich dialektisch an die Fragestellung herangehen und dabei mit einer Gegenthese zum Gottesglauben beginnen. Ludwig Feuerbachs materialistischer Ansatz sieht die ideelle Welt als Scheinwirklichkeit an, in der das einzig reale das Materielle sei. Somit ist ein Gott nicht existent und man kann lediglich von einer Gottesillusion sprechen. Dies begründet er durch die These, dass der Mensch sich als fehlerhaftes, sündiges, defizitäres Wesen ansieht. Die Vollkommenheit liege in einem anderen Wesen, welches der Mensch selber konstruiert und es Gott nennt. Die Tatsache, dass Jesus Christus für die Menschheit gelitten hat, rechtfertigt den Christen, das eigene Leiden und Elend in Jesus Christus und somit in Gott zu projizieren. Denn von ihm wird Heil und Erlösung erwartet aufgrund seines Leidensweges.5 Gott ist also nichts anderes als eine „psychische Selbstprojektion“6 des Menschen.

Er nennt den Gottesglauben eine „Entzweiung des Menschen mit sich“7, da der Mensch einerseits sich als konkretes Individuum konstruiert und mit den Attributen der Endlichkeit, Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit versieht. Dem gegenüber wird der trinitarische Gott als Projektion konstruiert und mit den Attributen der Unendlichkeit, Vollkommenheit und Heiligkeit versehen. Dies lässt bei Feuerbach die Schlussfolgerung zu, „dass Gott im Denken der Menschen existiertǤ“8

Gehen wir nun konkret auf das Leid ein. Für Feuerbach ist die christliche Religion eine „Religion des Leidens“9. Feuerbach formuliert diese Aussage über das Christentum bewusst eng, da er im Christentum nichts anderes sieht als eine Weltanschauung, welche sich entwickelt hat, um die Bedürfnisse nach Erlösung und Beendigung des Leides zu erfüllen. Im Christentum gibt sich dabei die Möglichkeit, die Leiden in Gott zu projizieren, da dieser ja durch die Passion seines Sohnes selbst am Leid der Menschen teilnahm:

„Gott als Gott ist der Inbegriff aller menschlichen Vollkommenheit, Christus, der Inbegriff alles menschlichen Elends.“10

Feuerbach nähert sich also der Theodizeefrage, indem er nicht untersucht, warum es Leid gibt und wie dies vor einem Gott zu rechtfertigen ist, sondern er untersucht anhand des Leidens die Projektion und Konstruktion eines Gottes.

[...]


1 Laktanz, 47.

2Mendl 63.

3Mendl 73.

4Vgl. Rommel 15-22.

5Vgl. Rommel 59f.

6 Rommel 62.

7Feuerbach 75.

8Vgl. Rommel 65

9Feuerbach 125.

10ebd. 118.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Warum lässt Gott Leid zu? Die Theodizeefrage aus verschiedenen Standpunkten
Untertitel
Das Buch Hiob, Ludwig Feuerbach und Herbert Rommel
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
8
Katalognummer
V311603
ISBN (eBook)
9783668103832
ISBN (Buch)
9783668103849
Dateigröße
1361 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodizee, Allmacht, Gott, Gottesbegriff, Paradox
Arbeit zitieren
Laura Smith (Autor), 2015, Warum lässt Gott Leid zu? Die Theodizeefrage aus verschiedenen Standpunkten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311603

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