Der Reportagebegriff Egon Erwin Kischs. Theorie und Umsetzung


Bachelorarbeit, 2014

55 Seiten, Note: 2,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0) Einleitung: Das Wesen der Reportage und Kischs Prägung dessen

1) Reportage als journalistische Darstellungsform

2) Egon Erwin Kisch - der rasende Reporter

3) Kischs Reportagetheorien (nach Siegel)
3.1. 1918 bis 1925
3.1.1) Tendenzlosigkeit
3.1.2) Echtestes Berlin W
3.1.3) Das ist ein Leben!
3.2. 1926 bis 1932
3.2.1) Politisierung und Parteinehmen
3.2.2) Berlin bei der Arbeit
3.2.3) Hollywood ohne Schminke
3.3. 1933 bis 1947
3.3.1) Literarisierung
3.3.2) Drei Viertel des Vierjahresplanes
3.3.3) Mord, Mord und Wiederum Mord, zehn Jahre lang

4) Reportage als literarische Darstellungsform

5) Fazit: Kischs Kunst der Umsetzung

6) Literaturverzeichnis 50

0) Einleitung: Das Wesen der Reportage und Kischs Prägung dessen

Die journalistische Darstellungsform der Reportage stellt eine der interessantesten dar. Durch sie scheint sowohl der Autor als auch der Leser direkt am Geschehen beteiligt. Jemand, der im Zusammenhang mit der Reportage besonders oft genannt wird, ist Egon Erwin Kisch. In der vorliegenden Arbeit wird ein genauerer Blick auf diesen Autor, sein Schaffen und seine Prägung der Gattung ‚Reportage‘ geworfen. Dazu sind anfangs die Merkmale einer ‚klassischen‘ Reportage, wie sie als journalistische Darstellungsform allgemein definiert werden kann, bestimmt. Weiterhin folgt ein kurzer Abriss über Kisch´s Leben, um seine Persönlichkeit und verschiedene Stationen jenes bestimmen zu können. Diese wirken sich direkt auf seine Arbeit aus und bieten deshalb eine Grundlage zur thematischen Einordnung seiner Reportagen.

Im Hauptteil der Arbeit werden die Reportagetheorien Egon Erwin Kischs erläutert. Hiervon gibt es drei, welche er auch im Bezug auf seine eigenen Reportagen aufgestellt hat. Für ihre zeitliche Einordnung in das Schaffen des Autors, wird sich nach der Darstellung Christian Siegels gerichtet, da sie biografisch nachvollziehbar ist. Er teilt das Schreiben Kischs in die Jahre 1918 bis 1925, 1926 bis 1932 und 1933 bis 1947. Zu jeder der erwähnten Theorien folgen zwei Reportagen. Diese werden nach deren Merkmalen analysiert. So wird „Echtestes Berlin W“, erschienen am 22.01.19221, und „Das ist ein Leben“, veröffentlicht im April 19242angeführt, welche in die erste Schaffensperiode eingeordnet werden können. Es folgen, stellvertretend für die zweite Phase, „Berlin bei der Arbeit“ (26.06.19273), und „Hollywood ohne Schminke“ (19294). Bezugnehmend auf den dritten Zeitraum des Wirkens, wird auf „Drei Viertel des Vierjahresplanes“, (1.02.19365), und „Mord, Mord und Wiederum Mord, zehn Jahre lang“ (19436) geblickt. Besonders betrachtet werden hierbei die Tendenzlosigkeit der Reportagen und die Anschauung in der Darstellung.

Abschließend wird sich mit der Diskussion um die Literarizität der Reportagen Kischs beschäftigt. Hierbei geht es um die Frage, ob die Reportage tatsächlich nur eine journalistische Darstellungsform sei oder auch zu den literarischen zählen kann.

1) Reportage als journalistische Darstellungsform

Zu den journalistischen Darstellungsformen zählt unter anderem die Reportage. Sie definiert man mehr gestalterisch als inhaltlich.

„Nachdem es im Journalismus in erster Linie darum geht, in Form von Neuigkeiten und Sensationen über den aktuellen Zustand der Welt zu berichten, wird diese Leistung bei einer journalistischen Betrachtungsperspektive auch von einer Reportage erwartet.“7

Doch welche Themen behandelt werden, ist freigestellt. Oft handelt es sich aber um sozial brisante. „Als eine journalistische Darstellungsform hat die Reportage eine Informationsfunktion zu erfüllen.“8

Dies soll durch verschiedene gestalterische Mittel geschehen. Bei der Reportage geht es vor allem um die Faktizität und die Authentizität.9Der Autor übermittelt als Referent der Wirklichkeit das Geschehen verständlich für den Leser. Informationen sollen wirkungsvoll präsentiert werden. Hierbei spielt die Glaubwürdigkeit eine große Rolle. Der Wahrheitsgehalt der Reportage ist im besten Falle prüfbar. „Fakten, d.h. nicht bestreitbare Informationen, stellen die Grundlage journalistischer Texte dar.“10Dies schließt eine gewisse Anschaulichkeit nicht aus. „Reportagen müssten nicht nur informieren und enthüllen, sondern auch unterhalten.“11Die bildliche Erzählweise kann jedoch auch die Augenzeugenschaft hervorheben, welche als Merkmal der Reportage gilt. Explizite persönliche Empfindungen sollen jedoch aus der Reportage ausgeschlossen sein oder sind offensichtlich als solche kenntlich zu machen.

„Dadurch dass die Sprache Voraussetzung allen Denkens und Handels ist, erfährt der Anspruch auf Faktizität eine Relativierung. Auch der Umstand, dass Informationen erst dadurch zu Fakten werden, dass sie das Subjekt als solche wahrnimmt, stellt die Existenz objektiv erfassbarer Fakten grundsätzlich in Frage.“12

Beim Schreiben liegt jedoch die Subjektivität hinter einer objektiven Perspektive. Dies bezieht sich auf eine möglichst sachliche Schilderung ohne ausdrückliche Stellungnahme. „Anzustreben ist in der Darstellung eine Wahrscheinlichkeitskurve zwischen dem Ermittelte Bachelorarbeit, Anne-Marie Holze und dem Kombinierten.“13So steht der Reporter im Dienste der Wirklichkeit und versucht sie zu vermitteln. Hierbei stellt das persönlich Erlebte die Basis der Erfahrung dar. Deshalb ist ein gewisser Grad an Subjektivität nicht auszuschließen. Die persönliche Wahrnehmung gibt Zusammenhänge zwischen Gesehenem vor, welches hier als ‚Kombiniertes‘ bezeichnet wurde. Es muss trotzdem versucht werden, möglichst objektiv bei den Tatsachen zu bleiben. Der Autor soll diese so beschreiben, wie sie auch andere wahrgenommen haben könnten. Er nimmt „Bezug auf eine sozial verbindliche Wirklichkeit.“14 So meint auch Egon Erwin Kisch:

„Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen und hat keinen Standpunkt. Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangene Zeugenschaft zu liefern, so verläßlich [sic!], wie sich eine Aussage geben läßt [sic!].“15

Der Autor einer Reportage ist bestrebt, „Umstände und Begebenheiten um ihrer selbst willen aus eigenem Augenschein wahrheitsgemäß darzustellen.“16

Durch diese Ansicht, dass der Reporter nur dem Willen zur Sachlichkeit und der Wahrheit untersteht, muss er alle Fakten richtig darstellen. Diese können und sollen im besten Fall auch empirisch nachprüfbar sein. Hierdurch ist der Autor der Texte einer Öffentlichkeit ausgesetzt, welche ihn auch kritisieren kann. Hierzu Kisch:

„Bei aller Künstlerschaft muß [sic!] er Wahrheit, nichts als Wahrheit geben, denn der Anspruch auf wissenschaftliche, überprüfbare Wahrheit ist es, was die Arbeit des Reporters so gefährlich macht, gefährlich nicht nur für die Nutznießer der Welt, sondern auch für ihn selbst, gefährlicher als die Arbeit des Dichters, der keine Desavouierung und kein Dementi zu fürchten braucht.“17

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Reportage als journalistische Darstellungsform besonders durch die sachliche Schreibweise und den Zwang zur Wahrheit gekennzeichnet ist. Der Reporter verpflichtet sich durch die Wahl des Genres, Erlebtes so wieder zu geben, wie es geschah. Subjektive Eindrücke sollen hinter dem objektiven Ausdruck stehen. Dies liegt auch im eigenen Interesse des Schreibers, da er der öffentlichen Kritik ausgesetzt ist, sollte er sich nicht an die Wirklichkeit halten.

Diese Punkte werden auch immer wieder vom hier schon zitierten Reporter Egon Erwin Kisch angesprochen, welcher mit seinen Reportagen berühmt wurde.

2) Egon Erwin Kisch - der rasende Reporter

„Einhellig gilt Egon Erwin Kisch18 als der Prototyp des Reporters.“19 Er wurde am 29.04.1885 in Prag geboren. Seine Eltern gehörten zum deutsch-jüdischen Bürgertum. Der Vater stirbt im Jahr 1901 und hinterlässt die Mutter mit fünf Söhnen. Egon Erwin Kisch fängt ein Jahr später an, zu studieren, meldet sich nach zwei Semestern aber freiwillig zum einjährigen Militärdienst. Hier schreibt der 17-Jährige seine ersten Gedichte. Diesen Dienst abgeschlossen, beginnt er 1905 ein Volontariat beim „Prager Tagblatt“ und besucht gleichzeitig eine private Journalistenschule in Berlin. Dies ist sein erster langer Aufenthalt in Deutschland. Bis 1913 ist Kisch als Reporter bei der Prager Tageszeitung „Bohemia“ tätig. Es folgen Reisen nach England und an die Balkanfront. Am Ende dieses Jahres nimmt der Schriftsteller eine Stelle beim „Berliner Tageblatt“ und als Dramaturg am Künstlertheater Berlin an. Schließlich bricht jedoch der Erste Weltkrieg aus und der Autor wird an die serbische Front verlegt, wovon er eine Verletzung davonträgt. Im Jahr 1916 bekommt Kisch wegen verbotener Berichterstattung zehn Tage lang Arrest. Auch hier ist er schon ein Verfechter der bedingungslosen Wahrheit. Ein Jahr später kommandiert man Egon Erwin Kisch ins Kriegspressequartier nach Wien ab. Er gehört hier der Redaktionsgruppe an. Aufgrund dessen wird der Reporter in den nächsten Jahren viele Reisen nach Polen oder auch an die Westfront unternehmen. Politisch betrachtet ist er noch im Jahr 1918 führendes Mitglied des illegalen Arbeiter- und Soldatenrates, Gründungsmitglied der anarchistischen „Föderation Revolutionärer Sozialisten ‚Internationale‘“ (FRSI) und wird zum Kommandanten der neu gegründeten „Roten Garde“ in Wien gewählt. Wenig später tritt Kisch als Führer der „Roten Garde“ zurück und aus der „FRSI“ und der Redaktion des „Freien Arbeiters“ aus. Er ist dann bei der linksbürgerlichen Tageszeitung „Der neue Tag“ angestellt. Aufgrund der Tätigkeit für die „Kommunistische Partei Deutsch-Österreich“ wird Kisch 1920 aus Wien ausgewiesen, zieht wieder nach Prag und schließlich nach Berlin zurück. In Prag arbeitet er an der „Revolutionären Bühne“ mit, in Berlin gründet er eine avantgardistische. Als Hitler Führer der NSDAP wird, schreibt Kisch seine ersten Theaterstücke und sammelt Arbeiten für das Werk „Klassischer Journalismus“. Er verfasst also nicht nur selbst Texte, sondern beginnt damit, über solche zu reflektieren und zu urteilen. 1924 erscheint sein Reportageband „Der rasende Reporter“. Seit dem haftet ihm dieser Titel als Pseudonym an. Nachdem Kisch im selben Jahr dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ beigetreten ist, reist er - als Mitglied der KPD 1926 schließlich auch in die Sowjetunion. Diese Reise wird sich in seinem Wirken niederschlagen. Wieder in Berlin angekommen, engagiert er sich gegen das „Schmutz- und Schundgesetz“ und dessen Folgen. Kommunistische Zeitungen drucken Kischs Reportagen ab. Seine Reisen durch Amerika und China inspirieren ihn zu neuen Texten, welche alle kommunistischen Inhalts sind. 1933 kehrt Egon Erwin Kisch von seiner China-Reise zurück und wird einen Tag nach dem Reichstagsbrand verhaftet. Er wird in Spandau festgehalten, schließlich nach Prag abgeschoben und flieht nach Paris ins Exil. Der Reporter verfasst Artikel über seine Situation und tritt für die Wahrheit, auch über den Reichstagsbrand, ein. Kisch sagt vor dem „internationalen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung des Reichstagsbrandprozesses“ in London aus. Er arbeitet aktiv im antifaschistischen Widerstand mit. Dies kommt auch in seinen Texten zum Ausdruck. 1934 tritt der Autor auch als Redner bei der Eröffnung der „Deutschen Freiheitsbibliothek“ in Paris an. Er reist ebenfalls als Delegierter des „Weltkomitees gegen Krieg und Faschismus“ zum antifaschistischen Kongress nach Melbourne. Da der junge Mann aber Aufenthaltsverbot bekommt, springt Kisch vom Schiff und erzwingt sich Aufenthalt in Australien. Auch ein Jahr später tritt er aktiv gegen den Faschismus ein. Egon Erwin Kisch spricht neben Heinrich Mann als Repräsentant der deutschen Delegierten zum „1. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“. Weiterhin wird er mit seinen Schriften versuchen gegen Hitler vorzugehen. In den folgenden Jahren unternimmt Kisch verschiedene Reisen nach Paris und Spanien. Auch am „2. Internationalen Schriftstellerkongress“ nimmt er teil. Überall tritt der Reporter für die Freiheit ein und arbeitet mit anderen Exilanten zusammen. 1939 muss er schließlich aus Paris nach Mexiko fliehen. Hier engagiert sich der Autor politisch, arbeitet 1941 bis 1946 an der Bewegung „Freies Deutschland“ mit und auch an der gleichnamigen Zeitschrift. Ebenso bewegt das Leben in Mexiko Kisch zum Schreiben. Im Jahr 1944 werden zwei seiner Brüder im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet. Nach der Kapitulation Deutschlands kehrt Kisch aus dem Exil nach Prag zurück. Dort verstirbt er nach kurzer Krankheit im Alter von 62 Jahren.

Sein ganzes Leben widmete sich Kisch dem Schreiben und versuchte, ihm einen politischen Sinn zu geben. Immer spielte für ihn die Wahrheit eine große Rolle. Diese hat am Anfang seines Berufslebens tendenzlos zu erscheinen, später kann sich aber an seinen politischen Standpunkt angepasst sein. Diesen Werdegang gilt es in den folgenden Kapiteln zu belecuchten. Der Reporter berichtete aus sozial schwachen Milieus oder widmete sich auch den Geächteten oder Verstoßenen. Seine Reisen ermöglichten ihm einen weiten Blick auf das Geschehen, seine Mitgliedschaften in politischen Organisationen auch die Chance, Einfluss zu nehmen. Durch sie war er als „rasender Reporter“ bekannt. Mit der Veränderung der Machtverhältnisse in Deutschland und deren Konsequenzen, wurde auch seine Tätigkeit intensiver und offensichtlicher. So oft es ging, wählte Egon Erwin Kisch dabei den Weg des mündlichen Kampfes für die Freiheit der Menschen, der Meinung und der Kultur.

3) Kischs Reportagetheorien (nach Siegel)

Egon Erwin Kischs journalistisches und literarisches Schaffen zieht sich durch seine gesamte Biografie. Nach der Aufstellung Christian Siegels von 1973 gliedert sich dieses in drei Phasen.20Er beginnt seine Einteilung im Jahr 1918, da hier Kischs Karriere in der Weimarer Republik anfängt. Die erste Phase dauert bis zum Jahr 1925. Siegel bezeichnet sie als Phase der Tendenzlosigkeit. Die darauffolgende wird von 1926 bis 1932 datiert. Ausschlaggebend ist die Sowjetunionreise. Hier werden Kischs Reportagen literarischer und gehen in eine politischere Richtung. Sein Parteinehmen, auch im Sinne des Kommunismus, wird deutlicher. Die dritte und letzte Phase verläuft von 1933 bis 1947, also bis zum baldigen Tod des Autors. Hier verlässt Egon Erwin Kisch den Weg seiner anfangs aufgestellten Reportagetheorien.

Der Einteilung Siegels werden Kischs Theorien zum Verfassen einer Reportage zugeordnet und ebensolche Schriften nach den inhaltlichen und gestalterischen Anhaltspunkten analysiert, vor allem aber der Bezug zur Tendenz und Anschaulichkeit betrachtet.

3.1. 1918 bis 1925

3.1.1) Tendenzlosigkeit

Bevor man die aufgestellte Reportagetheorie21 Kischs darstellen kann, ist zu erwähnen, dass er diese auch immer auf seine eigenen Reportagen anzuwenden gedachte. Das heißt, dass sie auch im Nachhinein entstanden sein könnte, als der Autor seine eigenen Reportagen analysierend betrachtete. Auch nach dem Aufstellen des Gerüstes, kann er sein Arbeiten daran ausrichten oder eben umdeuten. Dies könnte Folgendes relativieren und auch die Analyse kritisch ausfallen lassen.

Seine Theorie aufstellend, versuchte Kisch die für ihn wichtigsten Merkmale einer guten Reportage herauszukristallisieren.

„Dokumentarische Wahrheit und Wichtigkeit waren für Kisch die entscheidenden Kriterien der Bewertung von Reportagen und Reportern, aber auch Interessantheit, Fülle des empirischen Materials, Erlebniskräftigkeit.“22

Dies alles bezieht sich aufeinander. Der Reporter ist jemand, der an Ort und Stelle des Geschehens zu sein hat. Das Präsent-Sein soll sich nun auch in seiner Reportage wiederfinden. Damit ist gemeint, dass er sich jedes Detail des Geschehens merkt und verinnerlicht. Es geht hier um die „Bindung an beobachtbare Wirklichkeit […].“23 Thematisch favorisiert Kisch „Milieustudien, […] worunter man sich wohl ein Verfahren vorstellen kann, bei dem der Autor empirisch beobachtbares Lebensmaterial […]“24auswählt. Der Autor möchte in seinen Reportagen den Blick auf bestimmte Zielgruppen legen. Die einfache Beobachtung und Darstellung dieser kann für den Leser aufschlussreich sein. Hierbei kommt es auf Genauigkeit an. „Vom Entwurf einer politisch orientierten Reportage, einer im revolutionären Sinne eingreifenden Literatur war sie weit entfernt.“25Hier geht es um die Menschen. Kisch stellt hier noch die Alltäglichkeit vor die Politik. „Der Reporter hat das Bestimmende in den beschriebenen Sachlagen zu finden und er hat die Sachlage zu finden, die im Wissen der Menschen eine bestimmte Rolle spielen sollten.“26Er muss also ein Gespür entwickeln, was für die Leser wichtig sein könnte. „Der Reporter muss aufschlußreiche [sic!] Sujets wählen, und er muß [sic!] an ihnen Aufschlussreiches entdecken […].“27Der Autor bearbeitet sein Material dann so, dass aus ihm inhaltlich gewonnen werden kann. Der Leser erfährt so Gegebenheiten, die er auch selbst gesehen haben könnte.

Wenn also nun der Reporter dieses Material für seine Reportagen aufarbeiten will, muss er sich an die Wirklichkeit halten. „Kisch fordert hier vom Schreiber unbefangene Zeugenschaft.“28Er soll ohne eine eigene Tendenz von der Wahrheit berichten. „[D]ie Tendenz wird als eine Beziehung definiert, in der das Subjekt den unmittelbaren Kontakt zu den Tatsachen verloren hat.“29 Diese sind jedoch für Kisch das Wichtigste in der Ausarbeitung. Die Reportage hat auf Fakten zu gründen. Diese dürfen nicht verschönert oder verschleiert werden. Die Realität ist abzubilden.

„Nach Kisch ist also Reportage ein Bericht aus der Wirklichkeit; je exakter in ihm die Wirklichkeit widergespiegelt wird, je gründlicher ihre Gesetzmäßigkeiten bloßgelegt, je wichtiger die Ausschnitte werden, die der Bericht erfaßt [sic!] - desto besser ist die Reportage.“30

Jene Wirklichkeit soll so wiedergegeben werden, dass sie einen dokumentarischen Charakter besitzt und in jedem Falle empirisch nachprüfbar wäre. „Vor allem war [Kisch] als Vertreter der Neuen Sachlichkeit ein Anhänger der dokumentarischen, empirischen, sachlichen Methode der Berichterstattung.“31Der Autor steht im Dienst des Lesers. Er schreibt für ihn. Es geht ihm um „dokumentarische Wahrheit, der Übereinstimmung mit einem konkreten Stück Wirklichkeit.“32Das tatsächlich Erlebte soll betrachtet werden.

„Die Macht der Fakten verbietet ein willkürliches Vorgehen, etwa derart, daß [sic!] der Reporter nach Belieben über deren Anordnung, Abhängigkeit voneinander und Gewichtung befinden könnte. Vielmehr muß [sic!] er mit Hilfe der logischen Phantasie durch seine Darstellungsweise die leblosen Fakten als aufeinander bezogen erkennbar werden lassen.“33

Die Arbeit des Reporters ist es also, die Fakten so darzustellen, dass der Leser sich das Geschehene auch vorstellen kann. Kisch führt hier zudem den Begriff der ‚logischen Phantasie‘ ein. Hiermit meint er die Verknüpfung der Tatsachen. „[M]it Hilfe der logischen Phantasie gelingt es dem Reporter, die Lücken zwischen den bekannten und gesehenen Tatsachen zu füllen, es ist die Fähigkeit des synthetischen Denkens.“34Dieses soll jedoch ebenfalls auf der Wirklichkeit gegründet sein. Dass der Autor nicht jeden Fakt des Geschehens erfassen kann, erlaubt ihm, das Gesehene zusammen zu setzen. „Die Darstellung hat Wirklichkeitscharakter, ist eine Hypothese zu den Zusammenhängen der beobachtbaren Realität.“35Auch hier gilt aber der Bezug zur Wahrheit. Die Verknüpfungen sind nicht willkürlich zu treffen. „Tendenzlos will der Reporter sein“36, auch in diesem Punkt. Kisch ist „gegen einen Ästhetizismus, der das Phantasieprodukt favorisiere, gegen eine journalistische Hierarchie, an deren Spitze Leitartikel und Feuilletons standen und gegen einen Zeitungspragmatismus, die die Lüge in Kauf nahm oder sogar verlangte.“37

Für ihn sollte alles wahr sein. Der Reporter schien dies dem Leser zu schulden. „An sich ist immer die Arbeit des Reporters die ehrlichste, sachlichste, wichtigste.“38Diese Position hat der Autor unbedingt einzunehmen.

„Zu Beginn seiner Karriere verfolgt Kisch in erster Linie noch ein auf einer ausführlichen Recherche basierendes Programm der Sachlichkeit und Empirie […]. Damit einher geht auch Kischs Einstellung gegenüber der Politik, welche zunächst noch relativ gemäßigte Züge aufweist.“39

Der politische Standpunkt erscheint hier als noch nicht so wichtig.

Als Problem könnte nun betrachtet werden, dass schon die Auswahl von Szenen, Zitaten oder auch die Montage der Fakten als Kommentar angesehen würden.40Dies ist als „Reproduktion durch Produktion“41 zu bezeichnen. Diese Produktion könnte für Kisch als problematisch angesehen werden. Kisch meint aber, dass dies allein noch kein Standpunkt ist. Der Autor muss, um die Wahrheit erzählen zu können, automatisch auswählen. „Objektivität kann insofern für die Reportage nur bedeuten, daß [sic!] der Autor nicht in unmittelbares Kommentieren verfällt.“42Indem er das offensichtliche Kommentieren unterlässt und sich an die Wahrheit hält, steht er im Dienst der Reportage. „Der Standpunkt des Reporters ist also durch den unmittelbaren Kontakt zu seinem Material […] charakterisiert.“43Dies kann er wohl nicht ausschließen.

Inwiefern nun Kisch seiner eigens aufgestellten Reportagetheorie in seinen Ausführungen nachgeht, soll an den Reportagen „Echtestes Berlin W“ und „Das ist ein Leben“ nachvollzogen werden.

3.1.2) Echtestes Berlin W

In der Reportage „Echtestes Berlin W“ versucht Egon Erwin Kisch die Seiten Berlins aufzuzeigen, die für ihn bedeutend sind. Dies kann man auch als Milieustudie bezeichnen, da er eine bestimmte Stadt mit seinen Einwohnern betrachtet. Sein, in der Theorie proklamierter, thematischer Schwerpunkt ist dadurch vertreten. „Damit bezieht Kisch auch die gesellschaftliche Rolle der Reportage, die sein eigenes Schaffen ja schon praktisch bestimmt, in seine Überlegungen ein.“44Er teilt seinen Text in drei Teile: „Weihnachtsfreude“45, „Berliner Heimatkunst“46und „Die Einkäufe der Berlinerin“47.

Im ersten Teil „Weihnachtsfreude“ geht es um eine Familie in der Weihnachtszeit und deren Vorbereitungen. Der Titel wird sich im Laufe des Textes noch als Ironie herausstellen. Geschrieben ist die Reportage wie üblich im Präsens, was den berichtenden Charakter unterstreicht. Der Leser vollzieht die vorliegenden Taten mit den Personen im Text. Dies erweckt den Eindruck der Unmittelbarkeit und Wahrheit des Geschehens.

„Kischs allergisches Verhalten gegenüber dem fiktiven Text resultiert aus seinem Verständnis von ‚Erlebnisfähigkeit‘: die sich an den Fakten schärfende Sensibilität zielt auf den gereizten Leser, der sich in gleicher Intensität wie der Reporter das Material aneignen soll.“48

Unterstrichen wird dies durch die eingefügte wörtliche Rede schon am Anfang der Ausführung: „‘Kaufen Sie einen Weihnachtsbaum um fünfundsiebzig Mark und besorgen Sie den Christbaumschmuck im Kaufhaus.‘“49Dies wirkt authentisch. An dieser Stelle tritt auch das erste Mal das Wort „Jawollja.“50auf. Hier kann es noch als Antwort der Haushaltshilfe, welche den Weihnachtsbaum besorgen soll, gedeutet werden. Im Folgenden sind minutiös die Eckdaten des Baumes beschrieben: „1,45 hoch, 23 Zweige; Preis 75 Mark.“51 Diese Genauigkeit Kischs in seinen Texten verleiht diesen ebenfalls den wirklichen Charakter. Auffallend ist jedoch schon hier in den ersten Zeilen des Textes, dass weder der Name der Hausfrau noch des Mädchens genannt wird. Das Gleiche gilt für die Benennung des „Warenhauses.“52So steht der Mensch im Mittelpunkt, es wird nicht durch genaue Identitäten abgelenkt. Jeder kann sich damit identifizieren. Die Geschichte steht exemplarisch für jeden. Eine Verallgemeinerung auf das Milieu ist möglich. Die Spezifizierung auf Berlin erfolgt zum Beispiel dann durch den Dialekt des Verkäufers in seinem Vorschlag für den Schmuck des Baumes: „Da brauchense vierzehn Glühlämpchen. Wo wohnen Sie? Charlottenburg? Also Dreier-Stechkontakt. Wird morjen früh anmontiert.“53Auch dies trägt zur Identifizierung des Lesers bei und macht die Geschichte echt. Ebenso zeigt die Antwort des Verkäufers eine gewisse Routine. Sie erweckt den Eindruck einer Alltäglichkeit. Seine Einschätzung wird weder von dem Mädchen in der Geschichte, noch vom Leser in Frage gestellt. Auch jener nimmt sie als gegeben hin. Dies ist durch die immer wiederkehrende Genauigkeit unterstützt. Es ist klar, dass es ein „Goldstern Nr. 3“54oder ein „Weihnachtsengel Nr.3“55sein soll, und dass das „Weihnachtsbaum-Postament“56die Nummer „DRP 722 411“57hat. Kisch vermittelt dem Leser so den Eindruck, als könne er das Geschriebene gar nicht mehr anzweifeln. Als der Verkäufer nun dem Mädchen Grammophonplatten anbietet und sie „‘Stille Nacht, heilige Nacht‘ und ‚Christ ist erstanden‘.“58 wünscht, wird wieder das Wort „Jawollja.“59 hinzugefügt. Hier kann es nun nicht als Kommentar des Mädchens interpretiert werden. Der Autor scheint zu intervenieren. Dies passiert jedoch ganz diskret ohne Ausführungen. Trotzdem kann dieses Wortes nicht ganz ernst gemeint sein. Eine Ironie des Bejahens klingt an, in welches sich der Leser zu dem Mädchen reiht. Im Folgenden ist beschrieben, wie der Weihnachtsbaum geliefert und alles so montiert wird, wie vorgeschlagen. Auch dies geschieht präzise: „[…] montiert die vierzehn kleinen Glühbirnen ein, schlingt die zwanzig Meter Silberlametta um die Zweige, steckt den Weihnachtsengel Nr. 3 auf die Spitze, hängt die drei Dutzend goldbemalten Nüsse auf […].“60Dieses sachliche Erzählen ist hier auf die Spitze getrieben, sodass auch das als Ironie angesehen werden kann, welche die Sinnlosigkeit oder Übertreibung des Weihnachtsbrauchs unterstreicht. „Dadurch wird der Wirklichkeitseindruck noch intensiviert und zugleich durch die beflügelte Leichtigkeit der lastenden Erdenschwere erhoben.“61Kisch ist hier wieder als Autor zu erkennen, jedoch indirekt durch seine Schreibweise zwischen den Zeilen.

[...]


1Vgl. Kisch, Egon Erwin: Mein Leben für die Zeitung. 1906 - 1925. Journalistische Texte 1. 2. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag 1993. S. 500.

2Ebd.

3Vgl. Kisch, Egon Erwin: Mein Leben für die Zeitung. 1926 - 1947. Journalistische Texte 2. 2. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag 1993. S. 535.

4Vgl. Ebd. S. 540.

5Vgl. Ebd. S. 546.

6Vgl. Ebd. S. 549.

7Kostenzer, Caterina: Die literarische Reportage: über eine hybride Form zwischen Journalismus und Literatur. Innsbruck: Studien-Verlag. 2009. S. 110.

8Ebd.. S. 107.

9Vgl. Ebd. S. 87-93.

10Ebd. S. 108.

11Siegel, Christian: Die Reportage. Stuttgart: Metzler. 1978. S. 122.

12Kostenzer, Caterina (wie Anm. 7). S. 108.

13Siegel, Christian (wie Anm. 11). S. 124.

14Kostenzer, Caterina (wie Anm. 7). S. 110.

15Kisch, Egon Erwin: Der rasende Reporter. Berlin: Aufbau-Verlag. 1995. S. 7.

16Kisch, Egon Erwin: Soziale Aufgabe der Reportage. In: Kisch, Egon Erwin: Mein Leben für die Zeitung. 1926

- 1947. Journalistische Texte 2. 2. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag 1993. S. 9.

17Kisch, Egon Erwin: Reportage als Kunstform und Kampfform. In: Kisch, Egon Erwin: Mein Leben für die Zeitung. 1926 - 1947. Journalistische Texte 2. 2. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag 1993. S. 399-400.

18Vgl. Schanne, Karin: Anschläge: der rasende Reporter Egon Erwin Kisch. Stuttgart: Klett. 1983. S. 192-203.

19Schütz, Erhard: Reporter und Reportagen: Texte zur Theorie und Praxis der Reportage der 20er Jahre. Ein Lesebuch. Giessen: Achenbach. 1974. S. 10.

20Vgl. Ceballos Betancur, Karin: Egon Erwin Kisch in Mexiko: die Reportage als Literaturform im Exil. Frankfurt am Main: Lang. 2000. S. 34.

21Vgl. Schlenstedt, Dieter: Egon Erwin Kisch: Leben und Werk. Berlin: Volk und Wissen. 1985. S. 203-216.

22Schlenstedt, Dieter (wie Anm. 19). S. 214.

23Ebd. S. 205.

24Ebd. S. 204.

25Ebd. S. 206.

26Ebd. S. 209.

27Ebd. S. 209.

28Ceballos Betancur, Karin (wie Anm. 20). S. 39.

29Siegel, Christian: Egon Erwin Kisch: Reportage und politischer Journalismus. Bremen: Schünemann. 1973. S. 97.

30Schlenstedt, Dieter: Die Reportage bei Egon Erwin Kisch. Berlin: Rütten & Loening. 1959. S. 23.

31 Bleicher, Joan Kristin: Grenzgänger: Formen des New Journalism. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 2004. S. 109.

32Schlenstedt, Dieter (wie Anm. 21). S. 205.

33Siegel, Christian (wie Anm. 29). S. 91.

34Prokosch, Erdmute: Egon Erwin Kisch: Reporter einer rasenden Zeit. Bonn: Keil. 1985. S. 136.

35Schlenstedt, Dieter (wie Anm. 21). S. 207.

36Ebd. S. 212.

37Ebd. S. 203.

38Kisch, Egon Erwin: Wesen des Reporters. In: Schütz, Erhard: Reporter und Reportagen: Texte zur Theorie und Praxis der Reportage der 20er Jahre. Ein Lesebuch. Giessen: Achenbach. 1974. S. 40.

39Kostenzer, Caterina (wie Anm. 7). S. 72-73.

40Vgl. Ceballos Betancur, Karin (wie Anm. 20). S. 25.

41Schlenstedt, Dieter (wie Anm. 21). S. 207.

42Ceballos Betancur, Karin (wie Anm. 20). S. 25.

43Siegel, Christian: Egon Erwin Kisch (wie Anm. 29). S. 98.

44Schlenstedt, Dieter (wie Anm. 30). S. 36.

45Kisch, Egon Erwin: Echtestes Berlin W. In: Kisch, Egon Erwin: Mein Leben für die Zeitung. 1926 - 1947. Journalistische Texte 2. 2. Auflage. Berlin: Aufbau-Verlag 1993. S. 434.

46Ebd. S. 435.

47Ebd. S. 436.

48Siegel, Christian (wie Anm. 29). S. 112.

49Kisch, Egon Erwin (wie Anm. 45). S. 434.

50Ebd.

51Ebd.

52Ebd.

53Ebd.

54Ebd.

55Ebd.

56Ebd.

57Ebd.

58Ebd.

59Ebd.

60Ebd. S. 434-435.

61Utitz, Emil: Egon Erwin Kisch: der klassische Journalist. Berlin: Aufbau-Verlag 1956. S. 121.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Der Reportagebegriff Egon Erwin Kischs. Theorie und Umsetzung
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Abschlussarbeit
Note
2,6
Autor
Jahr
2014
Seiten
55
Katalognummer
V311632
ISBN (eBook)
9783668103979
ISBN (Buch)
9783668103986
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reportagebegriff, egon, erwin, kischs, theorie, umsetzung
Arbeit zitieren
Anne-Marie Holze (Autor), 2014, Der Reportagebegriff Egon Erwin Kischs. Theorie und Umsetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311632

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