Emotionalität als Einflussparadigma im Sprecherwechsel. Serdar Somuncu bei Markus Lanz


Hausarbeit, 2012
15 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0) Der Sprecherwechsel als Untersuchungsfeld in der Gesprächsanalyse

1) Die Konventionen des Sprecherwechsels

2) Emotionalität und Sprecherwechsel
2.1) Serdar Somuncu bei Markus Lanz
2.2) Auftretende Probleme beim Sprecherwechsel
2.2.1) Das Simultansprechen
2.2.2) Fehlkoordinationen

3) Emotionalität als Faktor der Gesprächsanalyse

Anhang:

4) Literaturverzeichnis

5) Medienverzeichnis

6) Transkription

0) Der Sprecherwechsel als Untersuchungsfeld in der Gesprächsanalyse

Das Feld der linguistischen Pragmatik beschäftigt sich mit der Analyse von Texten und Gesprächen. Möchte man eine Gesprächssituation zweier oder mehrerer Agierender untersuchen, kann man auf verschiedene Aspekte wert legen bzw. als Analyseschwerpunkte betrachten. Neben der Themengestaltung, der expliziten Mimik und Gestik oder der Bedeutung von sozialen Bindungen ist ein bedeutender Prozess der des Sprecherwechsels. Mögen manche Unterhaltungen auf den ersten Blick als unkoordiniert oder durcheinander erscheinen, so sind auch diese meist strukturiert. Gesprächspartner geben sich bewusst oder unbewusst konventionalisierte und durch die Sozialisation erlernte Signale, die das Gegenüber zum Sprechen oder auch zum Schweigen animieren. Trotz diesen kommt es oft vor, dass sich Gesprächspartner ins Wort fallen und wieder verstummen, Redebeiträge simultan ablaufen oder sie sich gegenseitig unterbrechen. Hierbei stellen sich die Fragen, welche Ursache hier zugrunde liegt und welche Störgrößen möglicherweise einen reibungslosen Sprecherwechsel verhindern. Ein Aspekt könnte ein emotional aufgeladenes Thema sein, welches die Gesprächspartner zu ebenso emotionalen Redebeiträgen veranlasst und aufgrund einer Meinungsverschiedenheit eine Diskussion provoziert, welche die Konventionen eines Gesprächs dem Überzeugen des Anderen unterstellen. Als Untersuchungsfeld der vorliegenden Arbeit möchte ich somit die Emotionalität in Gesprächen definieren und deren Auswirkungen auf den Sprecherwechsel untersuchen.

Für die Umsetzung entschied ich mich exemplarisch für eine Analyse des Auftritts Serdar Somuncus in der Talk-Sendung von Markus Lanz am 12.06.2011, einzusehen auf der Internetseite „http://www.youtube.com/watch?v=KaKSwwgVy94“ (08.05.2012; 14:27 Uhr). Als den davon zu transkribierenden und schließlich zu analysierenden Ausschnitt, wählte ich den Zeitraum der 6:33 Minute bis zur 8:33 Minute. Bevor ich Serdar Somuncu kurz als Kabarettist in seinem Themenschwerpunkt vorstelle und seine Showinhalte erläutere, zeige ich die Konventionen eines Sprecherwechsels auf. Weiterhin folgt dann die genauere Betrachtung der Organisation der Redebeiträge im Hinblick auf die Emotionalität beider Gesprächspartner. Die Aspekte des Simultansprechens und der Fehlkoordinationen sollen schließlich analysiert werden. Abschließend versuche ich einen Erklärungsansatz zu geben, welcher sich mit der Emotionalität als Einflussvariable des Sprecherwechsels beschäftigt.

1) Die Konventionen des Sprecherwechsels

Das Wechseln der Sprecher und ihrer Redebeiträge sind allen Gesprächen mit mehr als einem Agierenden inne. Betrachtet man nun die Situation im Studio der Talk-Show Markus Lanz‘, ist hier die institutionelle Besonderheit von Moderator und Gast zu nennen. Üblicherweise stellt der Moderator Fragen, welche entweder vor der Sendung vorbereitet und meist auf die Biografie des Gastes bezogen sind oder formuliert sie aus dem Zusammenhang des Gesprächsinhalts. Der Gefragte wartet diese ab und gibt anschließend seine Antwort. In der Formulierung des „Abwartens“ steckt der Fakt, dass der Gast auf die Zuteilung des Rederechtes wartet. Allein der „Moderator hat uneingeschränktes Selbstwahlrecht und Fremdwahlrecht“1, das heißt, dass er die Redebeiträge steuern und den Gästen die Erlaubnis zum Sprechen geben kann oder sich selbst durch seine Wortmeldung das Sprachrecht zuteilt. Die Gäste haben nur ein eingeschränktes Selbstwahlrecht2, was bedeutet, dass sie sich nur in seltenen Fällen selbst das Rederecht erteilen dürfen. Dies passiert öfter bei aktiven Gästen, welche von einem sich zurücknehmenden Moderator geduldet werden.3Hierbei ist wichtig, dass dieser nicht die Aufgabe der Strukturierung des Gesprächs verliert.

Betrachtet man nun genauer, wie die Wahl des Sprechers gelingt, geht dies zum Einen durch die explizite Nennung des Namens und der Aufforderung zum Sprechen. Zum Anderen gibt es dafür auch nonverbale Anzeichen. Neben dem Blickkontakt als mimische oder das Zeigen auf eine Person als gestische Weisung, spielen semantische, syntaktische und prosodische4 sogenannte „turn signals“5ebenso eine Rolle. Erstens können Gäste nicht nur an der expliziten Namensnennung erkennen, dass sie zum Sprechen aufgefordert werden, sondern auch im semantischen Kontext einen Hinweis auf ihre Biografie oder einer Verknüpfung zu ihren Einstellungen erkennen. Zweitens können die Formulierung einer Frage oder das syntaktisch erkennbare Ende eines Satzes Anzeichen für einen Sprecherwechsel und somit eine Aufforderung des Gastes zum Antworten oder Einsetzen sein. Drittens sind prosodische Merkmale wie das Zurücknehmen der Lautstärke, das Fallen der Tonhöhe oder eine Pause im Sprechen Hinweise, welche vom Hörer als Signale des Sprecherwechsels gedeutet werden.6

Diese Möglichkeiten sind jeweils unterschiedlich stark in ihrer Ausprägung und werden dementsprechend auch verschieden wahrgenommen. Allein im Bereich der Pausen ist zu unterscheiden, ob es sich um eine Pause nach Beendigung des Sprechaktes handelt oder der Sprechende eine Denkpause einfügt. Jedoch geben alle genannten Merkmale dem Hörer Hinweise, nun mit dem Handeln an der Reihe zu sein. Hierbei erwiesen sich die „Sprechspannung, Pausen, Stärkeabstufung und Gestik […] als dominantere Sprechausdrucksmerkmale als Tonhöhenbewegung, Tempo, Kopf- und Körperbewegungen“.7 Der Gesprächspartner ist so in der Lage, übergangsrelevante Stellen im Gespräch zu erkennen. Mit diesen initiierenden Gesprächsschritten weist der Redende dem Gesprächspartner das Rederecht zu und bringt diesen in die Position des Reagierenden. Gesprächsakte sind gesprächskonstitutiv und -strukturierend.8Durch sie findet der Wechsel der Redenden statt. Dies gelingt bei aufmerksamen Zuhören, wie es einem Gespräch in einer Fernsehtalkshow unterstellt wird, und dem direkten oder indirekten Zuteilen des Rederechts. Dann werden selbst kürzere Überlappungen im Sprechen zweier Personen nur dem geschuldet, dass sie aufmerksam verfolgen, was der andere sagt, Kommendes vorausdeuten können und deswegen schon eher eingreifen. Diese Überlappungen sind dann nicht relevant für den Sprecherwechsel, da sie keine Verzögerungen oder Probleme hervorrufen. Das gleiche gilt für das Hervorbringen von Rezeptionssignalen wie „hm“ oder „ja“, welche ebenfalls nur eine Zustimmung oder Entgegennahme des Gesagten und keine Rederechtsbeanspruchung ausdrücken. Diese werden nicht als Problem des Sprecherwechsels definiert. Sie selbst weisen eine wichtige „gesprächssteuernde Funktion“9auf, weil sie dem Sprechenden signalisieren, dass ihm der Zuhörer folgt und somit der Redefluss nicht beeinträchtigt wird oder die Sprechweise verändert werden muss.

Jene Merkmale des Sprecherwechsels beschreiben einen konfliktlosen Umgang mit dem Rederecht. Der Umgang damit in der Praxis hängt nun auch von den beteiligten Menschen ab. Geht es um ein Thema, welches emotional beladen ist, oder sind die Personen selbst engagiert in dem Umgang mit diesem, kann es zu Störungen des Sprecherwechsels kommen. Solch eine Situation liegt im Gespräch Markus Lanz‘ mit Serdar Somuncu vor.

2) Emotionalität und Sprecherwechsel

2.1) Serdar Somuncu als Kabarettist bei Markus Lanz

Serdar Somuncu wurde am 03. Juni 1968 in Istanbul geboren. Der Türkischstämmige studierte in den Niederlanden und in Wuppertal. Nach dieser Ausbildung begann er verschiedene Engagements an den Bühnen Deutschlands, wie in Bochum, Münster oder Oberhausen, und auch international, wie in Italien, anzunehmen. Nun folgte der Versuch, als Kabarettist erfolgreich zu werden. Um die Jahrtausendwende begab er sich auf eine Lesetour durch Deutschland. Produkt dieser war nicht ein eigenes Buch, sondern „Mein Kampf“ von Hitler. Hiermit ging er auch in die Schulen und las vor einer Vielzahl von Schülern. Damit löste er in eine Kontroverse aus, welche sich um die Verantwortlichkeit von Künstlern gegenüber der Jugend, ihren Inhalten und der Stellung zur deutschen Geschichte drehte. Sein aktuelles Programm nennt sich „Hassprediger“, als welchen er sich selbst bezeichnet (vgl. http://www.somuncu.de/). Somuncu provoziert sprachlich exzellent, spricht über Toleranz, den kritischen Umgang mit den neuen Medien und die Diskriminierung von Minderheiten. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der ausspricht, was sich andere nicht trauen (vgl. http://www.youtube.com/watch?v=KaKSwwgVy94). Er meint, die Gesellschaft in seinem Programm kritisieren zu können und durch die Situationen, in denen die Zuschauer über Gemeinheiten oder eben Diskriminierungen lachen, aufzudecken, wie die Menschen über die Verhältnisse in Deutschland, explizit auch über Minderheiten, denken.

In dem gewählten Fernsehauftritt in der Talkshow von Moderator Markus Lanz am 07. Juni 2012 sprachen beide eben über diese Verantwortlichkeit eines Künstlers, welche schon nach Somuncus erstem Programm diskutiert wurde. Als Auslöser dieser Debatte werden ebenso die Lesungen von „Mein Kampf“ genommen. Es folgen Auseinandersetzungen mit Stichwörtern wie der Gefahr, falsch verstanden zu werden oder über die Grenze einer Komik hinauszugehen. Hierbei beziehen Lanz und Somuncu unterschiedliche Positionen. Wenn man nun das „Sprechen als Handeln“10auffasst, kann man sagen, dass sie zu emotionalerem Handeln verleitet werden. Aufgrund dieses Sachverhaltes werden die Konventionen des Sprecherwechsels scheinbar zeitweise übergangen.

[...]


1Linke, Angelika: Gespräche im Fernsehen: eine diskursanalytische Untersuchung. Bern: Peter-Lang-Verlag (Zürcher Germanistische Studien, Band 1) 1985. S. 120.

2Ebd.

3Ebd. S. 140.

4vgl. Henne, Helmut / Rehbock, Helmut: Einführung in die Gesprächsanalyse. 4. Auflage. Berlin: de Gryter 2001. S. 197.

5Ebd.

6vgl. Heilmann, Christa M.: Interventionen im Gespräch: neue Ansätze der Sprechwissenschaft. Tübingen: Niemeyer (Linguistische Arbeiten, Band 459) 2002. S. 76.

7Heilmann (wie Anm. 6) S. 70.

8vgl. Henne / Rehbock (wie Anm. 4) S. 203.

9Brinker, Klaus / Sager, Sven F.: Linguistische Gesprächsanalyse: eine Einführung. 5. Auflage. Berlin: E. Schmidt (Grundlagen der Germanistik, Band 30) 2010. S. 58.

10Mühlen, Ulrike: Talk als Show: eine linguistische Untersuchung der Gesprächsführung in den Talkshows des deutschen Fernsehens. Frankfurt am Main: Peter-Lang-Verlag (Sprache in der Gesellschaft, Band 7) 1998. S. 61.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Emotionalität als Einflussparadigma im Sprecherwechsel. Serdar Somuncu bei Markus Lanz
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Linguistische Pragmatik
Note
2,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V311637
ISBN (eBook)
9783668103214
ISBN (Buch)
9783668103221
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emotionalität, einflussparadigma, sprecherwechsel, serdar, somuncu, markus, lanz
Arbeit zitieren
Anne-Marie Holze (Autor), 2012, Emotionalität als Einflussparadigma im Sprecherwechsel. Serdar Somuncu bei Markus Lanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311637

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