Der Begriff 'aktivierende Pflege' in der ambulanten und stationären Altenhilfe


Ausarbeitung, 1993
76 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Einleitung

1. Aussagen ausgewählter Autoren zur aktivierenden Pflege
1.1. Arntzen
1.2. Bergener
1.3. Böhm
1.4. Büker
1.5. Dietze & Schwarze
1.6. Füsgen & Summa
1.7. Juchli
1.8. Lehr
1.9. Matthes
1.10. Sieber & Weh

2. Erster Vergleich der Aussagen und Kommentar
2.1. Ziele aktivierender Pflege
2.2. Rehabilitation und aktivierende Pflege
2.3. Pflegeverständnis und aktivierende Pflege
2.4. Pflegemethode oder Pflegemodell?
2.5. Beschreibung aktivierender Maßnahmen
2.6. Zusammenfassung und Stellungnahme

3. Begriffliche Erklärungen und ihre Beziehung zur aktivierenden Pflege
3.1. Definitionen "Pflege".
3.2. Definitionen "Aktiv.".
3.3. Pflegeverständnis
3.4. Prozeßorientierte Pflegeplanung
3.5. Zusammenfassung

4. Systematisierung und Definition als Voraussetzung für die Zuordnung der aktivierenden Pflege
4.1. Aktivierende Pflege als Begriff
4.2. Aktivierende Pflege als Definition
4.2.1. Analyse ausgewählter Definitionen
4.2.2. Zusammenfassung und Kommentar
4.2.3. Definitionsvorschlag
4.3. Aktivierende Pflege innerhalb eines Pflegekonzeptes
4.4. Aktivierende Pflege und Pflegetheorie
4.4.1. Die Theorie am Beispiel ganzheitlich-rehabilitierender Prozeßpflege
4.5. Aktivierende Pflege innerhalb eines Pflegemodells
4.5.1. Virginia Henderson: Grundregeln der Krankenpflege
4.5.2. Nancy Roper, Winifred W. Logan, Alison J. Tierney: Die Elemente der Krankenpflege
4.6. Aktivierende Pflege als Pflegemethode

5. Zur Situation der Pflegefachkräfte in der ambulanten und stationären Altenhilfe
5.1. Aus-, Fort- und Weiterbildung
5.2. Institutionelle Rahmenbedingungen
5.2.1. Ambulante Altenhilfe
5.2.2. Stationäre Altenhilfe

6. Zusammenfassung und Ergebnisse

7. Schlußfolgerungen

Literaturverzeichnis

Vorwort

Der Arbeit liegt ein für die Alten- und Krankenpflege gemeinsames Berufs-bild zugrunde:

1. "Pflege ist als eigenständiger Beruf und selbständiger Teil des Ge- sundheitsdienstes für die Feststellung der Pflegebedürftigkeit, die Planung, Ausführung und Bewertung der Pflege zuständig.
2. Pflege als Beruf ist Lebenshilfe und für die Gesellschaft notwen- dige Dienstleistung. Sie befaßt sich mit gesunden und kranken Men- schen aller Altersguppen.
3. Pflege als Beruf leistet Hilfe zur Erhaltung, Anpassung und Wie- derherstellung der physischen, psychischen und sozialen Funktionen und Aktivitäten des Lebens.
4. Pflege als Beruf ist eine abgrenzbare Disziplin von Wissen und Können, welches sie von anderen Fachgebieten des Gesundheitswesens unterscheidet.
5. Pflege als Beruf definiert, bestimmt mit und verantwortet die ei- gene Aus-, Fort- und Weiterbildung.
6. Pflege als Beruf stützt sich in der Ausübung des Berufes und in der Forschung auf ihre eigene wissenschaftliche Basis und nützt dabei die Erkenntnisse und Methoden der Natur-, Geistes- und So- zialwissenschaften." (Berufsbild, DBfK, 1992, S. 3).

Ausgehend von den Autoren bin ich dennoch gezwungen, die Begriffe Alten-pflege und Krankenpflege an einigen Stellen getrennt zu benutzen. Ich selbst verwende den Begriff Pflegefachkraft.

Einleitung

Im gesamten Pflegebereich sind Tendenzen zu beobachten, die zu einer Pro-fessionalisierung und Eigenständigkeit der Pflege führen sollen. Zusammen mit dem Pflegeprozeß bildeten sich eine Anzahl Begriffe, die leider eher wie Schlagworte benutzt werden. Definitionen sind nicht klar, sie hängen vom Verständnis ihrer Verfasser und/oder Benutzer ab.

Den Begriff "aktivierende Pflege" wählte ich nicht nur aus Interesse, son-dern auch aus eigener Betroffenheit.

In den sieben Jahren, die ich in der ambulanten Pflege arbeitete, hat sich sowohl mein Berufsbild als auch mein Pflegeverständnis gewandelt. Eine kur-ze Etappe lang, während und nach einer Weiterbildungsmaßnahme, konnte ich selbst erleben, was es bedeutet, mit einem "aktivierenden Pflegeverständ-nis" zu pflegen. So jedenfalls war der Begriff zu verstehen, vermittelte man uns, nicht etwa als eine Maßnahme, Technik oder Methode.

Meine anfängliche Euphorie wurde bald abgelöst von Zweifeln. Nichts gegen aktivierende Maßnahmen - aber als Pflegeverständnis? Nie wäre mir der Ge-danke gekommen, z.B. bei einer Sterbebegleitung von aktivierender Pflege zu sprechen. Oder was war mit den alten Menschen, die sich nicht "aktivieren" ließen, die ihre Ruhe haben wollten? Hatte meine Pflege da keine Qualität?

Entspricht die aktivierende Pflege tatsächlich den Bedürfnissen aller alten Menschen? Gibt es nicht auch welche, die sich gerne in Abhängigkeit bege-ben, weil sie müde sind, keine Kraft mehr haben und trotzdem noch etwas Zu-wendung haben wollen? Wer pflegt diese Menschen, wenn alle nur noch akti-vierend pflegen wollen?

Ich bin der Meinung, daß ein positiveres Altersbild die Pflege alter Men-schen verändert. Ich meine aber, daß dieses nicht Aufgabe eines Begriffes wie "aktivierende Pflege" sein kann.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, daß charakterisierende Begrif-fe wie "aktivierend" die Pflege einschränken. Statt der ständigen Neubil-dung von schmückenden Begriffen, die zu Leerformeln werden, ist es an der Zeit, nachzusehen, welche Pflegetheorien, Pflegekonzepte, Pflegemodelle es gibt, um daran weiterzuarbeiten. Erst dadurch wird pflegewissenschaftliches Arbeiten möglich.

Folgende Hypothesen liegen meiner Arbeit zugrunde:

1. Der Begriff "aktivierende Pflege" soll in erster Linie die Pflegequa-lität verbessern.
2. Aktivierende Pflege ist entweder ein Grundelement der Pflege oder in die Rehabilitation einzuordnen.
3. Durch die Forderung einiger Verfasser und die Möglichkeit, aktivierende Pflege in das Pflegeverständnis zu integrieren, birgt der Begriff die Ge-fahr in sich, Pflege ausschließlich als aktivierende Methode zu sehen. Der eigenschaftsbestimmende Begriff "aktivierend" wirkt sich einschränkend auf die Gesamtziele und -aufgaben der Pflege aus.
4. Die Definitionen aktivierender Pflege sind unklar und wenig aussagekräf-tig. Sie sind dadurch mißverständlich. Die Autoren beziehen sich nicht auf historisch gewachsene Elemente und Definitionen der Pflege. Pflegewissen-schaftliche Erkenntnisse wurden nicht integriert.
5. Die noch immer sehr auf körperliche Grundbedürfnisse ausgerichtete Ver-sorgung alter Menschen wird durch den Begriff "aktivierend" nicht gewandelt werden können, weil die Pflegefachkräfte durch die Anwendung aktivierender Pflege nicht automatisch eine ganzheitliche Sichtweise bekommen.
6. Mit aktivierender Pflege soll das Problem "Altern" gelöst werden, ohne die gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen zu berück-sichtigen. Es fehlt die Einschätzung, warum bisher die Ziele der Pflege noch nicht umgesetzt wurden.

Die Arbeit dient in erster Linie der Beschreibung des Ist-Zustandes. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff "Aktivierende Pflege" machte eine Reihe weiterer Begriffserklärungen notwendig, mit denen ich zunächst nicht ge-rechnet hatte. Von daher mußten Kapitel, wie z.B. Alternstheorien, Motiva-tions- und Aktivitätstheorien und das Gebiet der umfassenden Rehabilita-tion weichen, wenn auch eine Auseinandersetzung mit diesen Themenkomplexen stattgefunden hat. Ich fand es sehr schwierig, den Begriff "aktivierende Pflege" einzuordnen. Der positive Gedanke dieser Pflege auf der einen Sei-te, der auf mich negativ wirkende Begriff "aktivierend" auf der anderen Seite, verwirrte mich im Laufe der Arbeit immer wieder.

Im ersten Kapitel stelle ich die aktivierende Pflege vor, ein Vergleich an-hand von Kriterien folgt im zweiten Kapitel. Kapitel drei und vier dienen der Begriffsklärung und der Beziehung zur aktivierenden Pflege. Damit ge-lingt letztlich auch die Einordnung des Begriffes "aktivierende Pflege" in das komplexe Gebiet der Pflege. Da ich im Laufe der Arbeit immer wieder auch die Situation der Pflegefachkräfte erwähne, schließe ich die Arbeit mit meinen Gedanken zu diesem Thema ab.

Ich hoffe, daß durch die Arbeit nicht der Eindruck entsteht, ich wende mich gegen Aktivität und Rehabilitation. Meine Kritik gilt lediglich dem Begriff"Aktivierende Pflege" in der ambulanten und stationären Altenhilfe, wenn er als einzige "optimale Pflege" in das Pflegeverständnis der Pflegefachkräfte eingeht.

1. Aussagen ausgewählter Autoren zur aktivierenden Pflege

Aktivierende Pflege wird bei verschiedenen Autoren beschrieben und auch de-finiert. Um einen Überblick zu bekommen, um die Inhalte der aktivierenden Pflege vergleichen zu können, und um das weitere Vorgehen festzulegen, ist eine Darstellung erforderlich, die in einer Zusammenfassung nach Merkmalen und einem ersten Kommentar münden wird.

1.1. Arntzen

Arntzen (1992) definiert aktivierende Pflege als eine Methode, bei der

"-vorhandene Ressourcen erkannt und genutzt werden
-die Selbständigkeit des Kranken im Bereich der Aktivitäten des täg-

lichen Lebens erhalten und gefördert wird

-der Kranke im Rahmen einer ganzheitlichen Pflege in körperlichen,

seelisch-geistigen und sozialen Belangen begleitet wird." (S. 663).

Sie beschreibt in ihrem Beitrag die Theorie und Praxis der Gemeindekranken-pflege, und sie plädiert für die aktivierende Pflege.

Im eigentlichen Sinne, so Arntzen, sei die aktivierende Pflege eher eine re-aktivierende Pflege, da in der Regel bei der Pflege eines Kranken keine größere Aktivität als vor der Erkrankung erreicht werden kann. Ihr Grund-satz und Idealziel ist es, daß alle in der Pflege Tätigen so pflegen, daß sie sich so überflüssig wie möglich machen. Sie schließt ihren Beitrag mit einem Fallbeispiel aktivierender Pflege bei einem Schlaganfall-Patienten im Bereich der Lebensaktivität "Sich waschen und kleiden". (vgl. Arntzen, 1992, S.664).

1.2. Bergener

Das Ziel der aktivierenden Pflege ist für Bergener (1992) die Erhaltung des Lebenssinns alter Menschen, auch wenn Gebrechlichkeit und Pflegebedürftig- keit vorliegen, welches seiner Ansicht nach durch die Förderung der Autono-mie erreicht werden kann. Aktivierende Pflege ist das Resultat der Pflege-Diagnose, der Prognose und einer ethischen Analyse. Unterstimulation kann sich ebenso nachteilig wie Überstimulation auswirken. Die Pflege muß ge-plant, strukturiert und organisiert sein, darf nicht vom Zufall abhängig sein, dem willkürliche Handlungen folgen werden. Am Beispiel der morgend-lichen Pflege, der Körperpflege, erläutert er die Möglichkeit, die Pflege als ein System der Selbstpflege aufzubauen, daß sich in verschiedene Sub-systeme unterteilen läßt.

Bergener (1992) betrachtet die aktivierende Pflege auch von der personellen Seite aus. Er meint, die Inattraktivität des Pflegeberufs wäre schuld an dem "Pflegenotstand". Die Arbeit sei meist unangenehm und anstrengend, oft müßte sie unter großem Zeitdruck ausgeübt werden. "Hinzu komme die ständige Präsenz von Verfall und Tod, wobei der Umgang mit den zu Pflegenden sich auf Versorgungsaspekte beschränken würde, wie waschen, anziehen, zur Toi-lette führen, Medikamente austeilen und vieles mehr." (S. 15). Abhilfe kann die aktivierende, systematisch organisierte Pflege schaffen, die zu mehr Zufriedenheit, und damit höherer Attraktivität führt.

1.3. Böhm

Das bei Lehr (s. 1.8.) beschriebene Ziel bezeichnet Böhm als den philoso-phischen Anteil der aktivierenden Pflege - er nennt es "Helfen mit der Hand in der Tasche", als "Fördern durch Fordern". Sie ist nur bei biologischen (kalendarischen) Abbauprozessen angezeigt. Aktivierende Pflege kennzeichnet hier eine prophylaktische Maßnahme, die Regression und/oder Hospitalismus zu verhindern sucht.

Ansonsten stellt die aktivierende Pflege eine Technik dar, die als re-akti-vierende Pflege bei pathologischen Abbauprozessen nach der Biographie des Patienten und als Reizanflutungsmaßnahme zu verstehen ist.

Böhm beschreibt die aktivierende Pflege im Zusammenhang mit der Bedürfnis-pflege, der Pflegediagnose und dem Pflegeprozeß. Die Übergangs-Re-Aktivie- rungspflege und Pflegediagnose nach Böhm haben zum Ziel, psychiatrisch er-krankte, alte Menschen in ihre gewohnte Umgebung und zu einem normalen Le-ben zurückzuführen. (vgl. Böhm, 1989).

Böhm unterteilt die Ziele nach Erkrankungsart: Re-Aktivierung und das Trai-ning des Gedächtnisses bei Demenzen, Rückfalls- und Hospitalisierungsver-hinderung bei Pseudodemenzen. Erstere benötigen die Übergangspflege, letz-tere eine Starthilfe.

1.4. Büker

Die Pflege bei Büker (1990) sollte

"auf die Wiederherstellung - Rehabilitation - der Gesundheit und Ei-genständigkeit des alten Menschen abzielen. Dieses Ziel kann durch ei-ne ganzheitliche, den alten Menschen aktivierende Pflege erreicht wer-den." (S. 62)."

Büker definiert nicht den Begriff "aktivierende Pflege", sondern meint, daß die Pflege allgemein den Menschen aktivieren soll.

"Andere - minderwertige - Formen der Pflege gefährden diese Zielset-zung. Bei extrem schlechter - den Bewohner nur bewahrenden Pflege - kann es sogar zu körperlichen Schädigungen kommen." (Büker, 1990, S. 62).

Büker benutzt als Grundlage für seine Äußerung, daß andere Pflege "minder-wertiger" sei, die vom Autor modifizierten Qualitätsstufen "Optimale Pflege - Angemessene Pflege - Sichere Pflege - Gefährliche Pflege" (S. 63). Nach dieser Einteilung ist der Bewohner optimal gepflegt, wenn er z.B. im Be-reich der Grundpflege (Körperpflege, An- und Auskleiden, Nahrungsaufnahme, Betten, Lagern, Prophylaxen) aktiviert ist, mitbestimmen kann und Entschei-dungsfreiheit hat. Angemessen gepflegt wäre der Bewohner, wenn seine indi- viduellen Bedürfnisse (z.B. im Bereich der Grundpflege) berücksichtigt wer-den würden.

1.5. Dietze & Schwarze

Die Autoren haben ein "Konzept der Grundkrankenpflege" entwickelt, von der ein Teilgebiet die aktivierende Krankenpflege darstellt. Sie geht vom Prin-zip aus, daß durch "die Anwendung unterschiedlicher therapeutischer Behand-lungsverfahren situationsgerecht eine Mobilisation des Patienten" erreicht wird. Zur aktivierenden Krankenpflege gehören nach dem Verständnis der Ver-fasser passive und aktive Übungselemente aus dem physio-, ergo-, psycho-, musiktherapeutischen und logopädischen Bereich, das Prinzip der Rehabilita-tion, "wobei das Hauptanliegen in der Abforderung von Eigenaktivität liegt".

Schwerpunkt ist die geriatrische Betreuung, es wird davon ausgegangen, daß eine pessimistische Grundeinstellung beim Patienten zu Immobilisation und damit zu Komplikationen ( z.B. Dekubitalulzera, Kontrakturen, Muskelatro-phien, Thrombosen, Pneumonien, Inkontinenz, Osteoporosen, Hypodynamien, Apathie und Depressionen) führt. Das Ziel der aktivierenden Krankenpflege kann krankheits- und altersspezifisch unterschiedlich sein.

"Auch bei älteren Patienten und chronisch Kranken wird das Behand-lungsziel stets in der Herstellung, Wiederherstellung und Stabilisie-rung notwendiger körperlicher, geistiger und psychischer Funktionen mit dem Ziel der Rückgliederung in das gewohnte oder in ein neues Mi-lieu in Verbindung mit der Sorge um den harmonischen Zusammenklang von Organismus und Umwelt liegen, wobei eine ökonomisch-produktive Tätig-keit nicht zwingend ist." (Dietze & Schwarze, 1990, S. 25).

1.6. Füsgen & Summa

Füsgen beschreibt die aktivierende Pflege im Rahmen der Besonderheiten pflegerischer Betreuung im Alter. Er stellt sie als Teil der ärztlich-medizinischen Therapie dar.

"Die aktivierende Pflege meint eine individuelle Pflege, die zu einer Wiederherstellung, Besserung oder Erhaltung der persönlichen Selbstän-digkeit führen soll, wobei fließende Übergänge zur geriatrischen Reha-bilitation möglich sind.(...) Ein Schwerpunkt der aktivierenden Pflege ist ein 'Fördern durch Fordern'" (Füsgen & Summa 1991, S. 65).

Das Erkennen der übriggebliebenen Leistungsreserven alter, kranker Men-schen, und daß Pflegekräfte diese positiven Kräfte nicht verkümmern lassen, stellt für ihn die eigentliche Aufgabe dar. "Wenn man einem Patienten jede Handreichung abnimmt, fördert man weniger die Gesundung, sondern eher eine psychische Abhängigkeit" (Füsgen & Summa, 1991, S. 74). Füsgen betont, daß der Arzt entscheidet, wann der Patient aktiviert werden soll. "Doch von An-fang an ist es Sache des Pflegepersonals, das Wiederaufstehen vorzuberei-ten". (Füsgen, 1991, S.77).

Füsgen erläutert die Aufgabenfelder der Pflegefachkräfte. Zum einen ist es der Bereich der Allgemeinen Pflege (Grundpflege):

" Es gilt, den Patienten so früh wie möglich zu befähigen, vom Pflege-personal so weit wie möglich unabhängig zu werden und eine gewisse Selbständigkeit in den dringendsten täglichen Bedürfnissen und Ver-richtungen wie z.B. Essen und Trinken, Vom-Bett-Aufstehen, Waschen, Toilettenbesuch, An-und Auskleiden zu erlangen." (Füsgen, 1992, S. 1108).

Und er erweitert den Aufgabenbereich der Pflegefachkräfte, in dem auch sie physio- und ergotherapeutische Maßnahmen übernehmen sollen:

"Im Rahmen der aktivierenden Krankenpflege muß die Krankenpflegekraft die von der Physio- oder Ergotherapeutin angelernten Tätigkeiten im täglichen Gebrauch wiederholen und gleichsam automatisieren." (Füsgen, 1992, S. 1107).

1.7. Juchli

Im Rahmen der geriatrischen Rehabilitation wird auch bei Juchli (1987) die aktivierende Pflege genannt. Sie ist der Meinung, daß die neben der Erkran-kung vorhandenen Ressourcen, hier Leistungsreserven, ausgeschöpft und in angepaßter Weise erhöht werden. Die Maßnahmen sollen die "Hilfe zur Selbst-hilfe" stärken, damit eine weitestgehende Unabhängigkeit alter, u.U. chro-nisch kranker Menschen, gesichert werden kann, wobei sie dieses nicht von der Selbständigkeit der Betroffenen abhängig macht, sondern familiäre und ambulante Hilfen einbezieht.

1.8. Lehr

"Aktivierende Pflege beschreibt keine Methode oder Technik, sondern ein Pflegeziel, das unter den Beteiligten verabredet wird." (Lehr, 1983 in Matthes, 1989, S.40).

Lehr (1979) hält eine Korrektur des negativen Altersbildes seitens der Pflegekräfte für zwingend erforderlich, da "die Verhaltenserwartungen der Umwelt das Verhalten des einzelnen beeinflussen." (S. 4). Sie gibt Bei-spiele aus Untersuchungen, aus denen hervorgeht,

"daß ältere Menschen vom Pflegepersonal oft mit Feststellungen wie Un-beweglichkeit, geringe Motorik, allgemeines Desinteresse, geringe Mo-bilität, wenig soziale Interaktion, dumpfes Dahindösen, Teilnahmslo-sigkeit u.ä.m. charakterisiert werden." (Lehr, 1979, S.5).

Durch die Erwartungshaltung der Pflegekräfte würde dieses Verhalten noch verstärkt werden. Ihr Anliegen ist es, durch eine Korrektur des Alters-bildes die Verhaltenserwartungen zu ändern, damit der alte Mensch heraus-gefordert und gefördert wird. Auch hier ist der Leitsatz "Fördern durch

Fordern" aufgeführt (vgl. Lehr, 1979, S. 3 und S. 10). Dieses Prinzip ist für sie die Voraussetzung für eine sinnvoll erscheinende Intervention; ihm folgen die individuellen Interventionsmaßnahmen.

In einem Interview aus dem Jahre 1989 bezeichnet Lehr die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit als erstes Ziel. Sie stellt fest, daß viele Pflegebe-dürftige chronisch krank und somit noch behandelbar seien. Von daher muß die Rehabilitation ausgebaut werden, die sich nicht nur den physischen Problemen widmet. Aktivierungsmaßnahmen müssen den körperlichen, seelisch-geistigen und sozialen Bereich gleichermaßen einbeziehen.

1.9. Matthes

"Aktivierende Pflege ist das tägliche Bemühen der Helfenden, nicht nur für, sondern nach Möglichkeit mit dem alten und kranken Menschen tätig zu werden". (Matthes, 1981 in Matthes, 1989, S. 40).

Matthes (1989) schreibt, daß jeden Helfer sein persönliches Pflegever-ständnis prägt, welches sich in seinen Handlungen, in der Art seiner Zu-wendung, bei den alltäglichen Pflegesituationen ausdrückt. Bei der Umset-zung der aktivierenden Pflege heißt es, daß das Team der Pflegenden ein einheitliches Pflegeverständnis haben muß.

Für Matthes ist die aktivierend-rehabilitative Pflege ein theoretisches Mo-dell, sie stellt keine Technik dar. Aktivierung ist nur eine Seite der ganzheitlichen Pflege, sie ersetzt nicht die Grund- und Behandlungspflege.

Matthes beschreibt Pflege als einen "Pflegekuchen", der sich aus den "Ein-zelstücken" Grundpflege, Seelenpflege, Aktivitätenpflege, Behandlungspfle-ge, Informationspflege und Selbständigkeitspflege zusammensetzt. Ein Teil-stück kann nie die ganze Pflege sein. (vgl. Matthes, 1989, S. 7).

1.10. Sieber & Weh

Sieber und Weh (1986 in Matthes, 1989 und 1987) sehen in der aktivierenden Pflege eine "praktische Methode".

Diese Methode zielt darauf ab, die Eigenaktivitäten alter und kranker Men-schen zu sichern und zu fördern. Die Eigenverantwortung des alten Menschen für seine Lebensgestaltung bis zum Tode hin wird betont. Aufgabe der Pfle-gekraft ist es, ihn dabei zu unterstützen, nicht für, sondern mit ihm tätig zu werden.

Matthes (1989, S. 40) erklärt folgende Aussage von Sieber & Weh zur Defi-nition aktivierender Pflege:

"Aktivierende Pflege ist abhängig von der Einstellung und Haltung der helfenden Person, deren pflegerischer Umgang der Erhaltung und Förde-rung von Eigenaktivitäten alter und kranker Menschen dienen soll."

Sieber & Weh (1987) stellen Regeln für die aktivierende Pflege auf. Diese gehen von der Einbeziehung des alten Menschen, der Akzeptanz seiner Eigen-arten, der Beachtung seiner Individualität, der Aufforderung zur Bezie-hungspflege bis hin zum Wohlbefinden der Altenpflegerin und der Anregung zu Flexibilität, um einige Beispiele zu nennen.

2. Erster Vergleich der Aussagen und Kommentar

Dieck (1991) meint, daß das Konzept der aktivierenden Pflege der einzige spezifische Ansatz in der Pflege alter Menschen ist, der bisher entwickelt wurde. Dem kann ich mich leider nicht anschließen.

Vergleicht man die Definitionen, so stellt man fest, daß in der Regel weder "Pflege" noch "aktivieren" erläutert werden.

2.1. Ziele aktivierender Pflege

Als Zielgruppe wird bei allen Verfassern aktivierender Pflege der alte Mensch genannt. Der Begriff wird also ausschließlich im Bereich der am-bulanten und stationären Pflege alter Menschen verwendet.

Lehr (1983) bezeichnet die aktivierende Pflege selbst als Ziel, sie wird bei einigen Verfassern, z.B. bei Arntzen (1992), Böhm (1989), Matthes (1989) und Heinemann et al. (1988), zitiert. Matthes erklärt sie zur Defi-nition.

Aktivierende Pflege kann jedoch nicht das gemeinsam mit dem alten und pfle-gebedürftigen Menschen verabredete Pflegeziel sein. Sie kann aber sehr wohl das Ziel der Gesundheitspolitik, der Institution oder des Stationspflege-konzeptes sein. Wenn ein Pflegeziel gemeinsam mit dem alten Menschen abge-sprochen werden kann, so muß es die Aktivierung sein - die aktivierende Pflege wäre dann die Art der Behandlung/Pflege, die eingeleitet werden muß. Sie mündet demnach also doch in spezielle Pflegemaßnahmen, Pflegemethoden und/oder Pflegetechniken, die sich aktivierend auf den alten Menschen aus-wirken.

Vergleicht man dieses mit der Rehabilitation, wird es vielleicht etwas deutlicher: Für einen Erkrankten wird im Anschluß an den Krankenhausauf-enthalt ein Platz in einer Rehabilitationsklinik gesucht (z.B. Anschluß-heilbehandlung). Das gemeinsam besprochene Ziel von Arzt, Rehabilitations-berater und Erkranktem ist die Rehabilitation, die Wiedereingliederung...; es wird erreicht durch rehabilitative Maßnahmen, wie z.B. Physio-, Ergo-, Psychotherapie und auch rehabilitative Pflege.

Bergener bezeichnet die Erhaltung des Lebenssinns als Ziel. Dieses unter-scheidet sich meiner Meinung nach deutlich von den anderen, weist es doch eher darauf hin, daß eine Anpassung an den Alterungsprozeß, der u.U. durch chronische Erkrankung und Multimorbidität, Verlust u.v.m. gekennzeichnet ist, erfolgen soll. Ein weiteres Ziel ist die Verbesserung der Berufszu-friedenheit von Pflegefachkräften.

Bei Arntzen, Füsgen, Juchli und Matthes soll die Selbständigkeit, die Un-abhängigkeit, die Hilfe zur Selbsthilfe erhalten und gefördert werden.

Dieses sind nicht nur Ziele der Pflege allgemein, sondern auch der Rehabi-litation.

Böhm nennt Re-Aktivierung und Training des Gedächtnisses bei den Demenzen, Rückfallsverhinderung und Hospitalisierungs-Verhinderung bei den Pseudo-Demenzen. Auch Böhm meint im Falle einer Erkrankung die Rehabilitation. Die Prophylaxe ist ein Element der Allgemeinen Pflege.

Sieber & Weh wollen die Eigenaktivitäten sichern und fördern.

Büker nennt die Rehabilitation, die Gesundheit und Eigenständigkeit, aber auch die Entscheidungsfreiheit und das Mitbestimmungsrecht. Es erscheint mir fraglich, ob diese Ziele in der Praxis einer aktivierenden Pflege ver-einbar sind. Meiner Meinung nach muß zunächst der alte Mensch entscheiden (Entscheidungsfreiheit), ob Rehabilitation, Gesundheit und Eigenständig-keit seinem Ziel entsprechen. Stimmt er zu, muß er u.U. auch unangenehme Pflegemaßnahmen zulassen. Verweigert er die Pflegemaßnahmen, so ist das Ziel der Rehabilitation oder der Gesundheit in Frage gestellt. Sein Mit-bestimmungsrecht ist also auf die Entscheidung beschränkt, ob er sich zu einer Rehabilitation entscheidet oder diese ablehnt. Da Büker aber die Pflege alter Menschen allgemein kennzeichnet, die diese aktivieren soll, und er andere Pflegeformen für minderwertig hält, müßte nach diesem Ver-ständnis jeder alte Mensch, ob er will oder nicht, aktiviert bzw. reha-bilitiert werden.

Dietze & Schwarze haben die Ziele geriatrischer Rehabilitation benannt. (vgl. auch Siggelkow in Füsgen, 1991, S. 64). Diese sind ganzheitlich im Sinne von Körper, Geist, Psyche und funktionell orientiert.

Die deutliche Diskrepanz zwischen aktivierender Pflege als Ziel oder als philosophischen Anteil und einer speziellen Pflegemethode ist meiner Mei- nung nach eine Ursache für die Vermischung von Pflegeverständnis und Pfle-geart. Die ambulante und stationäre Pflege alter Menschen mit dem Begriff

"aktivierende Pflege als Ziel", also als "Heimphilosophie" oder als "Sta-tionspflegekonzept" bedeutet letztlich, daß alle zu pflegenden, alten Men-schen aktivierend gepflegt werden. Als Pflegemethode schließt sie andere Pflegemethoden, z.B. eine unterstützende oder lindernde Pflege, aus.

2.2. Rehabilitation und aktivierende Pflege

Die Mehrzahl der Autoren rücken sehr nah an den Bereich der Rehabilitation,

ohne ihn konsequent zu betreten. So schreibt z.B. Füsgen, daß "fließende Übergänge zur geriatrischen Rehabilitation möglich sind". Arntzen und Böhm bezeichnen aktivierende Pflege eher als re-aktivierende Pflege. Matthes erstellt ein rehabilitatives Konzept, in der aktivierende Pflege ein Teil der Pflege darstellt. Bei Juchli ist die aktivierende Pflege in die geria-trische Rehabilitation integriert; Büker, Dietze & Schwarze nennen als Ziel die Rehabilitation.

Büker geht soweit, daß er andere Formen der Pflege für minderwertig hält. Die Pflege insgesamt sollte immer aktivierend sein. In der Praxis werden sich also diejenigen Pflegefachkräfte, die einen alten Menschen aus unter-schiedlichen Gründen nicht aktivieren können, ebenfalls minderwertig füh-len.

Im allgemeinen gilt als Voraussetzung für ein Anschlußheilverfahren, daß der zu Rehabilitierende nicht mehr "pflegebedürftig" ist. Dieses ist meines Erachtens die Ursache dafür, daß Rehabilitation und Pflege getrennt wer-den. Die medizinische Rehabilitation setzt jedoch mit Beginn der Heilbe-handlung ein. Die Trennung von Therapie und Pflege führt wiederum dazu, daß Pflege als Rehabilitation nicht anerkannt ist. Da die Pflege im Kranken-haus häufig noch sehr versorgungs- und medizinorientiert ist, und Pflege nur dann stattfindet, wenn noch Zeit übrig ist, ist der Beitrag zur Reha-bilitation tatsächlich sehr gering.

[...]

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Details

Titel
Der Begriff 'aktivierende Pflege' in der ambulanten und stationären Altenhilfe
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
1993
Seiten
76
Katalognummer
V31173
ISBN (eBook)
9783638322546
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Abschlussarbeit im Weiterbildungsstudiengang Psychologische und soziale Alternswissenschaft
Schlagworte
Begriff, Pflege, Altenhilfe
Arbeit zitieren
Cornelia Michalke (Autor), 1993, Der Begriff 'aktivierende Pflege' in der ambulanten und stationären Altenhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31173

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