Andreas Gryphius "Abend". Close Reading


Ausarbeitung, 2015

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Andrea Gryphius - Abend

Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt jhre fahn/ Vnd fuhrt die Sternen auff. Der Menschen mude scharen Verlassen feld vnd werck / Wo Thier vnd Vogel waren Trawrt jtzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan! 5 Der port naht mehr vnd mehr sich / zu der glieder Kahn. Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren Ich / du / vnd was man hat / vnd was man siht / hinfahren. Diß Leben kommt mir vor alß eine renne bahn. Laß hochster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten / 10 Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht lust / nicht angst verleiten. Dein ewig heller glantz sey vor vnd neben mir / Laß / wenn der mude Leib entschlafft / die Seele wachen Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen / So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu Dir.1

Andreas Gryphius, dessen Name eigentlich Andreas Greif lautete, war ein deutscher Dichter und Dramatiker des Barocks. Für manche ist er der berühmteste deutsche Sonettdichter des 17. Jahrhunderts. Häufiges Thema seiner Werke sind Leid, moralischer Verfall, Unruhe, Einsamkeit und Zerrissenheit der Menschen. Themen die während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges sehr präsent waren. Eines seiner bekanntesten Gedichte ist das Sonett Abend, welches 1650 veröffentlicht wurde. Es ist ein hervorragendes Beispiel für das barocke Lebensgefühl: Die Wertlosigkeit des irdischen Lebens und seine schnelle Vergänglichkeit.

Das Gedicht wird als Sonett bezeichnet, da es aus vier Strophen besteht. Die ersten beiden Strophen setzten sich aus je vier Versen zusammen und werden deshalb Quartette oder Vierzeiler genannt. Die beiden letzten Strophen bestehen aus drei Versen und nennen sich deshalb Terzette oder Dreizeiler. Rein optisch entsteht bei diesem Aufbau eines Gedichts ein Bruch zwischen den ersten beiden Strophen und den letzteren. Dieser Bruch ist gewollt, da im Idealfall ein Sonett sich mit einem Thema auseinandersetzt. In der ersten Strophe wird eine These aufgestellt, in der zweiten eine Antithese, das heißt, dass das Thema von einer anderen vielleicht sogar gegensätzlichen Seite beleuchtet wird, und in den Terzetten wird eine Synthese gewonnen, also eine abschließende endgültige Aussage. Ob Gryphius sein Thema in dem Sonett genauso verarbeitet, wird sich im Verlauf der Ausarbeitung zeigen. Das Metrum ist ein Alexandriner, ein sechshebiger Jambus mit einer Zäsur nach der dritten Hebung. Das Reimschema in den Quartetten lautet abba. Es handelt sich dabei um einen umarmenden Reim. In den Terzetten ist das Reimschema ein Schweifreim (ccd eed). Die Kadenzen passen sich dem Reimschema an und lauten deshalb in den Quartetten mwwm2 und in den Terzetten wwm.

Der Abend ist eine Großallegorie für den Lebensabend aller Menschen. Das Sonett behandelt die Thematik der Sinnlosigkeit des irdischen Lebens und der Hoffnung auf ein ewiges Leben bei Gott. Das lyrische Ich drückt dabei seine Gedanken, Ängste und Wünsche aus.

Das erste Quartett wird aus einer Übersicht erzählt. Dadurch wird eine Distanz zum Leser geschaffen. Somit zählt das Gedicht nicht zur Erlebnislyrik, in der der Leser direkt hineingezogen wird. Der Leser bleibt zu Anfang ganz nüchtern und wird in die Thematik hineingeführt. Auch ist das Quartett von Indikativ-Sätzen dominiert. Im ersten Vers stehen sich der Tag und die Nacht antithetisch gegenüber. Der schnelle Tag ist hin sagt aus, dass das Leben viel zu schnell vergeht. Nun neigt sich das Leben dem Ende zu und es gibt kein zurück. Durch die Antithese wird der Kontrast von Leben und Tod sehr deutlich. Die Fahne ist schon seit dem frühen Altertum bekannt und kennzeichnet immer eine Gemeinschaft, wie man es zum Beispiel von den römischen Heeren kennt. Somit könnte die Fahne in dem Sonett für die Gemeinschaft der Verstorbenen stehen, die durch die Sterne symbolisiert werden. Im alten Ägypten gab es die Mythologie vom Ach, dem Ahnengeist. Die Menschen strebten danach ein reines Ach und dadurch ein Stern zu werden, der am Körper der Himmelsgöttin Nut prangte. Möglicherweise kannte Gryphius diesen Mythos und verwendete deshalb diese Metapher. Die Verse könnten bedeuten, dass die Nacht ihre Fahne schwingt um ihr Heer von Seelen anzuführen. Eine etwas bedrohliche Vorstellung. Andererseits könnte die Fahne aber auch den dunklen Himmel symbolisieren, der sich wie ein Banner über die Menschen ausbreitet und die Sterne hervorbringt.

Als nächstes arbeitet Gryphius mit einer Inversion in Vers 2, damit die Alliteration Menschen mude zustande kommt. Diese Alliteration dient der Betonung. Die Menschen sind lebensmüde. Sie arbeiten ihr ganzes Leben für nichts. Am Ende ist doch alles unnütz und sinnlos gewesen. Alles was zurückbleibt ist nur die trauernde Einsamkeit. Diese ist auch personifiziert, wodurch eine Betonung des Themas hervorgebracht wird: Selbst die Einsamkeit trauert, dass die Menschen ihr Leben vergeuden. Thier vnd Vogel (V.3) ist eine Art Hendiadyoin, da Vögel Tiere sind. Gryphius nutzt dieses rhetorische Mittel um die Vielfalt der Lebewesen zu zeigen, die sich alle zurückziehen. Die Einsamkeit wird dadurch vom Leser stärker wahrgenommen. Das Quartett endet mit einem Ausruf.

[...]


1 LÖFFLER, JÖRG UND WILLER, STEFAN: GEISTLICHE LYRIK. STUTTGARD: PHILLIP RECLAM, 2006.

2 (m= männlich, w= weiblich)

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Andreas Gryphius "Abend". Close Reading
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Veranstaltung
Ballade
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V311798
ISBN (eBook)
9783668109254
ISBN (Buch)
9783668109261
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedicht, Analyse, Interpretation, Gedichtsinterpretation, Gedichtsanalyse
Arbeit zitieren
Anita Felker (Autor:in), 2015, Andreas Gryphius "Abend". Close Reading, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311798

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