Die Bedeutung des Löwen für die Rückerlangung Iweins ritterlicher Tugenden


Hausarbeit, 2014

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Iwein und der Löwe
2.1 Der höfische Roman Iwein
2.1.1 Der Autor Hartmann von Aue
2.1.2 Inhalt des Romans
2.2 Die Bedeutung des Löwen für die Rückerlangung Iweins ritterlicher Tugenden
2.2.1 Deutung der Rolle des Löwen
2.2.2 Auswirkungen auf Iwein
2.2.2.1 Äußerlichkeit und Innerlichkeit
2.2.2.2 truiwe als oberste Tugend
2.2.2.3 Der Ritter mit dem Löwen
2.2.2.4 Höhere Ritterlichkeit

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die oft sehr komplexe Bedeutung eines Tieres im Verständnis des mittelalterlichen Menschen ist für den modernen Rezipienten nicht immer ohne weiteres nachzuvollziehen. Hinzu kommt die Beobachtung, dass sich die Deutung eines Tieres nicht auf eine einzige Aussage festlegen lässt, sondern voller Ambiguität ist. Das vielfältigste Auftreten von Tieren in der mittelhochdeutschen Literatur lässt sich in Wolframs von Eschenbach Parzival nachweisen, doch auch in den Epen Hartmanns von Aue und Gottfrieds von Straßburg Tristan wird das Tier keineswegs vernachlässigt.[1] „Einen wesentlichen Unterschied zum Tierepos oder zur Welt der Fabel findet man darin, dass das Tier in diesen klassischen Artusepen an keiner Stelle vermenschlicht wird: es [sic] gibt keine sprechenden oder wie Menschen handelnde Tiere. Ein echtes persönliches Verhältnis zwischen Mensch und Tier findet sich kaum; nur Iweins Löwe bildet eine gewisse Ausnahme.“[2]

Diese Art der Sonderstellung bringt mich nun zur Fragestellung der vorliegenden Seminararbeit. Welche Bedeutung hat der Löwe für Iwein? Da das Tier erst im zweiten Handlungszyklus, in dem Iwein seine Verfehlungen, die zur Krise führten, zu sühnen versucht, in Erscheinung tritt, konnte ich die Frage noch spezifizieren und werde im Folgenden nachzuvollziehen versuchen, welche Bedeutung der Löwe für die Rückerlangung Iweins ritterlicher Tugenden hat. Diese ritterlichen Tugenden lassen sich unter dem Oberbegriff der êre zusammenfassen, was für die höfischen Dichter alles bezeichnete, was den Ritter in der Welt auszeichnete. Dies beinhaltete die Forderung, dass höfische Vollkommenheit sowohl den Geboten der christlichen Religion als auch den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen müsse, und führte zu gesellschaftlichem Ansehen.[3] Nach kurzen Vorinformationen über Werk, Autor und Inhalt des Werks wird das spezifische Thema der Seminararbeit in zwei Hauptabschnitten behandelt. Zuerst wird ein Versuch angestellt, die Rolle des Löwen anhand der vorher erarbeiteten Herausforderungen, die Iwein im zweiten Handlungszyklus des Romans zu bewältigen hat, zu deuten. Anschließend werden ganz konkret die Auswirkungen, welche das Eintreten des Löwen in die Handlung auf Iwein hat, erarbeitet, wobei sich die Arbeit anhand der zurückzuerlangenden Tugenden aufbaut. Dies sind güete, Tapferkeit, der Kampf aus edlen Motiven, Demut und truiwe, wobei letztere als die komplexeste dieser Tugenden in einem eigenen Unterpunkt bearbeitet wird. Auch der Identitätenwechsel Iweins zwischen seinem Dasein als Artusritter und ihm als dem Löwenritter wird behandelt. Im Schlussteil wird die Fragestellung durch eine Zusammenfassung und ein Fazit abschließend beantwortet. Sämtliche mittelhochdeutschen Zitate und deren Übersetzungen stammen aus „Hartmann von Aue. Iwein. Text und Übersetzung“, herausgegeben von Georg Benecke, Karl Lachmann, und Ludwig Wolff, übersetzt von Thomas Cramer, erschienen 2001 in der vierten überarbeiteten Auflage im Walter de Gruyter Verlag.

2 Iwein und der Löwe

2.1 Der höfische Roman Iwein

Fertiggestellt etwa um 1204, ist das Werk eine freie Übertragung des altfranzösischen Yvain ou Le Chevalier au lion von Chrétien de Troyes. Die Verserzählung gehört zu der aus Frankreich übernommenen Gattung des höfischen Romans. Mit 32 Handschriften, davon 15 vollständige und 17 Fragmente, die von Anfang des 13. Jahrhunderts bis ins 16. Jahrhundert erstellt wurden, ist der Iwein einer der am breitesten überlieferten Romane aus der Zeit um 1200. Die jüngste Handschrift aus dem Jahr 1510 ist im Ambraser Heldenbuch zu finden. Desweiteren gibt es eine Handschrift B mit 128 zusätzlichen Versen und anderem inhaltlichen Akzent. Die Besitznachweise der Handschriften weisen auf eine Rezeption fast ausschließlich in adligen Kreisen hin.[4] Der Roman ist, ähnlich wie der ebenfalls aus dem Altfranzösischen übertragene Erec, nach der sogenannten Doppelwegstruktur aufgebaut: Dem ersten Handlungszyklus folgt eine Krise, welche durch den zweiten Handlungszyklus gelöst wird.

2.1.1 Der Autor Hartmann von Aue

Hartmann von Aue gilt neben Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Straßburg als bedeutendster Epiker der mittelhochdeutschen Klassik um 1200 und als Begründer der deutschen Artusepik.[5] Weiteres über den Autor des Werks zu erfassen, ist bisweilen schwierig. Hartmann von Aue ist nicht urkundlich bezeugt, weshalb Informationen über ihn und seine Lebensumstände nur aus seinen Prologen und Epilogen, sowie aus Erwähnungen in den Werken anderer Autoren zu entnehmen sind. So beispielsweise zu Beginn des Iwein:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[6]

Aus Quellen dieser Art weiß man, dass Hartmann Ministeriale[7] im Südwesten Deutschlands war. Als Herkunftsort wird Aue bei Freising vermutet, welches im Einflussbereich der Herzöge von Zähringen lag, deren Beziehungen nach Frankreich bis zu den Gönnern Chrétiens de Troyes reichten. Sowohl ihr Interesse an der französischen Romanliteratur als auch die Möglichkeit, die Vorlagen zu beschaffen, gelten als wahrscheinlich.[8] Nach eigener Aussage war Hartmann lateinisch gebildet und konnte sowohl lesen, als auch schreiben. Als Rückschluss aus seinen beiden Übertragungen aus dem Altfranzösischen, Erec und Iwein, können ihm sehr gute Französischkenntnisse zugesagt werden, sowie philosophische, theologische und rhetorische Grundkenntnisse, die auch in seinen anderen Werken Anwendung finden. All diese Fähigkeiten und Kenntnisse lassen den Besuch einer Domschule vermuten.[9]

Auch die Lebensdaten Hartmanns können nur durch die erschlossene zeitliche Einordnung seines Werkes rekonstruiert werden: Die altfranzösischen Quellen für Erec und Iwein entstanden vermutlich um 1165 und 1177. Somit wird davon ausgegangen, dass Hartmann erst nach 1180 als Dichter in Erscheinung trat. Um 1205 waren alle Versromane Hartmanns bekannt, denn Wolfram von Eschenbach nimmt in seinem Parzival Bezug auf den Iwein, welcher als letzter von Hartmanns Romanen gilt. Um 1210 wird Hartmann in Gottfrieds von Straßburg Tristan noch als lebender Dichter genannt, Heinrich von dem Türlin beklagt dagegen nach 1220 in der Crône dessen Tod.[10] Das dichterische Schaffen Hartmanns von Aue kann also etwa zwischen 1180 und 1220 datiert werden und umfasst ein Klagebüchlein, vier Versromane und 18 Minne- und Kreuzlieder.

2.1.2 Inhalt des Romans

Bei einem Pfingstfest am Artushof erzählt Iweins Verwandter, der Ritter Kalogrenant, von seiner erfolglosen âventiure: Durch das Begießen eines Steins löste er ein gewaltiges Unwetter aus, forderte damit die Verteidigung der Quelle durch Ascalon, den Landesherrn und Hüter des magischen Brunnens, heraus, wurde von diesem besiegt und musste ohne Pferd und Rüstung heimkehren. Iwein will Kalogrenant rächen und reitet in das Brunnenreich, wo sich die aventiure wiederholt, Iwein Ascalon tötet und somit über ihn siegt. Die Burgherrin Laudine betrauert ihren verstorbenen Ehemann, wird aber von ihrer Dienerin Lunete überredet, Iwein, der inzwischen in minne für Laudine entbrannt ist, als neuen Brunnenhüter und Landesherren zu ehelichen. So kommt die Handlung zu einem vorläufigen Ende, Iwein ist neben der êre des Sieges auch unverhofft eine Ehefrau und Landesherrschaft zugefallen.

Auf Gaweins Rat hin, nicht wie Erec bei seiner Ehefrau zu verligen, reitet Iwein schon bald nach der Hochzeit mit der Artusgesellschaft auf Turniere, um seine êre zu mehren. Dabei versäumt er die von Laudine gesetzte Jahresfrist und verliert alles: Seine Ehefrau, seinen Besitz und somit auch seine êre. Er wird verrückt und vegetiert im Wald vor sich hin. Erst durch die Hilfe der Dame von Narison und deren Begleiterin, die ihn mit einer Wundersalbe vom Wahnsinn heilen, kommt er wieder zu Sinnen. Seine frühere Identität als Ritter erscheint ihm aber weiterhin wie ein Traum.

Durch erneute ritterliche Taten und einen Lernprozess gewinnt Iwein das gesellschaftliche Ansehen und die Gunst von Laudine zurück. Er kämpft für die Dame von Narison, hilft einem Löwen, der ihn fortan begleitet, weswegen man ihn den ‚Ritter mit dem Löwen‘ nennt (Le Chevalier au lion), kämpft gegen mehrere Riesen und bestreitet zwei Gerichtsverhandlungen. Iwein hat als Löwenritter seine Zuverlässigkeit in Absprachen und, auf jegliche Bindung verzichtend, seine triuwe zu Laudine bewiesen. Er kehrt ins Brunnenreich zurück und erreicht mit Lunetes Hilfe die Versöhnung mit Laudine.

2.2 Die Bedeutung des Löwen für die Rückerlangung Iweins ritterlicher Tugenden

Die Bearbeitung des spezifischen Themas dieser Seminararbeit steigt am Ende der Krise in den Text ein, wo sich, schon vor Eintritt des Löwen in die Handlung, einige Hinweise auf dessen Bedeutung für den weiteren Handlungsverlauf finden lassen. Iwein befindet sich, durch die Wundersalbe vom Wahnsinn geheilt, im Reich der Dame von Narison. Als Graf Aliers und sein Heer das Land angreifen, kämpft Iwein an der Seite der Ritter der Dame von Narison, um die Gegner zu besiegen. Schon bald scheint der Kampf für den Feind verloren und Graf Aliers versucht zu fliehen, doch Iwein holt ihn ein. Statt den Grafen jedoch zu töten, nimmt er ihn lediglich gefangen und bringt ihn als Geisel zurück zur Dame von Narison (vgl. V. 3703-3784). Dieses Verhalten steht in starkem Kontrast zu Iweins erster Verfehlung, der Tötung des Brunnenhüters Ascalon aus reiner Begierde nach Ruhm, und birgt gerade deshalb eine Präfiguration auf den zweiten Handlungszyklus des Romans. „Wenn allein die Begierde nach Ruhm [und nicht edle Motive] den Kämpfer motivierte[n], wurde das (…) als Indiz dafür bewertet, dass der Status höfischer Vollkommenheit noch nicht erreicht war.“[11] Iwein kann also diese erste Verfehlung durch Kämpfe aus edlen Motiven wiedergutmachen und beginnt mit der Verschonung von Graf Aliers Leben. Auch auf eine Lösung für Iweins zweite Verfehlung, die Versäumnis von Laudines Jahresfrist, welche die Krise erst ausgelöst hatte, wird angespielt. Nach der Auslieferung des Grafen an die Dame von Narison erwägt diese, Iwein durch eine Heirat mit ihr zu belohnen, doch er entsagt ihr, denn sone stuont ab niender sîn muot [12] (V. 3796-3800). Dies wiederum lässt vorausblicken, dass Iweins zweite Verfehlung nur durch triuwe und minne zu Laudine korrigiert werden kann.

[...]


[1] Vgl. Lewis, Gertrud: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan, S. 177.

[2] Lewis, Gertrud: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan, S. 177.

[3] Vgl. Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 428.

[4] Vgl. Ruh, Kurt [Hrsg.]: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, S. 514 f.

[5] Vgl. Bretscher-Gisiger, Charlotte [Hrsg.]: Lexikon Literatur des Mittelalters. Band 2, Autoren und Werke, S. 212-214.

[6] Benecke, G.F.; Lachmann, K.; Wolff, L.. [Hrsg.]: Hartmann von Aue. Iwein, übersetzt von Thomas Cramer, 4., überarbeitete Auflage, Verse 21-30.

[7] Ein Ministeriale war ein unfreier Verwalter für Königsgüter oder Klöster. Später stiegen die Ministerialen sogar in den niederen, ritterbürtigen Adel auf.

[8] Vgl. Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman, S. 49 f.

[9] Vgl. Bretscher-Gisiger, Charlotte [Hrsg.]: Lexikon Literatur des Mittelalters. Band 2, Autoren und Werke, S. 212-214.

[10] Vgl. Bretscher-Gisiger, Charlotte [Hrsg.]: Lexikon Literatur des Mittelalters. Band 2, Autoren und Werke, S. 216f.

[11] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 425.

[12] Sein Sinn stand nicht danach.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Löwen für die Rückerlangung Iweins ritterlicher Tugenden
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V311856
ISBN (eBook)
9783668107625
ISBN (Buch)
9783668107632
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iwein, Löwe, Tugend, Germanistik, Hartmann von Aue
Arbeit zitieren
Selina Winkler (Autor), 2014, Die Bedeutung des Löwen für die Rückerlangung Iweins ritterlicher Tugenden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311856

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