Bildlichkeit in „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bildlichkeit in „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil
2.1 „Das Fliegenpapier“
2.2 Textanalyse und Interpretation
2.2.1 Bildlichkeit durch Form
2.2.2 Bildlichkeit durch Vergleiche

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während in der Fabel der Mensch durch die Maske des Tieres spricht und eine moralische Botschaft übermittelt wird, besetzt das Tier bei Kafka und Musil einen Zustand des Dazwischen, von dem her sich die Trennung zwischen Mensch und Tier reflektieren lässt.[1] Franz Kafka verfasste mit „Die Verwandlung“ den wohl bekanntesten Zusammenhang von Mensch und Insekt der Literatur. Darin wandelt sich der Mensch auf fiktional-faktischer Ebene zum Insekt und begeht damit einen Prozess der Rückkehr in etwas Vormenschliches und Ungesellschaftliches. In „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil hingegen wird die Fliege in ihrem fortwährenden Leiden immer menschlicher und somit auf sprachlich-deskriptiver Ebene ganz zum Menschen.[2] Die Gemeinsamkeit des Rückgriffs auf Insekten als poetisches Mittel liegt dabei im Bestreben der beiden Autoren, Aussagen über die Menschen zu machen, da sie im Insekt einen Aspekt des Humanen erkannt und damit das Kreatürliche als das Eigentliche erfasst haben.[3]

Diese Seminararbeit geht der Frage nach, wie Robert Musil in seinem Werk „Das Fliegenpapier“ durch den Einsatz von Bildlichkeit den Bezug zwischen Fliege und Mensch herstellt. Dabei stehen zu Beginn ein kurzer theoretischer Blick auf die Funktion von Bildlichkeit und allgemein gehaltene Informationen zum Werk. Im Anschluss wird über den Zusammenhang zwischen Form und Inhalt eines literarischen Werks der Bogen gespannt zur Generierung von Bildlichkeit im „Fliegenpapier“. Hierbei wird erarbeitet, wie bereits die Form des Textes den Einsatz von Bildlichkeit unterstützt. Das vorliegende Textgenre der Parabel und Musils Prinzip der Isolation finden dabei Betrachtung. Im nächsten Schritt wird durch intensive Textarbeit die Bildlichkeit des „Fliegenpapiers“ herausgearbeitet. Hierbei werden unter anderem die innere Struktur und Strategie des Textes aufgezeigt und der explizite Kriegsbezug thematisiert; im Vordergrund stehen jedoch die Vergleiche, wie diese aufgebaut sind, ihr Vergleichsgegenstand und Zusammenhang, ihre interagierenden Bildfelder und wie sie als Transfersignale agieren. Im Schlussteil der Arbeit wird die Fragestellung anhand einer Rekapitulation aufgelöst und ein kurzer Blick auf die Affektivität geworfen.

Sämtliche Zitate im Unterpunkt „2.2.2 Bildlichkeit durch Vergleiche“ stammen aus der Primärliteratur „Nachlaß zu Lebzeiten“ von Robert Musil, erschienen 1957 in Hamburg. Dort ist „Das Fliegenpapier“ auf den Seiten 11-13 abgedruckt.

2. Bildlichkeit in „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil

Im „Fliegenpapier“ werden der Fliege in ihrer Menschwerdung Empfindungen zugesprochen, die sie ihrem Insektencharakter entkleiden. Um dem Leser diese ungewohnte Perspektive vermitteln zu können, generiert der Autor Bildlichkeit und schafft dadurch den Übergang zwischen der Menschen- und der Fliegensphäre. Der Griff zu zahlreichen Stilmitteln aus dem Bereich der Tropen liegt dabei wohl in deren „Arbitrarität und damit verbundene[n] Abstraktheit“[4] begründet: Um mit einer endlichen Menge an Zeichen eine unendliche Menge an Ausdruckszielen bewältigen zu können, müssen die Elemente der Sprache möglichst abstrakt gehalten sein. Rhetorische Figuren, im „Fliegenpapier“ vor allem Vergleiche und Metaphern, können dabei nicht nur die vielfältigen Beziehungen zwischen den Dingen darstellen, sondern die Zusammenhänge ihrer semantischen Merkmale aufzeigen oder gar erweitern.[5] Musil bildet in seinem Werk eine Anhäufung solcher Stilmittel und sorgt damit dafür, dass man den Text eher betrachtet als liest.[6]

2.1 „Das Fliegenpapier“

Der Inhalt des „Fliegenpapiers“ lässt sich erfassen als Beschreibung der Agonie von Fliegen, die auf einer geleimten Insektenfalle festkleben und dort ihren Tod finden. Der Autor Robert Musil zeichnet ein detailliertes Bild von der Landung der Fliege auf dem Papier bis zu ihrem letzten Atemzug. Dabei greift er immer wieder auf Vergleiche zwischen Fliege und Mensch zurück und macht somit dem Rezipienten den ungewohnten Betrachtungsgegenstand leichter zugänglich.

Musils „Fliegenpapier“ entstand im Jahre 1913 als feuilletonistischer Text und wurde erstmals im Jahre 1914 unter dem Titel „Römischer Sommer“ in einer literarisch-philosophischen Monatsschrift veröffentlicht.[7] 1936 erschien das Werk dann als „Das Fliegenpapier“ im Sammelband „Nachlaß zu Lebzeiten“.

Ein Aufsatz Musils, der für die Erforschung unserer Fragestellung von Bedeutung sein wird, trägt den Titel „Ansätze zu neuer Ästhetik. Bemerkungen über eine Dramaturgie des Films“. Darin beschäftigt er sich mit der filmtheoretischen Studie „Der sichtbare Mensch“ von Bela Balázs, sowie der Funktion der stummen Gebärde und der Wechselwirkung von eindrucksarmem Material und der Deutlichkeit der darin enthaltenen Beziehungen. Außerdem wird der Zusammenhang von Form und Inhalt im Bezug auf künstlerische Darstellungsformen beleuchtet.[8]

2.2 Textanalyse und Interpretation

Zum tieferen Einstieg in „Das Fliegenpapier“ ist ein Blick auf genau diesen Zusammenhang zwischen Form und Inhalt sinnvoll. Werner Brettschneider erläutert beispielsweise in seinem Buch „Die moderne deutsche Parabel. Entwicklung und Bedeutung“, dass „sich die Trennung von Gehalt und Form [im Hinblick auf die Parabeltheorie] als bloßes Denkschema [erweist], das vor der Wirklichkeit des dichterischen Werks nicht bestehen kann, da die Intention (Gehalt) prädestinierend auf die Realisation (Form) einwirkt.“[9] Dazu sei gesagt, dass sich „Das Fliegenpapier“ als Parabel einordnen lässt, was im weiteren Verlauf noch beleuchtet werden wird. In den kommenden Abschnitten dieser Arbeit wird sich zeigen, dass Robert Musil den Zusammenhang zwischen Form und Inhalt im „Fliegenpapier“ auf besondere Weise umsetzt. Die Auffassung des Autors, dass nur die Verbindung von exakter Darstellung mit empathischer Ahnung ein ausreichendes Bild der Realität darstellen kann, setzt dieser durch eine Dualität zwischen sachlicher Wiedergabe, die sich an Fakten, wie Zahlen, Farben und Stoffen orientiert, und kreativem Element, welches das Beschriebene aus einem neuen Blickwinkel beleuchtet, um.[10] So erweckt „Das Fliegenpapier“ bereits mit dem ersten Satz, der einer sachlichen Bestandsaufnahme gleicht, das Gefühl einer emotionslosen Versuchsbeschreibung. Gleichzeitig eröffnet der Text durch die zahlreichen Vergleiche eine völlig neuartige Herangehensweise an die Betrachtung dieser so unbedeutend erscheinenden Situation.

Mit der derartigen Ausarbeitung des „Fliegenpapiers“ postuliert Musil auch eine „ästhetische Standortbestimmung der kleinen Form in der Moderne“.[11] Mit dem Namen „Laokoon“, den der Autor in einem der vielen Vergleiche aufruft, bringt er Gotthold Ephraim Lessings Werk „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ aus dem Jahre 1766 und die damit verbundene Debatte um den Status von Bild und Schrift ins Spiel, in der Lessing die Beschreibung mit dem Ruf einer ästhetisch minderwertigen Darstellungstechnik versieht. Musil insistiert jedoch, dass gerade diese „spannungsreiche Zusammenführung von Deskription und metaphorischer, poetischer Ausgestaltung (…) eine[n] Zwischenbereich von sachlicher Dokumentation und poetischem Bild“[12] generiert, der den Blick des Lesers nur noch näher auf das Beschriebene lenkt.[13]

2.2.1 Bildlichkeit durch Form

In einem Brief aus dem Jahre 1911 definiert Robert Musil den Begriff des Parabolischen als ein Bild, welches nicht als Ornament, sondern als Bedeutungsträger agiert.[14] Unter diesem Aspekt hat er wohl auch die Parabel als Genre für „Das Fliegenpapier“ gewählt, ist sie doch eine gleichnishafte, kürzere Erzählung, die ihren Gegenstand skizzenhaft verknappt darstellt und dabei eine Übertragungsleistung vom Leser fordert[15]: Im „Fliegenpapier“ wird durch implizite Transfersignale das im Vordergrund stehende Geschehen - die Agonie von Fliegen, die auf einer geleimten Insektenfalle festkleben - welches auf der Bildebene verläuft, nicht nur im buchstäblichen Sinne verstanden, sondern auf die Sachebene, die den Bezug zum Menschen als übertragene Bedeutung vermittelt, überführt. Das abstrakte Bindeglied zwischen Erzähltem und Gemeintem, das Tertium Comparationis, muss vom Rezipienten selbst erschlossen werden und kann im „Fliegenpapier“ als die Unausweichlichkeit des Todes formuliert werden, der sich alle Lebewesen, irrelevant ob Mensch oder Insekt, gleichsam ausgeliefert sehen. Das erste implizite Transfersignal ist bereits im zweiten Satz zu finden, auffällig platziert zwischen zwei Gedankenstrichen, wenn als Grund für das Niederlassen der Fliegen auf dem Papier nicht die Gier sondern die Konvention genannt wird, welche eindeutig als Nebenprodukt der menschlichen Vergesellschaftung und nicht als natürliches Verhalten von Insekten einzuordnen ist. Im weiteren Verlauf des Textes werden die Fliegen immer wieder mit menschlichen Personengruppen verglichen, oder ihnen werden menschliche Empfindungen zugeschrieben, wodurch fortwährend auf den intendierten Sachbereich der Parabel verwiesen wird. Diese „Strategie des Textes“[16] wird zwar durch einen offenen, homodiegetischen und auktorialen Erzähler organisiert, der sich einmal selbst als „ich“ zu erkennen gibt und das Geschehen kommentierend begleitet; explizit tritt das erzählende Ich jedoch kaum in Erscheinung.

Unterstützend für das Hervortreten der Bildlichkeit sind auch Wortwahl und Syntax: So kann das Verhalten der Fliege dem Leser durch die vielfältigen Bewegungsverben, wie beispielsweise „schwirren“, „beugen“, „stemmen“, „rudern“, „fallen“ und „sinken“, eindringlich vor Augen geführt werden. Der häufige Einsatz von Hypotaxen „gleicht [dabei] dem filmischen Mechanismus der Verkettung von Bildsequenzen.“[17] Musil verfolgt hiermit „das Prinzip der Isolation, das einen Zugewinn an Erfahrungswerten ermögliche. Je eindrucksärmer ein der Wahrnehmung dargebotenes Material, (…) desto deutlicher die darin enthaltenen Beziehungen.“[18] Die Isolierung der Dinge aus ihren gewohnten Zusammenhängen mittels ausschnitthafter Vergrößerung lenkt den Blick des Rezipienten auf das Detail, welches sich wiederum in der Anhäufung von Bildern auflöst. Musil bezeichnet diese Vorgehensweise als Ästhetik des Sachlichen.[19]

Auch Zeit und Raum treten zu Gunsten der Bildlichkeit in den Hintergrund: „Das „Fliegenpapier“ stellt den Augenblick auf Dauer, es verräumlicht die Zeit, transformiert einen Vorgang in ein poetisches Bild.“[20]

[...]


[1] Vgl. Bovenschen, Silvia: Tierische Spekulationen. Bemerkungen zu den kulturellen Mustern der Tier-Projektionen, in: Neue Rundschau, (1)1983, S. 5.

[2] Vgl. Müller, Werner: Lateinamerikanischer Zauber – Europäische Sachlichkeit? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Kurzprosa von Robert Musil, Franz Kafka, Heimito von Doderer – Jorge Luis Borges, Alejo Carpentier und Gabriel García Márquez, Freiburg 2011, S. 144.

[3] Vgl. Schwarz, Egon: Kafka, der Stummfilm, Humor, Heinz Politzer, Mäuse, Affen und andere Tiere, in: Der literarische Zaunkönig, (1) 2008, S. 23.

[4] Kablitz, Andreas: Bildlichkeit und Kreativität der Metapher, in: Nova Acta Leopoldina. 113 (2012), S. 80.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Müller, Werner: Lateinamerikanischer Zauber – Europäische Sachlichkeit?, S. 142.

[7] Vgl. Öhlschläger, Claudia: Poetik und Ethik der kleinen Form. Franz Kafka, Robert Musil, Heiner Müller, Michael Köhlmeier. in: Zeitschrift für Deutsche Philologie. 128 (2009), S. 268.

[8] Vgl. ebd., S. 269-271.

[9] Brettschneider, Werner: Die moderne deutsche Parabel. Entwicklung und Bedeutung, Berlin 1971, S. 9.

[10] Müller, Werner: Lateinamerikanischer Zauber – Europäische Sachlichkeit?, S. 143.

[11] Öhlschläger, Claudia: Poetik und Ethik der kleinen Form, S. 272.

[12] Ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Elm, Theo: Die moderne Parabel. Parabel und Parabolik in Theorie und Geschichte, Paderborn 1982, S. 184.

[15] Vgl. Brettschneider, Werner: Die moderne deutsche Parabel. S. 9-15.

[16] Müller, Werner: Lateinamerikanischer Zauber – Europäische Sachlichkeit?, S. 143.

[17] Öhlschläger, Claudia: Poetik und Ethik der kleinen Form. S. 268.

[18] Ebd., S. 269.

[19] Vgl. ebd., S. 272.

[20] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Bildlichkeit in „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
HS Kürzestprosa von Kleist bis Kluge
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V311858
ISBN (eBook)
9783668112025
ISBN (Buch)
9783668112032
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Robert Musil, Fliegenpapier, Bildlichkeit, Kürzestprosa, Germanistik
Arbeit zitieren
Selina Winkler (Autor), 2015, Bildlichkeit in „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311858

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