Mobbing unter Schülern und Schülerinnen. Bedingungen, Auswirkungen und Präventionen


Masterarbeit, 2014
86 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Seite 1
1. Abgrenzung unterschiedlicher Gewaltbegriffe
Seite 3
1.1 Gewalt
Seite 3
1.2 Aggression
Seite 6
1.3 Mobbing
Seite 8
2. Wie äußert sich Mobbing?
Seite 10
2.1 Welche Mobbingformen werden unterschieden?
Seite 10
2.1.1 direktes Mobbing
Seite 10
2.1.2 indirektes Mobbing
Seite 12
2.2 Der Verlauf eines Mobbingprozesses
Seite 14
2.3 Mobbingrollen
Seite 17
3. Mobbing an deutschen Schulen
Seite 19
3.1 Kennzeichen von Mobbing
Seite 19
3.2 Die Rollen beim Mobbing in der Klasse
Seite 22
3.2.1 Beteiligte Personen auf der Mikroebene
Seite 23
3.2.1.1 Die Täter
Seite 23
3.2.1.2 Die Opfer
Seite 25
3.2.1.2.1 Passive Opfer
Seite 26
3.2.1.2.2 Provozierende Opfer
Seite 27
3.2.2 Beteiligte Personen auf der Mesoebene
Seite 29
3.2.2.1 Die Mitschüler und Mitschülerinnen
Seite 29
3.2.3 Die Beziehung zwischen den Tätern und dem Opfer
Seite 31
3.2.4 Beteiligte Personen auf der Makroebene
Seite 32
3.2.4.1 Die Rolle der Lehrkräfte
Seite 33
3.2.4.2 Die Rolle der Eltern
Seite 34
4. Theoretische Erklärungsansätze und Stand der
Seite 36
empirischen Forschung

4.1Wie wird Mobbing gemessen? Forschungsmethodik
Seite 36
4.2 Ursachen des Mobbings
Seite 37
4.2.1 Risikoerhöhende Bedingungen
Seite 38
4.2.1.1Einfluss der Erziehung und der Familie
Seite 38
4.2.1.2 Einfluss der Schule
Seite 39
4.2.1.3 Einfluss der Peer-Group
Seite 41
4.2.1.4 Gesellschaftliche Bedingungen
Seite 42
4.2.2 Risikomindernde Bedingungen
Seite 43
4.2.2.1 Einfluss der Erziehung und der Familie
Seite 44
4.2.2.2 Einfluss der Schule
Seite 45
4.2.2.3 Einfluss der Peer-Group
Seite 45
4.2.3 Welche Faktoren haben keinen Einfluss auf Mobbing?
Seite 46
4.2.3.1 Schul- und Klassengröße
Seite 46
4.2.3.2 Der Schulstandort
Seite 46
5. Mobbing und die Folgen für die betroffenen Schüler
Seite 48
5.1. Folgen für die Opfer
Seite 48
5.1.1 Die körperlichen Auswirkungen
Seite 48
5.1.2. Die seelischen Auswirkungen
Seite 49
5.2 Folgen für die Täter
Seite 50
5.3. Auswirkungen auf die Klassenatmosphäre
Seite 52
6. Maßnahmen gegen Mobbing
Seite 53
6.1 Rechtliche Aspekte schulischer Gewalt
Seite 53
6.2 Maßnahmen auf der Schulebene
Seite 58
6.3 Maßnahmen auf der Klassenebene
Seite 61
6.4 Maßnahmen auf der persönlichen Ebene
Seite 64
7. Programme und Konzepte gegen Mobbing
Seite 66
7.1 Das Anti-Bullying-Konzept nach Olweus
Seite 66
7.2 Der ,,No Blame Approach"
Seite 69
7.3 Die ,,Farsta-Methode"
Seite 71
7.4 Das ,,Fairplayer-Programm"
Seite 72
7.5 Das Streitschlichterprogramm
Seite 73

8. Fazit
Seite 75
Literaturverzeichnis
Seite 77
Abbildungsverzeichnis
Seite 81
Tabellenverzeichnis
Seite 82

Einleitung
,,Mobbing" ist die häufigste Gewaltform an deutschen Schulen. Wissenschaftler
schätzen, dass von den insgesamt 11,5 Millionen Schülern und Schülerinnen
ungefähr 500.000 gemobbt werden (vgl. Fereidooni 2013, S. 11). Vor diesem
Hintergrund soll in der vorliegenden Arbeit herausgestellt werden, was
,,Mobbing" genau kennzeichnet und welche Ursachen dazu führen.
Die von Mobbing betroffenen Schüler und Schülerinnen verhalten sich meist
unauffällig und sind still, so dass ihre Not oft nicht gesehen wird. Die Opfer
erleiden über einen längeren Zeitraum Angriffe, Demütigungen und
Beleidigungen von Seiten ihrer Mitschüler. Sie wissen sich selber nicht zu helfen
und fühlen sich macht- und hilflos. Die Folgen sind physische und psychische
Probleme, meist ein Leben lang (vgl. Werner 2013, S. 11). In der vorliegenden
Masterarbeit sollen die vorgestellten Aspekte weiter vertieft und die
unterschiedlichen Auswirkungen des Mobbings beschrieben werden. Um zu
zeigen, wie diesen Auswirkungen entgegenzuwirken ist und wie die Opfer
geschützt werden können, werden in einem weiteren Schritt die Maßnahmen und
Programme gegen Mobbing erläutert. Die betroffenen Schüler und Schülerinnen
sind in jeden Fall auf die Hilfe von Außenstehenden angewiesen.
Somit lautet die konkrete Fragestellung, die im Kontext der Arbeit verfolgt wird:
Was sind die Ursachen für Mobbing unter Schülern und Schülerinnen,
welche Folgen resultieren aus dem Mobbing und welche Maßnahmen
können eingeleitet werden, um das Mobbing zu unterbinden?
Durch die Erarbeitung des Themas soll die Erkenntnis gewonnen werden, was
Mobbing ausmacht und wie es von anderen Gewaltformen abzugrenzen ist. Wie
verhält sich ein gemobbter Schüler oder an welcher Art Verhalten erkennt man
den/die Täter?
Zum anderen sollen Wege für die Lehrkräfte aufgezeigt werden, die diese gehen
können, um den betroffenen Schülern zu helfen und die Täter zu stoppen. Als
Lehrperson sollte man seine Schüler unterstützen und ihnen Wege aufzeigen, wie
sie aus dieser prekären Situation herausfinden. Erst wenn die Lehrkräfte anfangen,
das Thema Mobbing ernst zu nehmen und die Augen offen zu halten, besteht die
1

Chance Schüler und Schülerinnen vor Angriffen solcher Art und den negativen
Folgen zu beschützen. Gerade als Lehrkraft sollte man über Gewaltformen, die
sich in den Schulen abspielen, Bescheid wissen, um dementsprechend handeln zu
können.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im weiteren Verlauf der Arbeit auf die
gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet; in
der Regel wird die männliche Schreibweise verwendet. Sämtliche
Personenbezeichnungen gelten grundsätzlich für beiderlei Geschlecht.
2

1. Abgrenzung unterschiedlicher Gewaltbegriffe
Eine einheitliche Definition des Gewaltbegriffes gestaltet sich schwierig, da es
unterschiedliche Ausprägungen und Formen der Gewalt gibt. Dementsprechend
gibt es unterschiedliche Begriffe, die der Gewalt mehr oder weniger zu zuordnen
sind, wie zum Beispiel Aggression, Aggressivität, Mobbing, Kriminalität, usw. In
dem folgenden Kapitel werden drei Begriffe definiert und erläutert, die für die
vorliegende Fragestellung relevant sind.
1.1 Gewalt
Unter dem Begriff Gewalt werden alle Handlungen verstanden, ,,[...] die darauf
abzielen, eine Verfügungsmacht über einen oder mehrere Menschen zum Zwecke
der Erhaltung von Interessen, häufig Eigeninteressen, und/oder zur Herstellung
eines Machtgefälles zu erreichen" (Gollnick 2005, S. 34). Durch eine solcher Art
ausgeübte Verfügungsmacht über einen Menschen, wird dieser in seiner eigenen
Selbstbestimmung eingeschränkt.
Gewalt bedeutet somit eine absichtliche Schädigung oder Verletzung durch eine
oder mehrere Personen in Bezug auf eine oder mehrere andere Personen. Die
Gewalt kann auf zwei verschiedenen Ebenen erfolgen: physisch oder psychisch.
Unter physischer Gewalt werden alle Handlungen gefasst, die sich in körperlichen
Angriffen äußern, wie zum Beispiel Schlagen und Treten. Bei dieser Gewaltaktion
wird die eigene Körperkraft eingesetzt, um den anderen zu verletzen. Die
psychische Gewalt erfolgt durch Ablehnung oder Abwertung, durch Erpressung
und Quälen oder auch durch den Entzug von Zuwendungen. Zu der psychischen
Gewalt gehören Taten, wie beleidigen, hänseln, beschimpfen, ignorieren,
ausgrenzen, verleumden, usw.
An welcher Stelle beginnt Gewalt? Darüber gehen die Meinungen sowohl in der
Wissenschaft als auch im Alltagsverständnis weit auseinander. Manche sprechen
bei Hänseleien von Gewalt, wieder andere erst bei sichtbaren Verletzungen. Das
Gewaltverständnis von Kindern und Jugendlichen ist enger gefasst. Diese sind
der Meinung, dass erst bei einer körperlichen Schädigung des Opfers von Gewalt
gesprochen werden kann. Die psychische Gewalt sehen viele Kinder und
Jugendliche als Spaß an und nehmen sie nicht als eine Gewaltform wahr oder gar
ernst. (vgl. Schubarth 2013, S. 18f.).
3

Des weiteren wird zwischen Gewalt in legitimierter und nicht legitimierter,
staatlicher und privater Gewalt unterschieden. Legitimierte staatliche
Gewalthandlungen sind beispielsweise Maßnahmen der Polizei oder der
Bundeswehr. Dazu zählen Festnahmen, Fahndungen oder auch Kriegsmanöver.
Wenn diese staatlichen Institutionen Gewalt anwenden, die gegen geltender
Rechtsgrundsätze verstößt, können die Gewalthandlungen nicht mehr als
legitimiert angesehen werden. Private Gewalt ist nur unter dem Aspekt der
Notwehr legitimiert. Nicht legitimierte private Gewalt äußert sich in kriminellen
Handlungen (vgl. Gollnick 2005, S. 34).
Die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen ist in den letzten Jahren
leicht gesunken, aber immer noch hoch. In den Medien wird regelmäßig über
Gewalt an Schulen und über Jugendkriminalität berichtet. ,,Der Bundesverband
der Unfallkassen spricht von mehr als 90000 gemeldeten Raufunfällen im Jahr,
das sind rund 250 verletze Schüler pro Jahr" (Kohn 2012, S. 10). Allerdings
werden ca. 80% der Gewalttaten nicht angezeigt, da sich die Opfer entweder
schämen oder sich selbst die Schuld für die Angriffe geben. Die folgende Graphik
veranschaulicht die Anzahl der Tatverdächtigen im Jahre 2012, unterteilt nach
Altersgruppen.
Die Kriminalstatistiken der Polizei belegen, dass die Zahlen der Straftaten seit
dem Jahre 2008 leicht rückläufig sind. Insgesamt erfolgten im Jahr 2012
4
(Quelle: Polizeiliche Kiminalstatistik 2012, S. 11f.)
3,60%
9,60%
9,40%
77,50%
Abbildung 1: Tatverdächtige insgesamt nach
Altersgruppen in % (n = 2.094.118)
Kinder unter 14 Jahren
Kinder und Jugendliche unter
18 Jahren
Heranwachsende zwischen
18 und 21 Jahren
Erwachsene ab 21 Jahren
5.997.040 Straftaten, 2008 waren es 6.114.128 Straftaten.

Die Summe der Straftaten bei den unter 21-Jährigen liegt insgesamt bei 26,4%. In
der Kriminalstatistik ist ersichtlich, dass Jugendliche bei
Körperverletzungsdelikten überdurchschnittlich häufig vertreten waren. Statistisch
gesehen sind Jugendliche und Heranwachsende die ,,[...] am stärksten
kriminalitätsbelasteten Altersgruppen" (Polizeiliche Kriminalstatistik 2012, S.
25).
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Anteile der unterschiedlichen
Tatverbrechen, die von Jugendlichen unter 21 Jahren vollzogen wurden. Um die
rückläufigen Zahlen der vollzogenen Straftaten zu demonstrieren, werden die
Jahre 2012 und 2013 gegenübergestellt.
Tabelle 1: Anteile der Tatverbrecher in %
der unter 21 Jährigen (2012: n = 114.999 / 2013: n = 108.011)
2012
2013
Raub, räuberische Erpressung
49,7
47,8
Gefährliche und schwere
Körperverletzung
44,1
32,2
Diebstahl insgesamt
Davon:
- in/aus Dienst-, Büroräumen
- Ladendiebstahl
- Wohnungseinbruchdiebstahl
- Taschendiebstahl
- von/an/aus Kfz
- von Mopeds und Krafträdern
- von Fahrrädern
34,8
32,3
34,0
35,4
32,6
37,5
35,0
74,2
47,2
32,4
32,4
31,2
39,0
32,8
72,2
46,1
Sachbeschädigung
darunter: Graffitifälle
41,7
70,0
39,2
66,4
(Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2013, S.17)
Die Zahlen in der dargestellten Tabelle beziehen sich auf die Jugendgewalt im
Allgemeinen. Folglich stellt sich die Frage, wie sich die Gewaltbereitschaft an den
Schulen entwickelt hat. Gewalt an Schulen ist kein neues gesellschaftliches
Phänomen, es gab sie schon immer. Schlägereien, Rempeleien und verbale
Attacken sind an vielen Schulen alltägliches Geschehen. Die Berichterstattungen
5

der Medien vermitteln den Eindruck, dass Gewalt an Schulen in den letzten
Jahren stark zugenommen hat. Dem ist allerdings nicht so. Klaus-Jürgen Tillmann
kommt zu folgendem Schluss: im Gegensatz zu dem Eindruck, den viele
Presseberichte erweckt haben, kann von einer Veralltäglichung massiver
Gewalttaten in unseren Schulen keine Rede sein" (Tillmann 2009, S. 16). Die
Shell Studie von 2006 belegt diese Annahme: 78% der befragten Schüler gaben
an, keiner schweren Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein. Zu verzeichnen ist
jedoch, dass die Brutalität der Gewalthandlungen zugenommen hat. Die Täter
lassen von dem Opfer auch dann nicht ab, wenn es am Boden liegt.
Weitere Untersuchungen haben ergeben, dass sich die Häufigkeit der Gewalttaten
an den verschiedenen Schulformen unterschiedlich verteilen. Am Häufigsten
kommt körperliche Gewalt an Haupt- und Sonderschulen vor. Einen Unterschied
gibt es auch in Bezug auf das Geschlecht: Jungen sind weitaus häufiger an
Raufunfällen beteiligt als Mädchen. Die kulturelle Herkunft spielt bei
Gewalthandlungen auch eine große Rolle. Schüler mit einem
Migrationshintergrund üben, im Vergleich zu ihren deutschen Mitschülern, öfter
eine Gewalthandlung aus.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass Gewalt an Schulen immer vorhanden sein
wird und es kein realistisches Ziel sein kann, diese komplett abzuschaffen.
Oberstes Ziel ist somit eine Verminderung der Gewalt (vgl. Jannan 2010, S. 16ff).
1.2 Aggression
In wissenschaftlichen Analysen wird ,,Aggression als eine Handlung definiert, die
mit der Intention ausgeführt wird, eine Schädigung oder Verletzung eines anderen
zu bewirken" (Bierhoff 2006, S. 169). Die Definition besagt, dass die ausgeführte
Aggression freiwillig und mit Absicht erfolgt. Wie die Aggression zustande
kommt und ob diese gerechtfertigt werden kann, sagt die Definition nicht aus.
Aggressionen können in vier verschiedenen Formen vorkommen:
offen (verbal; körperlich)
verdeckt (nonverbal)
positiv (alle Aggressionen, die als legitim angesehen werden, wie z.B.
beim Boxen oder beim Fußball)
6
negativ (nicht legitime Aggressionen)

Als weniger aggressiv werden Handlungen angesehen, die dem eigenen Schutz
dienen oder jene, die unter Zwang und Legitimität ausgeführt werden.
Aggressive Menschen kann man überall antreffen, beispielsweise in der Familie,
in der Schule oder auch auf der Straße. Wissenschaftler sind sich nicht einig
darüber, wie und warum Aggressionen zu Stande kommen. Auf der einen Seite
gibt es Befürworter der Theorie, dass Aggressionen angeboren seien. Auf der
anderen Seite gibt es Theorien, die besagen, dass Aggressionen aus den
Lebensbedingungen entstehen (vgl. Bierhoff 2006, S. 167ff).
Es stellt sich die Frage, warum manche Menschen aggressiv werden und andere
wiederum nicht. Die Antwort liegt häufig in der Kindheit und der Erziehung.
Olweus unterscheidet vier Faktoren, die bei der Entstehung von Aggressionen
entscheidend sind:
1) Eine erhöhte Aggressionsentwicklung haben solche Kinder, die zu wenig
Aufmerksamkeit und Nähe von den Eltern erhalten haben.
2) Eltern, die aggressives Verhalten ihres Kindes tolerieren, tragen dazu bei, dass
sich die Aggressionen ihres Kindes mit der Zeit verstärken.
,,Wir können diese Ergebnisse (1.+2.) so zusammenfassen und sagen, dass zu
wenig Liebe und Fürsorge und zu viel <<Freiheit>> in der Kindheit
Vorbedingungen dafür sind, dass sich ein aggressives Reaktionsmuster stark
ausprägen kann" (Olweus 2006, S. 49).
3) Aggressionen bei Kindern können entstehen, weil sie selber von den Eltern
körperliche Gewalt erfahren haben oder häufig starke Gefühlsausbrüche ihrer
Eltern miterleben mussten. Den Kindern wird damit vermittelt, ,,[...] <<dass
Gewalt Gewalt erzeugt>>" (Olweus 2006, S. 49).
4) Im Gegensatz zu ruhigeren und schüchternen Kindern besteht bei solchen mit
einem ausgeprägten Temperament eine höhere Wahrscheinlichkeit ein aggressives
Verhaltensmuster zu entwickeln.
Diese vier Faktoren sind allgemein gefasst und müssen nicht die einzigen
Ursachen darstellen, warum Kinder aggressiv werden. Insgesamt lässt sich aber
festhalten:
,,Liebe und Anteilnahme der Person(en), die ein Kind erzieht(en), deutliche
Grenzen, was erlaubt ist und was nicht, und Anwendung nicht-körperlicher
7

Methoden der Kindererziehung schaffen harmonische und unabhängige
Kinder"
(Olweus 2006, S. 49).
1.3 Mobbing
Der Begriff ,,Mobbing" wurde 1972 von dem schwedischen Arzt Peter Paul
Heinemann eingeführt. Auslöser war der Selbstmord eines schwedischen Kindes,
welches die Quälereien der Mitschüler nicht mehr ertragen konnte. Daraufhin
begannen Anfang der 70er Jahre schwedische Forscher systematische
Untersuchungen an Schulen durchzuführen, insbesondere Heinemann und
Olweus.
In Deutschland blieb die Thematik vorerst unbeachtet, da sich die Forscher auf die
generelle Gewalt an Schulen konzentrierten. Aufgrund des Buches des deutsch-
schwedischen Psychologen Heinz Leymann, zog das Thema Anfang der 1990er
Jahre das Interesse der Öffentlichkeit und der Forscher auf sich (vgl. Kasper 2004,
S. 10f). Leymann konzentrierte sich auf Mobbing im Berufsleben. Für den
schulischen Bereich richteten sich die Forscher nach den Untersuchungen des
schwedischen Persönlichkeitspsychologen Olweus, der in Anlehnung an seine
Untersuchung ein Anti-Mobbing Programm für den Schulbereich entwickelt hat
(vgl. Gollnick 2005, S. 35).
Der Begriff Mobbing meint eine Form von Gewalt, die gegeben ist, ,,[...] wenn
einer Person im Kontext der Schule von einer oder mehreren anderen stärkeren
Personen mehrfach absichtlich Schaden zugefügt wird, welcher auf Dauer zu
einem anhaltenden Gefühl der Hilflosigkeit auf Seiten der geschädigten Person,
also des Opfers führt" (Jäger 2014, S. 12).
Der Begriff ,,stärkere Person" meint nicht nur, dass der Täter dem Opfer
körperlich überlegen ist, sondern auch mental. Das Wort ,,mehrfach" zeigt an,
dass die Tat wiederholt stattgefunden hat. ,,Hilflosigkeit" meint, dass sich das
Opfer dem Täter gegenüber ausgesetzt fühlt und nicht weiß, wie es diese Situation
bewältigen soll (vgl. Jäger 2014, S. 13).
Durch die Medien wurde ein Bild von Mobbing geschaffen, das sich in schwerer
körperlicher Gewalt zeigt. Allerdings ist diese nur ein Aspekt von Mobbing,
8

denn ,,Mobbing ist auch ­ oder besonders ­ die Ausübung >>kleiner Gewalt<<,
das Auslachen von Mitschülern, das Beleidigen oder Beschimpfen, das Verbreiten
von Unwahrheiten, das Verstecken von Sachen, Herumstoßen, Erniedrigen,
Ausschließen, usw." (Jannan 2010, S. 21).
In Deutschland wird für diese Form der schulischen Gewalt meist das Wort
,,Mobbing" benutzt, in anderen Ländern hat sich das Wort ,,Bullying"
durchgesetzt. Der Begriff Mobbing stammt aus dem Englischen ,,to mob" und
lässt sich übersetzen als ,,anpöbeln" oder ,,fertigmachen". Der Begriff ,,Bullying"
wird von dem Wort ,,bully" abgeleitet und bezeichnet einen Tyrannen. Forscher,
die sich mit der Wortunterscheidung beschäftigt haben, nehmen an, dass sich beim
Mobbing mehrere Täter gegen ein Opfer wenden. Beim Bullying ist dagegen von
einem Täter die Rede. In neueren Forschungen wird zudem die Unterscheidung
getroffen, dass der Begriff ,,Bullying" passender für den Bereich der Schule ist
und der Begriff Mobbing eher auf den der Erwachsenen gerichtet ist und somit
den Bereich des Arbeitsplatzes beschreibt (vgl. Fereidooni 2013, S. 19f).
Da allerdings in Deutschland das Wort Mobbing auch für den Bereich der Schule
verwendet wird, werden in der vorliegenden Arbeit die Begriffe Mobbing und
Bullying äquivalent verwendet.
9

2. Wie äußert sich Mobbing?
2.1 Welche Mobbingformen werden unterschieden?
Mobbinghandlungen können verschiedene Formen annehmen. Hauptsächlich wird
zwischen direktem und indirektem Mobbing unterschieden. Die Unterscheidung
der Mobbingformen bedeutet nicht, dass die eine oder andere Form schädlicher ist
als eine andere. Alle Mobbingformen sind gefährlich und können das Opfer
körperlich wie auch seelisch erheblich schädigen. Abbildung 2 veranschaulicht die
unterschiedlichen Formen des Mobbings.
(Quelle: von Bargen 2008, S. 18)
2.1.1 Direktes Mobbing
Direktes Mobbing beschreibt negative Handlungen, die von einem oder mehreren
Tätern direkt ausgeübt werden. Zu dem direkten Mobbing werden verbale,
psychische und relationale Handlungen gerechnet.
Direktes verbales Mobbing
Diese Mobbingform ist die am Häufigsten ausgeübte Form von Mobbing.
Verbales Mobbing äußert sich in der zwischenmenschlichen Kommunikation, wie
beispielsweise in Beleidigungen, Telefonterror, Drohanrufen oder Droh- Emails,
Lästern, usw. Diese Form wird sowohl von Jungen, als auch von Mädchen in
gleicher Häufigkeit angewandt. Etwa 70% der Mobbing Handlungen erfolgen
verbal. Diese hohe Prozentzahl lässt sich dadurch erklären, dass für verbales
Mobbing keine körperliche Anstrengung für den Täter nötig ist und diese ohne
10
Mobbing
Abbildung 2: Formen des Mobbings
verbal
relational
physisch
relational
Mobbing
direkt
indirekt

viel Mühe ausgeführt werden kann. Kinder und Jugendliche, die dieser Form des
Mobbings zum Opfer fallen, leiden erheblich. Sie haben kaum Freunde, da sich
die anderen Mitschüler, aus Angst selber Opfer zu werden, von ihnen abwenden.
Ständige Beleidigungen und Lästereien können zudem zu seelischen Schäden
führen. Verbales Mobbing ist relativ unscheinbar und kann über einen längeren
Zeitraum unentdeckt bleiben. Aus diesem Grund ist diese Form für die Opfer sehr
gefährlich. Hinzu kommt, dass das verbale Mobbing leicht in physisches Mobbing
übergeht. Somit muss auch diese ,,leise" Form des Mobbings direkt unterbunden
werden, damit die Opfer vor weiteren Schäden und Attacken geschützt werden.
Kinder und Jugendliche mit einem hohen Selbstbewusstsein laufen nicht so
schnell Gefahr, Opfer von verbalem Mobbing zu werden. Dies hängt damit
zusammen, dass solche Attacken von selbstbewussten Kindern und Jugendlichen
nicht ernst genommen werden und sie sich davon nicht einschüchtern lassen.
Direktes physisches Mobbing
Physisches Mobbing ist von allen anderen Mobbingformen am leichtesten zu
bemerken. Es äußert sich in jeder Art von körperlichen Angriffen, wie Schlagen,
Boxen, Beißen, Beschädigungen von Kleidung und anderen Gegenständen, sowie
in Nötigung, Erpressung, usw. Ungefähr ein Drittel aller Mobbinghandlungen sind
physischer Natur, somit wird dieses seltener ausgeführt als verbales Mobbing. Ein
Grund dafür ist, dass die Opfer sichtbare Verletzungen davon tragen und dadurch
das Risiko für die Täter hoch ist, ertappt und bestraft zu werden. Direktes
physisches Mobbing beginnt häufig mit harmlosen, kleineren Attacken, wie
Schubsen. Sobald die Täter bemerken, dass sich die Opfer nicht wehren oder
anfangen zu weinen, werden die Attacken brutaler. Für die Opfer ist körperliches
Mobbing nicht nur schmerzhaft, sie stehen zusätzlich unter dem Druck, die
körperlichen Schädigungen vor Eltern, Lehrern und Mitschülern zu verstecken.
Ihre Angst besteht darin, dass die Täter noch aggressiver werden könnten, wenn
ihre Übergriffe jemanden auffallen. Auch bei dieser Form von Mobbing vertrauen
sich nur die wenigsten Opfer jemanden an. Die Mehrzahl erträgt die Attacken über
einen langen Zeitraum hinweg (vgl. von Bargen 2008, S. 17-20).
Direktes relationales Mobbing
Relationales Mobbing bezeichnet die Zerstörung von Freundschaften bzw.
Beziehungen zwischen Kindern. Es kommt sowohl direkt, wie auch indirekt vor.
11

Diese Form des Mobbings üben überwiegend Mädchen aus, da sich diese als sehr
effektvoll erwiesen hat. Mädchen binden sich anders und fester an ihre Freunde
als Jungen das tun, so dass relationales Mobbing ihnen großen Schaden zufügen
kann.
Diese Mobbingform soll dem Opfer schaden, indem die Freundschaften zerstört
werden und das Image geschädigt wird. Das hat zur Folge, dass die Person
komplett von der Gruppe isoliert wird. ,,Direkt" bedeutet in diesem Fall, dass die
Täter die Opfer gezielt ansprechen und ihnen mitteilen, dass sie beispielsweise
nicht mehr zu der Gruppe gehören oder dass die Freundschaft beendet ist. Die
direkte Vorgehensweise wird seltener angewandt als die indirekte Form.
2.1.2 Indirektes relationales Mobbing
Indirektes relationales Mobbing geschieht konkret durch das Ausschließen des
Opfers von Aktivitäten der Gruppe, durch das Verbreiten von Gerüchten oder aber
auch durch den Auftrag an andere Personen dem Opfer zu schaden (vgl. Deegener
2011, S. 187). Bei dieser Mobbing-Form gehen die Täter nicht direkt vor, sondern
vermitteln den Opfern durch ihre Körpersprache, Gestik und Mimik, dass deren
Anwesenheit nicht mehr erwünscht ist. Die Unerwünschtheit wird signalisiert
durch Augenrollen, Stirnrunzeln und aggressive Blicke, so wie durch Kichern und
Lachen. Wenn Opfer dieser Form der Ausgrenzung über einen längeren Zeitraum
ausgesetzt sind, ziehen sie sich komplett zurück und bleiben für sich alleine. Oft
werden diese Personen dann innerhalb des Klassenverbands isoliert, so dass
erhebliche Folgeschäden zu erwarten sind. Den Opfern wird es auch in Zukunft
schwer fallen, anderen Menschen in ihrer Umgebung zu vertrauen. Häufig wird
ein Aufbau von Freundschaften oder die Integration in eine Gruppe erschwert
oder findet im schlimmsten Fall erst gar nicht mehr statt.
Im Jahre 1995 führte Mechthild Schäfer eine Untersuchung an einem Münchener
Gymnasium durch, um das Ausmaß des Mobbings zu verdeutlichen. Dafür
wurden Sechst ­ und Achtklässler befragt, insgesamt 392 Schüler. In dem
Bereich ,,Orte und Arten des Mobbings" ergab die Studie, dass das Schikanieren
12

zu 7,9% aus physischen Angriffen und zu 3,8% aus Drohungen bestand. Somit
enthalten 67% der Schikanen keine direkten körperlichen Aggressionen. Die Arten
des Schikanierens, von denen die Schüler berichtet haben, waren: Hänseln
(22,6%); Gerüchte verbreiten (15,8%); persönliche Sachen wegnehmen (15%);
dumme Sprüche verbreiten (9%); nicht mit ihnen sprechen (5,6%). 20,8% der
Schüler gaben an, dass sie auf eine andere Art, als die angegebene, schikaniert
wurden (vgl. Schäfer 1996, S. 703). Abbildung 3 und 4 verdeutlichen die
genannten Zahlen in einem Diagramm.
In der öffentlichen Diskussion stehen die beschriebenen Formen des Mobbings im
Fokus. Um einen vollständigen Überblick zu liefern, müssen zudem drei weitere
Formen des Mobbings kurz erläutert werden: Bossing, Staffing und Stalking.
13
(Quelle: Schäfer 1996, S.703)
7,90%
3,80%
67,00%
Abbildung 3: Formen des Schikanierens in % (n = 392)
physische Angriffe
Drohungen
keine direkten
körperlichen
Aggressionen
(Quelle: Schäfer 1996, S.703)
22,60%
15,80%
15,00%
9,00%
5,60%
20,80%
Abbildung 4: Arten des Schikanierens in % (n = 392)
Hänseln
Gerüchte verbreiten
Sachen wegnehmen
dumme Sprüche verbreiten
nicht mit ihnen sprechen
eine andere Art

Bossing: Der Begriff Bossing bezeichnet eine Mobbinghandlung, die von dem
eigenen Chef ausgeht. Hergeleitet wird der Begriff aus dem englischen boss, was
übersetzt Chef oder Vorgesetzter bedeutet.
Staffing: Das Wort Staffing stammt auch aus dem Englischen und bedeutet
Anwerben, Bewerten oder Trainieren. In Verbindung mit Mobbing bekommt das
Wort eine andere Bedeutung. In diesem Kontext bedeutet Staffing, dass der
Vorgesetzte oder der Chef das Opfer von Mobbinghandlungen wird. Somit stimmt
das im Deutschen verwendete Wort nicht mit der eigentlichen englischen
Wortbedeutung überein.
Stalking: Der Begriff Stalking hat in den letzten Jahren im deutschen Raum an
Bedeutung gewonnen. Übersetzt bedeutet es soviel wie belästigen oder bedauern.
Stalking meint ,,[...] das beabsichtige und wiederholte Verfolgen sowie Belästigen
eines Menschen, und zwar derart, dass dessen Sicherheit bedroht und er in seiner
Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt wird" (Jäger 2014, S. 17).
2.2 Der Verlauf eines Mobbingprozesses
Ein einheitlicher Verlauf eines Mobbingprozesses existiert nicht. Jeder
Mobbingprozess ist komplex und verläuft spezifisch. Manche Betroffene
berichten von einem jahrelangen Terror mit immer wiederkehrenden Phasen.
Andere wiederum berichten, dass die Mobbinghandlungen immer unterschiedlich
gewesen seien und über einen kurzen Zeitraum angehalten hätten. Leymann hat
fünf Phasen herausgearbeitet, die bei fast allen Mobbingfällen zu beobachten sind.
Diese Phasen wurden ursprünglich beim Mobbing am Arbeitsplatz beobachtet,
können allerdings auf das Mobbing in den Schulen übertragen werden.
Phasenverlauf:
1. Phase: Vorstufe ­ häufige Konflikte
In der ersten Phase machen sich zunehmend Konflikte bemerkbar. Diese sind
anfänglich noch nicht auf eine bestimmte Person hin ausgerichtet.
2. Phase: Beginn des Mobbing ­ Prozesses
In der zweiten Phase beginnt der eigentliche Mobbingprozess. Die Opfer
14
bemerken, dass sich die Feindlichkeiten und die Isolierung gegen sie richten. Sie
bekommen Angst und leichte gesundheitliche Probleme beginnen.
Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Mobbing unter Schülern und Schülerinnen. Bedingungen, Auswirkungen und Präventionen
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Erziehungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
86
Katalognummer
V311942
ISBN (eBook)
9783668111264
ISBN (Buch)
9783668111271
Dateigröße
1623 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mobbing, schülern, schülerinnen, bedingungen, auswirkungen, präventionen
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Kathryn Metzner (Autor), 2014, Mobbing unter Schülern und Schülerinnen. Bedingungen, Auswirkungen und Präventionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/311942

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