Die Darstellung der Beziehung Elias Canettis zu seinem Vater in Canettis Autobiographie "Die gerettete Zunge"

Mögliche Gründe für die Idealisierung


Hausarbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Zu Struktur und methodischem Vorgehen

2. Die Beziehung Elias Canettis zu seinem Vater

3. Störfaktoren in der Beziehung
3.1 Der Wolfsmaskenvorfall
3.1.1 Bedeutung des Wolfsmaskenvorfalls im Gesamtkontext
3.2 Die ödipale Dreiecks-Konstellation

4. Gründe für die nachträgliche Idealisierung der Beziehung
4.1 Das Heranführen an die Schrift
4.2 Die möglichen Schuldgefühle

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Literatur

Forschungsliteratur

1. Zu Struktur und methodischem Vorgehen

Die vorliegende Hausarbeit wird sich mit der Beziehung des erzählten Ichs zu seinem Vater, welche in Elias Canettis Autobiographie Die gerettete Zunge dargestellt wird, auseinandersetzen.

Zunächst wird die abgebildete Beziehung zwischen Vater und Sohn näher betrachtet und erläutert, wobei festzustellen ist, dass diese von Elias Canetti idealisiert wird.

Warum es zu dieser Idealisierung kommt ist die grundlegende Fragestellung dieser Arbeit. Eine Hypothese in diesem Sachverhalt ist, dass das erzählte Ich in einer ödipalen Beziehung zu seiner Mutter den Vater verdrängt und seine Schuldgefühle durch die nachträgliche Idealisierung kompensieren möchte. Der Belegbarkeit dieser Hypothese werde ich im Laufe dieser Hausarbeit auf den Grund gehen. Zusätzlich werden Störfaktoren der Beziehung dargelegt und deren Funktionen und Auswirkungen beleuchtet.

2. Die Beziehung Elias Canettis zu seinem Vater

Die Beziehung des erzählten Ichs zu seinem Vater Jacques Canetti wird in Die gerettete Zunge durchweg positiv dargestellt. Kurzfristige Störfaktoren, wie der Wolfsmaskenvorfall, werden zwar wiedergegeben, bleiben aber unkommentiert.

So beschreibt Canetti ein inniges Vertrauensverhältnis zwischen Vater und Sohn, das von schönen Gesprächen und Zärtlichkeit geprägt wird: „Die schönsten Gespräche zu dieser Zeit führte ich aber mit meinem wirklichen Vater“.1 Der Vater wird als idealer Vater dargestellt, ein Elternteil, das sich Zeit für seine Kinder nimmt und sich auch vor der täglichen Arbeit mit Ihnen beschäftigt: „…er war vor dem Frühstück, das er unten im Speisezimmer mit der Mutter einnahm und hatte die Zeitung noch nicht gelesen.“2 Auch denkt er viel an seine Kinder und bringt ihnen daher jeden Abend Geschenke mit und beschäftigt sich längere Zeit mit Ihnen: „Aber abends kam er mit Geschenken, er brachte jedem etwas mit, keinen einzigen Tag kam er heim, ohne Geschenke für uns mitzubringen.“3 Durch dieses Verhalten baut der Vater ein vertrautes, inniges Verhältnis auf, das auch von den Kindern als sehr liebevoll wahrgenommen wird. So sagt das erzählte Ich, dass er „ihn liebte wie keinen Menschen“.4

Dem Sohn ist das Verhältnis zu seinem Vater das „Allerwichtigste“5, so wichtig, dass er das Verhältnis zu seiner Mutter völlig vernachlässigt, sie sogar ignoriert. So wird beschrieben, dass der Sohn beim sonntäglichen Zusammensein lediglich auf seinen Vater fixiert ist und die Zeit mit ihm so genießt, dass sie nie zu Ende gehen soll.6 Dahingegen ist ihm die Mutter geradezu gleichgültig: „Ich achtete nur auf ihn, was die Mutter mit den kleinen Brüdern bei sich drüben trieb, war mir gleichgültig, vielleicht sogar ein wenig verächtlich.“7

Da die Beziehung zu seinem Vater für den Jungen sehr wichtig ist, hält er auch dessen Meinung und dessen Lob für besonders wertvoll: „…kein Lob ist mir je so teuer gewesen.“8 Zudem adaptiert der Sohn einige Präferenzen des Vaters, so gefällt ihm das liebste englische Wort des Vaters auch außerordentlich gut.9 Der Vater nimmt die Wünsche und Ziele des Sohnes ernst und unterstützt ihn in seinen Interessen und Berufswünschen10, während die Mutter den Jungen oft für zu unreif hält und ihm auch die Lektüre von Erwachsenenliteratur mit seinem Vater untersagen möchte: „Jacques, das hättest du ihm nicht geben sollen, das ist zu früh für ihn“.11

Zuletzt konnotiert das erzählte Ich mit dem Vater sogar göttliche Eigenschaften. So ist es der Vater, durch den der schwer kranke Elias wieder gesund wird und dies lediglich durch das Nennen seines Namens und durch das Auflegen der Hand auf das Haar des Sohnes.12 Die Anwesenheit des Vaters bewahrt den jungen Canetti vor dem Tod, welcher die Situation später als Wiedergeburt beschreibt.13

Als der Vater eines Morgens stirbt, ist es für Elias unbegreiflich,14 er kann den Tod seines Vaters nicht akzeptieren und möchte nur zu ihm15. Er ist so erschüttert, dass der Tod des Vaters und dessen Umstände zu seinem Lebensmittelpunkt werden: „Im Zentrum jeder Welt, in der ich mich befand, stand der Tod des Vaters“.16 Dennoch hat er kein wirkliches Interesse daran, die Ursache des Todes zu erfahren, da er schlichtweg keinen möglichen Grund anerkennen möchte17. Dass Elias‘ Ansicht nach kein anderer Mann die nun vorhandene Leerstelle an der Seite der Mutter besetzen soll, sondern er selbst18, führt zur Annahme des Konzepts einer ödipalen Beziehung zwischen Mutter und Sohn, auf die im folgenden Gliederungspunkt Bezug genommen wird.

3. Störfaktoren in der Beziehung

3.1 Der Wolfsmaskenvorfall

Entgegen der auf den ersten Blick idealen Darstellung des Vaters Jacques Canetti, tritt in Die gerettete Zunge der Wolfsmaskenvorfall. Dieser beschreibt die Szene, in der Jacques eines Nachts mit einer Wolfsmaske verkleidet an das Bett des Sohnes tritt und diesen erschreckt.19 Nicht wissend, dass die Furcht des Jungen vor Wölfen durch Erzählungen seiner Mutter und der bulgarischen Kindermädchen geschürt worden war20, macht sich der Vater einen Spaß daraus. Der Sohn jedoch erkennt seinen Vater nicht, weint und schreit vor lauter Angst und ist, auch nachdem der Vater die Maske abnimmt und die Situation erklärt, nicht zu beruhigen.21

3.1.1 Bedeutung des Wolfsmaskenvorfalls im Gesamtkontext

Die Bedeutung des Wolfsmaskenvorfalls im Gesamtkontext der Autobiographie Elias Canettis lässt sich veranschaulichen, indem man einen Blick auf den Text Zerbrochene Spiegel von Oliver Sill wirft. Dieser setzt den Vorfall in Zusammenhang mit der frühesten Erinnerung des erzählten Ichs, welche in einer Pension stattfindet und welche vollkommen in Rot getaucht ist.22 Diese Verknüpfung rechtfertigt Sill durch die auffallend rote Zunge des Wolfs.23 Schon in der Szene der frühesten Erinnerung sieht sich das erzählte Ich einer Bedrohung ausgesetzt, die das Verstummen des Kindes verursacht, denn man droht ihm, seine Zunge abzutrennen.24 Zudem kann das Rot der Wolfszunge auf das Motiv des Blutes hindeuten, welches als Hinweis auf die angedrohte Verstümmelung zu sehen ist.25

Ebenfalls deutet Sill die Farbe Rot im Kontext als Symbol der Demütigung des Unterworfenen Ichs26, da sich das erzählte Ich einer Bedrohung machtlos ausgeliefert sieht. So gehorcht es dem Befehl des lächelnden Mannes in seiner frühesten Erinnerung27 und weint und schreit vor Furcht beim Anblick seines Vaters mit einer Wolfsmaske.28

Die Szene des Wolfsmaskenvorfalls bildet einen drastischen Gegensatz zur sonstigen Darstellung des Vaters. Während die Beziehung üblicherweise ein „auf Vertrauen gegründetes Vermitteln und Verstehen“ aufzeigt, liegen nun eine „Bedrohung“ und ein „von Angst beherrschtes Nicht-Begreifen“ vor.29 Auch erläutert Sill, dass die Verständigung, welche sonst zwischen Vater und Sohn hervorragend funktioniert und welche einen besonderen Wert für den Sohn hat, in diesem Fall scheitert30, da der Vater seinem Sohn nicht verdeutlichen kann, dass er sich hinter der Maske verbirgt und kein echter Wolf den Jungen erschrocken hat.

3.2 Die ödipale Dreiecks-Konstellation

Ein weiterer Störfaktor für die Vater-Sohn Beziehung in Elias Canettis Die gerettete Zunge ist die ödipale Dreiecks-Konstellation.

Diese entstand zunächst durch die deutsche Sprache, welche die Eltern des erzählten Ichs miteinander sprachen, jedoch nicht mit ihren Kindern.31 Diese wurden folglich ausgeschlossen, was den ältesten Sohn Elias veranlasst eifersüchtig zu sein32 und den Versuch zu wagen, sich zwischen die Eltern zu stellen.

Waltraud Wiethölter erörtert im Zusammenhang mit der exklusiven Sprache der Eltern, dass der Sohn gezwungen wurde, die Sprache „mit der Sphäre der Intimität, dem, was zwischen Mann und Frau geschieht, gleichzusetzen“.33 So setzt sich Elias im Grunde an die Stelle des Vaters, als er es schafft die Mutter durch die Imitation des Vaters, der ihren deutschen Kosenamen ruft, zu täuschen.34 Dennoch hegt Elias keinen Groll gegen seinen Vater, wenn er von ihm und der Mutter ausgegrenzt wird, lediglich gegen die sich ihm entziehende Mutter.35

Die Konkurrenz zwischen Vater und Sohn um den Platz an der Seite der Mutter wird zu Lebzeiten des Vaters nicht deutlich, da die tiefe Zuneigung zu seinem Sohn bestand.36 Erst nach dem Tod des Vaters, als die Mutter Elias die „Liebessprache“ deutsch beibringt, nimmt der Sohn endgültig den Platz des Vaters ein. Durch die Verbindung der deutschen Sprache mit der Liebesbeziehung der Eltern, haben sich die Bereiche des Geschlechtlichen und der Sprache in den Gedanken des jungen Elias direkt miteinander verbunden37. Da dieser nun deutsch lernt und mit der Mutter sprechen kann, wird er in gewisser Weise zu ihrem Partner, weshalb man von einem ödipalen Verhältnis sprechen kann.

[...]


1 Canetti: Die gerettete Zunge, S.51

2 Ebd. S.52

3 Ebd. S.52

4 Ebd. S.52

5 Ebd. S.53

6 Vgl. Ebd. S.69

7 Ebd. S.69

8 Ebd. S.61

9 Vgl. Ebd. S.55

10 Vgl. Ebd.S.55

11 Ebd. S.53

12 Vgl. Ebd. S.43

13 Vgl. Ebd. S.44

14 Vgl. Trautwein: Literarisierung, S.199

15 Vgl. Canetti: Die gerettete Zunge, S.73

16 Ebd. S.74

17 Vgl. Ebd. S.74 Vgl. Trautwein: Literarisierung, S.200

18 Vgl. Ebd. S.199

19 Vgl. Canetti: Die gerettete Zunge, S.29

20 Vgl. Ebd. S.16

21 Vgl. Ebd. S.29

22 Vgl. Ebd. S.9

23 Vgl. Ebd. S.29 Vgl. Sill: Zerbrochene Spiegel, S.195

24 Vgl. Canetti: Die gerettete Zunge, S.9

25 Vgl. Sill: Zerbrochene Spiegel, S.196

26 Vgl. Ebd. S.196

27 Vgl. Canetti: Die gerettete Zunge, S.9

28 Vgl. Ebd. S.29

29 Sill: Zerbrochene Spiegel, S.195

30 Vgl. Ebd. S.195

31 Vgl. Canetti: Die gerettete Zunge, S.33

32 Vgl. Ebd. S.34

33 Wiethölter: Sprechen-Lesen-Schreiben, S.152

34 Vgl. Ebd. S.152 Vgl. Hansen: Autobiographie, S.82

35 Vgl. Canetti: Die gerettete Zunge, S.35

36 Vgl. Wiethölter: Sprechen-Lesen-Schreiben, S.152f.

37 Vgl. Ebd. S.152

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der Beziehung Elias Canettis zu seinem Vater in Canettis Autobiographie "Die gerettete Zunge"
Untertitel
Mögliche Gründe für die Idealisierung
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V312029
ISBN (eBook)
9783346187451
ISBN (Buch)
9783346187468
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elias Canetti, Vater, gerettete Zunge, Beziehung, Autobiographie
Arbeit zitieren
Lisa-Sophie Roth (Autor), 2015, Die Darstellung der Beziehung Elias Canettis zu seinem Vater in Canettis Autobiographie "Die gerettete Zunge", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312029

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