Entwicklungsgeschichtliches Denken in der Romantik. Novalis Ästhetisierung und Resakralisierung der Geschichtsphilosophie


Essay, 2015

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Entwicklungsgeschichtliches Denken in der Romantik Novalis' Asthetisierung und Resakralisierung der Geschichtsphilosophie

Neben der zunehmenden wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Nationalphilologie ist die geistige Strömung der Romantik durch ein zunehmendes historisches Bewusstsein gekennzeichnet. Philosophische Reflexionen über die Geschichte bestehen in der Untersuchung auf ihren Sinn oder ihr Ziel hin, ihrer Erklärung durch allgemeine Gesetze und in der Erörterung der wissenschaftstheoretischen Methoden der Geschichts­schreibung. Während seit der Antike zunächst exemplarische Ereignisse im Vordergrund stehen, wird ab dem 18. Jahrhundert die systematische Einheit der Geschichte als eines „universalen Wirkungszusammenhangs in seiner jeweiligen Einmaligkeit“[1] betont.

Ausgehend von einem dynamischen Verständnis des Geschichtsbegriffs besteht geschichtsphilosophische Argumentation in der Romantik in einem triadischen Schema: 1. Anschauung einer idealisierten Frühzeit in kindlicher Unschuld und märchenhaftem Einklang mit der Natur- und Geisterwelt, 2. Reflexion einer negativ qualifizierten Gegenwart in der Entfremdung mit der Welt und 3. Projektion einer idealen Zukunft in der Wiedergewinnung der Identität und Religiosität.

Die Aufklärer betrachten den kontinuierlichen Verlauf der Geschichte als Auf­wärtsbewegung: die Vergangenheit wird als überwundene, „unvernünftige“ Kindheitsstufe abgewertet und die Gegenwart mit der Erlangung der Mündigkeit als Triumph und Möglichkeit irdischen Glücks positiv bewertet. Während sie aufgrund eines ausge­sprochenen Gegenwartsoptimismus von der bisherigen Geschichte abkehren, steht die Konstruktion des romantischen Geschichtsmodells unter entgegengesetzten Vorzeichen. Im Zuge der Aufbruchsstimmung der Französischen Revolution mit ihrem sozial­ökonomisch und politisch bedingten Krisenbewusstsein verspüren die Romantiker eine Zerrissenheit des gegenwärtigen Seins in den Oppositionen von Welt — Individuum, Vergangenheit — Jetzt, Wirklichkeit — Phantasie, Form — Freiheit, sodass sie sich schwärmerisch dem Volkstümlichen und der vermeintlich harmonischen Vergangenheit des christlichen Mittelalters zuwenden. Die rationale Geisteshaltung der Aufklärung, mittels der Vernunft alle Fragen der Welt- und Selbstdeutung zu klären, wird als Vereinseitigung menschlicher Seinsmöglichkeiten empfunden. Dieses gegenwärtige Leiden entspricht allem anderen als der höchsten Entwicklungsstufe der Menschheit — sie stellt vielmehr ihren Tiefpunkt dar.

Hindurchgegangen durch den Prozess der Geschichte und das Bewusstsein der Menschheit ist die Gegenwart für den frühromantischen Dichter und Philosophen Novalis nichts weiter als eine Illusion, die über die „Erhebung des Menschen über sich selbst“ (II, 327) entlarvt werden soll. Er bemerkt, dass in Wahrheit die Menschen auch „nirgends weniger als in der Gegenwart“ leben (III, 278), sondern stets von der Vergangenheit und Zukunft geleitet sind. Aufgrund der Vorstellung, „daß die Möglichkeit der Vervoll­kommnung des Menschen unbegrenzt ist“[2], wird eine neue Kunst (Universalpoesie), ein neues Denken und Leben praktiziert, das den harmonisch postulierten Urzustand (des biblischen Paradieses vor dem Sündenfall) im prophezeiten Endzustand der Menschheit wiederherstellen soll (Wiedergeburt Christus' „als neuer Adam“). Diese Erneuerung der Welt vollzieht sich nach Novalis repräsentativ im einzelnen Menschen: Jedes Menschen Geschichte soll eine Bibel sein — wird eine Bibel sein (III, 128).“

Auch wenn die Vermutung nahe liegt, dass die Entfaltung der Geschichte nach der idealisierten Frühzeit — insbesondere die entseelte und zweckgerichtete Gegenwart — dabei vorzugsweise in Vergessenheit geraten solle, soll sie nach romantischer Ansicht gerade nicht rückgängig gemacht werden. Erst sie brachte Individualität und Mannigfaltigkeit in die Welt, wodurch die anvisierte Einheit vor der Eintönigkeit bewahrt wird. Novalis konstatiert: „Wie vermeidet man bei Darstellung des Vollkommenen die Langeweile?“ (III, 163). Denn die idealisierte Frühzeit hat nach Novalis den Haken, aufgrund des Fehlens von Bewusstsein und Wissen, lediglich von Instinkt durchdrungen zu sein und deshalb monoton zu sein. Polytonie gilt für Novalis als unumgängliche Komponente der künftigen Harmonie, sodass der Weg der Geschichte für ihn von der Monotonie über die Disharmonie zur Harmonie verläuft.

Die Trennung von dem vergangenen sog. goldenen Zeitalter gilt für Novalis demnach als Voraussetzung für die harmonische Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart im künftigen goldenen Zeitalter: „Ich realisiere die goldne Zeit — indem ich die polare Sphäre ausbilde(III, 227). Anders als die deutsche Klassik und ihre griechischen Ideale, sollen Gegensätze nicht aufgehoben, sondern gegenseitig durchdrungen und auf einer höheren Ebene wiederhergestellt und miteinander verbunden werden:

Vor der Abstraktion ist alles eins, aber eins wie das Chaos·, nach der Abstraktion ist wieder alles vereinigt, aber diese Vereinigung ist eine freie Verbindung selbstständiger, selbstbestimmter Wesen.

Aus einem Haufen ist eine Gesellschaft geworden, das Chaos ist in eine mannigfaltige Welt verwandelt (II, 33). In der künftigen Welt [ist] ... alles wie in der ehmaligen Welt — und doch alles ganz anders. Die künftige Welt ist das vernünftige Chaos — das Chaos, das sich selbst durchdrang... (III, 97).

[...]


[1] Vgl. KOSELLEK (1992), 112.

[2] Vgl. CONDORCET (1976), 219.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Entwicklungsgeschichtliches Denken in der Romantik. Novalis Ästhetisierung und Resakralisierung der Geschichtsphilosophie
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar Romantik
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
5
Katalognummer
V312122
ISBN (eBook)
9783668109827
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dem Endlichen einen unendlichen Schein zu geben, Geschichtsphilosophie, Novalis, Romantik, Resakralisierung, Ästhetik, Ästhetisierung, Sakralisierung, Goldenes Zeitalter, triadisches Schema, Religiösität, Aufklärung, Individualität, Monotonie, Harmonie, Sehnsucht, Heimat, Klassik, Annihilitation des Jetzigen, Paradies, Alltag, Traum, Fantastik, Unbewusstes, Bewusstsein, Universal, Kunst, Rausch, Liebe, Kindsein
Arbeit zitieren
Julia Heese (Autor), 2015, Entwicklungsgeschichtliches Denken in der Romantik. Novalis Ästhetisierung und Resakralisierung der Geschichtsphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312122

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Entwicklungsgeschichtliches Denken in der Romantik. Novalis Ästhetisierung und Resakralisierung der Geschichtsphilosophie



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden