Was macht Freunde aus? Der Freundschaftsbegriff bei Facebook und aus soziologischer Perspektive


Hausarbeit, 2013

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Leitfrage

Einleitung

1. Freundschaft in der soziologischen Theorie
1.1 Was bedeutet Freundschaft?/ Definition
1.2 Durch welche Aspekte zeichnet sich eine klassische Freundschaft aus?
1.3 Welche Arten von Freundschaft gibt es?
1.4 Der beste Freund/ Die beste Freundin

2. Freundschaften im Internet
2.1 Freundschaft in Sozialen Netzwerken
2.2 Was bedeutet eine Freundschaft bei Facebook?
2.3 Facebook-Freunde als „Ware“
2.4 Facebook-Freunde als Teil der Selbstdarstellung

3. Warum eine Facebook-Freundschaft keine echte Freundschaft ist

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Leitfrage

Warum ist der Begriff der Freundschaft in sozialen Netzwerken, insbesondere bei Facebook, nicht mit dem Begriff der Freundschaft gleich zu setzen, so wie er in soziologischen Texten definiert wird?

Einleitung

Zuerst werde ich mich in dieser Hausarbeit mit einigen Definitionen und Beschreibungen des

Freundschaftsbegriffes aus der soziologischen Grundlagenliteratur auseinandersetzen. Diese erste Beleuchtung soll einen Überblick darüber geben, ab wann eine Beziehung zwischen zwei Menschen aus soziologischer Sicht als Freundschaft bezeichnet werden kann, oder ob in anderen Fällen lediglich von Bekanntschaften gesprochen werden kann. Ich versuche zu differenzieren, ob es verschiedene Arten von Freundschaften gibt, und in welchen Aspekten sie sich gleichen oder unterscheiden. Dann werde ich näher auf das Phänomen des besten Freundes bzw. der besten Freundin eingehen und betrachten, ob sich die Freundschaft in diesem Fall in ihrer Ausprägung der einzelnen Aspekte von normalen Freundschaften unterscheidet.

Anschließend werde ich in den zweiten Themenbereich der Hausarbeit wechseln und herausarbeiten, welche Bedeutung sogenannte Freundschaften in sozialen Netzwerken haben.

Besonders werde ich mich dann in meiner Arbeit auf das soziale Netzwerk Facebook beziehen, in dem es mittlerweile normal ist, dass der Durchschnittsnutzer Personen im dreistelligen Bereich per Mausklick zu seinen Freunden erklärt, ohne außerhalb der virtuellen Welt Kontakt zu ihnen zu pflegen. Der Löwenanteil dieser virtuellen Freunde trägt also lediglich zur Selbstdarstellung der betreffenden Person bei und soll ihre soziale Eingebundenheit in die Gesellschaft bezeugen. Die Bezeichnung „Freundesliste“ ist in sozialen Netzwerken also eine Umschreibung der sich ebenfalls in diesem Netzwerk befindenden Kontakte oder einfach Mitmenschen, aber keinesfalls handelt es sich bei jedem virtuellen auch um einen realen Freund.

Normalerweise stellt man sich unter einem Freund oder einer Freundin jemanden vor, mit dem/der man durch dick und dünn gehen kann und mit dem/der man eine große Menge seiner Freizeit verbringt. Man vertraut dieser Person blind und steht treu zu ihrer Seite, auch in schwierigen und unangenehmen Situationen. Echte Freunde sind in wichtigen Punkten ehrlich zueinander, auch wenn das in den betreffenden Momenten nicht immer angenehm ist, aber diese Ehrlichkeit und Direktheit zeigt dem Gegenüber das eigene Interesse an ihm und wird von den meisten Freunden nicht persönlich genommen sondern dient eher als Hilfe, sich besser in sozialen Umfeldern bewegen zu können. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass reale Freundschaften nicht existieren können, wenn sie vernachlässigt werden, und dieser Umstand hat mich auf die Fragestellung meiner Arbeit gebracht. Der Begriff der Freundschaft muss in bzw. für soziale(n) Netzwerken deutlich anders definiert werden als in den klassischen Texten der Soziologie, da man beispielsweise auf der Internetplattform Facebook nichts weiter zu tun braucht als einer fremden Person eine Freundschaftsanfrage zu schicken und darauf zu warten, dass diese angenommen wird. Passiert dies, so ist der fremde Mensch ab sofort in der Freundesliste des Akteurs zu finden, und ist vielleicht der 231. „Freund“, der lediglich den Zweck erfüllt, das betreffende Profil durch seine sogenannte Freundschaft aufzuwerten.

1. Freundschaft in der soziologischen Theorie

1.1 Was bedeutet Freundschaft?/ Definition

Eine Freundschaft ist eine „persönliche, freiwillige und dauerhafte Beziehung zwischen zwei oder mehreren Personen mit emotionaler, in der Regel aber ohne sexuelle Bindung und ohne soziale Kontrolle von außen“ (Endruweit, 1989, S.216). Meistens liegt der Fokus der Betrachtung aber auf der Beziehung zwischen zwei Personen. Die sexuelle Bindung spielt jedoch eine Rolle in Freundschaften zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts, da sich entweder aus einer normalen Freundschaft durch das Hinzuziehen sexueller Tätigkeiten eine Zweierbeziehung entwickeln, oder sich aus einer missglückten Zweierbeziehung eine mehr oder weniger enge Freundschaft herausbilden kann.

„Freundschaft stellt eine Beziehung dar, die sich hinsichtlich ihrer Struktur und Qualität von allen anderen sozialen Bindungen abhebt, in die eine Person eingebunden sein kann. Sie ist für Kinder und Jugendliche anders als alle Beziehungen zu Erwachsenen, anders als Gleichaltrigenbeziehungen im Rahmen von Familie und Verwandtschaft und auch anders als formale Beziehungen, z.B. zu (nicht befreundeten) Klassenkameraden.“ (Alisch, 2006, S.122) Am deutlichsten lässt sich Freundschaft mit dem Aspekt der Freiwilligkeit charakterisieren, denn Freunde werden nicht von außen zusammengeführt oder zu einer Freundschaft gezwungen, sondern kommen auf rein freiwilliger Basis zueinander.

„Etymologisch und sozialhistorisch jedoch besteht [diese Abgrenzung zwischen Freundschaften, sexuell geprägten Zweierbeziehungen und Verwandtschaften] nicht: auf die indogermanische Wurzel >>fri<< gehen gleichermaßen freuen, Friede, Freund und freien (heiraten) zurück, und althochdeutsch >>friunt<< bedeutete auch >>Blutsverwandter<< “ (Endruweit, 1989, S.216).

Eine Freundschaft wird „ - ohne spezifische Rollenverpflichtung - freiwillig und auf längere, nicht fixierte Dauer eingegangen […]. [Ihr] fehlt eine klare Zielbezogenheit gemeinsamen Handelns. Sie hat die Tendenz, sich auf alle Angelegenheiten des [Freundes] auszudehnen. Die aufeinander einwirkenden Sinnbeziehungen (und die daraus fließenden Verhaltensformen) der Freundschaftspartner werden nicht aus ihren sonstigen sozialen Rollen abgeleitet; vielmehr stehen sich Freunde als Persönlichkeiten, als >>ganze Menschen<< gegenüber. Die prinzipielle normative Ungebundenheit der Freundschaftsbeziehungen räumt Chancen ein für kreatives, persönlichkeitsbestimmtes Sozialverhalten ein“ (Hartfiel, 1982, S.224). Am deutlichsten ist diese normative Ungebundenheit bei Freunden zu bemerken, die sich schon seit einer langen Zeit, optimalerweise schon seit ihren frühen Kindheitstagen an kennen. Sie können offen und ehrlich miteinander reden und sich auch sehr intime und private Dinge erzählen, ohne einen Konflikt mit ihren sozialen Rollen zu provozieren. Das Fehlen der klaren Zielbezogenheit des gemeinsamen Handelns macht eine Freundschaft zu einem gesellschaftlichen Konstrukt, in dem die Beteiligten offen sind für neue Erfahrungen und Erlebnisse wie beispielsweise das Reisen oder eine gemeinsame Hobbysuche.

Ähnlich wie zu Familienangehörigen pflegt man zu Freunden intensive soziale Kontakte und in beiden Fällen sind enge Beziehungen „die Bedingung, wobei sie zwar in einer Freundschaft nicht aber in der Familie positiv sein müssen“ (Nave-Herz, 1989, S.435) In die Familie wird man hineingeboren und ist bis zu einem gewissen Zeitpunkt von ihr abhängig, Freundschaften jedoch pflegt man aus freien Stücken und hat jederzeit die Möglichkeit, sie zu beenden. „Laut einer Umfrage von Argyle und Henderson (1986) nach [den] Quellen [der] Befriedigung in sozialen Beziehungen, thematisieren [die Befragten] drei Hauptfunktionen von Freundschaft.: [Erstens]: Hilfe - materielle Hilfe oder Unterstützung bei Alltagsproblemen. [Zweitens]: Sozialer Rückhalt - gilt als wichtigster Grund für Freundschaft und beinhaltet den schlichten Erfahrungsaustausch auf einer alltäglichen Ebene, um eine gemeinsame geistige Welt aufzubauen, Erlebnisse in Worte zu fassen und mit denen anderer zu vergleichen. [Drittens]: Gemeinsame Interessen - für gemeinsame Unternehmungen in der Freizeit, Vergnügen, Ausgelassenheit [und] Heiterkeit. “ (http://www.freundschaft-diplomarbeiten.de/1.3-Funktionen- von-Freundschaft.htm)

Das im dritten Punkt genannte gemeinsame Interesse, wie zum Beispiel die Lust am Wandern, verbindet zwei Personen sehr stark miteinander. Nicht nur das Interesse, sondern gerade auch Unternehmungen in der Freizeit schweißen Menschen zusammen. In Extremsituationen, jetzt wieder auf das Wandern bezogen, wie bei einem starken Unwetter in freier Natur zu zelten oder Angstsituationen gemeinsam durch zu stehen, festigt die Bande zwischen zwei Freunden ungemein. Auch die Erinnerungen an aufregende Erlebnisse wirken sich positiv auf eine Freundschaftsbeziehung aus, und können nach einer längeren Kontaktpause jederzeit als „Gesprächsentfacher“ herangezogen werden, damit keine peinliche Pause entsteht. Auch Tenbruck ist der Auffassung, die „Tatsache, daß [sic.] sich zwei Menschen mit gleichen Interessen, gleichen Werten, gleichen Gedanken, gleichen Lebensformen und gleichen Temperamenten finden, [mache] das aus, was wir als die eigentliche Erfüllung der Freundschaft ansehen.“ (Tenbruck, 1964, S.441)

1.2 Durch welche Aspekte zeichnet sich eine klassische Freundschaft aus?

Den oben aufgeführten Definitionsansätzen zufolge sind Freiwilligkeit, Authentizität der Beteiligten, Vertrauen, Dauerhaftigkeit, Treue und Intimität wichtige Schlagwörter bei der Behandlung des Themas Freundschaft. Die Bewahrung vor Einsamkeit und gemeinsame Erlebnisse gehen mit diesen Aspekten einher und machen eine jede Freundschaft einzigartig und wichtig für das Wohlbefinden des Menschen.

Ab dem Zeitpunkt, ab dem „die gegebenen sozialen Beziehungen und Rollen nicht mehr zur Orientierung des Individuums in der ganzen Breite seines Handelns ausreichen, werden die persönlichen Beziehungen wichtig und wird unter ihnen insbesondere die Freundschaft wichtig.

Denn eben im Freunde nun findet man seine Ergänzung und Bestätigung.“ (Tenbruck, 1964,S.440) Der Spruch - Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte jedoch nicht. - bringt die Wahl der richtigen Freunde ins Gespräch, und damit man sich eben nicht für falsche Freunde entscheidet, die später viel Ärger und Leid verursachen können, sollte auf einige wenige grundsätzliche Aspekte geachtet werden.

Aristoteles zu Beispiel beschrieb Freundschaft seinerzeit mit folgenden Worten: „Denn als Freund gilt, (1) wer das Gute oder was als solches erscheint, um der Person des Freundes willen wünscht und tut, oder (2) wer das Dasein und Leben des Freundes um des Freundes willen wünscht […]. (3) Andere erkennen als Freund den, der das Leben mit uns teilt und (4) sich für dieselben Dinge entscheidet wie wir, oder (5) den, der Leid und Freud mit dem Freunde teilt.“ (Rapsch, 2004, S.32) Der letzte seiner Punkte erscheint am wichtigsten, denn ein echter Freund bietet in schlechten Zeiten freiwillig seine Hilfe und Unterstützung an, wohingegen Freude sich sehr viel einfach teilen lässt. Zwar kann man sich mit Freunden auch gemeinsam freuen, aber dies stellt in der Regel keine Schwierigkeit dar, doch um Leid teilen zu können muss wesentlich mehr Geschick und Feingefühl von Seiten des Freundes aufgebracht werden.

„Christian Thomasius beispielsweise versteht die >>auserlesene Conversation<< in der Freundschaft als >>kluge<< Balance zwischen >>Vorsichtigkeit<< und >>Vertrauen<< […]. Freundschaft wird seiner Ansicht nach aufgrund des >>Nutzens<< eingegangen, den ein Freund nicht nur in materieller, sondern auch in moralischer Hinsicht erbringt.“ (Schinkel, 2003, S.407)

Unter anderem spielt die Freundschaft eine wichtige Rolle bei der Charakterbildung eines Menschen. Von und mit seinen Freunden lernt er die Regeln des sozialen Zusammenlebens und nimmt nach langem und intensiven Kontakt auch Verhaltensformen seiner Freunde an. Je länger zwei Menschen befreundet sind, desto offener und ehrlicher können sie miteinander umgehen und desto schneller und effizienter können Probleme gelöst und Konflikte beigelegt werden, sofern nicht das Vertrauen der betreffenden Freundschaft durch eine der beteiligten Personen verletzt wurde. Neid und unnötige Konflikte sind jedoch tunlichst von einer guten Freundschaft fern zu halten, da sie zur gegenseitigen Entfremdung der Freunde führen können. „Nach Simmel zeichnen sich Freundschaften dadurch aus, daß [sic.] sie, >>mindestens ihrer Idee nach, auf der ganzen Breite der Persönlichkeiten aufbauen<< und >>den ganzen Menschen mit dem ganzen Menschen verbinden<<“ (Endruweit, 1989, S.216).

Vertrauen ist ebenfalls einer der wichtigsten Aspekte der Freundschaft, denn egal wie die Umstände aussehen, wie alt die Freunde sind, welcher Herkunft sie sind oder welche Sprachen sie sprechen, ist das Vertrauen einmal gebrochen, so wird es sehr schwer, dieses jemals in der einstigen Form wieder herzustellen. Freunde, denen man nicht vertrauen kann, gibt es also auf lange Sicht nicht, da man sie früher oder später aufgibt und nach vertrauenswürdigeren Personen sucht. „Wie andere Sozialbeziehungen, können auch Freundschaften zerbrechen, manche Freunde werden sogar zu Feinden bevor sie sich trennen.“ (Rapsch, 2004, S.86)

Freundschaften jedoch, die aufgrund eines heftigen Streits schon einmal kurz vor dem Zerbrechen standen, können im Nachhinein umso intensiver gepflegt werden und zeichnen sich meist durch eine erhöhte Ehrlichkeit zwischen den Freunden aus, da diese sich nach dem Streit im Idealfall beide aussprechen und damit weitere Barrieren abbauen konnten.

„Von Wiese [sieht] in der Freundschaft eine Kraft, die die Einsamkeit schwächt und zugleich Raum für seelische Tiefe gewährt.“ (http://www.freundschaft-diplomarbeiten.de/1.3-Funktionen-von- Freundschaft.htm)

Auch die Bewahrung vor dem Alleinsein, also die Gesellschaftsleistung, zeichnet eine gute Freundschaft aus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Was macht Freunde aus? Der Freundschaftsbegriff bei Facebook und aus soziologischer Perspektive
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V312250
ISBN (eBook)
9783668113619
ISBN (Buch)
9783668113626
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freunde, Netzwerk, Bekanntschaft, Zwischenmenschliche, Beziehungen, hobby, sozial, vernetzt, group, Soziologie, Freundschaft
Arbeit zitieren
Jakob Steinberger (Autor:in), 2013, Was macht Freunde aus? Der Freundschaftsbegriff bei Facebook und aus soziologischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312250

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Was macht Freunde aus? Der Freundschaftsbegriff bei Facebook und aus soziologischer Perspektive



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden