Wie der Titel „Mauqif aš-šarīʿa al-ġarrāʾ min nikāḥ al-mutʿa“ bereits andeutet, handelt es sich beim Gegenstand dieser Schrift vom syrischen Tafsīr-Gelehrten Muḥammad ʿAlī aṣ-Ṣābūnī um die Zeitehe (nikāḥ al-mutʿa), welche nach Ignaz Goldziher (gest. 1921) „die einschneidendste gesetzliche Streitfrage zwischen sunnitischem und schiitischem Islam“ darstellt.
Im Gegensatz zur innerislamischen Auseinandersetzung über die legitime Nachfolge (ḫilāfa) des Propheten Muḥammad als Führer der Umma, die mit Kontroversen um die Autorität gewisser Prophetengefährten (ṣaḥāba) verbunden ist, sind ähnlich alte ideologische Streitfragen im muʿāmalāt-Bereich, wie taqīya und mutʿa, in der westlichen Islamwissenschaft deutlich weniger beachtet oder gar bewusst in den Hintergrund gerückt worden. Doch auch in Werken islamischer Gelehrter wurden sie seltener thematisiert als die frühzeitlich-politischen Konflikte. Was also veranlasst den hanafitischen Tafsīr-Gelehrten aṣ-Ṣābūnī dazu, der mutʿa, mehr als 1300 Jahre nach der Herausbildung der Partei ʿAlīs (šīʿat ʿAlī), noch eine eigene Abhandlung zu widmen?
Man könnte meinen, die Argumente für und gegen die mutʿa seien bereits von früheren Religionsgelehrten (ʿulamāʾ) zu Genüge ausgetauscht worden. Wieso stellt die mutʿa für aṣ-Ṣābūnī gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch eine derart wichtige und gefährliche Angelegenheit dar? Will er nur an die Standpunkte früherer sunnitischer Gelehrter erinnern oder bringt er neue eigene Argumente in die Diskussion um die Zeitehe ein? In welchem Stil präsentiert er seine Argumentation? Diese Fragen sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE MUTʿA ALS STREITPUNKT ZWISCHEN SUNNITEN UND SCHIITEN
2.1 DEFINITION DER MUTʿA
2.2 URSPRÜNGE DES STREITS UM DIE MUTʿA
2.3 DIE KONTROVERSE UM DIE MUTʿA IN DER FORMATIVEN PERIODE DES ISLAMS
2.4 DIE KONTROVERSE UM DIE MUTʿA IM 20. JAHRHUNDERT
3 DER VERFASSER UND DAS WERK
3.1 BIOGRAPHIE VON MUḤAMMAD ʿALĪ AṢ-ṢĀBŪNĪ
3.2 AUFBAU DER ABHANDLUNG
3.3 STIL DER ABHANDLUNG
4 AṢ-ṢĀBŪNĪS ARGUMENTATION IN ,,MAUQIF AŠ-ŠARĪʿA AL-ĠARRĀʾ MIN NIKĀḤ AL-MUTʿA"
4.1 DAS ERSTE SCHEINARGUMENT DER SCHIITEN
4.2 DAS ZWEITE SCHEINARGUMENT DER SCHIITEN
4.3 DIE NIKĀḤ AŠ-ŠARʿĪ ALS ALTERNATIVE ZUR NIKĀH AL-MUTʿA
5 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Argumentationsstrategien des sunnitischen Gelehrten Muḥammad ʿAlī aṣ-Ṣābūnī in seinem Werk zur Zeitehe (mutʿa) und analysiert, wie er diese Praxis vor dem Hintergrund sunnitischer Positionen und schiitischer Lehrmeinungen bewertet und zu widerlegen sucht.
- Historische Kontroversen um die Praxis der Zeitehe (mutʿa) im Islam.
- Analyse des Werks „Mauqif aš-šarīʿa al-ġarrāʾ min nikāḥ al-mutʿa“.
- Gegenüberstellung sunnitischer und schiitischer Rechtsauffassungen.
- Untersuchung polemischer Argumentationsweisen und der Rolle des Autors als Gelehrter.
Auszug aus dem Buch
Die nikāḥ aš-šarʿī als Alternative zur nikāḥ al-mutʿa
Folglich greift er auch weder die Beobachtung vor der zunehmenden Schiitisierung des Iraks, beziehungsweise der dort lebenden Beduinen, für die andere Gelehrte die mutʿa in Verantwortung ziehen, auf, noch geht er auf die in den Neunziger Jahren innersunnitisch aufkommende Diskussion um die nikāḥ al-misyār ein.
Deutlich lesbar formuliert er hingegen, die oben erläuterte Befürchtung eines Abdriftens der Jugend zu einer „dem sexuellen Genuss positiver eingestellten Schia“. Diese Befürchtung und die Warnung vor der Bedrohung spielt an mehreren Textstellen eine Rolle.
In diesem Zusammenhang thematisiert aṣ-Ṣābūnī auch die Problematik ungewollter Schwangerschaften und die Schwierigkeit für die Frau Vaterschaften in mutʿa-Verhältnissen zuzuschreiben:
„Wahrlich die fleischliche Lust (šahwa) im Manne ist brennend und sein Feuer erlischt nicht durch den Genuss (istimtāʾ) von Frauen für Stunden, Tage oder sogar Jahren. So wie können sie behaupten, dass es Balsam sei und eine Heilmethode zur Sicherung der Jugend?
Was ist der trennende Faktor zwischen dem, dass der junge Mann mit einer jungen Frau zināʾ betreibt und dem, dass er mit ihr einen zeitlich festen Vertrag, für die Dauer von einem oder zwei Tagen oder einer oder zwei Wochen, abschließt? Sie [die Zeit] vergeht und nachdem er seine fleischliche Lust befriedigte und sein Ziel erreichte, ist er glücklichen Gemüts und denkt nicht, dass dieses Mädchen von ihm schwanger geworden sein könnte, oder sie von einem anderen schwanger wurde? Auf wen würde dieses Neugeborene bezogen sein? Ist es nicht ein Verbrechen an der Frau, und das Opfer dabei ist dieses Kind, das im Mutterleib hervorgebracht wird?“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung erläutert den Gegenstand der Untersuchung, die Relevanz der mutʿa als Streitpunkt im Islam und legt die methodische Herangehensweise an die Analyse des Werkes von aṣ-Ṣābūnī dar.
2 DIE MUTʿA ALS STREITPUNKT ZWISCHEN SUNNITEN UND SCHIITEN: Dieses Kapitel definiert die Zeitehe, skizziert ihre Ursprünge sowie den historischen Verlauf der Kontroverse von der formativen Periode bis in das 20. Jahrhundert.
3 DER VERFASSER UND DAS WERK: Hier werden die Biographie des Gelehrten aṣ-Ṣābūnī sowie der Aufbau und der spezifische Stil seiner Abhandlung beleuchtet, um den Kontext seiner Argumentation zu verstehen.
4 AṢ-ṢĀBŪNĪS ARGUMENTATION IN ,,MAUQIF AŠ-ŠARĪʿA AL-ĠARRĀʾ MIN NIKĀḤ AL-MUTʿA": Dieser Kernbereich der Arbeit untersucht detailliert die von aṣ-Ṣābūnī vorgebrachten Argumente gegen die Schiiten und seine Ablehnung der mutʿa zugunsten der klassischen Dauerehe.
5 FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass die Abhandlung primär polemisch geprägt ist und aṣ-Ṣābūnī weniger auf neue Argumente als auf die Bekräftigung traditioneller sunnitischer Positionen zielt.
Schlüsselwörter
mutʿa, Zeitehe, Schiiten, Sunniten, aṣ-Ṣābūnī, Islamische Rechtswissenschaft, Fiqh, Kontroverse, Religionsgelehrte, Ehe, Scharia, Polemik, Wahhabismus, Reformislam, Konfessionsstreit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert eine spezifische Abhandlung des sunnitischen Gelehrten Muḥammad ʿAlī aṣ-Ṣābūnī, in der dieser die schiitische Praxis der Zeitehe (mutʿa) kritisiert und zu widerlegen versucht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die sunnitisch-schiitische Kontroverse um die Zeitehe, die Argumentationsstrategien innerhalb der islamischen Rechtsliteratur und die ideologische Einordnung des Autors im 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, welche Argumente aṣ-Ṣābūnī gegen die mutʿa verwendet, ob er zur wissenschaftlichen Debatte neue Erkenntnisse beisteuert und wie sein Werk polemisch gegenüber schiitischen Positionen agiert.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf der Analyse einer arabischen Textgrundlage, ergänzt durch historische und islamwissenschaftliche Kontexte, um die Argumentationsweise und den polemischen Charakter der Quelle herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Biographie des Autors, dem Aufbau seines Werkes sowie der detaillierten Untersuchung seiner spezifischen Argumente, insbesondere im Hinblick auf seine Sicht auf Koranverse und Hadithe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind mutʿa (Zeitehe), sunnitisch-schiitischer Konflikt, islamische Jurisprudenz, aṣ-Ṣābūnī und die polemische Auseinandersetzung um religiöse Normen.
Warum spielt das "Spinnenhaus"-Gleichnis eine wichtige Rolle bei aṣ-Ṣābūnī?
Aṣ-Ṣābūnī nutzt diesen koranischen Vergleich, um die Argumente der Schiiten als fundamental schwach und unbegründet darzustellen, was seine polemische Ablehnung ihrer Position unterstreicht.
Welche Bedeutung kommt der "misyār-Ehe" im Kontext dieser Arbeit zu?
Die misyār-Ehe wird als ein modernes sunnitisches Gegenkonzept zur Zeitehe erwähnt, das im Diskurs um das "Abdriften der Jugend" und die Verteidigung der traditionellen Eheform eine Rolle spielt.
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- Nelson Müller (Author), 2015, Mauqif aš-šarīʿa al-ġarrāʾ min nikāḥ al-mutʿa. Muhammad ʿAlī aṣ-Ṣābūnīs Beitrag zur innerislamischen Diskussion um die Zeitehe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312274