Der erste Reichskanzler des deutschen Reiches, Otto von Bismarck, spaltet auch über 100 Jahre nach seinem Tod noch die Menschen. Einige verehren ihn als Gründer Deutschlands und Einiger der zersplitterten Fürsten, die anderen verteufeln ihn als Kriegstreiber und Erzpreußen, der den deutschen Fürsten ihre Unabhängigkeit nahm.
Eine sehr eindeutige Meinung zu Bismarck jedoch gab es im Dritten Reich. Die Nationalsozialisten propagierten Bismarck als Vorreiter Hitlers und als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Dies spiegelt sich vor allem mit dem Umgang des Bismarck-Bildes in der Öffentlichkeit wieder. Unter dem Regime Hitlers erreichte die Verehrung und Verklärung des sogenannten „Eisernen Kanzlers“ neue Höhen.
Diese Verehrung und Nutzung des Reichskanzlers zu Propagandazwecken soll in der vorliegenden Arbeit beleuchtet werden, am Beispiel des Filmes „Die Entlassung“ von 1942. Zunächst soll dazu die Geschichtsvermittlung im Film im Allgemeinen beleuchtet werden, und hierbei allgemeine Chancen und Risiken betrachtet werden. Im Anschluss soll das Leben Bismarcks beleuchtet werden um einen historischen Hintergrund zu schaffen. Danach wird der Film „Die Entlassung“ von 1942 behandelt, hier soll zunächst die Rolle Bismarcks im NS-Film im Allgemeinen kurz betrachtet werden. Im zweiten und dritten Punkt dieses Kapitels wird es vor allem um den Film an sich gehen, also um Produktionsbedingungen und die Handlung. Anschließend werden vier Szenen des Films genauer betrachtet werden und auf die gezeigte Handlung sowie nationalsozialistische Propaganda untersucht werden.
Da der Film im Internet frei zugänglich ist, wurde die auf Youtube zu findende Fassung verwendet. Die Literatur zum Thema Spielfilm und Geschichte ist größtenteils beschränkt auf Aufsätze und Beiträge in Handbüchern. Als Literatur zu Geschichte im Spielfilm wurden hauptsächlich der Aufsatz von Arnold Sywottek zum Thema Film und Geschichte, Rainer Rothers Beitrag im Handbuch der Geschichtsdidaktik, Katharina Weigands Aufsatz über Geschichte im Spielfilm am Beispiel von Sissi, „Geschichte und Film – Film und Geschichte“ von Hilde Hoffmann, „Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen...“ von Natalie Zemon Davis sowie der Aufsatz Geschichte als Ereignis von Thomas Fischer verwendet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1) Geschichtsvermittlung im Film: Chancen und Risiken
2) Bismarck
3) Der Film „Die Entlassung“ von 1942
3.1) Bismarck im Film der NS-Zeit
3.2) Die Produktionsbedingungen des Films
3.3) Die Handlung des Films
4) Der Umgang mit Geschichte im Film „Die Entlassung“ anhand ausgewählter Szenen
4.1) Das Gespräch Bismarcks mit Wilhelm II. über den Rückversicherungsvertrag
4.2) Der Kronrat
4.3) Bismarcks Gespräch mit von Holstein nach der Entlassung
4.4) Die letzte Szene des Films
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie die Person Otto von Bismarck im nationalsozialistischen Propagandafilm „Die Entlassung“ von 1942 inszeniert wurde, um historische Ereignisse im Sinne der NS-Ideologie umzudeuten und Kontinuitäten zwischen Bismarck und Adolf Hitler zu konstruieren.
- Die Rolle und Funktion des Historienfilms als Vermittler von Geschichtsbildern
- Die biographische Einordnung von Otto von Bismarck
- Produktionshintergründe und Propagandastrategien im NS-Film
- Analyse ausgewählter Schlüsselszenen zur Identifizierung nationalsozialistischer Narrative
- Die ideologische Verknüpfung von Bismarck als Vorbereiter und Hitler als Vollender
Auszug aus dem Buch
4.1) Das Gespräch Bismarcks mit Wilhelm II. über den Rückversicherungsvertrag
In dieser Szene sieht man Wilhelm II. und Otto von Bismarck gemeinsam im Gespräch über die Verlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Russland. Während sich Kaiser Wilhelm optimistisch gibt und sicher ist, den Vertrag mit seinem Onkel, dem Zaren, bereits in der Tasche zu haben aufgrund der guten persönlichen Beziehungen, ist Bismarck skeptischer. Trotz des kaiserlichen Lobes, dass Deutschland aufgrund der bismarckschen Außenpolitik äußerst gut dastehe, warnt Bismarck, dass Deutschland wegen seiner zentralen Lage in Europa nie sicher sein könne. Der Film geht hier auf die nationalsozialistische Propaganda ein, dass Deutschland von Feinden umringt sei, und ständig fürchten müsse angegriffen zu werden. Ebenso warnt Bismarck den Kaiser vor der Gefahr, die durch einflussreiche Kreise um den Zaren entsteht und die diesen zu einem Bündnis mit Frankreich bewegen wollen. Zwar sagt Bismarck es nicht explizit, aber man kann davon ausgehen, dass diese Bemerkung im Sinne der Nationalsozialistischen Propaganda als Angriff auf die Juden zu werten ist. Nach den Gedanken der Nazis waren die Regierungen und die führenden Kreise der Welt von den Juden unterwandert, die heimlich die Welt beherrschten und im Hintergrund die Fäden zögen. Vor einem weiteren Feindbild der NSDAP, den Bolschewisten, warnt Bismarck den Kaiser, wenn er von den Anarchisten spricht, die der Zar fürchtet, und die mit Frankreich konspirieren.
Bismarck schärft dem Kaiser ein, den Zar vor einem Bündnis mit Frankreich zu warnen, da es das Ende seines Reiches bedeute. Die nationalsozialistische Propaganda macht sicher hier zunutze, dass die erzählten Ereignisse in der Vergangenheit liegen und man somit wusste, dass Russland und Frankreich nach dem Scheitern der Deutsch-Russischen Verhandlungen ein Bündnis schließen würden und dass dieses Bündnis Russland mit in den ersten Weltkrieg zog, was letztendlich zum Umsturz durch Lenin und dem Ende des Zarenreiches führte.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Bismarck-Rezeption im Nationalsozialismus ein und erläutert die methodische Herangehensweise an den Film „Die Entlassung“.
1) Geschichtsvermittlung im Film: Chancen und Risiken: Das Kapitel beleuchtet die allgemeine Problematik der Darstellung von Geschichte im Medium Film und die damit verbundene Gefahr ideologischer Instrumentalisierung.
2) Bismarck: Hier wird der historische Lebensweg von Otto von Bismarck von seiner Herkunft bis zu seiner politischen Karriere und Entlassung im Jahr 1890 skizziert.
3) Der Film „Die Entlassung“ von 1942: Dieses Kapitel analysiert das Bismarck-Bild im NS-Kino, die Produktionsbedingungen unter der Tobis Filmkunst GmbH und fasst die inhaltliche Handlung des Films zusammen.
4) Der Umgang mit Geschichte im Film „Die Entlassung“ anhand ausgewählter Szenen: Der Hauptteil untersucht vier Schlüsselszenen des Films auf ihre propagandistische Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf Feindbilder und die Legitimation nationalsozialistischer Ideologie.
Schluss: Das Fazit stellt fest, dass „Die Entlassung“ ein klarer Propagandafilm ist, der historische Fakten im Sinne der NS-Führung verzerrt und Bismarck als Wegbereiter Hitlers stilisiert.
Schlüsselwörter
Bismarck, Die Entlassung, Nationalsozialismus, Propaganda, NS-Film, Geschichtsvermittlung, Filmkritik, Kaiser Wilhelm II., Historienfilm, Ideologie, Zweifrontenkrieg, Dolchstoßlegende, Propagandaapparat, Goebbels, Geschichtsbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die filmische Darstellung von Otto von Bismarck im NS-Propagandafilm „Die Entlassung“ von 1942 und wie diese zur Vermittlung nationalsozialistischer Ideologien genutzt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle zwischen Film und Geschichte, der Rolle Bismarcks im nationalsozialistischen Narrativ und der Analyse von filmischen Propagandastrategien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Film historische Fakten selektiv bearbeitet, um Bismarck als Vorläufer und Wegbereiter für Adolf Hitler zu etablieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer filmanalytischen Untersuchung ausgewählter Szenen unter Einbeziehung von Fachliteratur zur Geschichtsdidaktik und zur Rolle des Spielfilms im Nationalsozialismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung Bismarcks, eine Analyse der Produktionshintergründe des Films „Die Entlassung“ sowie eine detaillierte Auswertung von vier Schlüsselszenen im Hinblick auf deren propagandistische Aussagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind unter anderem Bismarck, Propaganda, NS-Film, Geschichtsvermittlung, Ideologie und die spezifische Konstruktion eines Führermythos.
Warum wird im Film die Schuld für politische Konflikte auf Personen wie von Holstein projiziert?
Die Schuldzuweisung an Nebenfiguren wie von Holstein dient dazu, Bismarck und den Kaiser von Verantwortung freizusprechen und gleichzeitig Feindbilder zu bedienen, die im Geheimen gegen den Staat intrigieren – eine Parallele zur antisemitischen Dolchstoßlegende.
Inwiefern spielt der Zweifrontenkrieg im Film eine Rolle für die Propaganda?
Der Film nutzt die Warnung vor einem Zweifrontenkrieg, um die Notwendigkeit einer aggressiven Außenpolitik und das Handeln der damaligen politischen Führung zu rechtfertigen, während gleichzeitig England indirekt für kriegerische Verwicklungen verantwortlich gemacht wird.
- Arbeit zitieren
- Benjamin Waldraff (Autor:in), 2015, Bismarck im Film des Nationalsozialismus. "Die Entlassung" von Wolfgang Liebeneiner aus dem Jahr 1942, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312390