Konsumentensouveränität und Nachhaltigkeit. Zur Legitimation von Staatseingriffen in die Souveränität des Konsumenten


Bachelorarbeit, 2015

44 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einflussnahme der Menschheit auf die Umwelt
2.1 Der ökologische Fußabdruck als universeller Messwert
2.2 Was nachhaltigen Konsum kennzeichnet
2.3 Begriffsbestimmung „Konsumentensouveränität“

3. Die Realisierung einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung durch die Souveränität des Konsumenten

4. Zur Legitimation von Staatseingriffen in die Konsumentensouveränität
4.1 Rechtfertigung staatlicher Eingriffe
4.2 Argumente gegen staatliche Eingriffe

5. Analyse der theoretischen Positionen pro und contra staatlicher Eingriffe in die Konsumentensouveränität
5.1 Der Zusammenhang von Konsumverbrauch und Glückseligkeit
5.2 Die Vereinbarkeit von Nachhaltigkeitsstrategien mit der Konsumentensouveränität

6. Gegenwärtige und vergangene Eingriffe in die Handlungsfreiheit des Menschen

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

„Konsumentensouveränität und Nachhaltigkeit“ – Sind diese Begriffe miteinander vereinbar? Schließen diese sich gegenseitig aus? Das aktuelle Konsumverhalten der Menschheit in Verbindung mit Nachhaltigkeit ist ein Thema, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Seit Existenz der Menschheit ist der tägliche Verbrauch und Verzehr von Gütern und Dienstleistungen ein fester Handlungsbestandteil jedes Individuums. Mittlerweile können in Supermärkten, Online-Shops etc. alle möglichen Produkte erworben werden, um die eigenen Bedürfnisse zu stillen. Durch das Prinzip der Konsumentensouveränität hat jeder Konsument die freie Entscheidung, welche Art und Größenordnungen er von Gebrauchsgütern in Anspruch nimmt. Aber nicht nur das Kaufen von Produkten gehört zu einer Konsumpraktik, sondern auch die Art und Dauer der Nutzung, sowie die Entsorgung.

Die Grundlage für das Dasein des Menschen ist eine intakte Umwelt. Die aktuellen Konsummuster führen jedoch dazu, dass die Menschheit mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde im gleichen Zeitraum regenerieren kann. Bereits seit den 1980er Jahren überschreitet die menschliche Nachfrage das natürliche Angebot.[1] Klar ist, dass auf Dauer nicht mehr Ressourcen beansprucht werden können, als reproduziert werden. Ohne wesentliche Veränderungen ist es nur eine Frage der Zeit, bis die verfügbaren Ressourcen zur Neige gehen. Doch wie kann eine ökologisch nachhaltige Entwicklung gewährleistet werden? Schließlich hat jeder Mensch die freie Entscheidung über seine Konsumhandlungen, solange die von ihm gewünschten Produkte auf dem Markt angeboten werden. Lassen sich bestimmte Güter und Dienstleistungen gut verkaufen, so werden sie immer wieder in hohen Mengen nachproduziert. Dabei greifen Kunden meist auf die kostengünstigen Varianten zurück, die selten auf nachhaltige Weise hergestellt werden.[2] Um niedrige Preise anbieten zu können, ist der Hersteller dazu gezwungen, die Kosten der Herstellung zu minimieren. Eine ökologisch nachhaltige Produktionsweise kommt bei den meisten Herstellern nicht in Frage, da diese mit einem höheren Kostenaufwand in Verbindung steht, wodurch Produkte wiederum teurer verkauft werden müssten. Lediglich durch eine günstige Massenproduktion ist es möglich, eine Gewinnmaximierung zu erzielen.

Der Produzent muss sich heutzutage dem Konsumentenverhalten anpassen, wodurch der Konsument großen Einfluss auf die Produktion und den damit verbundenen Ressourcenverbrauch nimmt. Sinkt beispielsweise die Nachfrage eines bestimmten Produktes, so muss sich die Produktion anpassen und der Hersteller produziert nur noch so viel, wie nachgefragt wird. Sinkt die Produktionsrate des jeweiligen Produktes, so vermindert sich ebenso die Menge der verbrauchten Ressourcen. Greift der Konsument im Gegenzug vermehrt auf Produkte zurück, die ökologisch nachhaltiger hergestellt sind, so werden diese auch vermehrt angeboten. Auf diese Weise kann er Auslöser und Antreiber eines nachhaltigen Konsums werden, welcher sich nicht nur in Marktnischen, sondern auch in Massenmärkten ausbreiten kann.[3]

Projiziert man den Lebensstil des berufstätigen Stadtbewohners in einem Industrieland auf die ganze Menschheit, so wären laut Berechnungen des „Footprint-Rechners“ drei bis vier Erden von Nöten, um den Ressourcenbedarf jedes Einzelnen zu decken.[4] Dem Stadtbewohner selbst schadet der hohe Konsum kaum, daher wird er von sich aus meistens nichts ändern. Warum sollte er dies auch tun? Der derzeitige Lebensstil wird in Industrieländern mittlerweile als Selbstverständlichkeit angesehen. Solange dem Menschen in seinem Umfeld keine spürbaren Veränderungen widerfahren, sieht er keine dringende Notwendigkeit, seine Verhaltensweisen zu ändern. Der Stadtbewohner des Industrielandes bemerkt nicht, wie beispielsweise in ärmeren Ländern das Wasser in den Flüssen versiegt oder insgesamt weniger Nahrung verfügbar ist. Der Verlust an Biokapazität ist meist nur „für ärmere Menschen spürbar, die direkt von den Leistungen der Biokapazität abhängen“.[5]

Ein umstrittener Lösungsvorschlag, um diesen Gefahren entgegenzuwirken, ist der Eingriff des Staates in die Konsumentensouveränität. Mit einem Eingriff soll das Konsumverhalten des Bürgers in dem Maße gesteuert werden, dass die natürlichen Ressourcen nachhaltig geschont werden und zukünftigen Generationen die Deckung ihrer Grundbedürfnisse gewährleistet wird. Zu diesen Grundbedürfnissen, bzw. objektiven Bedürfnissen gehören unter anderem Nahrung, Gesundheitsversorgung, Bildung und Erholungsmöglichkeiten. Ressourcen können dabei auch immateriell sein, denn „Bildung ist ebenso eine Ressource wie saubere Luft, eine Altersvorsorge oder Rechtssicherheit“.[6]

Zielsetzung

Das Ziel dieser Bachelor Arbeit besteht darin, die Fragestellung zu beantworten, ob der Staat von außen in das Konsumverhalten der Menschen eingreifen darf. Ist der Staat dazu legitimiert, in die Handlungsfreiheit des Menschen einzugreifen, um eine ökologisch nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten? Es soll aufgezeigt werden, inwiefern eine nachhaltige Entwicklung notwendig ist und wie groß der Einfluss des Menschen auf die Umwelt ist. Im Hauptteil wird mithilfe theoretischer Ansätze die Legitimität von Staatseingriffen in die Konsumentensouveränität diskutiert. Im Bezug zu den ökologischen Entwicklungen soll nun eine Antwort darauf gefunden werden, ob der Konsument weiterhin in seinem Kaufverhalten souverän bleiben sollte oder der Staat in dessen Souveränität eingreifen darf. Mit der Auseinandersetzung der aktuellen Problematik sollen weitere Erkenntnisse und Perspektiven zur Umsetzung ökologischer Ziele geschafft werden. Ob staatliche Eingriffe zur Gewährleistung ökologischer Nachhaltigkeit zu rechtfertigen sind, hängt außerdem von der Beantwortung folgender Teilfragen ab: Ist es derzeit realisierbar, dass Menschen ihr Konsumverhalten auf freiwilliger Basis ohne staatliche Einflussnahme suffizient und nachhaltig wirkungsvoll gestalten? Gibt es eine ausreichend effektive Alternative zur staatlichen Steuerung? Verringert ein Eingreifen in die Souveränität des Konsumenten, beispielsweise in Form gezwungenem Konsumverzicht durch Einkommensbeschränkungen, dessen Glückseligkeit? Und treten bei einem Eingriff in die Konsumentensouveränität nicht Probleme auf, die noch schwerwiegendere Folgen haben?

Methodik & Forschungsstand

Die Frage nach der Legitimität staatlicher Eingriffe in die Konsumentensouveränität soll schwerpunktmäßig auf Basis einer Literaturanalyse geklärt werden. Es sollen Lektüren analysiert und gegenübergestellt werden, die verschiedene Sichtweisen zur Legitimität staatlicher Eingriffe darlegen. Zudem werden diverse Ergebnisse empirischer Studien interpretiert, um ökologische und kulturelle Zusammenhänge gezielter darstellen zu können.

Ein wesentlicher Beitrag zur Klärung der Forschungsfrage wird von John Mill als Anhänger des Utilitarismus geleistet, indem er Ansätze aufzeigt, die gegen eine staatliche Beeinflussung sprechen und erklärt, zu welchen Bedingungen der Staat in die Handlungsfreiheit eingreifen darf. Da sein Werk über die Freiheit des Menschen im 19. Jahrhundert verfasst wurde, werden ökologische Aspekte aufgrund fehlender Bedeutung kaum berücksichtigt. Immanuel Kant stellte ebenso im 18. Jahrhundert Richtlinien auf, ab wann der Staat Handlungsweisen einschränken darf. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts erlangte die Menschheit ein höheres Bewusstsein über die Auswirkungen von Konsum und Produktion auf die natürliche Umwelt. Um ökologische Folgen zu verhindern, wird vor allem gegenwärtig ausgiebig darüber diskutiert, inwiefern der Staat Konsum und Produktion beeinflussen darf. So zeigt Oliver Stengel auf, welche Probleme auftreten könnten, wenn der Staat versucht, ökologische Ziele durch Konsumverzicht zu erreichen. Dabei werden kulturelle, wirtschaftliche und technische Faktoren berücksichtigt. Di Giulio et al. legen dar, welche Bedürfnisse der Staat für jetzige und zukünftige Generationen gewährleisten muss und welche dieser einschränken darf. Zudem zeigen Blättel-Mink et al. auf, warum und in welchem Maße steuernde Eingriffe legitim sind, um eine ökologische Nachhaltigkeit sicherzustellen.

Gliederung

Zur Einführung in die aktuelle ökologische Situation wird der Einfluss des Menschen als Konsument und Produzent auf die Umwelt dargestellt. Dabei werden bereits vergangene und gegenwärtige Folgen des übermäßigen Konsumverbrauchs aufgezeigt, sowie zukünftig prognostizierte Auswirkungen. Der ökologische Fußbadruck soll anschließend zeigen, wie stark der Anstieg des Ressourcenverbrauchs tatsächlich ist und wie viele Erden theoretisch benötigt werden, um die verbrauchten Ressourcen in der gleichen Zeit zu regenerieren zu können. Zum näheren Verständnis wird darauf verständlicher gemacht, was nachhaltigen Konsum charakterisiert und wie Konsumentensouveränität zu definieren ist.

Im ersten Kapitel des Hauptteils geht es um die Beantwortung der Frage, ob Konsumenten auch ohne staatliches Eingreifen dazu in der Lage sind ihr Konsumverhalten so zu ändern, dass die ökologischen Ziele erreicht werden. Daraufhin folgt der relevanteste Teil dieser Arbeit. Nun werden diverse Positionen zur Legitimität von Staatseingriffen gegenüber gestellt und analysiert. Pro und Contra Argumente werden kritisch betrachtet und hinterfragt. Dazu soll der Zusammenhang von staatlich erzwungener Suffizienz durch Einkommensbeschränkung und der Glückseligkeit des Menschen untersucht werden. Außerdem wird die Frage bearbeitet, ob die Strategie der Suffizienz die einzige Möglichkeit ist, um eine ökologische Nachhaltigkeit gewährleisten zu können oder ob andere Strategien ausreichend effektiv sind. Anschließend geht es darum, inwiefern Konsumenten heutzutage überhaupt noch als souverän angesehen werden können und ob sie nicht längst mithilfe des modernen Marketings manipuliert werden. Zum Schluss sollen die Ergebnisse der Bachelor Arbeit reflektiert und zusammengefasst werden.

2. Einflussnahme der Menschheit auf die Umwelt

Bereits Marx und Engels waren sich in ihren veröffentlichten Werken im Laufe des 19. Jahrhunderts sicher, dass die Konsum- und Produktionsverhältnisse des Menschen schädlich für dessen Umwelt sind. Zwar geht es in ihrer Kritik grundsätzlich um die Ausbeutung der Menschen, doch wird auch erwähnt, dass jede künstlich herbeigeführte Fruchtbarkeitssteigerung des Bodens mit dessen langfristiger Zerstörung einhergeht: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: Die Erde und den Arbeiter“.[7] Der Ausbeutung der Natur räumen sie in ihrer Gesellschaftskritik den gleichen Stellenwert ein, wie der Ausbeutung der Menschen. Da die Produktion sich der Nachfrage der Konsumenten anpassen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben, hat jeder Mensch mit seinem Konsumverhalten Einfluss auf die ökologische Umwelt. Die Lenkungsfunktion der Güternachfrage deutete schon Smith (1776) an. Das Marktangebot passt sich auf natürliche Weise an die wirksame Nachfrage an:

„The quantity of every commodity brought to market naturally suits itself to the effectual demand. It is the interest of all those who employ their land, labour, or stock, in bringing any commodity to market, that the quantity never should exceed the effectual demand; and it is the interest of all other people that it never should fall short of that demand”[8]

Stengel (2011) spricht nicht nur von einer Umweltkrise „der zu schnellen Ressourcenentnahme“, sondern auch von „der zu schnellen Emission“. Denn durch den Abbau der Ressourcen werden zusätzlich Treibhausgase ausgestoßen, die nicht schnell genug absorbiert werden können. Tatsächlich erreichten die weltweiten CO2-Emissionen im Jahr 2008 einen neuen Rekordwert, der 2010 nochmals um 5 Prozent gestiegen ist. Gleichzeitig schmolz das Eis der Arktis in neuem Rekordtempo. Laut Beobachtungen der UNEP verflüssigte sich der grönländische Eispanzer mit einer Geschwindigkeit, die 60 Prozent über dem Wert von 1998 lag. Die unnatürlich schnellen Veränderungen der Umweltbedingungen, resultierend aus dem Eingriff des Menschen in die Natur, geben vielen Arten in und außerhalb der Arktis nicht genug Zeit, um sich anpassen zu können. Regenwälder verschwinden, Böden erodieren und er Kohlendioxidgehalt der Erdatmosphäre verändert sich.[9]

Der Klimawandel wird von Beyers et al. (2010) in den kommenden Jahrzehnten als größte Bedrohung eingeschätzt. Dessen Folgen kann man an den Polarregionen beobachten, sowie in den Weltmeeren, die an Versauerung leiden. Die Population von wild lebenden Wirbeltieren ist laut dem „Living Planet Index“ des WWF in den letzten 35 Jahren um ca. 30 Prozent zurückgegangen.[10] Einen hohen Anteil an der Gesamtemission von Treibhausgasen haben private Konsumenten mit einem Wert von mindestens 40 Prozent, resultierend aus ihrem hohen Energieverbrauch. Vor allem den Konsumfeldern Ernährung, Mobilität, Bauen und Wohnen ist der hohe Verbrauch zuzuschreiben.[11]

Die vielen ökologischen Veränderungen haben wiederum zur Folge, dass die Gesundheit jedes auf der Erde lebenden Individuums gefährdet wird. So werden laut der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit ungefähr 23 Prozent aller frühzeitigen Sterbefälle durch verunreinigtes Wasser, verschmutzte Luft, Strahlung und veränderte Landnutzung verursacht.[12] Zudem schätzt das Global Humanitarian Forum ein, dass jährlich um die 300 Tausend Menschen an den direkten und indirekten Folgen des Klimawandels sterben und 325 Millionen ernsthaft von den Folgen betroffen sind. Hitzesommer wie jener 2003 in Europa, könnten im Laufe des 21. Jahrhunderts zur Normalität werden. Regelmäßig sind weltweit Menschen aufgrund verschlechterter Lebensbedingungen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und in andere Regionen zu ziehen.[13]

Die Folgen von Konsum- und Produktionsverhalten nehmen schon jetzt erkennbare und in vielen Regionen spürbare Ausmaße an. Insgesamt sind drei Szenarien denkbar, die in den nächsten Jahrzehnten eintreten könnten. Wird der ansteigende Ressourcenverbrauch als Ursache für die dauerhafte Überlastung der Ökosysteme nicht in absehbarer Zeit gesenkt, so ist mit Konsequenzen in Form von Naturkatastrophen, Klimaerwärmung etc. zu rechnen.

Im ersten Szenario steigen die Preise von Lebensmitteln und Rohstoffen in einem schleichenden Prozess immer weiter an, was mit Unruhen in ärmeren Gesellschaften führen einhergehen könnte. Zudem wird die Wahrscheinlichkeit nicht gering eingeschätzt, dass die Überlastung in vielen Regionen Naturkatastrophen auslöst. Es wird vermutet, dass der weltweite Lebensstandard sehr weit sinkt und die für uns heutigen selbstverständlichen Werte verfallen. Das zweite Szenario geht davon aus, dass rechtzeitig Maßnahmen gegen die Umweltkrise getroffen werden. Dies würde eine vollkommen andere Lebens-, Konsum, Ernährungs- und Wirtschaftsweise bedeuten. Auch würden Maßnahmen im Bereich der Architektur, Technik und Stadtplanung getroffen werden. Als letztes wird ein Szenario beschrieben, welches aus einer Mischung der ersten beiden Szenarien hervorgehe. Die notwendigen Maßnahmen würden nur sehr spät getroffen werden, um die schlimmsten Konsequenzen zu verhindern. Es würden weniger Ergebnisse erreicht werden, als durch ein frühzeitigeres Handeln im Bereich des Möglichen gewesen wäre. Das Leben würde vor allem in ärmeren Regionen mühseliger werden und es würde Naturkatastrophen geben, jedoch nicht in dem Ausmaße, wie im ersten Szenario beschrieben. Es bestehe die Gefahr von zwischenstaatlichen Konflikten um natürliche Ressourcen und einer Krise der Weltwirtschaft.[14]

2.1 Der ökologische Fußabdruck als universeller Messwert

Welche Ausmaße Konsum und Produktion tatsächlich annimmt, konnte vor einigen Jahrzenten noch nicht vorausgesagt werden. Um diese aufzuzeigen und den zukünftigen Verlauf des Ressourcenverbrauchs bei gegenwärtiger Entwicklung zu berechnen, wurde von Wackernagel und Rees (1994) das Modell des ökologischen Fußabdrucks vorgestellt, um individuelle und gesellschaftliche Nachhaltigkeitsdefizite aufzuzeigen. Sie kamen mithilfe der Footprint-Methode zu der Erkenntnis, dass die Erde bei anhaltenden Wachstumstrends bereits im 21. Jahrhundert viele Menschen nicht mehr ernähren könne. Zu den Wachstumsindikatoren gehören steigende Bevölkerungszahlen, die Zunahme der Nahrungsmittelproduktion und der Industrialisierung, sowie die gleichbleibend hohe Ausbeutung natürlicher Ressourcen.[15] Werden Ressourcen schneller abgebaut, als sie sich erneuern können, so wird von einem „Overshoot“ gesprochen, was im deutschen als „Grenzüberschreitung“ übersetzt werden kann.[16]

Bei gleichmäßiger Verteilung würde jedem Menschen aktuell 1,8 Hektar verfügbare Fläche zustehen, ohne dass die Ökosysteme der Erde über die Kapazität ihrer Regenerationsfähigkeit hinaus belastet werden. Jedoch beanspruchte die Menschheit im Jahr 2007 bereits durchschnittlich 2,7 Hektar pro Kopf. Der Spitzenwert wurde in den Vereinigten Arabischen Emiraten durchschnittlich mit 10,7 Hektar gemessen, gefolgt von den USA mit 8,0 Hektar, während in Deutschland 5,1 Hektar in Anspruch genommen wurden. Generell werden in wohlhabenden Ländern die Ökosysteme in einem größeren Ausmaß belastet als in armen Ländern. Um den Lebensstil aufrecht zu erhalten, benötigt die Menschheit derzeit 1,5 Erden. Das heißt die Erde braucht ca. 18 Monate, um alle natürlichen Ressourcen zu regenerieren, die pro Jahr verbraucht werden.[17]

Nach Footprint-Berechnungen wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts jährlich nicht einmal 50 Prozent der Biokapazität der Erde genutzt. Dass wir jetzt, ca. 60 Jahre später, bereits 150 Prozent der Biokapazität nutzen, zeigt den rasanten Anstieg des Ressourcenverbrauchs. Grund dafür ist nicht nur der stetig ansteigende Ressourcenverbrauch pro Kopf, sondern auch die hohe Weltbevölkerungszunahme. Von 1950 bis 2000 stieg der Zuwachs von 2,5 auf 6,8 Milliarden Menschen.[18]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Ecological Footprint [19]

Abbildung 1 stellt den ökologischen Fußbadruck der Menschheit seit 1960 dar. Es ist zu erkennen, dass wir aktuell geschätzt 1,5 Erden benötigen, um nicht mehr Ressourcen zu verbrauchen, als die Erde in der gleichen Zeit regenerieren kann. Ändert sich in den nächsten Jahrzehnten nichts an der Lebensweise, so würde die Menschheit im Jahre 2050 geschätzt fast 3 Erden benötigen. Nur wenn eine erhebliche Reduzierung des derzeitigen Ressourcenverbrauchs stattfindet, wird die Umwelt sich schnell genug regenerieren können.

2.2 Was nachhaltigen Konsum kennzeichnet

Die Ursprünge der Nachhaltigkeit gehen auf den sächsischen Oberberghauptmann von Carlowitz im Jahre 1713 zurück, der im Gebiet der Forstwirtschaft tätig war. Dieser forderte, den Forstbestand konstant zu nutzen und nicht mehr Holz aus dem Wald zu schlagen, als zwischen den Phasen der Rodung nachwachsen kann. Die Voraussetzung einer langfristigen Nutzung des Waldes sei eine ausreichende Regenerationszeit.[20]

Bis heute gibt es verschiedene Sichtweisen und Betrachtungswinkel von Inhalt und Zielsetzung nachhaltigen Konsums, sodass noch keine einheitliche allgemeingültige Definition festgelegt wurde. Eine Begriffsbestimmung, die des Öfteren aufgegriffen wird, ist die OSLO Definition des OECD Symposium von 1994. Demnach bedeutet nachhaltiger Konsum: “... the use of services and related products which respond to basic needs and bring a better quality of life while minimising (sic!) the use of natural resources and toxic materials as well as emissions of waste and pollutants over the life cycle of the service or product so as not to jeopardise (sic!) the needs of future generations.”[21]

Zu den zentralen Konzepten der OECD gehören die Deckung der Grundbedürfnisse, die Erhöhung der Lebensqualität, die Verbesserung der Ressourceneffizienz, die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien und die Minimierung der Abfälle. Die Integration dieser Aspekte soll die gleichen oder verbesserten Dienstleistungen für die grundlegenden Anforderungen des Lebens erbringen und den Fortschritt für die heutige und zukünftige Generationen gewährleisten, während die Umweltschäden und Gefahren für die menschliche Gesundheit minimiert werden. Die auftretende Schlüsselfrage lautet, ob die notwendigen Verbesserungen der Umweltqualität durch die Substitution effizienter und umweltfreundlicher Produkte und Dienstleistungen eher erreicht werden, als durch die Reduktion des Güter- und Dienstleistungskonsums.[22]

Nachhaltiger Konsum gilt als eine Art ethischer Konsum, der dadurch gekennzeichnet ist, gegenwärtige Bedürfnisse ohne Einschränkung der Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen zu befriedigen.[23] Ähnlich definiert der Brundtland Bericht (1990) die nachhaltige Entwicklung: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“.[24]

[...]


[1] Vgl. Stengel 2011, S.70

[2] Vgl. Voigt 2013, S. 35

[3] Vgl. Villiger et al. 2000, S.16ff

[4] Vgl. Beyers et al 2010, S.40

[5] Ebd., S. 28

[6] Blättel-Mink et al. 2013, S. 36f

[7] Marx & Engels [1867] 1962, S. 529f

[8] Smith 1776, S.523

[9] Vgl. Stengel 2011, S. 54-56

[10] Vgl. Beyers et al 2010, S.33

[11] Vgl. Stengel 2011, S.71

[12] Vgl. WHO 2006

[13] Vgl. Global Humanitarian Forum 2009

[14] Vgl. Stengel 2011, S. 106

[15] Vgl. Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH

[16] Vgl. Beyers et al. 2010, S.24

[17] Vgl. Stengel 2011, S.68ff

[18] Vgl. Beyers et al 2010, S.24f

[19] Global Footprint Network 2014

[20] Vgl. Renn et al 1999, S.17f

[21] Norwegian Ministry of the Environment 1994

[22] Vgl. Ebda

[23] Vgl. Schrader/Hansen 2001, S.21

[24] Hauff 1987, S.46

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Konsumentensouveränität und Nachhaltigkeit. Zur Legitimation von Staatseingriffen in die Souveränität des Konsumenten
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
44
Katalognummer
V312575
ISBN (eBook)
9783668117990
ISBN (Buch)
9783668118003
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konsumentensouveränität, Nachhaltigkeit, Konsum
Arbeit zitieren
René Fenzlein (Autor:in), 2015, Konsumentensouveränität und Nachhaltigkeit. Zur Legitimation von Staatseingriffen in die Souveränität des Konsumenten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312575

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