In seiner Einleitung zu "The Golden Bough" sagt Robert Fraser über das Buch, es sei gleichzeitig eines der meist gekauften und am meisten missverstandenen Bücher der Weltliteratur. "The Golden Bough" wird von vielen als Meilenstein in der (Sozial-)Anthropologie, ja in der Wissenschaft überhaupt, angesehen. Noch nie zuvor hatte ein Wissenschaftler ein so umfassendes Werk (12 Bände in der ungekürzten Fassung!) zu Studien über die Magie und die Religion hervorgebracht, wie Sir James Frazer im Jahr 1890.
Doch war es vor mehr als hundert Jahren keineswegs ungefährlich ein solches Buch zu verfassen, v.a. in einer Zeit, in der das „taboo“ noch ein viel höheres Ansehen in Gesellschaft und Religion genoss. Daher hatte "The Golden Bough" von Beginn her – nebst der Kirche – viele Kritiker, aber auch solche, welche die Implikationen des Buches aufgenommen, überarbeitet und weitergeführt haben.
Ein für die Philosophie prominenter Kritiker ist Ludwig Wittgenstein. Kurz nach seiner Rückkehr nach Cambridge (1929), wo er seine philosophischen Lehren wieder aufnahm, liess er sich aus The Golden Bough vorlesen. Zwar kannte er erst einige Kapitel des Buches, doch verfasste etwa ein Jahr später Kommentare zu einigen Textstellen, unter anderem zur Bedeutung der Ausführung ritueller Praktiken wie das von Frazer beschriebene Beltane-Fest in Schottland und übrigen Teilen Nord-Europas.
Die Arbeit gibt zunächst einen sozial-historischen Hintergrund zur Entstehung von "The Golden Bough", um sich dann dem Hauptziel der Untersuchung zuzuwenden: Darstellung der Rezeption und Kritik durch Wittgenstein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Goldene Zweig
3. Wittgensteins Bemerkungen
3.1 Die Idee des Symbolismus und die Sprache
4. Reaktionen auf Wittgensteins Bemerkungen
4.1 Magie und Metaphysik
4.2 Wittgensteins implizierter Anthropologismus
5. Schlussbemerkungen
6. Bibliographische Angaben
6.1 Verwendete Literatur
6.2 Weiterführende Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Ludwig Wittgensteins kritische Auseinandersetzung mit dem Werk "The Golden Bough" von Sir James Frazer. Das Ziel ist es, Wittgensteins philosophische Einwände gegen Frazers genetisch-kausalen Ansatz in der Anthropologie zu analysieren und die geschichts-philosophischen Implikationen dieser Kritik herauszuarbeiten.
- Die Entstehungsgeschichte und der sozial-historische Kontext von Frazers "The Golden Bough".
- Wittgensteins philosophische Auffassung von Sprache, Magie und Riten als Ausdruck menschlicher Lebensformen.
- Die Abgrenzung von wissenschaftlicher Erklärung und beschreibender Darstellung im Kontext ritueller Praktiken.
- Analyse der Rezeption von Wittgensteins Kritik durch Autoren wie Thomas De Zengotita sowie Norman Rudich und Manfred Stassen.
Auszug aus dem Buch
3. Wittgensteins „Bemerkungen über Frazers The Golden Bough“
Im Jahr 1929 kehrte Wittgenstein nach Cambridge zurück um neue philosophische Thesen auszuarbeiten. Anfang 1930 wurden ihm Teile von The Golden Bough vorgelesen. Im Sommer 1930 schrieb er seine Bemerkungen über Frazers Werk von Hand nieder, um sie ein Jahr später einem Schreiber zu diktieren. Die meisten dieser Notizen flossen mit in sein Manuskript ein, an dem er von 1930 bis 1932 arbeitete. Diese Schrift war eine von vielen Vorarbeiten, das zu erschaffen, was später unter dem Namen Philosophische Untersuchungen 1953 postum veröffentlicht werden sollte.
Wittgenstein war bereits wieder nach Cambridge zurückgekehrt und hatte seine Tätigkeit wieder aufgenommen, als er eine Begegnung mit einem italienischen Ökonomen hatte, die ihn dazu veranlasste, seine bisherigen Theorien betreff der Sprache und der Logik neu zu überdenken, die Sprache stärker als Bestandteil der menschlichen Art, und nicht so sehr als Gegenstand der Logik zu betrachten. Diese neue Herangehensweise, der Miteinbezug des praktischen Aspektes der Sprache, hat Wittgenstein vielleicht dazu veranlasst, sich ein Jahr später von Dr. Drury aus The Golden Bough vorlesen zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Frazers "The Golden Bough" als anthropologisches Standardwerk ein und skizziert Wittgensteins späteres Interesse an dessen rituellen Beschreibungen.
2. Der Goldene Zweig: Der Text beleuchtet die Entstehungsbedingungen von Frazers Werk sowie dessen wissenschaftshistorischen Kontext im viktorianischen Zeitalter.
3. Wittgensteins Bemerkungen: Hier wird der Entstehungsprozess von Wittgensteins Kommentaren zu Frazer dargelegt und der Übergang seiner Sprachphilosophie zu einem praktischen Verständnis menschlicher Lebensformen beschrieben.
3.1 Die Idee des Symbolismus und die Sprache: Dieser Abschnitt analysiert, wie Wittgenstein magische Praktiken nicht als Irrtümer, sondern als symbolische Handlungen begreift.
4. Reaktionen auf Wittgensteins Bemerkungen: Dieses Kapitel vergleicht verschiedene kritische Positionen zur Wittgenstein-Frazer-Debatte.
4.1 Magie und Metaphysik: Der Autor diskutiert hier Thomas De Zengotitas Interpretation, die den Fokus auf die rituelle Tiefe und Sprache legt.
4.2 Wittgensteins implizierter Anthropologismus: Hier wird die Kritik von Rudich und Stassen behandelt, die Wittgenstein eine verkappte anthropologische Theorie vorwerfen.
5. Schlussbemerkungen: Der Autor resümiert, dass Wittgensteins rein deskriptiver Ansatz zwar wertvoll für die Interpretation, jedoch im Vergleich zu wissenschaftlichen Theorien erkenntnistheoretisch anders zu gewichten ist.
6. Bibliographische Angaben: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
6.1 Verwendete Literatur: Verzeichnis der direkt in der Arbeit zitierten Quellen.
6.2 Weiterführende Literatur: Zusätzliche Literaturquellen zur vertiefenden Auseinandersetzung mit der Thematik.
Schlüsselwörter
Wittgenstein, Frazer, The Golden Bough, Anthropologie, Magie, Riten, Sprachphilosophie, Lebensform, Symbolismus, Epistemologie, Hermeneutik, Religion, Beltane-Fest, Wissenschaftstheorie, Deskription.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die philosophische Auseinandersetzung Ludwig Wittgensteins mit dem anthropologischen Werk "The Golden Bough" von Sir James Frazer und bewertet die Kritik an Frazers Vorgehensweise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Differenz zwischen magischem und wissenschaftlichem Denken, das Verständnis von Ritualen als Ausdruck von Lebensformen und die Rolle der Sprache in der Philosophie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Wittgensteins Ansicht aufzuzeigen, dass Rituale keine "irrtümlichen Theorien" sind, sondern symbolische Praktiken, die keiner wissenschaftlichen Erklärung bedürfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Analyse, die bestehende Interpretationen (De Zengotita, Rudich & Stassen) heranzieht und diese kritisch gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehungsgeschichte der Werke, Wittgensteins spezifische Einwände gegen Frazers Kausal-Ansatz und die Diskussion darüber, ob Wittgensteins eigene Kritik wiederum eine implizite Theorie bildet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Magie, Wissenschaft, Ritus, Sprache, Symbolismus, Wittgenstein, Frazer, Deskription, Anthropologie.
Warum lehnte Wittgenstein Frazers Erklärungsversuche ab?
Wittgenstein sah in Frazers Versuch, Rituale als falsche wissenschaftliche Hypothesen zu erklären, ein Missverständnis der Natur menschlicher Handlungen, da Rituale eher Ausdruck von Wünschen und Lebenshaltungen sind.
Welche Rolle spielt das Beltane-Fest in der Untersuchung?
Das Beltane-Fest dient als konkretes Beispiel, anhand dessen Wittgenstein aufzeigt, dass historische Erklärungen über die Entstehung von Bräuchen spekulativ bleiben und die Tiefe des Ritus im Nachvollzug statt in einer Hypothese liegt.
Wird Wittgenstein für seine Kritik selbst kritisiert?
Ja, unter anderem von Rudich und Stassen, die argumentieren, dass Wittgenstein in seiner Kritik an der Anthropologie selbst eine implizite anthropologische Theorie aufstellt und den kulturübergreifenden Vergleich vernachlässigt.
Zu welchem Fazit kommt der Autor?
Der Autor stimmt Wittgensteins Sichtweise zur Eigenständigkeit der Magie zu, betont jedoch, dass wissenschaftliche Theorien aufgrund ihrer Falsifizierbarkeit eine andere, durchaus wichtige Ebene der Erkenntnis bieten als bloße deskriptive Beschreibungen.
- Arbeit zitieren
- Philipp Brunner (Autor:in), 2009, Der goldene Zweig. Zu Wittgensteins Bemerkungen über Frazers "The Golden Bough", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312616