„Eine inszenatorische Qualität der Ereignisse“ bescheinigt der Journalist Andreas Elter den islamistisch-fundamentalistischen Anschlägen des 11. Septembers auf das World Trade Center in New York und charakterisiert damit eine neue Dimension des Terrorismus, dem nun eine weltumspannende Aufmerksamkeit zuteil wird. Terroranschläge gelten nie nur den Opfern, sie zielen immer auch auf die Gesellschaft in toto ab. Diese intendierte Öffentlichkeitswirksamkeit wird jedoch erst durch die Multiplikatorwirkung moderner Massenmedien ermöglicht.
Terroristische Gruppierungen haben längst realisiert, wie entscheidend die Medien für die Genese flächendeckender Aufmerksamkeit sind und haben daher begonnen, diese Kanäle zu nutzen, um mit minimalem Aufwand maximalen Schrecken zu verbreiten. Das aktuell brisante islamistische Bedrohungsszenario durch den Islamischen Staat (IS) bestätigt dies: Mit massenmedial inszenierten Videos der Enthauptungen westlicher Journalisten instrumentalisieren die Extremisten die globale Vernetzung durch das Internet zu propagandistischen Zwecken – und sorgen so gleichzeitig dafür, dass sich die Bilder im kollektiven Gedächtnis einprägen.
Der amerikanische Historiker und Publizist Walter Laqueur versuchte sich bereits im Jahr 1977 an einer Bestimmung des funktionalen Verhältnisses zwischen Massenmedien und Terrorismus und konstatierte in diesem Zusammenhang: “The success of a terrorist operation depends almost entirely on the amount of publicity it receives. (…) The terrorist’s act by itself is nothing, publicity is all.”
Wie jede Form der Kommunikation bedarf auch die terroristische der Vermittlung, woraus sich nun die Schnittstelle zwischen Terrorismus und Massenmedien ergibt: Die in der Gewalttat codierte ideologische Botschaft muss durch den medialen Distributionskanal flächendeckend verbreitet werden, um das Maximum der intendierten psychologischen Wirkung zu erzielen. Dabei entsteht jedoch gleichermaßen der Eindruck, dass auch die Medien ökonomisch erheblich von spektakulären Terroranschlägen profitieren, da sich mit solchen Ereignissen die Auflagenzahl potenzieren lässt.
Daraus ergibt sich nun ein komplexer Zusammenhang wechselseitiger Abhängigkeiten. Diese symbiotischen Wechselwirkungen und die Charakterisierung des Verhältnisses zwischen Massenmedien und Terrorismus stehen nun im Zentrum der folgenden Betrachtung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Operationalisierungen und theoretische Zugänge
2.1 Definition des Begriffs „Massenmedien“
2.2 Das Mediensystem der BRD in den siebziger Jahren
2.3 Der Terrorismus-Begriff
3. Das Wechselverhältnis zwischen RAF und den Medien 1977
3.1 Das terroristische Rollenverständnis von den Medien
3.2 Das ambivalente Verhältnis der RAF zu den Medien: Zwischen Dämonisierung und Instrumentalisierung
3.3 Der Umgang der RAF mit den Medien
3.4 Verhalten der Medien und des Staates gegenüber der RAF
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die symbiotische, aber ambivalente Wechselbeziehung zwischen der zweiten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) und dem westdeutschen Mediensystem während des Deutschen Herbstes 1977, um zu klären, inwiefern Medien als Propagandainstrumente fungierten oder der staatlichen Terrorismusabwehr dienten.
- Analyse der theoretischen Schnittstellen zwischen Massenmedien und Terrorismus.
- Untersuchung des terroristischen Rollenverständnisses der RAF gegenüber der Presse und dem Rundfunk.
- Bewertung der medialen Instrumentalisierung durch die RAF versus staatliche Gegenmaßnahmen wie Nachrichtensperren.
- Fallbeispielanalyse des „Deutschen Herbstes“ 1977 und der Wahrnehmung der RAF in der Öffentlichkeit.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das terroristische Rollenverständnis von den Medien
Methodisch fundierte Arbeiten zu den terroristischen Rollenvorstellungen in Bezug auf die Medien fehlen in der Forschungsliteratur bislang weitgehend. Diese wissenschaftliche terra incognita der Terrorismusforschung liegt vor allem in der problematischen Datenerfassung begründet: Die Quellenlage ist beschränkt, da es kaum verwertbare Interviews mit Angehörigen terroristischer Gruppierungen gibt, die sich dezidiert mit deren Medienverständnis auseinandersetzen. Die terroristischen Rollenerwartungen an das Verhalten der Medien können im Wesentlichen nur auf Grundlage von Erinnerungsliteratur ehemaliger Terroristen, anhand von programmatischen Schriften terroristischer Gruppierungen oder von konkreten Beobachtungen ihres Verhaltens und Medienhandelns induziert werden.
Der Begriff der „Rolle“ soll für die folgende Analyse in Anlehnung an die soziologische Rollentheorie von Ralf Dahrendorf als Summe „(…) gewisse[r] Verhaltensweisen, die man vom Träger einer Position erwartet“ , operationalisiert werden: Die Medien erfüllen ihre von den Terroristen zugedachte Rolle also dann, wenn ihr Verhalten mit den an sie gestellten Erwartungen identisch ist. Nachfolgend werden nun die Rollenerwartungen von sozialrevolutionären Terrorgruppen im Allgemeinen rekonstruiert und in Rekurs auf Sonia Glaab kategorisiert.
Terroristen wenden Gewalt nicht primär an, um zu zerstören. Diese wird vielmehr als Mittel zum Zweck eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu generieren und einer Vielzahl von Menschen eine Botschaft mitzuteilen, die diese wiederum zu Reaktionen provoziert. Der Terrorismus fokussiert sich folglich vor allem auf die psychologische Wirkung der Gewalttaten in der Gesellschaft. Für Rohrmoser ist dieser daher „(…) die Strategie (…), die ihre Ziele über die Reaktionen auf ihre Aktionen ansteuert (…)“. Die Anschläge sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft in der Gesellschaft erzeugen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die symbiotische Beziehung zwischen Terrorismus und Massenmedien ein und definiert den Deutschen Herbst 1977 als zentralen Untersuchungsraum.
2. Operationalisierungen und theoretische Zugänge: Dieses Kapitel klärt die theoretischen Begrifflichkeiten von Massenmedien, das Mediensystem der 1970er Jahre sowie grundlegende Definitionen von Terrorismus.
3. Das Wechselverhältnis zwischen RAF und den Medien 1977: Der Hauptteil analysiert die spezifischen Rollenvorstellungen der RAF, ihre Instrumentalisierungsversuche und die Reaktionen des Staates sowie der Medienlandschaft während der Entführung von Hanns Martin Schleyer.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Medien zwar Aufmerksamkeit für die RAF generierten, jedoch aufgrund der staatlichen Nachrichtensperre und einer ablehnenden gesellschaftlichen Haltung die terroristischen Ziele weitgehend konterkarierten.
Schlüsselwörter
RAF, Terrorismus, Massenmedien, Deutscher Herbst, Hanns Martin Schleyer, Kommunikation, Propaganda, Rolle, Öffentlichkeitswirksamkeit, Nachrichtensperre, Sozialrevolutionär, Terrorismusforschung, Gewalt, Mediensystem, Journalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das komplexe Wechselverhältnis zwischen der RAF und den Medien während der Hochphase des deutschen Linksterrorismus im Jahr 1977.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Medienpolitik terroristischer Gruppen, die Funktion von Medien als Vermittler von Ideologien und die staatlichen Gegenstrategien in Krisenzeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob die Medien tatsächlich als "Helfer und Herolde" des Terrorismus fungierten oder ob das Verhältnis differenzierter zu betrachten ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von Primärquellen, programmatischen Schriften der RAF, Erinnerungsliteratur ehemaliger Terroristen sowie die Auswertung von Forschungsliteratur und Medienberichten der 1970er Jahre.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Erwartungen der RAF an die Medien, die Nutzung von Bekennervideos sowie die staatliche Reaktion durch Nachrichtensperren während der Schleyer-Entführung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie RAF, Terrorismus, Massenmedien, Kommunikation und Öffentlichkeitswirksamkeit präzise beschreiben.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Springer-Verlags im Kontext der RAF?
Die RAF sah in den Medien des Springer-Verlags, insbesondere in der Bild-Zeitung, ein "Instrument von Herrschaft" und einen ideologischen Gegner, was zu einer gezielten Dämonisierung dieser Presseorgane führte.
Warum wird die Schleyer-Entführung als Wendepunkt in der Medienberichterstattung angeführt?
Die Entführung führte zu einem Wandel, da Medien die Kriegsmetaphorik der RAF aufgriffen, die Täter stärker kriminalisierten und sich die öffentliche Wahrnehmung hin zu einer Solidarisierung mit dem Opfer entwickelte.
Welchen Einfluss hatte die Nachrichtensperre auf die terroristische Strategie?
Die Nachrichtensperre verhinderte den gewünschten "Öffentlichkeitseffekt" der Terroristen, zwang sie zur Suche nach neuen Kommunikationswegen und entzog ihnen die von ihnen erhoffte Deutungshoheit über ihre Aktionen.
- Arbeit zitieren
- Julian Dorn (Autor:in), 2015, Das Wechselverhältnis zwischen Medien und Linksterrorismus im "Deutschen Herbst". Herolde und Helfershelfer des Terrorismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312900