Das Wechselverhältnis zwischen Medien und Linksterrorismus im "Deutschen Herbst". Herolde und Helfershelfer des Terrorismus?


Seminararbeit, 2015
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Operationalisierungen und theoretische Zugänge
2.1 Definition des Begriffs „Massenmedien“
2.2 Das Mediensystem der BRD in den siebziger Jahren
2.3 Der Terrorismus-Begriff

3. Das Wechselverhältnis zwischen RAF und den Medien 1977
3.1 Das terroristische Rollenverständnis von den Medien
3.2 Das ambivalente Verhältnis der RAF zu den Medien: Zwischen Dämonisierung und Instrumentalisierung
3.3 Der Umgang der RAF mit den Medien
3.4 Verhalten der Medien und des Staates gegenüber der RAF

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ ( … ) Eine inszenatorische Qualit ä t der Ereignisse “ 1 bescheinigt der Journalist Andreas Elter den islamistisch-fundamentalistischen Anschlägen des 11. Septembers auf das World Trade Center in New York und charakterisiert damit eine neue Dimension des Terrorismus, dem nun eine weltumspannende Aufmerksamkeit zuteil wird. Terroranschläge gelten nie nur den Opfern, sie zielen immer auch auf die Gesellschaft in toto ab. Diese intendierte Öffentlichkeitswirksamkeit wird jedoch erst durch die Multiplikatorwirkung moderner Massenmedien ermöglicht.

Terroristische Gruppierungen haben längst realisiert, wie entscheidend die Medien für die Genese flächendeckender Aufmerksamkeit sind und haben daher begonnen, diese Kanäle zu nutzen, um mit minimalem Aufwand maximalen Schrecken zu verbreiten. Das aktuell brisante islamistische Bedrohungsszenario durch den Islamischen Staat (IS) bestätigt dies: Mit massenmedial inszenierten Videos der Enthauptungen westlicher Journalisten instrumentalisieren die Extremisten die globale Vernetzung durch das Internet zu propagandistischen Zwecken -- und sorgen so gleichzeitig dafür, dass sich die Bilder im kollektiven Gedächtnis einprägen.

Der amerikanische Historiker und Publizist Walter Laqueur versuchte sich bereits im Jahr 1977 an einer Bestimmung des funktionalen Verhältnisses zwischen Massenmedien und Terrorismus und konstatierte in diesem Zusammenhang: “ The success of a terrorist operation depends almost entirely on the amount of publicity it receives. ( … ) The terrorist ’ s act by itself is nothing, publicity is all. ” 2

Wie jede Form der Kommunikation bedarf auch die terroristische der Vermittlung, woraus sich nun die Schnittstelle zwischen Terrorismus und Massenmedien ergibt: Die in der Gewalttat codierte ideologische Botschaft muss durch den medialen Distributionskanal flächendeckend verbreitet werden, um das Maximum der intendierten psychologischen Wirkung zu erzielen. Dabei entsteht jedoch gleichermaßen der Eindruck, dass auch die Medien ökonomisch erheblich von spektakulären Terroranschlägen profitieren, da sich mit solchen Ereignissen die Auflagenzahl potenzieren lässt.

Daraus ergibt sich nun ein komplexer Zusammenhang wechselseitiger Abhängigkeiten. Diese symbiotischen Wechselwirkungen und die Charakterisierung des Verhältnisses zwischen Massenmedien und Terrorismus stehen nun im Zentrum der folgenden Betrachtung. Die Reziprozität zwischen Medien und Terrorismus soll exemplarisch am bundesdeutschen Linksterrorismus, der Beziehung zwischen der zweiten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) und dem deutschen Mediensystem im Zeitraum des sogenannten Deutschen Herbstes (1977), aufgezeigt werden. Diese wechselseitig begünstigende Beziehung besitzt jedoch auch für den zeitgenössischen islamistischen Terrorismus seine Gültigkeit.

Die RAF eignet sich nicht nur ob ihrer historischen Relevanz für eine Analyse unter dem oben genannten Schwerpunkt. Entscheidend ist ihre exponierte Rolle bei der massenmedialen

Inszenierung von Terrorakten: Die Gruppe instrumentalisierte erstmals in der bundesdeutschen Historie die elektronischen Medien für ihre Zwecke und verfolgte dabei eine an der massenmedialen Kommunikationslogik ausgerichtete Strategie.

Anhand dieses Fallbeispiels sollen nun die folgenden zentralen Forschungsfragen bearbeitet werden: Welche Erwartungen stellte die RAF an die Medien ihrer Zeit, welche spezifische Rolle wurde diesen also aus terroristischer Sicht zugeschrieben? Inwiefern haben die bundesdeutschen Medien diese terroristischen Rollenvorstellungen in der Hochphase des Linksterrorismus, dem Deutschen Herbst, 1977, realisiert? Bildeten sie tatsächlich die in der Forschungsliteratur oft beschriebene „ unheilvolle Allianz “ 3 mit den Terroristen, fungierten sie somit als bloße „ Helfer und Herolde des Terrorismus “ 4 ? Oder ist das Wechselverhältnis vielmehr differenzierter zu bewerten? Im ersten Teil meiner Seminararbeit kläre ich zentrale Begrifflichkeiten und erläutere die theoretischen Grundlagen des Themas, bevor ich das konkrete Fallbeispiel RAF analysiere. Zu Beginn bestimme ich den Begriff der Massenmedien in Rekurs auf die von Gerhard Maletzke geprägte Operationalisierung.

Im weiteren Verlauf erkläre ich die Struktur des bundesdeutschen Mediensystems in den siebziger Jahren, das einen Bestandteil des Untersuchungsgegenstandes meiner Seminararbeit darstellt. Anschließend gebe ich einen kurzen Überblick über das breite Spektrum an Terrorismus-Theorien, die sich an einer Definition des Phänomens „Terrorismus“ versuchen.

In der zweiten Hälfte meiner Ausführungen wende ich mich dem Fallbeispiel und damit dem reziproken Verhältnis zwischen der linksgerichteten RAF-Gruppierung und den zeitgenössischen Medien im Zeitraum des sogenannten Deutschen Herbstes zu.

Zunächst stelle ich aus soziologischer Sicht dar, welche allgemeinen Vorstellungen und Erwartungen gerade sozialrevolutionäre Terroristen mit den Medien verknüpfen. Nach diesen theoretischen Überlegungen über die Funktion der Medien aus terroristischer Sicht skizziere ich die ambivalente Haltung der RAF gegenüber den etablierten westdeutschen Medien. Im Anschluss daran analysiere ich exemplarisch das konkrete Rollenverständnis der RAF in Bezug auf die deutschen Medien im Untersuchungszeitraum. Zentral wird in diesem Kapitel somit die Frage sein, welche spezifischen Erwartungen die zweite Generation der RAF-Extremisten im Deutschen Herbst an das Verhalten des zeitgenössischen Rundfunks und der Presse stellte. Bei der Analyse werde ich auf mediale Artefakte der RAF5 rekurrieren, in denen sich ihre Rollenvorstellungen gegenüber dem Journalismus manifestieren.

Am Ende der Fallanalyse rekonstruiere ich das Verhältnis der Medien zur radikalen RAF und lege zunächst dar, wie die unterschiedlichen Presseorgane die Linksextremisten in ihrer Berichterstattung dargestellt und attribuiert haben. Lassen sich dabei Differenzen zwischen linksgerichteten und konservativen Printmedien feststellen?

Auf Grundlage dieser Synopse des medialen Umgangs mit der radikalen Gruppierung werde ich letztlich in meinem Fazit die Frage zu beantworten versuchen, inwiefern die Medien die analysierten terroristischen Rollenvorstellungen - im Untersuchungszeitraum - erfüllt respektive nicht erfüllt haben.

2. Operationalisierungen und theoretische Zugänge

2.1 Definition des Begriffs „Massenmedien“

Unter dem Begriff „Massenmedien“ subsumiert man alle technisch produzierten und massenhaft verbreiteten Kommunikationsmittel, die der Distribution von Informationen unterschiedlicher Art an große Gruppen von Menschen dienen.6

Der Terminus „Masse“ ist jedoch uneindeutig und diffus: Im einfachen Wortsinn bezeichnet er viele Beteiligte beziehungsweise eine große Anzahl an Teilnehmern. Dabei bleibt jedoch unklar, ab wann man das von dem Medium angesprochene Publikum als „Masse“ kategorisieren kann. Der Begriff ist gleichzeitig historisch aufgeladen und negativ konnotiert, da sich in ihm die Angst der herrschenden Machteliten vor den von ihnen Beherrschten manifestierte.7 Aus dieser diffusen Angst heraus hat sich im 19. Jahrhundert die sogenannte „Psychologie der Masse“ entwickelt, welche die „Masse“ dämonisierte und mit den Eigenschaften Unbeherrschbarkeit, Manipulierbarkeit, Erregbarkeit und Gewalttätigkeit belegte.8 Das Individuum sei sich als Teil der Masse „ seiner Handlungen nicht mehr bewusst “ 9. Nach Auffassung Gustave Le Bons werde der Einzelne so zu „ ein[em] Automat[en], dessen Betrieb sein Wille nicht mehr in der Gewalt hat. “ 10 Dieser negativ besetzte Massenbegriff wurzelt in den Revolutionserfahrungen des 19. Jahrhunderts. Dementsprechend war die kulturelle Attribuierung der als „Massenmedien“ bezeichneten Verbreitungskanäle oft ebenfalls negativ. „Massenmedien“ könnten die Massen agitieren und mobilisieren, da sich diese, so konstatiert bereits Le Bon, sehr leicht medial manipulieren ließen: „ Die Massen k ö nnen nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen “ 11.

Daraus resultierte die Annahme, dass die Massenmedien tendenziell gefährlich seien. Diese Stigmatisierung hat seit Beginn des Ersten Weltkriegs dazu geführt, den Mediengebrauch staatlich zu reglementieren und einzuschränken (v.a. den Rundfunk).

Seit den 1960er Jahren dominiert dann jedoch eine wertneutrale und distanzierte Definition des Begriffs „Massenmedien“, die Gerhard Maletzke geprägt und aus der amerikanischen Kommunikationsforschung abgeleitet hat:

„ Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen ö ffentlich (also ohne begrenzte und personell definierte Empf ä ngerschaft), durch technische Verbreitungsmittel (Medien), indirekt (also bei r ä umlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohne Rollenwechsel zwischen Aussagenden und Aufnehmenden) an ein disperses [verstreutes, J.D.] Publikum [ … ] gegeben werden “ . 12

2.2 Das Mediensystem der BRD in den siebziger Jahren

Jürgen Wilke teilt das Pressewesen der BRD in drei Kategorien ein: die lokale/regionale Abonnementzeitung, national verbreitete Zeitungen sowie Straßenverkaufszeitungen.13 1970 waren Regional- und Lokalzeitungen in Deutschland mit einer Auflagenzahl von 11,8 Millionen am weitesten verbreitet und bildeten damit knapp 70 Prozent der gesamten Tagesauflage.14

Überregionale Abonnementzeitungen existierten demgegenüber nur wenige15: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die S ü ddeutsche Zeitung und Die Welt sind die etabliertesten Printprodukte diesen Typs. Ihr Auflagenanteil lag zu Beginn der siebziger Jahre im Vergleich lediglich bei 700.000.16

Zur klassischen Straßenverkaufszeitung zählt vor allem die Bild -Zeitung, die 1971 mit einer täglichen Auflage von 3,4 Millionen Exemplaren auch das absatzstärkste Produkt auf dem bundesdeutschen Printmarkt war.17 Es handelt sich um eine sogenannte Boulevardzeitung, die „ rei ß erisch aufgemacht ist und ‚ Human Interest ‘ -Themen in den Vordergrund stellt (Ungl ü cke, Verbrechen, Prominenz, Sex etc.), ( … ) sich populistisch f ü r den ‚ kleinen Mann ’ stark [macht]. “ 18 Die Straßenverkaufspresse erreichte 1970 mit etwa fünf Millionen gedruckten Ausgaben annähernd ein Viertel der Auflage der Abonnementzeitungen.19 Politisch relevant sind darüber hinaus die wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazine.20

Trotz des überparteilichen Anspruchs der Presse ist auf dem bundesdeutschen Printmarkt der siebziger Jahre mitunter eine politische Polarisierung erkennbar. Die Welt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und das Boulevardblatt Bild sind rechtskonservativ bis liberal-konservativ eingestellt, S ü ddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau und der Spiegel zeichnen sich dahingegen eher durch eine linke bzw. gemäßigt linke Orientierung aus. 21

Der Rundfunk weist in der BRD nach 1945, beeinflusst durch die westlichen Besatzungsmächte, eine öffentlich-rechtliche Struktur auf. Damit wollte man einer propagandistischen Instrumentalisierung des Mediums wie im Dritten Reich präventiv entgegenwirken und folgte dem Beispiel der British Broadcasting Corporation (BBC).22 Ein privatwirtschaftlicher Rundfunk existierte in den siebziger Jahren noch nicht; Grund dafür waren u.a. fehlende Sendefrequenzen.23 Um den Rundfunk vor staatlicher Einflussnahme zu schützen, unterliegen die Anstalten bis heute gesellschaftlicher Kontrolle: Gremien aus Vertretern verschiedener gesellschaftlicher Gruppen beaufsichtigen den Rundfunk. Die Programmkontrolle übernimmt der Rundfunkrat, der sich aus Mitgliedern von Parteien, Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Verbänden und Bildungseinrichtungen zusammensetzt. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollen laut ihrem Programmauftrag eine Grundversorgung mit Information, Unterhaltung und Bildung gewährleisten.24 Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist gebührenfinanziert, allerdings erhalten die Anstalten auch in eingeschränktem Maße Werbeeinnahmen. Die insgesamt zwölf öffentlich- rechtlichen Rundfunkanstalten25 sind in der ARD26 zusammengefasst. Sie fußen auf Landesgesetzen bzw. auf Staatsverträgen. Darin ist u.a. ihr Programmauftrag enthalten. Neben der ARD etablierte sich das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und der Deutschlandfunk/das Deutschlandradio mit nationaler Zuständigkeit sowie die Deutsche Welle (DW), der staatliche Auslandsrundfunk.

2.3 Der Terrorismus-Begriff

„ Es existiert weder eine allgemeing ü ltige noch v ö lkerrechtlich verbindliche Definition des Begriffs

Terrorismus “ 27, stellt die Publizistin Sonja Glaab fest und verweist damit auf die Problematik bei der Operationalisierung. Noch immer zirkulieren eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffsprägungen des Phänomens im wissenschaftlichen Diskurs.

Die Populärste findet sich bei Peter Waldmann: Terrorismus seien Gewaltakte, die sich gegen eine politische Ordnung richten und einen politischen Wandel intendieren. Terror diene dabei als Druckmittel, das Unsicherheit und Schrecken verbreiten oder Sympathie und Unterstützungsbereitschaft generieren solle.28

Etymologisch lassen sich die Begriffe „Terrorismus“, „Terrorist“ und „terrorisieren“ (lat. terror: „Furcht“, „Schrecken“) auf das 18. Jahrhundert zurückdatieren: Im Kontext der Französischen Revolution wurde damit eine gewaltsame Regierungsmaßnahme bezeichnet.29 Die Terminologie bezieht sich dabei explizit auf den Zeitraum der jakobinischen Schreckensherrschaft („terrorisme“, „La Terreur“) zwischen 1793 und 1794, als der französische Nationalkonvent unter Maximilien de Robespierre alle als konterrevolutionär eingestuften Personen öffentlich hinrichten ließ. In diesem historischen Beispiel wurde die physische Gewalt von autoritären respektive diktatorischen Eliten ausgeübt, welche die Regierungsgewalt besaßen. Das Regime der Jakobiner steht daher paradigmatisch für staatlich gelenkten Terrorismus, der häufig synonym mit den Begriffen „Terrorherrschaft“, „Terrorregime“ oder „Terrordiktatur“ bezeichnet wird.

Dieser Staatsterrorismus ist jedoch von „Terrorismus“ im herkömmlichen Sinne, dem sogenannten „insurgent terrorism“ (aufständischer Terrorismus aus dem Untergrund), zu differenzieren.30 Diese angelsächsische Begriffsprägung bezieht sich auf die von klandestinen und nicht staatlich organisierten Gruppierungen praktizierte Gewalt.

Andreas Elter verweist auf die Bedeutung dieser Unterscheidung für den kommunikativen Strategieaspekt: So könne einem diktatorischen Terrorregime an Zensur und totaler Kontrolle der Medien gelegen sein, wohingegen Terrorgruppen, die im Untergrund operieren, auf freie und unbeschränkte Medien angewiesen sind, um ihre ideologischen Botschaften zu distribuieren.31 Gerade dieser Terrorismus „von unten“ wurde zum Gegenstand zahlreicher, teils divergenter Definitionen und Abgrenzungen, die eine Vereinheitlichung des Begriffs erschweren. Walter Laqueur stellte dazu bereits fest: „ Es gibt keine philosophische Einf ü hrung in die Grundlagen des Terrorismus ( … ) und vielleicht wird sich das auch nie ä ndern - einfach deshalb, weil es den Terrorismus nicht gibt, sondern eine Vielzahl an Terrorismen, und was f ü r eine Spielart gilt, muss nicht notwendigerweise f ü r alle g ü ltig sein “ . 32 Diese Einschätzung Laqueurs lässt sich auf den internationalen Terrorismus transferieren: Seit den siebziger Jahren haben sich zahlreiche neue Terrororganisationen gegründet und „ sie alle haben zu unterschiedliche Ziele, politische oder religi ö se Motive, als dass sie von ihrem ideologischen Selbstverst ä ndnis her in einem Raster zusammenzufassen w ä ren “ . 33

Daher hat man in der Terrorismusforschung Laqueurs Vorschlag Rechnung getragen und den Terrorismus in unterschiedliche Terrorismen kategorisiert: Manche Autoren unterscheiden die Terrorismen geografisch nach ihren Herkunftsländern oder ihrem Aktionsradius in nationalen, internationalen und transnationalen Terrorismus.34

Am geläufigsten ist jedoch die Differenzierung nach der ideellen Zielsetzung: Der ethnische oder nationalistische Terrorismus strebt nach Autonomie für eine Bevölkerungsgruppe und beabsichtigt damit meist die Gründung eines eigenen Staates.35 Der sozialrevolutionäre Terrorismus zielt hingegen auf einen Umsturz bestehender Herrschafts- und Besitzverhältnisse.36 Für religiöse Fundamentalisten ist die individuelle Überzeugung, im Auftrag ihrer Religion zu handeln, entscheidend.37

Trotz dieser zahlreichen Differenzierungen des Terrorismus lassen sich aus allen angebotenen Definitionen eine Reihe konsensualer Charakteristika von terroristischen Gruppen extrahieren, die nun in Rekurs auf Elter38 verkürzt dargestellt werden:

- keine staatliche Legitimation;
- langfristige politische, ideologische oder religiöse Ziele;
- Operation in der Illegalität;
- oftmals starke Hierarchisierung mit funktionaler Aufteilung;
- physische Gewaltanwendung (mit intendierter psychologischer Wirkung) als primäres Mittel;
- Intentionen: Verbreitung von Angst und Schrecken, politischer Umsturz (aber keine längerfristige militärische Besetzung eines Territoriums mit eigenen Mitgliedern);
- selbst definiertes Feindbild;
- Akzeptanz des Todes Unschuldiger;
- Propaganda des Wortes und der Tat;
- Planung spektakulärer Aktionen mit massenmedialer Wirkung;
- meist breite Unterstützer- und Sympathisantenszene.

[...]


1 Elter, Andreas: Propaganda der Tat. Die RAF und die Medien, Frankfurt a. M. 2008, S. 10.

2 Laqueur, Walter: Terrorism, London 1977, S.135.

3 Hacker, Friedrich: Terror. Mythos - Realität - Analyse, Wien/München/Zürich 1973, S.291, zit. n.: Glaab, Sonia: Die RAF und die Medien in den 1970er Jahren, in: Dies. (Hrsg.): Medien und Terrorismus - Auf den Spuren einer symbiotischen Beziehung, Berlin 2007, S.31.

4 Hacker 1973, S.290, zit. n.: Ebd.

5 u.a. Programmatische Schriften, Briefe, Audiomitschnitte von Interviews und Erinnerungsliteratur ehemaliger Extremisten.

6 Vgl. Hickethier, Knut: Einführung in die Medienwissenschaft, Stuttgart 2003, S.24.

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Ebd.

9 Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen, Leipzig 1898 (hier Stuttgart, o.J.), S.18f.

10 Ebd., S.19.

11 Ebd., S.51.

12 Maletzke, Gerhard: Psychologie der Massenkommunikation, Hamburg 1963, S.32.

13 Vgl.Wilke, Jürgen: Struktur und Organisation der Medien (2012), in: Bundeszentrale für politische Bildung, URL: http:// www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/139158/struktur-und-organisation?p=all (Stand: 01.09.2015).

14 Vgl. Bundesverband deutscher Zeitungsverleger (Hrsg.): Die deutschen Zeitungen in Zahlen und Daten. Auszug aus dem Jahrbuch „Zeitungen 2011/2012“, Berlin o.J., S.10, URL:https://www.bdzv.de/fileadmin/bdzv_hauptseite/markttrends_daten/ wirtschaftliche_lage/2011/assets/ZahlenDaten_2011.pdf (Stand: 01.09.2015).

15 1970: Vier überregionale Zeitungen, 417 Lokalzeitungen. Vgl. Ebd.

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Axel Springer Verlag (Hrsg.): BILD Chronik, Berlin o.J., URL: https://www.axelspringer.de/dl/25552/chronik.pdf (Stand: 01.09.2015).

18 Wilke 2012.

19 Vgl. Bundeszentrale deutscher Zeitungsverleger o.J., S.9.

20 Spiegel, Focus und Stern zählen zu den prominentesten Vertretern dieser Kategorie.

21 Vgl. Brocchi, Davide: Die Presse in Deutschland (2008), in: Cultura21, URL: http://magazin.cultura21.de/kultur/wissen/die- presse-in-deutschland.html (Stand: 01.09.2015).

22 Vgl. Wilke 2012.

23 Vgl. Ebd. Erst 1984 kam es zu einer Privatisierung des Rundfunks (Ludwigshafener Kabelpilotprojekt). Es etablierte sich das duale Rundfunksystem in Deutschland.

24 Vgl. Ebd.

25 Dazu zählen: Bayrischer Rundfunk (BR), Hessischer Rundfunk (HR), Mitteldeutscher Rundfunk (MDR), Norddeutscher Rundfunk (NDR), Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB), Radio Bremen (RB), Saarländischer Rundfunk (SR), Südwestrundfunk (SWR), Westdeutscher Rundfunk (WDR).

26 Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland.

27 Glaab 2007, S. 11.

28 Vgl. Waldmann, Peter: Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S.10ff.

29 Vgl. Keber, Tobias O.: Der Begriff des Terrorismus im Völkerrecht. Entwicklungslinien im Vertrags- und Gewohnheitsrecht unter besonderer Berücksichtigung der Arbeiten zu einem „Umfassenden Übereinkommen zur Bekämpfung des Terrorismus“, o.O. o.J., S.1, URL: http://www.peterlang.com/exportdatas/exportfiles/onix/intro/9783631582404_leseprobe01.pdf ( Stand: 01.09.2015).

30 Vgl. Miller, James: Political Terrorism and Insurgency. An Interrogative Approach, in: Yonah, Alexander et al. (Hrsg.): Terrorism. Interdisciplinary Perspectives, New York 1977, S. 65-92.

31 Vgl. Elter, Andreas: Die RAF und die Medien. Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation, in: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus. Bd. 2, Hamburg 2006, S.1061.

32 Laqueur, Walter: Krieg dem Westen. Terrorismus im 21. Jahrhundert, München 2003, S. 8.

33 Elter 2006, S. 1062.

34 Vgl. Whittaker, David (Hrsg.): The Terrorism Reader, London/New York 2001, S.167ff.

35 Die ETA kämpft(e) in Spanien beispielsweise lange für die Autonomie der Basken. Die IRA strebte nach einem von Großbritannien unabhängigen Irland.

36 Die linksextremistische RAF zielte beispielsweise auf die Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung der BRD.

37 Die Terrororganisation Al Qaida gilt als paradigmatisches Beispiel für radikalen Islamismus.

38 Vgl. Elter 2006, S.1063f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Wechselverhältnis zwischen Medien und Linksterrorismus im "Deutschen Herbst". Herolde und Helfershelfer des Terrorismus?
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Mediengeschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V312900
ISBN (eBook)
9783668120969
ISBN (Buch)
9783668120976
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
RAF; Medien und Terrorismus, Linksterrorismus; Deutscher Herbst; terroristische Kommunikation
Arbeit zitieren
Julian Dorn (Autor), 2015, Das Wechselverhältnis zwischen Medien und Linksterrorismus im "Deutschen Herbst". Herolde und Helfershelfer des Terrorismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312900

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