Die verleugnete Spur der Vernichtung. Psychische Folgen der ostdeutschen Verkennung der Shoah


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014

18 Seiten


Leseprobe

1. Persönlich

Es fing damit an, dass ich bei mir ein unheimliches Gefühl wahrnahm: Etwas in meiner Wahrnehmung schien ich intellektuell nicht auf dem Plan zu haben, ging immer wieder verloren, tauchte unvermutet wieder auf. Zwar hatte ich als in der DDR aufgewachsener Mensch bereits kurz vor der Wende einiges und unmittel- bar danach mehr an Literatur gelesen, die mir grundlegendes Wissen über den Ho- locaust, das ich vorher nicht zu Kenntnis nehmen konnte oder wollte, vermittelt hatte. Vielleicht hatte sich ein kleiner Rest einer Unruhe erhalten, so dass ich zu einem Vortrag ging, der eine Überlebende ankündigte: Es war 1998, als Anne-Lise Stern im Einstein-Forum in Potsdam vortrug, als Überlebende von Auschwitz, als französische Analytikerin, unter dem Titel „Früher mal ein deutsches Kind“.2 Die Reise nach Deutschland war ihre erste seit damals, und sie rang mit sich. Sie sol- le da mal hin fahren, zu diesen Deutschen, da müsse irgendwo ein Loch sein, er- mutigte sie eine alte Freundin.3 Ich saß damals im Publikum, weil etwas mich la- tent Überraschendes aufgetaucht war im Ankündigungstext: „Überlebende von Auschwitz“. Ich glaube inzwischen, gegen alle Wahrscheinlichkeit, ich hatte doch insgeheim, aber innerlich wirksam gedacht, es gebe keine, es hätte niemand über- lebt. Und noch später sollte ich entdecken, dass dieses „Es (etwas unermesslich Schreckliches) ist geschehen, und es gibt keine Überlebenden“ einer Stufe der kindlichen Verleugnung entsprechen könnte.

Als ich auf Anregung eines Freundes mit ihm dann 14 Jahre nach der Wende zum ersten Mal nach Israel reiste, erlebte ich bei der Ankunft ein starkes Gefühl, als wäre etwas Lebendiges in mein Inneres zurückgekehrt, als könnte ich Kontakt zu etwas aufnehmen, was bisher innerlich leblos oder negiert war. Handelt es sich um Spuren einer anhaltend vorhandenen Verleugnung, deren Aufhebung im An- gesicht des vitalen jüdischen Staates geschieht? Und konnte meine durchaus vor- handene intellektuelle Auseinandersetzung mit diesem Thema, mit der Vernich- tung und dem Überleben, diese Verleugnung eben nicht entscheidend antasten, weil ein Entzug der libidinösen Besetzung dennoch anhielt? Handelt es sich um eine persönliche Verrücktheit oder ist daran etwas typisch, im Sinne einer un- vollständigen Bewältigungsfigur der in der DDR Aufgewachsenen? Oder geht es um eine andere Identifizierung, die nicht nur für die DDR typisch war? Anne-Lise Stern nahm auch eine Frage vorweg, die ich mir erst gegen Abschluss meiner ana- lytischen Ausbildung stellen sollte: „Was da auf der Couch nicht richtig gehört wird, und vor allem in der analytischen Gemeinschaft nicht aufgenommen wird, nämlich der Einbruch der Judenvernichtung und des Nazismus auf jeden einzel- nen – Einbruch vor allem auf die Psychoanalyse als Praxis und Theorie –, das strebt zur Veröffentlichung/Öffentlichkeit, manchmal durch schwere Taten oder Untaten, manchmal, unter Analytikern, durch solch ein Ausagieren. Es ist wie ein öffentliches Stellen der Frage: welche Analyse nach Auschwitz?“4

Aber zunächst zurück zu meiner Reiseerfahrung: Wenn die israelische Realität mich mit einer Vitalität verbindet, die ich hier in Deutschland nicht leben kann, kann dies auch etwas zu einem in unseren analytischen, institutionellen deutschen Gruppen verleugneten Anteil sagen? Einem Anteil, der für mich darstellbar ist, da die Verleugnung in meiner ostdeutschen Wahrnehmung deutlicher und weniger intellektuell bearbeitet erscheint? Erfahrungen aus der Gruppenanalyse und aus den Nazareth-Gruppenkonferenzen möchte ich im Weiteren in diesem Sinne be- fragen.

2. Klinisch

Der Verleugnung ist nicht einfach auf die Spur zu kommen: das Vorstellungsver- mögen unzugänglich, die Affektivität blockiert, der Versuch, anscheinend harm- lose Bilder an eine vorgeblich leere Stelle zu setzen. Herr F., ein wegen seiner Angstneurose in Behandlung gekommener Analysand, stellt sich, wenn seine Identität sich aufzulösen droht, oft vor, dass Züge fahren, leise, bequeme, pünktliche Züge, die endlos, nach perfektem Fahrplan meist durch die Nacht rollen. Auslösendes Moment dieser Zwangsgedanken sind Vorstellungen, in Konflikten von anderen zum Verschwinden gebracht zu werden, zu verlöschen. Dieses Gedankengerüst ist daher vielleicht zu verstehen als notdürftiges Zusammenhalten der narzisstischen Integrität. „Wenn beschädigt, muss sich der Narzissmus durch die gesamte Negation wieder aufrichten.“5 Dabei wird der Analysand immer schier wahnsinnig über die Frage, ob er sich eher ein möglichst großes System von Verbindungen vorstellen soll, oder doch die Übersicht behalten, wohin die einzelnen Züge fahren. Spät erst kommt zur Sprache, dass eine signifikante Person aus der Familie, der Großvater mütterlicherseits, „Karriere gemacht“ hatte, bei der Bahn, damals im Dritten Reich, dort im Osten.

Was lässt sich zum Phantasiegehalt dieser Zwangsvorstellungen sagen? Wie Lacan6 bemerkte, bewegt sich die Phantasie des Zwangsneurotikers um die Frage: „Bin ich tot oder lebendig?“, also um die Frage, ob es ein eigenes vitales, in seinen Folgen unabsehbares, Begehren geben dürfe. Dabei innerlich gefangen im „War- ten auf den Tod des Herren/Vaters“, spiele die Phantasie immer wieder durch, wel- ches Begehren die väterliche Zensur/Zensur der Autorität überleben könnte, also hier, in welchem Zug das Subjekt fahren könnte, aber nur bis zu dem Punkt, wo gesagt werden müsste „Ich will“. Im Familienroman steht dieser Ermächtigungs- perspektive aber gerade in Gestalt dieser Phantasie eine Entmächtigung gegen- über, die zunächst verleugnet wird. Der phantastisch allmächtige Vater der Zwangsneurose und der Großvater – der, wie man sich vorstellen muss, als Erfüllungsgehilfe des Nationalsozialismus, die Züge fahren ließ, die nicht in die Freiheit, sondern in den Tod fuhren – gehen eine unheimliche Verbindung ein.

Ehe ich solche Zusammenhänge nun mit einigem Zutrauen behaupten kann, hatten mich Phänomene wie ein unklares Steckenbleiben, eine anhaltende Ohnmacht und ähnliches in der Arbeit mit ostdeutschen Patienten und als ostdeutscher Ausbildungskandidat der Psychoanalyse aufmerken lassen. Insbesondere für mei- ne Analysanden mit ostdeutschem Hintergrund lässt sich beschreiben, dass, wenn lange unzugängliche Verbindungen etwa zur familiären Verwicklung in die Ver- nichtungserfahrungen des Nationalsozialismus berührt werden, eine Schwelle der Angst angetastet wird, die einem basalen Zweifel, der andere könne mich nicht am Leben lassen, entspricht. In der Analyse solcher Vernichtungsangst erscheinen kindliche Ängste, die an Ideologeme der Kindheitswelten und die von den Eltern verleugneten Ängste erinnern: Ein Kind flieht vor den sich heftig und laut streitenden Eltern in den Keller des Plattenbaus, dort gefangen von der Angst, nun würde der atomare Krieg ausbrechen – so die Erinnerung eines Patienten. Ein Freund aus einer Jugendzeit, durch den ich mich vor meinen eigenen Vernichtungsphantasien durch unsere damalige Freundschaft sehr beschützt fühlte, träumt angesichts meiner ersten Israelreise (von der ich ihm kurz berichtete), dass israelische Soldaten den Alten Friedhof unserer gemeinsamen Heimatstadt bewachen. Sie sorgen dafür, denke ich, dass wir die alten Toten nicht vergessen, den Alten Friedhof nicht zerstören – so meine erste Assoziation. Meine zweite: Sie lassen uns nicht auf den Friedhof, das heißt, friedvoll zum Sterben gehen.

In der oben geschilderten Fallvignette ist das genau die Schwelle, vor der der Zwangsneurotiker steht, solange die Autoritäten in wesentlichen Aspekten (etwa ihrer tatsächlichen Zerstörungslust) durch die Verleugnung unzugänglich bleiben: die Autoritäten der Eltern, die das Kind über ihren Streit aus den Augen verlieren, die väterliche Autorität, die dem Begehren im Wege steht, eben verbunden mit den Autoritäten, unter deren Verantwortung die Vernichtung geschehen konnte.

Die Ebene, die eine Analyse der Verbindung von Ohnmacht und real geschehener Vernichtung ermöglichen kann, scheint nunmehr in einer Konstellation von Schambedeckung der eigenen Insuffizienz und basalen Verwundbarkeit abgewehrt zu werden, die um eine verleugnete Verbindung kreist.

Diese klinischen Beobachtungen können meines Erachtens mit dem unheimlichen Charakter, den die Shoah in der ostdeutschen Kultur angenommen hat, in Bezie- hung gesetzt werden. Für die ostdeutsche Behandlung der Shoah ist ja eine frühe und anhaltende Verleugnung wichtiger Dimensionen sowie eine tendenziöse Inter- pretation und damit Verharmlosung im Einklang mit der Faschismusdefinition Ge- orgi Dimitroffs typisch gewesen, die in ihrer Betonung des „Nie wieder!“ die Er- kenntnis und genaue Analyse der Dimensionen der Vernichtung flieht.7

- 1 Christiane Buhmann (1994), Weg einer Schuld – nur eine Übertragungsneurose?, in: Jutta Prasse und Claus-Dieter Rath, Lacan und das Deutsche. Die Rückkehr der Psychoanalyse über den Rhein, Freiburg: Kore Verlag 1995, S. 117.
- 2 Am 18. Juni im Einstein-Forum. Anne-Lise Stern (1999), Früher mal ein deutsches Kind ... passée du camp chez Lacan. Versuch einer Hinübersetzung, in: Berliner Brief, Nr. 2, S. 7–20.
- 3 Anne-Lise Stern (1994), Passe – Du Champ Chez Lacan. Passe – vom Lager zu La- can, in: J. Prasse und C.-D. Rath, wie Anm. 1, S. 204.
- 4 Ebd., S. 213; vgl. dazu auch: Laurence Kahn (o.J.), Wenn man die Shoa zum Trauma macht, und das Verschwinden des Vaters aus der psychoanalytischen Theorie, Manuskript, sowie: Shlomo Lieber (2011), Der Holocaust und der Psychoanalytiker, in: texte. psychoanalyse. ästhetik. kulturkritik., Heft 3, Wien: Passagen-Verlag, S. 15–26.
- 5 André Green (2004), Angst und Narzißmus, in: Die tote Mutter. Psychoanalytische Studien zu Lebensnarzissmus und Todesnarzissmus, Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 141–184
- 6 Jacques Lacan (1964), Das Seminar, Buch XI, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Weinheim und Berlin: Quadriga Verlag 1978.
- 7 Zur Faschismustheorie Dimitroffs vgl. http://www.marxists.org/deutsch/referenz/di- mitroff/1935/bericht/ch1.htm, abgerufen am 17. Juni 2014. Diese Verleugnung kann illustrieren, was Volkhard Knigge etwa für die die Denkmalgestaltung in Buchenwald aufzeigt: dass dort eine „Deckerinnerung“ kanonisiert wurde, die eine Identifikation mit einem unbelasteten, nicht mit der Täterschaft verbundenen ostdeutschen Staat ermöglichen sollte. Vgl. V. Knigge (2001), Anamnestische Erinnerung. Zum antifaschistischen Staatsgedächtnis der DDR, in: Werner Bohleber und Sibylle Drews (Hg.), Die Gegenwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Gegenwart, Stuttgart: Klett-Cotta, S.154–167.

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Details

Titel
Die verleugnete Spur der Vernichtung. Psychische Folgen der ostdeutschen Verkennung der Shoah
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V312901
ISBN (eBook)
9783668116191
ISBN (Buch)
9783668116207
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spur, vernichtung, psychische, folgen, verkennung, shoah
Arbeit zitieren
Heiko Mussehl (Autor), 2014, Die verleugnete Spur der Vernichtung. Psychische Folgen der ostdeutschen Verkennung der Shoah, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/312901

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