Der Medien-Fall Uli Hoeneß. Populismus in den Sportmedien

Wie Süddeutsche Zeitung und BILD mit der Steueraffäre umgehen


Bachelorarbeit, 2014
99 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung
1.1 Forschungsinteresse
1.3 Wissenschaftliche Relevanz und Forschungsstand

2. (Sport-) Berichterstattung in den Tageszeitungen
2.1 Presse in Deutschland aktuell
2.2 Qualität im Journalismus
2.3 Boulevardjournalismus
2.4 Skandalberichterstattung

3. Inhalte der Tageszeitungen
3.1 Nachrichtenwerttheorie
3.2 Nachrichtenfaktoren in der Sportberichterstattung

4. Die Person Uli Hoeneß

5. Die Steueraffäre und ihre Folgen
5.1 Die Geschichte
5.2 Die Folgen des Skandals

6. Untersuchungsdesign
6.1 Forschungsleitende Fragestellungen
6.2 Methode: Die Inhaltsanalyse
6.3 Untersuchungsgegenstand
6.4 Untersuchungszeitraum
6.5 Ablaufmodell der Analyse

7. Präsentation und Interpretation der Ergebnisse
7.1 Basiszahlen
7.2 Populismus in den Medien

8. Diskussion der forschungsleitenden Fragen
8.1 Wird der Berichterstattung zur Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß in der Bild im untersuchten Zeitraum eine höhere Bedeutung beigemessen als in der SZ?
8.2 Verschwindet die Trennung zwischen Nachricht und Meinung aus dem Journalismus?
8.3 Ist eine positivere oder negativere Berichterstattung über Uli Hoeneß an den Autor des Artikels geknüpft?
8.4 Bild oder SZ: Welche Zeitung beeinflusst stärker die Meinung des Lesers?

9. Fazit

10. Literatur

11. Anhang

Abstract

„Wir leben im Zeitalter der Skandale“, erklärten die Wissenschaftler Kepplinger und Hartung bereits 1993 in ihrer Fallstudie ‚Am Pranger‘. Gut 20 Jahre später gilt das noch genauso. 25 Skandale, die pro Jahr im öffentlichen Interesse stehen, zählte Kepplinger 2009. Es gibt einige Studien zu Verläufen von Skandalen, auch anhand fester Beispiele und in Bezug auf die Medien, wie die von Kepplinger (2009). Doch es gibt bislang noch keine Untersuchung, die im Zuge eines Skandals die Absicht eines Mediums, die Öffentlichkeit zu manipulieren, eruiert. Die folgende Studie versucht dies, indem sie anhand der Steuerhinterziehung des ehemaligen Präsidenten des FC Bayern München, Uli Hoeneß, alle 124 Artikel der Süddeutschen Zeitung und alle 170 der Bild-Zeitung zu diesem Thema zwischen dem 22. April 2013 und dem 15. März 2014 auf diese Aspekte hin vergleicht. Die Untersuchung ergibt, dass beide Medien nicht objektiv berichteten und nur selten zwischen Nachricht und Meinung trennten. Die SZ berichtete fast durchgehend positiv über die Person Hoeneß, macht das allerdings zurückhaltend. Die Bild dagegen legte sich nicht auf eine Richtung fest, sondern schwankte zwischen pro und contra. Dies machte sie jedoch wesentlich extremer und offensichtlicher als die SZ. Als zusätzliches Ergebnis zeigt sich, dass sich der Trend von Schlegel (2007) und Schmalenbach (2009) fortsetzt und sowohl in der SZ als auch in der Bild immer mehr spekuliert wird.

„We live in times of scandals”, the scientists Kepplinger and Hartung explained in their case study ‘Am Pranger’ (‘At The Pillory’) already in 1993. About 20 years later this statement is still true. In 2009 Kepplinger counted 25 scandals per year, which arouse the public interest. Several studies of courses scandals with personal examples and references to the media, like Kepplinger’s (2009) can be found. But so far there is no study which finds out the intention to manipulate public opinion of a media. The following study tries to do this by comparing all of the 124 articles in the Süddeutsche Zeitung with 170 in the Bild between April 22nd in 2013 and March 15th in 2014 on the basis of the tax evasion of Uli Hoeneß, the former president of FC Bayern Munich. This study shows that both newspapers did not report objectively and that the difference between facts and opinion was often not marked clearly. The SZ reported constantly positively about Hoeneß, but in a reserved way. By contrast, Bild did not commit itself to one direction but staggered between pros and cons in its reporting. But its variations were more obvious and extreme than the SZ. Additionally, the results show that the trend found by Schlegel (2007) and Schmalenbach (2009) continues: both newspapers increasingly speculated in their articles.

1. Einleitung

„Im Namen des Volkes: Der Angeklagte wird wegen Steuerhinterziehung zu drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.“

Es ist der 13. März 2014. Der Mann auf der Anklagebank ist kein geringerer als der Präsident des FC Bayern München, Ulrich Hoeneß. Einer der mächtigsten Männer Deutschlands, bevor seine Steuerhinterziehung im April 2013 bekannt wird. Hoeneß hebt den Kopf nicht, seine Augen sind scheinbar leer, als Richter Rupert Heindl die Begründung des Gerichts verliest. Er klammert sich an die Lehne seines Stuhls, beißt sich auf die Lippen. Die Welt, hat man das Gefühl, dreht sich in diesen Momenten nicht weiter im Gerichtssaal 134 des Münchener Justizpalastes, der in den letzten Minuten gefühlt um einige Grad Celsius heißer geworden ist. Wie in Zeitlupe steht Hoeneß schließlich auf, dann verlässt er schnell den Raum.

Fortan ist nichts mehr für ihn, wie es einmal war. Am Morgen des Folgetages lässt Hoeneß über den Nachrichtendienst dpa verlauten, dass er auf eine Anfechtung des Urteils und damit auf Revision verzichten werde (Hoeneß, 2014):

„Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich [...]. Außerdem lege ich mit sofortiger Wirkung die ämter des Präsidenten des FC Bayern München e.V. und des Aufsichtsratsvorsitzenden der FC Bayern München AG nieder. Ich möchte damit Schaden von meinem Verein abwenden [...].“

Das Image von Uli Hoeneß als Gutmensch gehört der Vergangenheit an. Sein gesellschaftlicher Einfluss ist dahin, die Freundschaften zu den wichtigsten Personen des Landes aus Politik und Wirtschaft haben nicht nur gelitten, viele, wie die zu Kanzlerin Angela Merkel, sind daran zerbrochen.

Doch nicht alle haben sich seit der publik gewordenen Selbstanzeige von Hoeneß abgewandt, es gibt weiter einige, die ihn nach wie vor intern, wie auch in der Öffentlichkeit stützen und schützen.

Obwohl sich Hoeneß, der früher unter dem Synonym „Abteilung Attacke“ bekannt war, seit dem Bekanntwerden seiner Steuerhinterziehung Ende April 2013 weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückzog, war das Medieninteresse an seinem Fall enorm. Selbst aus Italien, Österreich und der Schweiz kamen Reporterteams, um über den Prozess zu berichten. Bis heute spaltet Hoeneß die Menschen und eben auch Medien und einzelne Journalisten.

Um diese geht es in dieser Arbeit, deren Forschungsfrage lautet: Inwieweit ist die Berichterstattung der Bild -Zeitung populistischer als die der Süddeutschen Zeitung ?

1.1 Forschungsinteresse

Die Bezeichnung ‚Populismus‘ definiert Brockhaus (1984, S. 224) als eine um „‘Volksnähe‘ bemühte“ Politik, welche „Stimmungen der Unzufriedenheit und akute Konfliktlagen aufgreift“. Laut Duden handelt es sich dabei um eine „opportunistische Politik, die die Gunst der Massen zu gewinnen sucht“ (Schoch, 2009, S. 798). Schlägt sich also ein Medium in der Berichterstattung auf eine Seite, ist es „ein Faktor der Meinungsbildung“ (Meyn, 2001, S. 278). Und so kommt den Medien in Sachen Meinungsbildung eine entscheidende Rolle zu. Sie bieten die Bühne für den Skandalisierten und den Ankläger und können dabei Gegenstände des Konflikts durch Information erst bewusst machen und Stellung beziehen (vgl. Meyn, 2001, S. 33). Allerdings sollte die Meinung des Mediums klar gekennzeichnet und von der reinen Information getrennt sein. Ob die Zeitungen das auch ungekennzeichnet machen, offensichtlich für oder gegen Hoeneß berichten und den Leser so manipulieren, soll die vorliegende Studie klären.

Grund der Annahme, dass die Bild populistischer als die Süddeutsche Zeitung (SZ) über das Hauptthema dieser Arbeit berichtet, ist der, dass der populärsten deutschen Boulevardzeitung der Ruf vorauseilt, als „Stimme des Volkes“ klar und offen ihre Meinung kundzutun und das auszusprechen, was die Menschen hören möchten. Als Paradebeispiel dieser Annahme kann dieses Beispiel dienen: nachdem im Laufe der Prozesswoche die Stimmung endgültig gegen Hoeneß gekippt war, forderte die Bild -Zeitung vor dem letzten Prozesstag, am 13. März 2014, auf dem Titelblatt „ Verknackt Hoeneß “. Die SZ beließ es bei:

Hoeneß hofft weiter auf Freispruch “.

Im Mittelpunkt dieser Bachelorarbeit steht somit auch, ob die Berichterstattung einer Boulevardzeitung populistischer ist als die einer Qualitätszeitung. Dabei sollen neben den Merkmalen der Skandalberichterstattung Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Tageszeitungstypen herausgearbeitet werden. Das soll durch eine Inhaltsanalyse bestimmt werden.

Hintergrund des Interesses ist folgender: immer häufiger ist zu beobachten, dass Personen des öffentlichen Lebens zunächst von der Medienlandschaft in den Himmel gejubelt werden, um dann von denselben an den Pranger gestellt zu werden. Dabei unterscheiden sich Menschen, die aus freien Stücken zurückgetreten sind, bevor sie, wie sie wussten, dem öffentlichen Druck nicht mehr standhalten würden, von Menschen, die von den Medien direkt zum Rücktritt gedrängt werden.

„Wir leben in einem Zeitalter der Skandale“, erklärten die Skandalforscher Hans Matthias Kepplinger und Uwe Hartung (1993). Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten erst langsam und dann immer schneller zugenommen. Heute sind es geschätzt bis zu 25 pro Jahr, die von den Medien auch aufgegriffen werden (vgl. Kepplinger, 2009, S. 191).

Grundsätzlich kann alles skandalisiert werden: Unternehmen, Vereine aber auch Menschen, wie Margot Käßmann, ehemals Bischöfin der Evangelischen Kirche, die das „aufeinander Achtgeben“ lehrte und die dann im Jahr 2010 wegen Trunkenheit am Steuer angehalten wurde. Drei Tage später wussten die Medien davon, einen weiteren Tag später trat sie von ihren Führungsämtern, dem Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Bischofsamt zurück. Für die einen vorbildlich, für andere bedauerlich. Käßmann aber hielt durch den schnellen Rücktritt weiteren Schaden von ihrer Person ab und gilt noch heute als populär und integer.

Zum Vergleich der Skandal um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der im Dezember 2011 wegen des Vorwurfes der Vorteilsnahme im Amt aus dem Jahr 2008 begann. Damals war Wulff noch Ministerpräsident Niedersachsens. Er leugnete den Vorwurf allerdings, doch die Blätter Bild und Spiegel deckten die Details auf. Wulff verpasste daraufhin den Zeitpunkt für den Rücktritt und klammerte sich stattdessen weiter an sein Amt. Der Höhepunkt war, als Wulff versucht haben soll, die Bild -Berichterstattung zu weiteren Enthüllungen zu verhindern. Erst im Februar 2012, nachdem die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen wegen Verdachts der Vorteilsnahme aufgenommen und die Aufhebung von Wulffs Immunität als Bundespräsident beantragt hatte, trat Wulff zurück. Im August 2013 erließ die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Bestechlichkeit, im März 2014 wurde Wulff in allen Punkten im rechtlichen Sinne freigesprochen, von der Gesellschaft im moralischen Sinne jedoch nicht.

Zwei Fälle, die zeigen, wie es laufen kann. Zum Interesse an der Forschung dieser Steueraffäre haben diese Fälle maßgeblich beigetragen. In beiden Fällen sind die Medien „der Motor öffentlicher Empörung“ (Siebert, 2011), in beiden Fällen ist vor allem die Fallhöhe ausschlaggebend für das Interesse an der Berichterstattung.

1.3 Wissenschaftliche Relevanz und Forschungsstand

Wissenschaftliche Studien zum Thema Populismus und Medien wie die von Wymann (1995), Meyer (2006) oder Imhof (2008) liegen zwar vor, jedoch nicht in Verbindung mit einer Inhaltsanalyse verschiedener Medien oder einem konkreten Skandal. Der Autor dieser Arbeit hat sich daher stark an Schmalenbachs Diplomarbeit (2009) „Aktuelle Tendenzen in der Sportberichterstattung: Spekulation oder Faktentreue?“ orientiert, in der sie mit einer Inhaltsanalyse den Anteil an Hypothesen in der Berichterstattung von jeweils 26 Ausgaben der Bild, der Süddeutschen Zeitung und des Münchner Merkurs bestimmt. Auch Köstners Dissertation (2005) „Werte, Moral und Identifikation im Sportressort“ war von Relevanz für diese Studie. Sie vergleicht ebenfalls per Inhaltsanalyse jeweils zwölf Ausgaben der Süddeutschen Zeitung mit denen der Bild nach Normen und Werten in der Berichterstattung (Köstner, 2005, S. 238). Zudem bot Loosens Dissertation „Die Medienrealität des Sports“ (1998) eine Grundlage. Mit Hilfe einer Inhaltsanalyse untersucht auch Loosen als erste die Anwendung der Nachrichtenwerttheorie auf den Sportteil (elf Tageszeitungen) und damit auch generell das Thema Nachrichtenfaktoren in der Sportberichterstattung. Darüber hinaus wurden die Skandalliteratur von Kepplinger (2009) und Siebert (2011) für die Arbeit herangezogen.

Eine explizite Untersuchung zum Fall Hoeneß gibt es nicht. Dafür hat Bubenhofer (2013) die Affäre Christian Wulff mit Hilfe eines Referenzkorpus‘, der gut zwei Millionen Wörter umfasst, unter die Lupe genommen. Mit seiner Studie will er den linguistischen Besonderheiten der Skandalisierung in SZ und Bild habhaft zu werden, untersucht beide Zeitungen aber auch auf das Verhalten im Skandal. Zumindest einige der hier gewonnenen Ergebnisse können als Grundlage dienen und werden in dieser Bachelorarbeit erneut überprüft.

Die vorliegende Untersuchung besteht aus zwei Teilen, dem theoretischen und dem praktischen Teil. Nach der Einführung in das Thema folgt das Kapitel „Sportberichterstattung in den Tageszeitungen“, in welchem kurz auf den momentanen Pressemarkt in Deutschland eingegangen wird. Anschließend werden die Begriffe Qualitäts- und Boulevardjournalismus definiert, wobei zum besseren Verständnis der Qualitätsdiskussion auch der Forschungsstand erläutert wird. Den Forschungsstand auch im Kapitel „Boulevardjournalismus“ zu schildern, hätte den quantitativen Rahmen zu diesem Thema gesprengt, wobei an dieser Stelle ausführlich auf das Thema der Boulevardisierungstendenzen im Sportjournalismus eingegangen wird. Anschließend werden Aufbau und Entwicklung eines Medienskandals herausgearbeitet.

In Kapitel drei befasst sich der Autor mit der Nachrichtenwerttheorie und den Nachrichtenfaktoren in der (Sport-) Berichterstattung, ehe zum Abschluss des ersten Teils eine biographische Darstellung der Person Uli Hoeneß sowie eine Aufarbeitung seines Steuerfalls von der Nacht der Selbstanzeige bis hin zum Prozessurteil und den Auswirkungen des Falles Hoeneß, folgt. Schließlich wird im Untersuchungsdesign auf die Methodik und den Ablauf der Analyse eingegangen, ehe die Ergebnisse interpretiert und letztlich anhand der forschungsleitenden Fragen diskutiert werden. Zuletzt rundet ein Resümee die Arbeit ab.

2. (Sport-) Berichterstattung in den Tageszeitungen

Im folgenden Kapitel wird zunächst dargestellt, wie es um den aktuellen Pressemarkt in Deutschland steht. Außerdem dient dieses Kapitel dazu Qualitäts- und Boulevardjournalismus sowie die Skandalberichterstattung vorzustellen.

2.1 Presse in Deutschland aktuell

63,2 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren und damit insgesamt 44,6 Millionen Menschen lesen Tageszeitungen. Mehr als die Hälfte liest jeden Tag regionale Abonnement-Zeitungen (51 Prozent), 18 Prozent lesen Kaufzeitungen. Die treuesten Leser sind die besser Gebildeten (vgl. Goedecke, 2014b). Sieht man sich die Altersstruktur der regelmäßigen Tageszeitungsleser genauer an, zeigt sich das oftmals diskutierte Problem deutlich: Im Schnitt nutzen mehr als drei Viertel der über 40-Jährigen die Zeitung als Informationsmedium. Jedoch sinkt die Nutzung bei den 14- bis 19-jährigen Deutschen um fast fünf Prozentpunkte seit dem Jahr 2011 auf 35 Prozent. Auch in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen ist ein leichter Schwund festzustellen (47 Prozent). Das Internet hat gerade bei der jüngeren Generation längst die Zeitungen ersetzt. Dafür sind immerhin zwei Fünftel der über 14-Jährigen im Netz auf Websites der Verlage unterwegs (vgl. Pasquay, 2013).

Ausgehend von ihrer Bedeutung als vierte Gewalt im Staat gilt die Presse in Deutschland als unverzichtbares Instrument Öffentlichkeit herzustellen und die Allgemeinheit über alle bedeutenden Vorgänge in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zu informieren. Und das unabhängig von staatlichem Einfluss. Dieser Funktion soll die Presse „durch Information, Beitrag zur Meinungsbildung sowie Kritik und Kontrolle nachkommen“ (Pürer & Raabe, 2007, S. 11). Dank Artikel 5 des Grundgesetzes erhält die Presse auch die uneingeschränkte Befugnis für diese Aufgabe. Doch speziell der deutsche Zeitungsmarkt, der sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich weiterentwickelte, befindet sich seit der Verbreitung des Internets zur Jahrtausendwende in einer Krise und hat weiterhin mit sinkenden Auflagenzahlen und Reichweiten zu kämpfen (vgl. Schmalenbach, 2011, S.17f.). Anzeigenkunden ziehen sich nach und nach zurück, die Leserschaft nutzt die kostenlosen Angebote im Netz. Die daraus resultierenden Sparmaßnahmen bestimmen die Medienwelt heute und wirken sich zu Lasten der journalistischen Qualität aus (vgl. Arnold, 2009, S. 81; Schmalenbach, 2011, S. 102). Um die Leser-Blatt-Bindung dennoch zu forcieren, senken sie bewusst ihre Angebote, „um im unbedingten Streben nach wirtschaftlichem Erfolg Massen an sich zu binden, ohne dabei weitreichende Folgen zu bedenken“ (Schmalenbach, 2009, S. 2). Denn dadurch verlieren Printmedien an Vertrauen der Leser. Das Rennen um Aktualität und Fülle an Information haben die Printmedien laut Schmalenbach (2009) bereits verloren. Um lesenswert zu bleiben müssen die Zeitungen nun auf die Karte Qualität setzen (vgl. Schmalenbach, 2009, S. 3).

2.2 Qualität im Journalismus

2.2.1 Forschungsstand

„Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln“, bemerkte Ruß-Mohl (1992, S. 85) bereits Anfang der 90er Jahre. Und auch Schmalenbach (2011, S. 111f.) schließt sich dem an und behauptet, dass nicht nur aufgrund der unterschiedlichen Blickwinkel auf die Problematik, sondern auch der unterschiedlichen Zielsetzungen wegen, der Diskurs um Qualität im Journalismus zu einem „bodenlosen Fass“ werde. Das Problem journalistische Qualität zu konkretisieren, zeigt allein die Quantität der Studien zu diesem Thema. Einige werden in diesem Kapitel vorgestellt.

Vorläufer der Qualitätsforschung waren die Pressekonzentrations-, die Objektivitäts-, die Vielfalts- sowie die Verständlichkeitsforschung. Ihren richtigen Ursprung aber findet die Qualitätsdiskussion im Ethikdiskurs, der als Vorläufer der verhältnismäßig erst sehr spät einsetzenden Qualitätsdiskussion gelten darf. Neuere Studien von Köstner (2005) und Schlegel (2007) beschäftigen sich mit Ethik in den verschiedenen Zeitungen. Die Ethik gilt wegen ihrer Appelle an Verantwortung und moralisch richtigem Handeln als Voraussetzung für (journalistische) Qualität. Dass der Ethikdiskurs bis heute fast vollständig von der Qualitätsdebatte abgelöst wurde, liegt nach Kaiser-Rumstadt & Ruß-Mohl (2000, S. 243) an „mangelndem Praxisbezug der Diskussion“. Trotz der Abwendung von ihr gilt sie als eine „wichtige Grundlage für die Auseinandersetzung mit Qualität in den Medien“ (Schmalenbach, 2011, S. 51). Die Beschäftigung mit der Qualitätsdiskussion begann in Deutschland erst Anfang der 1990er Jahre. Anlass dafür waren journalistische Fälschungsskandale, sich häufende Beschwerden und Klagen bei Presseräten und ordentlichen Gerichten, sowie dramatische Glaubwürdigkeitskontraste der Medien (vgl. Ruß-Mohl, 2005, S. 375). Konkret waren dies Programmformate wie Reality-TV, verschiedene Infotainment-Formen, aber auch Gewaltdarstellungen und Pornographie gerade von Seiten der in den 1980er Jahren gegründeten privaten Fernsehsender. Die allzu seichten Unterhaltungsformate und die zunehmende Boulevardisierung von Informationsangeboten zwangen in erster Linie die öffentlich-rechtlichen Anstalten fortan dazu, ihren gesellschaftlichen Leistungsbeitrag zu überdenken und machten so die Wissenschaft auf dieses Forschungsfeld aufmerksam. Hinzu kam Anfang des neuen Jahrtausends der Absturz der New Economy der angesichts dramatisch einbrechender Werbeeinnahmen eine Medienkrise zur Folge hatte. Es zeigten sich außerdem bereits damals die Vorzüge des Internets und insbesondere Kleinanzeigen wanderten in das neue Medium ab (vgl. Arnold, 2009, S. 81; Schmalenbach, 2011, S. 102). So war die Übertragung der Qualitätsdiskussion auf den Print-Journalismus die logische Konsequenz.

Doch im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsunternehmen ist es bei Medien relativ schwierig Qualitätskriterien festzulegen. Dies liegt am sehr komplexen Medienprodukt, das auf der einen Seite Profit bringen soll, andererseits jedoch auch der öffentlichen Aufgabe unterliegt (vgl. Bucher, 2003, S. 12ff.).

So gibt es für journalistische Qualität zwar mehrere Ansätze von Qualitätsmaßstäben – es konkurrieren systemtheoretische, konstruktivistische, funktionale, handlungstheoretische und akteurorientierte – einen Standard gibt es aber nicht. Meist spielt sich die Diskussion auf drei Ebenen ab: normativ-demokratietheoretische Ansätze wurden von Mc Quail (1992) begründet. Er entwickelte einen Kriterienkatalog für verschiedene Medientypen, die auf zentralen gesellschaftlichen Werten der westlichen Welt gründen: Freiheit, Gleichheit, sowie Ordnung. So beeinflusste er zahlreiche Autoren, unter anderem Schatz und Schulz (1992). Als Vertreter des journalistisch-analytischen Verfahrens gelten Schröter (1995) und Weischenberg (2003). Die Forscher orientierten sich vornehmlich an den vom Journalismus selbst kommenden Aufgaben oder gesellschaftlichen Funktionen, die sich z.B. aus dem Wesen des Journalismus, historischen Entwicklungen, selbst entwickelten Verständnissen und professionellen Regeln oder allgemeinen Prinzipien menschlicher Kommunikation ziehen lassen (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 107f.).

Ein dritter Ansatz in der Forschung nach Qualität im Journalismus ist die Betrachtung aus der publikumsbezogenen Perspektive. Heinrich (1994) publizierte als erster in diese Richtung, indem er das Mediensystem in die Systeme Wirtschaft und Publizistik zugleich einbettete. Aus Sicht der Ökonomie wird dabei die Qualität allein durch die individuellen Präferenzen der Konsumenten bestimmt. Er argumentiert, dass der wettbewerbsbedingte Druck unter den Medienunternehmen, möglichst kostengünstig zu produzieren, insgesamt zu einer verschlechterten Qualität führt. Eine neuere, daran anknüpfende Studie ist die von Arnold (2009). Er stellt ein umfassendes, integratives Qualitätskonzept vor, befasst sich in seiner Studie vor allem aber mit dem publikumsorientierten Ansatz, indem er die Erwartungen des Publikums, auch schicht- und geschlechterspezifisch, via qualitativer und standardisierter Repräsentativbefragung misst.

Im Laufe der Qualitätsforschung wird deutlich, dass sich in der Praxis nicht auf einen Ansatz konzentrieren lässt, ohne die anderen außer Acht zu lassen. Zum einen liegt das an den unterschiedlichen Medien und Ressorts, andererseits aber auch an der Dynamik der Zeit, mitsamt Online-Journalismus und Web 2.0. Ruß-Mohl (1992) stellt in seinem „Magischen Vieleck der Qualitätssicherung im Journalismus“ bereits dar, dass bei der Definition der Qualität, aber auch der Sicherung dergleichen, so viele Parameter berücksichtigt werden, dass nie alle gleichzeitig erreicht werden können. „Einzelne Ziele überlappen sich, andere konkurrieren gegeneinander“ (Ruß-Mohl, 1994, S. 97).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung, Quelle: Ruß-Mohl, 1994, S.96

Wie Abbildung 1 zu entnehmen ist, soll der Journalist nach Ruß-Mohl im jeweiligen Einzelfall entscheiden, wo seine Priorität liegt. Eine Gewichtung aus wissenschaftlicher Sicht ist aber deshalb sinnvoll, um für diese Entscheidungen praxisnahe Präferenzen zu schulen.

Für die Diskussion von immenser Wichtigkeit war somit im Speziellen die Untersuchung Schmalenbachs (2011), die ein umfangreiches und modifiziertes Qualitätskonzept mit Hilfe von 26 Leitfadengesprächen mit führenden deutschen Sportjournalisten vorlegte, in der alle drei Zugangswege zur Diskussion um journalistische Qualität Berücksichtigung finden.

2.2.2 Versuch einer Definition

Alle scheinen ihn zu kennen, doch durchforstet man die Literatur, stellt sich heraus, dass es keine einheitliche Definition des Qualitätsjournalismus gibt. Verständlich, denn was macht Qualität im Journalismus aus? Hat ein Boulevardbeitrag weniger Qualität als der einer sogenannten ‚Qualitätszeitung‘? Pastors (1994, S. 185) spricht daher vorsichtshalber statt vom Qualitäts- von einem „seriösen Journalismus“. Zwar tasten sich zahlreiche Kommunikationswissenschaftler wie Weischenberg (2001; 2003), Arnold (2006; 2009), Bucher (2003), Schmalenbach (2011) oder Ruß-Mohl (1992; 1994; 2005) an das Thema heran, doch es lässt sich – wie Letzterer schon eingangs des Kapitels feststellte, nicht definitiv verkünden, was journalistische Qualität ist. Nach Ruß-Mohl (2010, S. 265) ist sie „abhängig vom Medium, vom Genre, vom Publikationsrhythmus, von den Zielgruppen […] vom Selbstverständnis und von den Ansprüchen“, welche Redaktionen und Mitarbeiter an sich selbst stellen. Dennoch sehe er im Großen und Ganzen sieben Kriterien, nach welchen man journalistische Qualität bewerten könne und veranschaulicht das anhand seines in Abbildung 1 gezeigten magischen Vielecks. Es könne helfen eigene Ziele und Prioritäten zu bestimmen, zeige aber auch, dass kein Kriterium in jedem Medium gleichzeitig zur Anwendung gelangen könne. So sei es für Onlineredakteure weitaus wichtiger aktuell zu sein, Zeitschriftenredakteure hingegen müssten die Originalität stärker gewichten (vgl. Ruß-Mohl, 2010, S. 265f.).

Bezogen auf den Zeitungsjournalismus sieht Ruß-Mohl das Feld der Qualitätssicherung für unabdingbar: zu einer Qualitätszeitung gehöre demnach, sich Fehler, die unter Zeitdruck teilweise unvermeidlich sind, einzugestehen und sie etwa in Form von Korrekturspalten am nächsten Tag auszubessern. Um seine Qualität immer weiter zu hinterfragen, aber auch zu steigern, sei auch eine tägliche Blatt- bzw. Programmkritik morgens am Redaktionstisch unabdingbar (vgl. Ruß-Mohl, 2010, S. 267f.). Ebenso spricht er sich für die Aus- und Weiterbildung von Journalisten und die Selbstkontrolle durch den Presserat oder die Vergabe von Journalistenpreisen aus (vgl. Ruß-Mohl, 2010, S. 274).

Schmalenbach (2011) kommt zu dem Ergebnis, dass auf systemtheoretischer Ebene die Kriterien Vielfalt, zeitliche und soziale Aktualität sowie Autonomie ganz oben auf der Agenda deutscher Qualitätszeitungen stehen müssten.

Während es auf normativer Ebene Faktentreue, Transparenz, Neutralität und Glaubwürdigkeit sind, sollte auf publikumsorientierter Ebene für Verständlichkeit, ein interessantes Layout, Witz bzw. Ironie und Unterhaltung gesorgt werden (Schmalenbach, 2011, S. 452).

Darüber hinaus sehen die befragten Sportjournalisten neben der thematischen Vielfalt auch Vielfalt innerhalb eines Artikels als essentiell an und fordern, die Unterhaltung im Sportjournalismus nicht mit anderen Kriterien auf eine Stufe zu stellen. Sie sei vielmehr die Kür, die der Pflicht folge (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 427f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung, Quelle: Schmalenbach, 2011, S. 452

--Systemorientiert (starr) --Normativ orientiert (starr) --Nutzerbezogen (flexibel) àdirekter Einfluss àindirekter Einfluss

Klar ist, eine Zeitung muss heute mehr bieten als früher. Die Abdeckung der nachrichtlichen Funktion erfolgt schon durch die elektronischen Medien. An deren Aktualität wird ein Printmedium niemals herankommen und muss sich somit andere Nischen suchen, um den Leser auch weiterhin an das Blatt zu binden. Printjournalismus soll daher einordnen und Hintergründe und Bewertungen liefern. Denn bloße Analyse-Artikel sind nicht mehr gefragt, vielmehr ist es die Meinung, die einen Sportteil heute noch attraktiv macht. Kommentierten Berichten, bei denen allerdings ganz klar ist, was Meinung und was reiner Informationsgehalt ist, gehören die Zukunft (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 377f.). Neben sich klar abgrenzenden Kommentaren zeichnet ein Qualitätsmedium jedoch auch aus, bei gewissen Themen auf Meinungsmache zu verzichten (Bsp. Doping, Korruption oder Skandale). Es ist also auch Fingerspitzengefühl bei der Trennung von Nachricht und Meinung gefordert (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 380).

Arnold (2009) kommt in seiner Publikumsbefragung (n = 1168) zu den Erkenntnissen, dass Unabhängigkeit und Mut sowie übersichtlich und angenehm zu lesende Artikel Qualität im Journalismus auszeichnen. Dazu solle er mit den Menschen respektvoll umgehen und darüber hinaus eine Mischung aus vielen kurzen und einigen längeren Hintergrundberichten bieten (vgl. Arnold, 2009, S. 470).

In einer vorhergehenden Studie definiert er Qualitätsjournalismus als „mutigen Journalismus“ (Arnold, 2006, S. 422), der „schwierige Themen“ (ebd.) aufgreife und sie „entsprechend deutlich kommentiere“ (ebd.).

Zusammenfassend kann man sagen: trotz aller Dynamik und Divergenzen intramediärer- und intermediärerseits gibt es doch auch Gemeinsamkeiten, auf welche fast alle Forscher stoßen: Vielfalt, Richtigkeit und Relevanz. Besonders wichtig in journalistisch-analytischen Überlegungen ist die Aktualität. Bei den normativ-demokratietheoretischen Ansätzen ist es die Objektivität, ebenso wie die Ausgewogenheit, die klare Trennung von Meinung und Nachricht, Unabhängigkeit, sowie Kontrolle und Kritik. Einheitlich ist beim publikumsorientierten Ansatz die Verständlichkeit, Sprache und der Stil. Dabei heben marktorientierte Ansätze auch Gestaltung und Aufmachung sowie Unterhaltsamkeit heraus (vgl. Schmalenbach, 2011, S.111).

2.3 Boulevardjournalismus

2.3.1 Versuch einer Definition

„Für mich eine der größten Ironien ist, dass das Gegenteil von Boulevard in unserer Sprache seriöse Zeitungen sind. Das eine, finde ich, ist nicht das Gegenteil vom anderen.“ (Ein führender Sportjournalist in Schmalenbach, 2011, S. 259)

Boulevardmedien setzen sich grundsätzlich durch inhaltliche Unterschiede von anderen Medien ab, die sich schon aus der Geschichte erklären. Der Vertrieb auf dem Bürgersteig, dem Boulevard, erforderte im Gegensatz zum Abonnementvertrieb eine inhaltliche und formal sensationalistische Themenaufbereitung, um das Interesse der Passanten zu wecken (vgl. Burkhardt, 2005, S. 33). Daher werben sie mit kräftigen Schlagzeilen, reißerischen Fotos und anderen gestaltungstechnischen ‚Eyecatchern‘ (vgl. Pürer & Raabe, 1994, S. 173). Auch Schirmer (2001, S.11ff.) bezeichnet die visuelle Gestaltung als ein „Markenzeichen des Boulevardjournalismus“. Sie soll sofort die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen, auf einen Blick komplexe Zusammenhänge erklären und damit idealerweise zur Leser-Blatt-Bindung führen. „Die Abo-Zeitung will den Kopf des Lesers erreichen, die Boulevardzeitung den Bauch“, meinen Schneider und Raue (2001, S. 125).

Inhaltlich kennzeichnen sich Boulevardzeitungen durch einen großen Unterhaltungs- und Serviceanteil und einen geringen Anteil an Gattungen wie Bericht und Reportage. Die reine Information arrangiert sich mit den Etiketten der Unterhaltung, Dramatik und Entspannung; die Grenzen zwischen Nachricht und Meinung beginnen daher zu verschwimmen, wobei meinungsbildende Textgattungen wie bspw. die Kolumne stärker auftreten als in Qualitätszeitungen (vgl. Schneider & Raue. 2001, S. 131).

Die Themen werden in Richtung der so genannten ‚Human-Touch-Geschichten‘ gesetzt (vgl. Görner, 1995, S.40). Alltäglicher Klatsch und Tratsch sind gefragter als ausführliche bzw. hintergründige Politik-, Wirtschaft-, Sport- oder Kulturberichterstattung. Pürer und Raabe (1994, S. 173) kritisieren, dass beim Boulevard Aktualität und Brisanz oft die journalistische Korrektheit schlagen.

Zu den plakativen Überschriften, dem intensiven Einsatz von Farbe, großflächiger Bebilderung mit – im Verhältnis dazu – geringem Text kommen weitere Merkmale, wie fett gedruckte Worte und Satzteile hinzu (vgl. Brichta, 2006, S. 60). Um zu provozieren, spricht der Boulevard thematisch auch gerne Minderheiten an. Die Nachrichtenselektion orientiert sich dabei am vermuteten Publikumsinteresse, zu dem Liebe, Sexualität, Glück, Macht, Gewalt, Tod und Unglück zählen (vgl. Burkhardt, 2005, S. 34).

Durch den Sprachstil, der von kurzen Sätzen, dem Anlehnen an der Umgangssprache, sowie dem geschickten Zusammenfassen komplexer Sachverhalte geprägt ist, werden die Texte dem Leser gut verständlich und somit leicht konsumierbar gemacht. Häufig greift der Boulevard auf gewisse Schlagwörter, Superlative, Stereotypen oder simple Lösungsvorschläge zurück, wobei der falsche Eindruck beim Leser entsteht, man sei über ein Problem bereits ausreichend informiert (vgl. Pürer & Raabe, 1994, S. 173).

Rhetorisch gestellte Fragen und eine direkte Anrede sind weitere Merkmale, ebenso der Einsatz von Erzählstrategien, „um Nähe zum Publikum herzustellen und Emotionen anzusprechen“ (Brichta, 2006, S. 61).

Weitere, für Boulevardblätter typische, sprachliche Mittel sind Neologismen, Spitznamen, Aufforderungs- und Ausrufesätze sowie eine klar konturierte Wir- Perspektive. Die Moralisierung der Ereignisse entsteht dabei durch Positiv-Negativ-Kontraste, bei denen häufig der Wir-Perspektive die Rolle des Guten zukommt (vgl. Burkhardt, 2005, S. 34).

Fest steht, wie schon eingangs dieses Kapitels erwähnt: der Boulevardjournalismus ist nicht per se als der schlechtere und schon gar nicht als eine Form ohne Qualität anzusehen. So wird in Schmalenbachs Studie klar, dass der Boulevardjournalismus vor allem in Bezug auf Aktualität Qualität vorlebt. Dank der guten Vernetzung liefert der Boulevard Tag für Tag hartnäckig recherchierte, exklusive Geschichten (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 428).

Schmalenbach (2011, S. 463) gelangt schließlich zu der Erkenntnis: „Boulevard ja, aber mit Niveau und ethisch korrekt“.

2.3.2 Boulevardisierungstendenzen im Journalismus

„Ein Hauch von Boulevard weht selbst durch die ernsthaftesten deutschen Zeitungen: Die Süddeutsche wünscht sich mehr Lesespaß, die Welt setzt sich zum Ziel, mit wenigen Worten mehr zu sagen. Wohin man schaut: Kürzer die Aussagen, munterer, boulevardhafter selbst die strenge Nachrichtensprache.“ (Werner Meyer, 1993; zitiert nach Schneider & Raue, 2001, S. 129f.).

‚Human Interest‘, Identifikation, markanter Negativismus und Hypothesenjournalismus – alles nur Themen für Boulevardmedien? Das war einmal. Denn seit geraumer Zeit findet im Journalismus eine Entwicklung in diese Richtung statt. Bereits 1994 formulierte Hackforth (1994, S. 17f.), dass seiner Meinung nach Medien immer häufiger dazu tendieren, mehr und mehr zu unterhalten, anstatt sachlich-kritisch zu berichten. Er spricht daher von einer „Boulevardisierung des Sportjournalismus“ (Hackforth, 2000). Darüber hinaus gehe diese Tendenz einher „mit aggressiveren Recherchemethoden, der Personalisierung von Sachverhalten und der Entertainisierung von Ereignissen“ (ebd.). Hintergrund und Analyse gerieten in den Hintergrund, ganz im Gegensatz zur Live-Fixierung, der Erlebnisorientierung und den bunten Geschichten aus dem Privatleben der handelnden Personen, die dafür in den Vordergrund rücken (vgl. Hackforth & Schaffrath, 1998, S. 250; Hackforth, 2000).

Ein großer Teil der Medien besteht mittlerweile aus „massenattraktiven Unterhaltungsofferten“ (Ruß-Mohl, 2010, S. 31). Und immer mehr Medien drängen auf den Markt und erhöhen so den Konkurrenzdruck. Vor diesem kommerziellen Hintergrund sei dann eben auch die Sensationalisierung zu sehen, „die vordergründige Berichterstattung über Sex & Crime, aber auch das Hochpeitschen politischer Emotionen“ (Ruß-Mohl, 2010, S. 35). Aus diesen Gründen befürchten Kritiker, der Journalismus verkomme zum Showbusiness. Hackforth und Schaffrath (1998, S. 250) befürchteten schon 1998, dass das Postman-Paradigma vom „Zu-Tode-Amüsieren“ noch größere Relevanz erfahren wird. Und da auch der Informationsjournalismus rapide gewachsen ist, verbleibt eine Schnittmenge: das „Infotainment“ (Ruß-Mohl, 2010, S. 31).

Über Studien hinweg wird jedenfalls deutlich, dass sich immer mehr Sportjournalisten der Kommerzialisierung der Sportberichterstattung öffnen und Entertainment immer mehr gefragt ist (vgl. Weischenberg, 1976; Görner, 1995; Schaffrath, 2010; Helm, 2013). Zumal sich überwiegend die Jüngeren unter den Sportjournalisten für die Unterhaltungsfunktion aussprechen.

16 der 26 befragten Sportjournalisten in Schmalenbachs Analyse (2011, S. 359) wollen auch einen Trend hin zu immer mehr Hypothesen im Journalismus erkennen. Die Tendenz wird im Allgemeinen den Boulevard- und Onlinemedien unterstellt. Schmalenbachs vorhergehende Studie aus dem Jahr 2009, in der sie Münchner Merkur, Bild-Zeitung und Süddeutsche Zeitung inhaltsanalytisch miteinander vergleicht, zeigt aber, dass die als ‚Qualitätszeitung‘ bezeichnete SZ den größten Anteil an Gerüchten in ihrer Berichterstattung aufweist. In 31 Prozent der 641 untersuchten Artikel im Sportteil tauchen sie auf. Insgesamt, ergab die Analyse, genügen den Zeitungen schon Gerüchte, um daraus eine Nachricht für den Sport zu machen.

Ein Grund dafür ist der Druck auf Sportjournalisten, gewisse Themen aufgreifen zu müssen, um nicht ins Hintertreffen gegenüber anderen Medien zu geraten. Viele sprechen zudem vom Druck des jeweiligen Chefredakteurs (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 360f.). Allerdings finden sie reine Spekulationen um Transfergerüchte im Fußball schon legitim (Schmalenbach, 2011, S. 364). Ein beliebtes Szenario, das sich in diesem Zusammenhang in den vergangenen Jahren eingebürgert hat, ist auch die Inszenierung von etwas, was de facto noch gar nicht passiert ist, um das Eintreten desselben zu beschleunigen. "Self fullfilling prophecy" wird das genannt und ist durch ungezählte Trainerentlassungen gerade im Fußball belegbar, meint Hackforth (2000).

Der Druck sorgt zusätzlich dafür, unseriöse, vertrauensunwürdige Quellen, zum Teil sogar ungeprüft, zu verwenden (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 360f.). Gewiss sind das auch Gründe dafür, dass es um den Ruf der Presse selten zuvor derart schlecht bestellt gewesen ist, wie heute (vgl. Schlegel, 2007, S. 20):

„Manche Journalisten sind wie Märchenschreiber. Also da wird nichts recherchiert. Da geht es nach Zeit, und Zeilen müssen gefüllt werden, egal wie.“ (Schaffrath, 2006, S. 299)

Mittlerweile gilt selbst die Trennung zwischen Nachricht und Meinung als nicht mehr zeitgemäß. Ein Sportjournalist lässt durchblicken:

„Objektiven Journalismus gibt es eh nicht. Solange Menschen einen Text schreiben, wird dieser immer bewusst oder unbewusst eine Gewichtung haben und vielleicht jemanden besser erscheinen lassen als er ist und jemanden schlechter.“ (Schmalenbach, 2011, S. 376)

Ein weiteres Problem der Boulevardisierung, das gerade das Sportressort betrifft, ist der Distanzverlust zwischen Sportjournalisten auf der einen und Sportlern bzw. Funktionären auf der anderen Seite. Auch durch ‚Duz-Brüderschaften‘ und ‚Kumpanei‘ ist somit die Gefahr durchaus gegeben, nicht mehr neutral und objektiv zu berichten (vgl. Schmalenbach, 2011, S. 306). Das alles spricht für eine zunehmende Boulevardisierung des Sportjournalismus und dafür, dass die Grenzen zwischen Qualitäts- und Boulevardjournalismus immer weiter verschwimmen.

2.4 Skandalberichterstattung

„Wir leben in einem Zeitalter der Skandale. Niemals zuvor gab es auf so engem Raum in so kurzer Zeit so viele Skandale wie heute.“ (Kepplinger & Hartung, 1993, S. 5). Nachdem in den 50er Jahren durchschnittlich gerade ein Skandal pro Jahr bundesweite Relevanz erlangte, gehen die Forscher von bis zu dreien in der folgenden Dekade aus; In den 70ern waren es sieben bis acht. Mittlerweile wecken bis zu 25 Skandale im Jahr das Interesse der Öffentlichkeit (vgl. Kepplinger, 2009, S. 191).

2.4.1 Der Skandal

Grundsätzlich unterscheidet die Skandalliteratur zwischen einem Skandal, publizistischen Konflikten und öffentlichen Krisen. Für diese Arbeit ist jedoch lediglich der Skandal von Relevanz. Im heutigen Sprachgebrauch hat der Ausdruck Skandal zwei Bedeutungen. In Meyers enzyklopädischem Lexikon (1977, S. 789) wird Skandal als „ärgernis“ bzw. „Aufsehen erregendes Ereignis“ beschrieben. Die zweite Bedeutung des Ausdrucks Skandal bezeichnet diesen als „öffentliche Auseinandersetzung mit einer Verfehlung, einem Missstand oder einem ärgernis“. Neckel (1986, S. 593) erklärt, „der Missstand ist nur das auslösende Moment, der Skandal entsteht durch die Reaktionen der Öffentlichkeit“. Umgangssprachlich wird der Begriff häufig mit einem Missstand gleichgesetzt.

Zum Mittelpunkt eines Skandals kann alles werden: Personen, Institutionen, Erfindungen und Handlungen. Vorausgesetzt, es verletzt die Empfindungen der Bevölkerung und stiftet für kurze Zeit ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen, die sich in ihrer Empörung einig sind. Unwichtig, ob berechtigt oder nicht, wird ihnen bewusst, was alles verbindet (vgl. Kepplinger & Hartung, 1993, S.10f.). Besonders anfällig für derartige Angriffe sind Personen mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit und hohem gesellschaftlichen Status, zum Beispiel Politiker, Filmstars oder eben Sportgrößen wie Uli Hoeneß. Bei ihnen ist die Fallhöhe größer, außerdem sind sie in erhöhtem Umfang an das Normensystem gebunden und werden vermehrt an moralischen Maßstäben gemessen (vgl. Neckel, 1988, S. 43).

Dabei ist für die Wahrnehmung eines Missstands in der Bevölkerung die Art und Weise der Berichterstattung in den Medien entscheidend. Skandale entstehen, wenn Medien a) intensiv, b) anprangernd und c) konsonant berichten. Eine intensive, weitreichende Berichterstattung liegt dann vor, wenn alle oder zumindest die wichtigsten Massenmedien den Sachverhalt aufgreifen und umfangreich darüber berichten (a). Eine anprangernde Berichterstattung liegt dann vor, wenn das Thema als empörungswürdiger Missstand dargestellt wird, der der Bevölkerung verwerflich erscheint (b). Eine konsonante Berichterstattung liegt dann vor, wenn die Thematik von allen bzw. den wichtigsten Medien aufgegriffen und berichtet wird. Und zwar in der gleichen oder zumindest ähnlichen Art und Weise. Je intensiver, anprangernder und konsonanter die Medien berichten, desto eher hält die Bevölkerung die Berichterstattung für die einzig richtige und wahre (vgl. Kepplinger, Ehmig & Hartung, 2002, S. 121ff.). Ein Ereignis kann in der Bevölkerung große Empörung auslösen, während ein anderes trotz gleicher oder ähnlicher Faktenlage die Öffentlichkeit völlig kalt lässt und nicht interessiert (vgl. Siebert, 2011, S. 11f.). Der Trend geht allerdings dahin, dass der gewachsene Druck unter den Medien dafür sorgt, dass aus den meisten Missständen ein aufgeblasener Skandal wird, bei welchem jedoch oft „das Ausmaß der Verdächtigungen in keinem angemessenen Verhältnis zu den tatsächlichen Missständen“ (Kepplinger & Hartung, 1993, S. 9) steht.

Dabei sind es gerade Ereignisse mit möglichst hohem Moralgefälle, also maximalem Empörungspotential und Nachrichtenwert, die aufgeheizt werden (vgl. Imhof, 2008). So, wie bei Käßmann, Wulff und nun auch Hoeneß geschehen.

Die Journalisten spielen dabei eine Doppelrolle: Sie berichten über das Geschehen, treiben aber durch die Berichterstattung auch das Geschehen voran. Dies geschieht durch die instrumentelle Aktualisierung von Informationen, welche die eine oder die andere Sichtweise stützen (vgl. Kepplinger, 2009, S. 20).

2.4.2 Aufbau und Entwicklung eines Medienskandals

Am Anfang des allgemein erkennbaren, sichtbaren „Skandalprozesses“ tritt der Skandalisierer in Aktion. Er macht auf den bislang noch unbekannten Sachverhalt aufmerksam und stellt ihn als möglichst empörungswürdig dar. In diesem Zusammenhang bedeutet ‚empörungswürdig‘, „wenn der Fall als negativ, d.h. als Missstand erscheint und dieser als Folge des unmoralischen Verhaltens eines Akteurs angesehen wird“ (vgl. Imhof, 2000, S. 56). Burkhardt (2006, S. 178) beschreibt den Verlauf eines Medienskandals so:

„Wie bei einer dramatischen Inszenierung im Theater, die sich in der Regel in einzelne Akte gliedert, durchläuft die mediale Skandalisierung einzelne Phasen, die sich knapp mit dem von Aristoteles für die Tragödie geforderten pyramidalen Aufbauprinzip einer dreiteiligen Dramenstruktur aus Ausgangslage, Entwicklung und Auflösung skizzieren lassen.“

Der Akteur, dem unmoralisches Verhalten vorgeworfen wird, ist der sogenannte Skandalisierte, der fortan im Mittelpunkt der Skandalisierung steht. Durch die Projektion des Missstandes auf seine Person wird der Skandalisierte ebenfalls zum Missstand ernannt. Der eigentliche Sachverhalt tritt dabei in den Hintergrund, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit konzentriert sich primär auf den Angegriffenen (vgl. Seibert, 2011, S. 16).

Mit der Reaktion des Publikums steht und fällt letztlich ein Skandal. Reagiert es auf den Sachverhalt mit Empörung und dem Verlangen nach Strafe für den Angeklagten, spricht man von einem Skandal. Der Öffentlichkeit kommt dabei eine Doppelrolle zu: sie ist Ankläger und Richter in einer Person. Sie reagiert mit Empörung auf den Skandalisierten, distanziert sich von ihm und verlangt nach dessen Bestrafung (vgl. Klose, 1999, S. 120f.). Den Schlusspunkt einer erfolgreichen Skandalisierung bildet die Bestrafung des Skandalisierten. Er verliert seinen Ruf, muss von seinen ämtern zurücktreten, materielle Einbußen hinnehmen oder mit der Zerstörung seines sozialen Umfeldes leben (vgl. Imhof, 2000, S. 59).

Hat der Skandal seinen Höhepunkt überschritten, gerät er relativ schnell in Vergessenheit. Die Masse hat bekommen, was sie wollte und ist beruhigt. War es bereits mit Entstehung des Skandals zweitrangig, welche Schuld der Angegriffene tatsächlich an den Anschuldigungen hat, so ist es nun erst recht nebensächlich (vgl. Kepplinger et al., 2002, S. 81). Nachdem auch die Medien selbst in den meisten Fällen wenig Interesse an der Aufklärung haben, vermuten Kepplinger und Hartung (1993, S. 10), dass sie ihr eigenes Gesicht wahren wollen, um ihre eigene Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren.

Folgendes Kapitel soll nun klären, welche Faktoren dazu beitragen ein Ereignis zu publizieren und ein anderes nicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Der Medien-Fall Uli Hoeneß. Populismus in den Sportmedien
Untertitel
Wie Süddeutsche Zeitung und BILD mit der Steueraffäre umgehen
Hochschule
Technische Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
99
Katalognummer
V313404
ISBN (eBook)
9783946458203
ISBN (Buch)
9783946458272
Dateigröße
1664 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Kommunikation, Publizitik, Journalismus, Hoeneß, Qualitative Analyse, Quantitative Analyse, Vergleich, Print, Zeitungen, Bild, SZ, Süddeutsche Zeitung
Arbeit zitieren
Maximilian Kettenbach (Autor), 2014, Der Medien-Fall Uli Hoeneß. Populismus in den Sportmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313404

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