Die Wirkung des Cross-Dressings. Inwiefern kann es die Geschlechterdifferenz verstärken?


Hausarbeit, 2014
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Cross-Dressing
2.1. Historische Motive der Frauen in Männerkleidung
2.2. Die Entwicklung der geschlechtsspezifischen Mode seit dem 19. Jahrhundert

3. Die Geschlechterdifferenz und ihre Auflösung
3.1. Theorien der Geschlechtsidentität
3.2. Die Subversion der Geschlechterdifferenz durch Cross-Dressing

4. Analyse
4.1. Der Einfluss des Cross-Dressings auf die Zweigeschlechtlichkeit in historischen Modeentwicklungen
4.2. Die Wirkung des Cross-Dressings auf die bipolare Geschlechterordnung am Beispiel der homosexuellen Subkultur
4.2.1. Der ambivalente Einfluss vom Cross-Dressing auf die Zweigeschlechtlichkeit bei Judith Butler
4.2.2. Die Manifestierung und Verstärkung der Geschlechterdifferenz in Bezug auf Nina Schusters Thesen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn wir auf die Straße gehen und eine Person mit einem Kleid sehen, assoziieren wir so- fort eine Frau damit. Aber woher kommt das? In dem Kleid könnte doch auch ein Mann ste- cken. Inzwischen gibt es auch einige Männer, die Frauenkleidung tragen, und vor allem aus den Kreisen der Transvestiten und Transsexuellen stammen: die sogenannten Cross-Dresser. Dennoch wird heutzutage ein Kleid in unserer Kultur immer noch dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben. Eines Tages könnte es jedoch möglicherweise beiden Geschlechtern zugeord- net werden, oder vielleicht auch nur noch dem männlichen Geschlecht. Denn im Laufe der Zeit ändern sich die Bedeutungen, was als männlich und was als weiblich gilt. So war z.B. die Farbe Pink, welche man heutzutage zumeist mit kleinen Mädchen assoziiert, um die Wende zum 20. Jahrhundert herum für Jungen privilegiert, da sie Aggressivität ausstrahlen würde (Lehnert 1997: 27).

Laut Valerie Steele sind modische Entwicklungen Ausdruckspotential der Kleidung. Kleidung kann gleichgesetzt werden mit Verkleidung, mit der wir uns selbst konstruieren (Lehnert 1997: 31ff.). Wenn jegliche Kleidung von uns nun lediglich Verkleidung ist, dann ist männli- che oder weibliche Kleidung auch nur Maskerade. So nehmen es zumindest einige Theoreti- kerinnen - wie Judith Butler oder Marjorie Garber - an. Deutlich machen sie es anhand der Cross-Dresser, welche durch das Tragen der Kleidung des jeweils anderen Geschlechts die Geschlechterdifferenz verwirren. Sie gehen sogar davon aus, dass die Cross-Dresser die bipo- lare Geschlechterordnung außer Kraft setzen können. Wenn es möglich wäre, dass Cross- Dresser diese Ordnung auflösen, wäre es dann nicht auch möglich, sie zu verstärken? Daher soll der Fragestellung, inwiefern Cross-Dressing die Geschlechterdifferenz verstärken kann, im Laufe dieser Arbeit nachgegangen werden.

Dafür wird zunächst der Begriff Cross-Dressing näher beleuchtet, indem sein Ursprung und seine verschiedenen Motive im historischen Kontext dargelegt werden. Anschließend werden aktuelle Theorien der Geschlechtsidentität - in Bezug auf die Theorien von Judith Butler und Getrud Lehnert - dargestellt, um so mögliche Strategien der Auflösung von Geschlechterdif- ferenz erklären zu können. Im nächsten Schritt wird eine Analyse anhand der homosexuellen Subkultur die Wirkung des Cross-Dressings untersuchen und Möglichkeiten aufzeigen, wie diese die Geschlechterpolarität noch zu verstärken vermag. Abschließend werden die Ergeb- nisse im Fazit festgehalten.

2. Das Cross-Dressing

Der Begriff Cross-Dressing bezeichnet das Tragen der Bekleidung des jeweils anderen Ge- schlechts. Genauer gesagt, dass Frauen männliche Kleidung und Männer weibliche Kleidung tragen. Der Begriff wurde von den Transvestiten und Transsexuellen in den USA geprägt, um ihre Aktivität damit auszudrücken und nicht wie ein zugeschriebener Begriff aus einem medi- zinischen Fachbuch zu klingen. Beim Cross-Dressing geht es zusätzlich noch „um eine ent- sprechende Ausrichtung der ganzen Persönlichkeit, um öffentliches und privates Auftreten, um Rollenverhalten und gesellschaftliche Anerkennung in der selbstgewählten Rolle“ (Penkwitt/Pusse 1999: 9).

Aber Cross-Dressing wird nicht nur von Transvestiten und Transsexuellen praktiziert, sondern kann auch andere Motive besitzen. In 2.1. werden dazu Motive, warum Frauen Männerklei- dung im Laufe der Geschichte getragen haben, geschildert. Anschließend wird in 2.2. ge- schlechtsspezifische Mode des 19. Jahrhunderts und ihre Veränderung bis zur heutigen Zeit dargestellt, um aufzuzeigen, wie die Haute Couture damals schon Cross-Dressing betrieb.

2.1. Historische Motive der Frauen in Männerkleidung

Zumeist sind es Frauen in der Geschichte, die sich als Männer ausgaben, um damit einen bestimmtes Ziel zu verfolgen. Vor allem Frauen aus den unteren Schichten sahen in der männlichen Verkleidung die Chance, eine anständig bezahlte Arbeit zu finden oder der Prostitution entgehen zu können. Es fiel ihnen zudem leichter sich so zu verkleiden als den Frauen der höheren Schichten, da sie von Kindheit an gelernt hatten mit körperlicher Arbeit umzugehen und Verhaltensweisen an den Tag legten, welche von den höheren Schichten sowieso als männlich angesehen wurden. So schrieb Lucy Ann Lobdell 1855, dass sie sich als Mann verkleidete, um einen gutbezahlten Beruf ausüben zu können, denn auch wenn sie schon Männerarbeit täte, würde diese für Frauen viel schlechter bezahlt.

James Barry (1795-1865), welcher eigentlich eine Frau war, hatte durch die Verkleidung die Möglichkeit Arzt werden und die Welt bereisen zu können. So konnten Frauen, denen eigent- lich die Möglichkeit zu studieren und die Welt zu bereisen vorenthalten blieb, die Maskerade dafür nutzen. Jedoch nur solange bis die männliche Verkleidung einer Frau aufflog. Dies konnte dann fatale Konsequenzen nach sich ziehen, die bis zum Tode führen konnten. So ver- stärkte Jeanne d’Arcs männliche Kleidung ihre Schuld im Prozess nur noch mehr. Sie wurde der Gotteslästerung bezichtigt. Thérèse Figueur hingegen, welche in den napoleonischen Kriegen kämpfte, durfte - obwohl man ihr Geschlecht kannte - weiterhin in der Armee blei- ben (Lehnert 1997: 39ff.).

Bis Ende des 20. Jahrhunderts gab es Frauen, die sich als Männer verkleidet haben, um so erfolgreicher sein zu können. Als 1989 publik wurde, dass der jüngst verstorbene Jazz- Musiker Billy Tipton in Wirklichkeit eine Frau war, vermuteten die Medien, dass diese so versucht hatte, in der Männerdomäne Jazz als Frau Fuß zu fassen (Lehnert 1997: 41). In diesem Kapitel wurde nur auf Frauen, welche die Männerrolle einnahmen, eingegangen, da Männer, die Frauenkleidung trugen hingegen in der Genderliteratur kaum zu finden sind. Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass das männliche als das ‚stärkere Geschlecht‘ gilt und somit es zumeist negativ bewertet wurde, wenn ein Mann sich als Frau verkleidete. Für sie bestand somit kein Zweck in der Verkleidung. Erst als Travestie andere Bedeutungen ablegen konnte, die Transvestitenkultur aufkam und somit seiner eigenen Bedeutung genügte, begannen auch Männer, sich in der Öffentlichkeit weiblich zu kleiden (Lehnert 1997: 20).

2.2. Die Entwicklung der geschlechtsspezifischen Mode seit dem 19. Jahrhun- dert

Während des 19. Jahrhunderts zeichnete sich die männliche Mode durch schlichte Anzüge und die weibliche Mode durch prachtvolle Kleider aus. Die Frau galt als die Repräsentantin seines Eigentums. Denn er, der jemand ‚ist‘, müsse dies nicht zur Schau tragen. Indem seine Kleidung ihn unauffällig und geschlechtlos mache, er sich teilnahmslos zeige, könne er zu einem objektiven, wahrheitsgetreuen Beobachter der Welt werden. Der Mann läge, um die reine objektive Wahrheit präsentieren und somit legitimiert sei, Recht ausüben zu können, seinen Körper ab. Der Körper nähme so das Geschlecht des Weiblichen an, da die Frau ja nur das Schmuckstück des Mannes sei. Da angenommen wurde, dass der Körper die Wahrheit verfälschen würde, wurde der Frau jegliches Recht entzogen (Bellanger/Engelhardt 1999: 115).

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Mode. Kurze, taillenlose Kleider ver- drängten die Korsetts und machten Platz für eine neue, funktionale und zugleich elegante Frauenmode. Coco Chanel, die Modeschöpferin dieser Modelinie, orientierte sich an männli- cher Kleidung und funktionierte sie zu Frauenkleidern um. Ein neues weibliches Körperideal bildete sich heraus - Schlankheit, Brust- und Taillenlosigkeit, kurzgeschnittene Haare, welche als sportlich und männlich empfunden wurden. Hosen wurden zum ersten Mal von Frauen getragen. Sie symbolisierten Macht und Herrschaft, was damals eigentlich nur den Männern immanent war. Ein weiteres Kleidungselement, welches Selbstbewusstsein und Durchset- zungsvermögen darstellte, waren Schulterpolster. Elsa Schiaparelli führte diese in den 30ern auch für Frauen ein. Die Frauen der 20er und 30er Jahre nutzten Cross-Dressing so, um mehr Macht und Freiheit zu erlangen (Lehnert 1996: 28ff.; Vinken 1999: 83ff.).

Männer hingegen, die weibliche Kleidungsstücke tragen, wurden von der Haute Couture, ge- nauer genommen von Jean Paul Gaultier, erst in den 80er Jahren aufgegriffen. Gaultier sexua- lisierte Männermode wieder durch grelle Farben, auffällige Schnitte und andere weibliche Kleidungsstücke. Er spielte mit sowohl weiblichen als auch männlichen Kleidungsstücken beim Mann und ließ ihn so als ‚Mann als Frau als Mann‘ auftreten (Vinken 1999: 86). In der Geschichte kristallisiert sich so heraus, dass Cross-Dressing oft nur ein Mittel zum Zweck war. Heutzutage ist das Mittel der Zweck. Frauen tragen Männerkleidung und Männer Frauenkleidung, weil sie sich darin wohl fühlen und nicht unbedingt, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.

3. Die Geschlechterdifferenz und ihre Auflösung

Um die Auflösung der Geschlechterdifferenz darstellen zu können, ist es von Nutzen zunächst zu definieren was Geschlechtsidentität überhaupt meint. In 3.1. werden dafür aktuelle Theorien der Geschlechtsidentität von Judith Butler und Gertud Lehnert herangezogen. Daraufhin wird erläutert, wie Cross-Dressing es vermag, das Geschlecht und ihre bipolare Ordnung infrage zu stellen und diese zu verwerfen.

3.1. Theorien der Geschlechtsidentität

Der deutsche Begriff ‚Geschlecht‘ bezeichnet zum einen die psychosoziale Geschlechtsidenti- tät (engl. gender), zum anderen das biologische Geschlecht (engl. sex) (Lehnert 1996: 23; Schuster 2010: 55). Dabei verlagert sich in der Gender-Forschung seit den 90er Jahren die Relevanz vom biologischen Geschlecht zur Geschlechtsidentität. Die radikalste Theoretikerin dieses Diskurses ist Judith Butler. In ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“, stellt sie das biologische Geschlecht infrage. Für sie ist dieses eine kulturelle Zuschreibung, ein soziales Konstrukt und somit nicht natürlich. Der Körper werde dabei mit einem binären Code - Männlichkeit und Weiblichkeit - versehen, welcher auch nur eine kulturelle Lesart somit sei. Das Geschlecht werde nur durch Kleidung, Gesten und performative Akte konstituiert. Daher sei das Geschlecht nicht etwas was man ‚hat‘, sondern etwas was man ‚tut‘. Butler spricht hier auch von einer Inszenierung und Performance der Männlichkeit und Weiblichkeit. Sie schließt dabei schon an einer der Thesen von Simone de Beauvoir an: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht.“ (Liebrand 1999: 21; Butler 1991: 25).

Gertrud Lehnert vertritt, in Anlehnung an Judith Butler und Stefan Hirschhauer, die Auffas- sung, dass es in unserer Kultur nur zwei Geschlechter gäbe. Da die biologischen Geschlechtsmerkmale einer Person nicht sichtbar seien, werde das Geschlecht - ähnlich wie bei Butler - anhand von Kleidungsstücken, Gesten, Gesichtern und Mimik zugeordnet. Jedoch werde dafür, außer der Fähigkeit zum Sehen, auch ein kulturelles Vorwissen der Personen, die sehen, sowie eine Selbstinszenierung derer, die gesehen werden, benötigt. Jeder stelle somit kulturell tradierte Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit dar, welche im Alltag, in Literatur, Film und Kunst gefestigt und modifiziert werden (Lehnert 1997: 25f.).

Lehnert stützt sich dabei auf die Thesen von Jessica Benjamin, welche davon ausgeht, dass der Geschlechtsunterschied erst durch komplexe und dynamische psychische Prozesse seinen Sinn erhalte. Ein Kind sei ursprünglich bisexuell, damit es sich mit seinen Eltern identifizie- ren könne. Die Exklusivität des anatomischen Unterschiedes sei ihm noch nicht bewusst. Ben- jamin erkennt dabei den Körper an, dieser besitze jedoch ohne Kultur keine Bedeutung, da das Wesen des Geschlechtsunterschieds empirisch nicht nachweisbar sei. Die Geschlechts- identität könne zwar nicht oft, aber in einem langwierigen Prozess geändert werden (Lehnert 1997: 23f.).

3.2. Die Subversion der Geschlechterdifferenz durch Cross-Dressing

Seitdem in der Genderforschung die Zweigeschlechtlichkeit als ein soziales Konstrukt aufge- fasst wird, werden auch die Grenzen, deren Überschreitung und die Prozesse der Grenzzie- hung in den Fokus genommen. Die Auffassung als soziales Konstrukt wurde anhand von Cross-Dressern und Transsexuellen deutlich gemacht. Sie verwirren die bipolare Geschlech- terordnung und machen diese instabil, indem sie an der Grenze dieser stehen. Dabei wurde zuerst angenommen, dass sie diese Grenzen überschreiten und somit die bipolare Ordnung außer Kraft setzen könnten. Dem Cross-Dresser wurde so ein sehr großer Einfluss zugespro- chen. Das Scheitern des Cross-Dressers, also dass er die Zweigeschlechtlichkeit nicht auflö- sen konnte, führte zu der Annahme, dass der Cross-Dresser auch nur ein Teil der Ordnung sei und er diese reproduziere. Diese Entweder-Oder-Logik (Ordnung auflösen - Ordnung beibe- halten) ist jedoch nur eine eingeschränkte Sichtweise. Nach Bernhard Waldenfels solle man Ordnung im Plural begreifen - ergo als viele Ordnungen, die sich überschneiden und ineinan- der verschränken können. „Es ginge dann weniger um das Geschlechterverhältnis und die Geschlechterdifferenz, sondern um die vielen jeweiligen Ordnungen, Ausgestaltungsformen und verschiedenen Grenzziehungen“ (Bellanger/Engelhardt 1999: 111).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Wirkung des Cross-Dressings. Inwiefern kann es die Geschlechterdifferenz verstärken?
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Mode, Märkte, Grenzen und Identitäten
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V313416
ISBN (eBook)
9783668121546
ISBN (Buch)
9783668121553
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cross-Dressing;, Gender;, Geschlechter, Lehnert;, Mode;, Kleidung;
Arbeit zitieren
Lea Hanke (Autor), 2014, Die Wirkung des Cross-Dressings. Inwiefern kann es die Geschlechterdifferenz verstärken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313416

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