Psychogeographie. Eine Intervention für den Handlungsraum Schule


Bachelorarbeit, 2014
51 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Motivation und Einbettung in meinen Studienverlauf
1.2 Struktur der Arbeit

2. Hauptteil
2.1 Situativer Urbanismus und die Psychogeographie
2.1.1 Die Situationistische Internationale
2.1.2 Die Psychogeographie
2.1.3 The Naked City
2.1.4 The New Babylon
2.2 Kunst im öffentlichen Raum und in der Stadtlandschaft
2.2.1 Definition
2.2.2 „Raum, Zeit und Architektur“
2.2.3 Gelebter Raum Stadtlandschaft früher und heute
2.2.4 Soziale Plastik
2.3 Urban Interventions
2.3.1 Definition
2.3.2 Überblick über die Kategorien
2.3.3 „Wenn aus Models Monster werden“
2.4 Cultural Hacking
2.4.1 Definition
2.4.2 Irritation im öffentlichen Raum
2.4.3 Kunst des Handelns
2.5 Promenadologie: Stadtspaziergänge
2.5.1 Die Idee
2.5.2 „Büro für Städtereisen“
2.5.3 Beispiele aus dem Unterricht

3. Schlussteil
3.1 Fazit
3.1.1. Ist Psychogeographie Teil der Kunst?
3.1.2 Sollte die Psychogeographie Einzug in den Unterricht erhalten?
3.1.3 Unterrichtsentwurf
3.2 Reflexion
3.2.1 Aufbau und Auswahl der Unterthemen
3.2.2 Schlusswort

4. Literaturliste

5. Anhang

1. Einleitung

1.1 Motivation und Einbettung in meinen Studienverlauf

„Längst hat man sich daran gewöhnt, die Kunstgeschichte als Abfolge von Epochen zu begreifen. Sie bilden das Zeitmaß, das neben der Zählungen in den Jahren und Jahrhunderten den Takt bestimmt. […] Aber gleichzeitig hat es immer etwas neben der offiziellen Kunstgeschichte gegeben: eine eher widerspenstige Kunst, die nicht in den Räumen von Kirche, Sammlung oder Ausstellungsraum stattfindet, sondern auf der Straße. Diese Kunst geht nicht selten von Menschen aus, die gar nicht in erster Linie Kunst machen wollen.“

[STAHL; JOHANNES: STREET ART, KÖNIGSWINTER 2009]

Auf den ersten Blick zugegebenermaßen eine recht wage Art eine Thesis einzuleiten, die Kunst und Unterricht untersucht und betrachtet, aber genau darum geht es in dieser literaturbasierten Bachelorarbeit. Ich beschäftige mich intensiv mit dem Themengebiet der Urban Interventions und besonders der darin enthaltenen Psychogeographie und versuche darzustellen, wie weit der Begriff der Kunst erweitert werden kann (räumlich und handlungsbasiert) und welche Möglichkeiten dadurch dem Medium Schule und Kunstunterricht gegeben werden kann.

Zum ersten Mal begegnet bin ich diesem Gebiet in dem Seminar namens „Protestkulturen“ im zweiten Semester, in dem ich in einer Gruppenarbeit die Situationisten vorgestellt habe. Bereits dort habe ich großes Interesse an dieser Protestkultur verspürt und wollte unbedingt mehr darüber erfahren. Leider habe ich diesen Gedanken recht schnell wieder verloren und hatte auch nicht die Möglichkeit, durch die angebotenen Kurse diesem Interesse nachzugehen. Im fünften Semester hingegen belegte ich den Kurs „Urban Interventions“, in dem der Bereich der Situationisten und der Psychogeographie wieder auftauchte und auf dessen Grundlage Taktiken wie das bewusste Spazierengehen entwickelt wurden. In dem Moment kam mir mein Vorhaben wieder in den Sinn, mich dringlicher mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Nach einer kurzen Vorstellung von Unterrichtsbeispielen, die sich auf die Stadtspaziergänge spezialisierten und Taktiken wie das Déríve erwähnten, wurde klar, dass ich mein Thema der Bachelorarbeit gefunden hatte.

Das Konzept dieser wissenschaftlichen Arbeit bietet die Möglichkeit, sich intensiv mit einem frei gewählten Themengebiet auseinanderzusetzen und in meinem Falle die Psychogeographie so zu beleuchten, dass ich den Freiraum habe, es in den Kontext der Unterrichtgestaltung beziehungsweise des pädagogischen Raumes zu stellen.

Ich habe mich folglich dafür entschieden, weil ich im Laufe der Semester gemerkt habe, dass mich kein Themenbereich mehr interessiert hat und ich in keinem anderen Bereich einen solchen direkten Bezug zu dem Stadtraum sehe. Genau dieser Aspekt hat mich so gefesselt und in mir die Frage aufgeworfen, warum der Kunstunterricht primär im Klassenraum und nicht draußen im Handlungsraum des Alltags stattfindet. Dieser Frage möchte ich nachgehen und am Ende entscheiden, ob das Handeln und Arbeiten im öffentlichen Raum für den Unterricht geeignet ist oder nicht. Ich versuche herauszufinden, ob Kinder und Jugendliche nicht mehr Interesse und Spaß am Fach Kunst entwickeln, wenn sie merken, dass auch sie etwas bewegen können, wenn ihnen deutlich gemacht wird, dass der Raum Stadt auch von ihnen erfahren und gestaltet werden kann, und das auf vollkommen andere Art und Weise, als sie es zuvor jemals wahrgenommen haben. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, zu sehen, dass man im Kunstunterricht mehr bewirken und gestalten kann, als sie annehmen. Denn schon der eigene Körper, eine Idee und der Schritt aus der Tür reichen aus, um eine Aussage treffen zu können und Aufmerksamkeit im Stadtraum zu erfahren und ein Zeichen zu setzen.

1.2 Struktur der Arbeit

Grundsätzlich ist mein Anliegen darauf gesäugt, die Arbeit so aufzubauen, dass sie zum einen natürlich einen detaillierten Überblick über die Themengebiete der Urban Interventions und der Psychogeographie gibt. Zum anderen möchte ich aber auch alltagsnahe Bezüge herstellen, indem ich greifbare Beispiele aus der Kunst und dem Kunstunterricht vorstelle. Im Fazit versuche ich dann, diese beiden Hauptblöcke auf den Unterricht in der Sekundarstufe zu übertragen beziehungsweise zu beurteilen, ob die Taktiken wie die Stadtspaziergänge oder auch andere Interventionen, die sich auf die Psychogeographie berufen, dafür geeignet sind.

Ich beginne meine Thesis folglich mit der Thematik der Psychogeographie, indem ich zuerst die Situationisten vorstelle und im Anschluss spezifische Begriffe aus der Psychogeographie erläutern werde. Auch charakteristische Beispiele sollen dabei nicht zu kurz kommen. Zudem wird auch die Bezeichnung der Kunst im öffentlichen Raum erwähnt und ausgeführt, um später entscheiden zu können, ob die Psychogeographie als ein Teil davon angesehen werden kann. In diesem Abschnitt sind dabei auch grundlegende Raumtheorien platziert, um das Verständnis des zentralen Begriffs des Handlungsraums eindringlicher zu behandeln. Daran angeknüpft ist eine Definition der Urban Interventions, in die ich den vorherigen Teil einbetten werde. Die Beschreibung der Kategorien ist dabei auch ein wichtiger Teil. Auch das Cultural Hacking findet dort seinen Platz, da es unmittelbar zu den Urban Interventions gehört. Daran angeknüpft folgt dann die Beschreibung des bewussten Spazierengehens, das eine Form der Urban Interventions darstellt und die Verbindung zu den einzelnen Teilen knüpfen soll.

In diesem Abschnitt der Arbeit kommt dann auch der Alltags- und Praxisbezug ins Spiel. Ich versuche, anschauliche und nicht zu komplexe Beispiele zu finden, die die Theorie zuvor gut darstellen und umsetzen. Das soll dennoch nicht bedeuten, dass der Alltagsbezug in den Erwähnungen zuvor nicht auch seinen Platz findet. Im Schlussteil habe ich mir das Ziel gesetzt, mir aufgrund der im Hauptteil genannten Theorien und Informationen erlauben zu können, ein Urteil darüber zu verfassen, ob und inwieweit die Psychogeographie Eingang in den Kunstunterricht haben kann. Zuvor werde ich dann aber aufgrund der Definition von Kunst im öffentlichen Raum entscheiden, ob die Psychogeographie als ein Teil der Kunst gelten kann oder nicht.

Insgesamt liegt mein Fokus besonders darauf, die Verknüpfung zwischen den einzelnen Fragmenten und die Ausgewogenheit zwischen den Abschnitten beizubehalten.

2. Hauptteil

2.1 Situativer Urbanismus und die Psychogeographie

2.1.1 Die Situationistische Internationale

Den Hauptteil werde ich mit dem Situativen Urbanismus und der Psychogeographie beginnen. Das hat den Hintergrund, dass die Arbeit immer wieder darauf zurückgeführt werden soll und aufgrund dessen die wichtigsten Informationen dazu von Beginn an bekannt sein sollten.

Der Beginn des Situativen Urbanismus lässt sich auf das Jahr 1946 datieren. Einige Jugendliche, unter ihnen der Rumäne Isodore Isou, gründeten die Lettristische Bewegung. Schlechtes Benehmen und Rebellion sowie ihre schmutzigen Uniformen waren Ausdruck ihrer Unzufriedenheit. Aus dieser eher sporadisch organisierten Jugendfront bildeten sich zwei Lager. Eines um Isou, dessen Anhänger sich mit Kunst und Ästhetik beschäftigten. Die andere Seite hatte sich die “Anti-Kunst” und die kulturelle Sabotage zum Ziel gesetzt. 1952, nachdem der neunzehnjährige Guy Debord sich der zweiten Strömung der geteilten Gruppe anschloss, kam es durch eine Störaktion von Isou und seinen Anhängern zum endgültigen Bruch der gegensätzlichen Lager. Die um Debord gefestigte Gruppe trug nun den Namen Lettrische Internationale.1

1957 entstand dann aus dieser die bis heute unter dem Namen Situationistische Internationale (kurz: SI) bekannte Gruppe, bei welcher Debord als Mitbegründer ausgeschrieben wird. Diese politisch links orientierte Gruppe bildete die Schnittstelle zwischen Kunst und Politik, Architektur und Wirklichkeit. Dessen Mitglieder, mit der Zeit hauptsächlich Künstler und Intellektuelle, wurden in den sechziger Jahren aktiv. Ihre Ziele waren relativ überschaubar. Die Situationisten wollten die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen auflösen und durch spontane Aktionen und experimentelle Strategien Einfluss auf die Gesellschaft nehmen.2

Sie “ersuchten die größtmögliche emanzipatorische Erneuerung der Gesellschaft.”3 Vor allem die herrschende Architektur des kapitalistischen Urbanismus war ihnen zuwider gewesen. Die SI veröffentlichte zudem eine Revue, die International Situationniste. In dieser publizierten sie auf ernste und zugleich witzige bis selbstironische Weise ihre Gedanken. Das Gründungsmanifest beinhaltet viele verschiedene Aspekte von vielen Situationisten und zeigt auf, warum die Abneigung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen so gewachsen ist.

“Eine Geisteskrankheit hat unsere Welt befallen: die Banalität.” heißt es in der ersten Ausgabe.4

Insgesamt wird diese Organisation als letzte große Avantgardebewegung angesehen., die ihr Ende mit der Auflösung 1972 durch Debord fand. Ihr bevorzugter Bezugsraum war die Hauptstadt Frankreichs, in der sich bereits die Lettrische Bewegung Anfang der 50er bildete und wirkte. Sie diente als Fluchtpunkt ihrer Bemühungen, um das Leben als Kunstwerk anzusehen, um es als frei zu betrachten, zu gestalten und letztlich dahin zu überführen.5 Dieses freie Leben und die geistige Veränderung, das Alltagsleben in dieses zu überführen, wurde mit verschiedenen Strategien zu erreichen versucht. So diente das sogenannte Dérive als eine dieser. Dabei werden abwechslungsreiche Umgebungen eilig durchquert, es beschreibt also eine Bewegungsart. Bekannte Bewegungs- und Handlungsabläufe werden dabei abgelehnt. Somit soll das Ziel erreicht werden, das Areal und dessen Eindrücke wahrzunehmen und sich ihm vollkommen hinzugeben.6

Dieses Umherschweifen, nebenbei die Übersetzung des Wortes Dérive, zieht laut der Situationisten unmittelbar eine neue Zivilisation nach sich. Bisher unentdeckte Möglichkeiten einer Stadt werden so kollektiv erschlossen und können ein ganz neues Lebensgefühl in den Menschen wecken. In einer der Schriften der SI wird zudem eine Art Anleitung vorgegeben. Sie nennen günstige Wetterlagen, bevorzugte Anzahl an Personen und auch feste Punkte, von denen man ausgehen sollte. Auch das Verlaufen, sowohl innerlich als auch äußerlich, ist eine Technik des Dérive. Der Zufall spielt demnach eine nicht so große Rolle wie anfangs angenommen. Der Grund dafür liegt in dem psychogeographischen Bodenprofil einer Stadt, welches die Menschen bewusst oder unbewusst zu bestimmten Punkten leitet.7

Diese Psychogeographie werde ich im nächsten Kapitel erläutern und näher auf ihre Wirkung und Bereiche eingehen.

“Die Revolution des Alltagslebens”8 spielt sich also auf den Straßen in der Stadt ab, im öffentlichen Raum. Als eine weitere, für die SI als wirksamste Strategie betitelte Methode ist das Détournement. Dahinter verbirgt sich die Zweckentfremdung von produzierten ästhetischen Elementen. Diese Werke der Kunst sollten in die Umwelt überführt werden, in einem völlig neuen Kontext. Ursprünglich war es eine Propagandamethode, bei der die ursprüngliche Bedeutung des Objektes verloren ging.9

So verwendeten die Situationisten jegliches vorgefundenes Material, um mit ihm unerwartete Botschaften zu vermitteln. Dies geschah mit vielen Medien wie Comics, Filmen, Fotoromanen, Postern und vielem mehr.10

Die Trennung ist ein weiterer Begriff, der unter der Lettrischen Internationale eine neue Bedeutung bekam. Zum einen wurde er benutzt, um die Kritik und Abrechnung mit der in der Nachkriegszeit vorherrschenden Vorstellung von Architektur und Stadtplanung zu beschreiben, in der alle Lebensphären von Arbeit, Wohnen und Freizeit weit auseinanderfallend realisiert wurden. Mit Marx begriffen die Lettristen Trennung als gleichzeitig konstituierend für den Kapitalismus und als Ausdruck der Totalität der Gesellschaft in vielerlei Form: die Trennung von Produzenten und Produktionsmitteln, die Trennung von Produktion und Konsumption, die Herrschaft des Mangels als notwendige Voraussetzung für die Welt der Waren. Angelehnt an Henri Lefèbvres Kritik des Alltagslebens stand hier aber vor allem die Unterhaltung, das Spektakel, im Vordergrund der Kritik. Es ist „das in Bilder verkehrte gesellschaftliche Verhältnis von Personen“11. Die Langeweile wurde als vorherrschender Zustand in der modernen Warenwelt benannt, Langeweile sei immer kontrarevolutionär. Sie wird aus Freizeitkultur geschaffen und trägt zu Unzufriedenheit und Unglück bei. Dass auch der Tourismus als Symbol der Versprechungen des modernen Lebens in Ungunst fielen, ist keine Überraschung.12

2.1.2 Die Psychogeographie

Die Psychogeographie ist ein weiterer Teil des Situativen Urbanismus. Das Dérive, wie bereits beschrieben, ist das Umherschweifen in der Stadt. Dieses geschieht weniger vom Zufall geleitet als man zu Beginn aufgrund des Begriffes erwartet. Der Grund dafür lässt sich in der Psychogeographie finden. Es wird erforscht, welche Wirkung die architektonische und geographische Umwelt auf das Gefühlsverhalten der Individuen ausübt. Fragen wie “Welchen Einfluss hat die Position der Gebäude?”, “Was für eine Rolle spielen äußere Faktoren wie willkürlich angebrachte Plakate, Blumen, etc.?” oder “Wie wirkt sich die Anlegung der Infrastruktur auf unsere Wahrnehmung aus?” werden nachgegangen und ergründet. Warum gehen wir beispielsweise ausgerechnet nach rechts und nicht nach links? Eine Stadt hat ein bestimmtes psychogeographisches Bodenprofil, das uns dazu verleitet, bestimmte Richtungen und Wege einzuschlagen, ohne dass wir genau sagen können, warum.13 Praktiken, die Stadt kritisch zu erkunden und ihre bisher unentdeckten Nutzungsmöglichkeiten zu entlarven gelten als weitere im Zentrum stehende Ziele dabei. Den “seltsamen, verschwommenen Charakter” der Stadt aufzuspüren heißt es, der durch Atmosphären, permanente Abwechslung, Kurzfristigkeit und Flüchtiges gekennzeichnet ist. Die SI hat so versucht, durch die Erkennung der sogenannten Hauptdurchgangsachsen, Ausgänge und Hindernisse einer Stadt neue “Straßenkarten” zu erstellen. In diesen Aufzeichnungen sind zudem die Aufenthaltszeit und Emotionen der Psychogeographen kartiert, die zu der Erlangung der Hauptachsen führen und diese definieren.14

Diese “emotional begründeten Stadtpläne” sind Teil des Unitären Urbanismus und bilden die Grundlage für die Kritik an den urbanen Strukturen.15 Die Psychogeographie beinhaltet und beruft sich auf viele Bereiche (siehe Anhang Seite 1), die ich gerne, sofern dies möglich ist, alle vorstellen und beleuchten möchte. Auf einen weiteren essentiellen Aspekte, dem sogenannten Mapping, gehe ich in Kombination mit “The Naked City” im folgenden Abschnitt ein.

2.1.3. The Naked City

The Naked City ist ein besonderer Stadtplan von Paris, der von dem Mitbegründer der Gruppe der Situationistischen Internationale, dem bereits mehrfach genannten Guy Debord, 1957 ins Leben gerufen wurde. Der Plan besteht aus neunzehn Ausschnitten aus einem Pariser Stadtplan, die durch rote Pfeile Bezug zueinander nehmen (siehe Anhang Seite 2). Die Funktion der Pfeile, die die einzelnen Fragmente verbinden, wird mit dem Begriff Plaque tournante, übersetzt Drehscheibe, beschrieben. Die Segmente repräsentieren eine individuelle “atmosphärische Einheit”, von der aus spontane Richtungsänderungen eben durch diese Pfeile aufgezeigt werden. Diese Änderungen sind definiert durch “ein starkes Gefälle, dem Spaziergänger ohne bestimmtes Ziel folgen müssen”. The Naked City ist also ein psychogeographisch erstellter Plan, der bestimmte Emotionen an bestimmten Orten in Paris widerspiegelt.16

Visualisierbar wird dieser aber erst mit dem Mapping, einer Methode, die durch den Einsatz von GPS die Plätze und Emotionen der “Wanderung auf der Erde” wiedergeben. Daniel Belasco Rogers, 1966 in London geboren, vermittelt diese Art der Kartographie in seinen Performance-Vorträgen “Unfallen”.17

Er hat sich die Frage gestellt, wie die Formen, Muster und “Wörter” aussehen würden, wenn man sich am Lebensende seine Wege auf der Erde ansehen würde. So hat er 2003 begonnen, alle Wege mittels eines GPS-Gerätes aufzuzeichnen und seine persönliche Geschichte (basierend auf Gedanken, Erinnerungen, Atmosphären, Gerüchen, etc.) dadurch festzuhalten. Er erstellte so ein Porträt von Berlin von der körperlichen Erkundung der Stadt mit all seinen Wegen, Linien, Ausflügen und Gefühlen dabei (siehe Anhang Seite 3).18

2.1.4. The New Babylon

Ein weiteres Projekt, das in diesem Zusammenhang mit Stadtplanung und Stadtentwürfen der etwas anderen Art nicht fehlen darf, ist Constant Nieuwenhuis'

„New Babylon“. Seit 1956 hat der Niederländer fast 20 Jahre an seinem Lebensprojekt gearbeitet und auf der documenta 11 wurde es wieder neu entdeckt.19 Bei dem Entwurf handelt es sich um eine Stadtutopie, die für den Homo Ludens, übersetzt den spielerischen Menschen, geschaffen wurde. Dabei geht es primär um die Idee der Grenzüberschreitung, sowohl räumlich als vielmehr bezogen auf das menschliche Denken und Handeln. Die Konstruktion zeigt eine offene Stadt, die verschiedene Ebenen aufweist (siehe Anhang Seite 4). Diese Ebenen haben dabei jeweils in sich eine Bedeutung, sind aber dennoch alle miteinander vernetzt und frei zugänglich. Dieses Konstrukt soll laut Constant die Bewohner von „New Babylon“ einer ständigen Aktivität aussetzen, die immer neue, spontane Beziehungen zu ihrer Umgebung einfordert. Jede Interaktion, jedes Handeln im Raum hat eine Reaktion der anderen zur Folge und so findet eine ständige Veränderung im ganzen System statt, eine ständige Aktivität und Spontanität.20

Bezüglich der Namensgebung und der Anspielung auf religiöser Ebene sagte Henri Lefèbvre: „A New Babylon - a provocative name, since in the Protestant tradition Babylon is a figure of evil. New Babylon was to be the figure of good that took the name of the cursed city and transformed itself into the city of the future.“21

2.2 Kunst im öffentlichen Raum und in der Stadtlandschaft

2.2.1 Definition

Um nun den Schritt weiter in Richtung Kunst im Unterricht und der Frage nach der Psychogeographie im pädagogischen Kontext zu gehen, werde ich im folgenden Abschnitt die Kunst im öffentlichen Raum erklären und eine Definition für eine spätere Einordnung geben.

Unter der Kunst im öffentlichen Raum versteht man Kunstwerke aus unterschiedlichen Epochen und Stilrichtungen, die aus dem musealen Kontext im urbanen öffentlichen Raum (sprich in Parks, auf den Straßen oder anderen Plätzen) anzutreffen sind. Die Anfänge dieses Bereiches in der Kunst finden sich in den 30er Jahren mit der Kunst-am-Bau-Regelung wieder. In dieser wurde von einigen einflussreichen Personen, unter ihnen Joseph Goebbels beschlossen, dass die Bildende Kunst auch Einzug in staatliche Baumaßnahmen, also in der Architektur haben sollte. In der Nachkriegszeit wurde mit dem Hamburger Projekt “Plastik im Freien” 1953 ein weiterer Meilenstein gelegt, der die Kunst außerhalb des Museums auf die Straßen verlegt hat und der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Mithilfe darauffolgender Projekte und Aktionen in den 60er und 70er Jahren gelang es, die Kunst außerhalb der substitutionellen Räume darzulegen und den Kunstbegriff somit zu erweitern.22

Die Kunst im öffentlichen Raum hat die Aufgabe, Werke oder Projekte an Orten im Stadtraum der Öffentlichkeit zu präsentieren, welche die Menschen (die “Stadtnutzer”) zum Denken bezüglich städtischer oder politischer Maßnahmen anregen sollen.23

Das Werk ist demnach ortsbezogen und greift seine Umwelt unmittelbar auf. Dadurch entsteht eine intensive Wechselwirkung zwischen Betrachter und Kunstwerk. Der Bereich dieser Kunst umfasst zudem auch die Land Art, das Graffiti und die Street Art. Auch Protestkulturen wie das Guerilla Gardening und Guerilla Knitting (Teil der Street Art) fallen in diesen Bereich.24

2.2.2 “Raum, Zeit, Architektur”

Neben dieser Definition möchte ich, um sowohl die Begrifflichkeiten als auch ihre Anwendung und ihre Beziehung zueinander darzustellen, weitere für den Bereich der Psychogeographie und des öffentlichen Raumes als Handlungsort essentielle und für mich passende Literatur vorstellen. Diese findet sich auf der einen Seite in fundierten Texten von Joseph Beuys oder Henri Lefèbvre wieder, die den Begriff der Kunst nachhaltig erweitert und geprägt haben. Daneben möchte ich aber auch Texte erwähnen, die weitaus jünger sind und einen weiteren Ausblick darauf geben können, welche Rolle die Stadt als Raum konstant und in Zukunft in der Kunst spielen kann und wird.

Dabei werde ich allerdings von sowohl biographischen Hintergrundinformationen als auch von detaillierten Ausführungen zu den erwähnten Theorien absehen, da sie den Rahmen der Arbeit sprengen würden und hier auch nicht angemessen Platz finden.

Das Architekturbuch “Raum, Zeit, Architektur” von S. Giedion aus dem Jahre 1965 bietet einen guten Überblick über die Interaktion dieser drei Begriffe und dessen Geschichte. Zudem lässt sich der Inhalt gut mit den vorherigen Kapiteln verknüpfen. Nach einem detaillierten Überblick über die Geschichte der Architektur (über die Renaissance, den Barock, das Bauhaus, Künstler wie Michelangelo, da Vinci, etc.) und vielen Exkursen zu verwandten Themen wie der verschiedenen Materialien oder auch der Formen, wird daneben die Planung und Anlegung einer Stadt beschrieben. So schreibt Giedion von einem “Gefühl des Unbehagens und der Unzufriedenheit mit der städtischen Entwicklung”. Das eigentliche Zentrum der Stadt, die Regierung, wird zunehmend an das “Schwanzende” dieser gelegt, damit sie ohne dieses zu erdrosseln wachsen kann. Wolkenkratzer und andere Bauten müssen aufgrund der steigenden Bürgerzahlen in Großstädten Platz finden und den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden. Die Planung einer Stadt ist also auch von vielen äußeren und inneren Umständen abhängig und muss demnach flexibel sein.25

Wie auch bei den Situationisten wird in diesem Buch Paris und dessen Struktur behandelt. So stellt uns Giedion dar, wie Napoleon III. in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Pläne von Paris erstellte. Vor allem fiel sofort eines in den Blick: Die Straße ist das Hauptelement der Stadt und beherrscht alle anderen Elemente. Napoleon III. trug alle Veränderungen, die er vornehmen wollte, in eine Karte ein, die in seinem Arbeitszimmer hing. Dabei benutzte er verschiedene Farben, um die Dringlichkeit zu kennzeichnen. Ein Netz aus dicken Linien, das diesen Plan bestimmt, repräsentiert das Verkehrsnetz und verdeutlicht, welchen Stellenwert die Straße in dieser Zeit einnahm. Diese eingezeichneten Veränderungen sollten zur Kontrolle der Stadt dienen und weitere Aufstände und Angriffe, wie es sie die letzten 25 Jahre gab, verhindern beziehungsweise einschränken. Letztendlich wurden die erbauten Straßen und Boulevards aber nie für die Verteidigung in Gebrauch genommen, da die Feinde andere Wege bevorzugten.

Das zeigt einmal mehr, dass die Geschichte und der Verlauf weder planbar noch voraussehbar sind und auch geplante Strukturen nicht immer vorbeugend wirken.26 In den darauffolgenden Kapiteln geht der Autor dann auf die Planung einer Stadt in Bezug auf die Aspekte ein, die ein Stadtplaner beachten muss. Es wird gesagt, dass die Stadtplanung mehr und mehr zu einem menschlichen Problem wird, bei dem man zunehmend auf das Lebensgefühl eingehen muss, um die Planung überhaupt ausführen zu können. Auch die künstlerischen Elemente und Hilfsmittel sind wichtiger denn je und werden sogar mit den technischen auf eine Ebene gesetzt. Cornelis van Eesteren, niederländischer Architekt und Städteplaner, bezeichnet den Beruf des Städtebauers als ein Studium der vielen verschiedenen Kategorien der Menschen. Ob sie jung oder alt sind, verheiratet sind oder nicht, wie viele Kinder sie haben, alle Lebensformen werden in den Blick genommen. Alles muss dabei berücksichtigt werden, mehr noch als die Erforschung von der Entstehung der Stadt und dessen Entwicklung. Auch die Beschaffenheit des Geländes und die Beziehung zu der Umgebung und dem Land an sich muss beachtet werden, steht aber ebenfalls hinter dem Aspekt der Beziehung zur Dichte der Bevölkerung und dessen Bedürfnisse. “Wo werden die Menschen arbeiten?”, “Wie weit darf der Arbeitsplatz von der Wohnung entfernt sein?” und “Wie werden am sinnvollsten die Verkehrsstraßen angelegt?” sind nur einige der Fragen, die sich der Städtebauer stellen muss. Es ist ein Zusammenspiel von Wohnen, Arbeiten und Erholen, es darf also nicht starr sein. Alles muss flexibel gestaltet sein, um sich an den Wandel der Zeit und das raum-zeitliche Gefühl anzupassen und Veränderungen zulassen zu können. Denn beispielsweise gab es das Element der verkehrsreichen Straßen im Barock noch nicht und so wird es auch in Zukunft viele Veränderungen geben, denen sich die Struktur der Stadt beugen muss. Es entsteht eine Wechselbeziehung zwischen Wunsch und Realität, der man gerecht werden muss. “Die endgültige Form entsteht jedoch aus den Umständen und dem Zusammenspiel dieser. So hat sich der Städtebegriff immer mehr zu einer Interaktion zwischen dem ständigen Wechsel und der Konstanz gebildet, welches ein Sinnbild für die heutigen Bedürfnisse der Menschen ist.27

[...]


1 o.A: Die Situationistische Internationale, o.O. o.J., in: http://www.trend.infopartisan.net/trd0499/t080499.html, (02.07.2014)

2 o.A: Situationistische Internationale, o.O. o.J., in: http://www.anewbabylon.com/prologue/situationistische-internationale/, (02.07.2014)

3 Ebd.

4 o.A: Internationale situationniste #1, o.O. o.J., in: http://www.cddc.vt.edu/sionline/si/is1.html, (03.07.2014)

5 Kuhnert, Nikolaus: archplus 183: Situativer Urbanismus. Zu einer beiläufigen Form des Sozialen, Stuttgart 2007

6 Ebd.

7 o.A: Dérive, Psychogeographie und Détournemente: Situationistische Strategien, o.O. o.J., in: http://www.anewbabylon.com/prologue/situationistische-internationale/, (03.07.2014)

8 o.A: Dérive, Psychogeographie und Détournemente: Situationistische Strategien, o.O. o.J., in: http://www.anewbabylon.com/prologue/situationistische-internationale/, (03.07.2014)

9 o.A: Definitionen, o.O. o.J.., in: http://www.si-revue.de/definitionen, (04.07.2014)

10 o.A: Die Situationistische Internationale, o.O. o.J., in: http://www.trend.infopartisan.net/trd0499/t080499.html, (04.07.2014)

11 o.A: Die Situationistische Internationale, o.O. o.J., in: http://www.trend.infopartisan.net/trd0499/t080499.html, (04.07.2014)

12 Ebd.

13 Kuhnert, Nikolaus: archplus 183: Situativer Urbanismus. Zu einer beiläufigen Form des Sozialen, Stuttgart 2007

14 o.A: Was ist Psychogeographie?, o.O. .o.J., in: http://www.acme-journal.org/german.html, (06.07.2014)

15 Rudy, Sebastian: Die Situationistische Internationale, o.O. 2008, in: http://www.stadtbaukunst.org, (06.07.2014)

16 Kuhnert, Nikolaus: archplus 183: Situativer Urbanismus. Zu einer beiläufigen Form des Sozialen, Stuttgart 2007

17 Rogers, Daniel Belasco: Künstlerinnen/Künstler, London 2006, in: http://www.adk.de/jungeakademie/2006/sites/kuenstler/daniel-belasco-rogers.htm, (07.07.2014)

18 Kuhnert, Nikolaus: archplus 183: Situativer Urbanismus. Zu einer beiläufigen Form des Sozialen, Stuttgart 2007

19 Obrist, Hans-Ulrich: Das „New Babylon“ des Künstlers Constant, o.O. 2002, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/documenta-empfehlung-das-new-babylon-des-kuenstlers- constant-172956.html (10.07.2014)

20 Ebd.

21 Henri Lefebvre on the Situationist International Interview conducted and translated 1983 by Kristin Ross. Printed in October 79, Winter 1997

22 Forster, Edgar: Architektur:Kunst:Bildung: “Kunst am Bau” in Transformation, o.O. 2006

23 o.A: Zum Hintergrund “Kunst im öffentlichen Raum”, o.O. o.J., in: http://www.branchenbuch- kunst-kultur.de/k7/v01/seiten/begriff.html, (11.07.2014)

24 o.A: Kunst im öffentlichen Raum, München. o.J., in: http://www.kettererkunst.de/lexikon/kunst- im-offentlichen-raum.shtml, (11.07.2014)

25 Giedion, Siegfried: Raum, Zeit, Architektur, überarb. Aufl. Ravensburg 1965 (Originalausgabe Massachusetts 1941)

26 Giedion, Siegfried.: Raum, Zeit, Architektur, überarb. Aufl. Ravensburg 1965 (Originalausgabe Massachusetts 1941)

27 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Psychogeographie. Eine Intervention für den Handlungsraum Schule
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
51
Katalognummer
V313418
ISBN (eBook)
9783668122123
ISBN (Buch)
9783668122130
Dateigröße
1491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychogeographie, Derive, Umherschweifen, Mapping, Urban Intervention, Situationistische Internationale, The Naked City, Cultural Hacking, Stadtspaziergang
Arbeit zitieren
Wiebke Fangmann (Autor), 2014, Psychogeographie. Eine Intervention für den Handlungsraum Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313418

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