Sind die Forderungen nach geschlossener Unterbringung krimineller beziehungsweise delinquenter Jugendlicher gerechtfertigt? Diese Frage wird aus sozialpädagogischer Perspektive diskutiert. Dazu wird die Entstehung der Forderungen und sowohl deren Argumentation als auch die Argumentation der Gegenseite betrachtet. Unterfragen sind somit: Weshalb entstehen diese politischen Forderungen und wie geht die Sozialpädagogik damit um?
„Massive Zunahme der Kinderkriminalität“, so lautet der fettgedruckte Titel eines Artikels der Presse (vgl. diepresse.com, 10.10.2008). Diese Haltung findet auch im medialen Diskurs und in fordernden Stimmen von Politikern seinen Ausdruck: „Lange Jugendstrafen sind selten. Experten fordern Gesetzesänderung, um härtere Strafen verhängen zu können“ (Häuptli, NZZ vom 12. Juli 2009). Diese Schlagzeile der NZZ ist keine Ausnahme. Sie widerspiegelt die weitverbreitete Forderung härterer Bestrafung von kriminellen Kindern und Jugendlichen. Politik und Medien rufen immer wieder auf zur Abkehr von der „Kuschelpädagogik“ (vgl. bspw. Chassot, NZZ 14.11.2010).
Es zeigt sich, dass die vorherrschende Diskussion über eine geschlossene Unterbringung für delinquente bzw. mehrfach auffällige Kinder und Jugendliche stark ideologisiert wird. Das Phänomen Kinderkriminalität wird von verschiedenen Seiten funktionalisiert. Kinderkriminalität und bedrohlich steigende Statistiken werden sowohl von Politikern und politischen Parteien als auch von den Medien immer wieder hervorgeholt, wenn es darum geht neue Wählerschaft auf sich aufmerksam zu machen oder die Leserschaft in Bann zu ziehen, während pädagogische Fachleute dies einhellig ablehnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kinder- und Jugendkriminalität
1.1 Definition und Statistik
2.2. Repressive politische Forderungen und Darstellung in den Medien
2.3. Positionierung der Sozialpädagogik
3. Diskussion geschlossener Unterbringung
3.1. Ursache abweichenden Verhaltens
3.1. Kritische Betrachtung aus pädagogischer Perspektive
4. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die politischen Forderungen nach einer geschlossenen Unterbringung für delinquente Kinder und Jugendliche. Dabei steht die sozialpädagogische Perspektive im Zentrum, um zu erörtern, ob diese Forderungen wissenschaftlich und pädagogisch gerechtfertigt sind, wobei insbesondere der Einfluss von gesellschaftlichen Debatten und Medien auf die Konstruktion des "kriminellen Kindes" analysiert wird.
- Analyse der medialen und politischen Konstruktion von Kinderkriminalität
- Diskussion der Wirksamkeit und pädagogischen Rechtfertigung geschlossener Unterbringung
- Auseinandersetzung mit dem sozialpädagogischen Selbstverständnis zwischen Hilfe und Kontrolle
- Untersuchung von Ursachen für Gewaltkarrieren aus entwicklungspsychologischer und soziologischer Sicht
- Reflektion der Rolle von Etikettierungsprozessen bei der Entstehung von Devianz
Auszug aus dem Buch
3.1. Ursache abweichenden Verhaltens
Die Sozialpädagogik sieht abweichendes Verhalten oder Kriminalität immer im Kontext (vgl. Kapitel 2.3.). Die Lebenswelt des Kindes beziehungsweise Jugendlichen spielt daher eine ebenso grosse Rolle, wie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Zu diesen zählen sowohl volkswirtschaftliche, als auch kulturelle und politische Aspekte. Der Täter wird als Teil eines Ganzen und nicht ausschliesslich über das begangene Vergehen betrachtet und beurteilt. Als dementsprechend relevant werden die Ursachen, die zu abweichendem Verhalten führen, gesehen. Da es unmöglich ist, alle verschiedenen Theorien umfassend dazu darzustellen, werden einige ausgewählte beispielhaft skizziert. Beispielhaft wird die Theorie von Suterlüty (2003) zur Entstehung jugendlicher Gewaltkarrieren vorgestellt, welche durch weitere Befunde ergänzt wird. Im Anschluss werden Ergebnisse zu Zwillingsstudien, die antisoziales Verhalten untersucht haben vorgestellt sowie der Ansatz von Thiersch zur Entstehung abweichenden Verhaltens, als Beispiel für die soziostrukturelle Argumentationsweise.
Es bestehen zahlreiche unterschiedliche Erklärungsansätze wie Kinder und Jugendliche zu Gewalttätern werden. Der sozialstrukturelle, auch „soziostrukturell“ genannt, gehört neben dem kulturtheoretischen zu den Bekanntesten. Beim sozialstrukturellen Ansatz wird davon ausgegangen, dass die Gewalt eine Folge der Modernisierung und der damit verbundenen höheren beruflichen und sozialen Anforderungen ist. Kulturtheoretiker hingegen sehen die Ursache von Jugendgewalt eher in allgemein verbreiteten Einstellungen und normativen Orientierungen. Kritisiert werden diese Ansätze beispielsweise von Suterlüty, der argumentiert, dass das Gewaltgeschehen an sich vernachlässigt wird. Er sucht die Ursachen für die Entstehung von Gewalt im Gewalterleben selbst (vgl. Suterlüty 2003, S. 11f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die mediale und politische Debatte um Kinderkriminalität ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der sozialpädagogischen Rechtfertigung geschlossener Unterbringung.
2. Kinder- und Jugendkriminalität: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Kinderkriminalität, analysiert die statistische Datenlage und beleuchtet die repressive politische Rhetorik sowie die Rolle der Medien bei der Inszenierung von Jugendgewalt.
1.1 Definition und Statistik: Hier werden Definitionen von Kinderkriminalität und Delinquenz diskutiert sowie die Aussagekraft der polizeilichen Kriminalstatistik kritisch hinterfragt.
2.2. Repressive politische Forderungen und Darstellung in den Medien: Dieses Kapitel zeigt auf, wie politische Akteure und Medien das Thema zur Durchsetzung sicherheitspolitischer Interessen instrumentalisieren und dabei oft auf (empirisch nicht haltbare) Mythen zurückgreifen.
2.3. Positionierung der Sozialpädagogik: Es erfolgt eine Herleitung des sozialpädagogischen Selbstverständnisses, das sich in einem Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle bewegt und auf Integration statt auf Strafe abzielt.
3. Diskussion geschlossener Unterbringung: Dieses Kapitel widmet sich der inhaltlichen Diskussion der geschlossenen Unterbringung unter Einbezug pädagogischer und kriminologischer Theorieansätze.
3.1. Ursache abweichenden Verhaltens: Hier werden verschiedene Erklärungsmodelle (sozialstrukturell, kulturtheoretisch, Suterlüty) für das Zustandekommen von Gewaltkarrieren und antisozialem Verhalten bei Jugendlichen dargestellt.
3.1. Kritische Betrachtung aus pädagogischer Perspektive: Das Kapitel reflektiert die negativen Auswirkungen geschlossener Heime und argumentiert, dass delinquente Jugendliche vor allem Unterstützung statt Wegsperrung benötigen.
4. Schlussfolgerung: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass die Debatte um geschlossene Unterbringung ideologisch aufgeladen ist und eine differenzierte, fachlich fundierte Betrachtung jenseits populistischer Forderungen notwendig ist.
Schlüsselwörter
Kinderkriminalität, Jugendkriminalität, geschlossene Unterbringung, Sozialpädagogik, Devianz, Punitivität, Jugendgewalt, Sicherheitspolitik, Etikettierungstheorie, Gewaltkarrieren, pädagogische Perspektive, Resozialisierung, Delinquenz, Medienwirkung, Hilfe und Kontrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die politischen und medialen Forderungen nach geschlossener Unterbringung von straffälligen Kindern und Jugendlichen aus der Sicht der Sozialpädagogik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Konstruktion von Kriminalitätsdebatten, die Bedeutung von Sozialisation und Lebenswelten für abweichendes Verhalten sowie das professionelle Selbstverständnis der Sozialen Arbeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Hauptfragestellung lautet, ob die politischen Forderungen nach geschlossener Unterbringung aus sozialpädagogischer Perspektive gerechtfertigt sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, indem sie einschlägige Fachliteratur, Theorien zur Entstehung abweichenden Verhaltens und empirische Befunde zueinander in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung von Jugenddelinquenz, die Rolle gesellschaftlicher und familiärer Faktoren (wie Missachtung und Ohnmachtserfahrungen) sowie die kritische Reflexion der pädagogischen Konsequenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kinderkriminalität, Punitivität, Sozialpädagogik, geschlossene Unterbringung und Etikettierung geprägt.
Was besagt die Etikettierungstheorie in diesem Kontext?
Die Etikettierungstheorie zeigt auf, dass kriminelles Verhalten oft erst durch gesellschaftliche Zuschreibungsprozesse (Stigmatisierung) verfestigt wird, was bei den betroffenen Kindern zu einer kriminellen Identitätsbildung führen kann.
Wie positioniert sich die Sozialpädagogik zur geschlossenen Unterbringung?
Die Sozialpädagogik steht der geschlossenen Unterbringung eher skeptisch gegenüber, da sie den Fokus auf die Biografie und das Lebensumfeld der Klienten legt und durch "Wegsperren" die notwendige Bindung zur Lebenswelt unterbricht.
Welche Rolle spielt die Familie bei Gewaltkarrieren laut Suterlüty?
Laut Suterlüty gründen Gewaltkarrieren meist in einer langen Vorgeschichte familiärer Ohnmachts- und Missachtungserfahrungen, die das Kind zur Entwicklung einer gewalttätigen Überlebensstrategie führen.
- Quote paper
- Sonja Gross (Author), 2014, Geschlossener Vollzug für delinquente Kinder und Jugendliche. Analyse politischer Forderungen aus pädagogischer Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313504