Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit an Informationen über die Angewohnheiten, Er-lebnisse oder Einstellungen von Menschen zu gelangen, als diese zu fragen. Man könnte sie zwar auch beobachten, aber das ist oft zu aufwendig oder gar unmöglich; etwa wenn Informationen über eine lange Zeitspanne gefragt sind oder wenn sie in der Vergangen-heit liegen. Im sozialwissenschaftlichen Bereich machen Interviews deshalb, nach einer Schätzung von Charles Briggs 1986, 90% aller Untersuchungen aus (vgl. Rosenthal 2005, S. 125).
Dabei sind zahlreiche verschiedene Interviewtypen zu unterscheiden. Nebst den quantita-tiven Befragungen, bei denen die Messergebnisse mit statistischen Methoden ausgewertet werden, gibt es die qualitativen Befragungen. Um diese soll es in dieser Arbeit gehen. Bei den qualitativen Methoden kann eine Einteilung anhand des Grades der Standardisierung gemacht werden. Dabei sind standardisierte, teilstandardisierte und nicht-standardisierte Interviews zu unterscheiden.
Die standardisierten Interviews, zu denen auch die Fragebögen zählen, sind stark struktu-riert und lassen dem Interviewer sowie dem Befragten am wenigsten Freiraum. Die Fra-gen sowie deren Reihenfolge und Antwortmöglichkeiten sind festgelegt. Beim teilstan-dardisierten Interview wird zwar ebenfalls mit vorformulierten Fragen gearbeitet, ob und in welcher Abfolge sie gefragt werden, darüber entscheidet jedoch der Interviewer. In diesem Zusammenhang sprechen wir von einem Leitfadeninterview.
Das nicht-standardisierte Interview, zu welchem auch das narrative Interview gehört, besteht zu-nächst, im Gegensatz zu den standardisierten Methoden, aus nur einer Frage: Der Er-zählaufforderung. Ziel ist es, den Befragten zu einer möglichst ausführlichen Erzählung zu bringen, welche dann auch nicht unterbrochen werden sollte. Erst wenn der Erzähler zu Ende ist, beginnt der Nachfrageteil, in dem gezielt zu weiteren Erzählungen aufgefor-dert wird (vgl. Rosenthal 2005, S. 137). Die teil- und nicht-standardisierten Interviewtechniken gehören zu den offenen Methoden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Nicht-standardisierte und teilstandardisierte Interviews im Vergleich
2.1. Das nicht-standardisierte bzw. narrative Interview
2.2. Die Leitfadeninterviews
2.3. Vor- und Nachteile der beiden Interviewtechniken
2.4. Verschiedene Varianten der Interviewtechniken
2.5. Zusammenfassung
3. Schlusswort
4. Literatur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die qualitativen Interviewtechniken im Bereich der Sozialforschung. Das primäre Ziel ist es, den Nutzen und die Anwendungsbereiche von nicht-standardisierten (narrativen) im Vergleich zu teilstandardisierten (Leitfaden-) Interviews kritisch zu analysieren, um Entscheidungskriterien für deren Einsatz zu erarbeiten.
- Grundlagen der qualitativen Interviewführung
- Differenzierung zwischen narrativen und Leitfadeninterviews
- Diskussion von methodischen Vor- und Nachteilen
- Analyse verschiedener Varianten der Interviewtechniken
- Faktoren für die Wahl der geeigneten Erhebungsmethode
Auszug aus dem Buch
2.1. Das nicht-standardisierte bzw. narrative Interview
Es gibt mehrere nicht-standardisierte Interviewtechniken, die auf Erzählungen basieren. Das wahrscheinlich bekannteste Vorgehen ist das narrative Interview, das Mitte der 70er Jahre vom Soziologen Fritz Schütze im Zusammenhang mit der Biografieforschung entwickelt wurde (vgl. Rosenthal 2005, S. 126). Dieses wird in diesem Kapitel deshalb stellvertretend für die nicht-standardisierten Interviewtechniken vorgestellt.
Es kann in 3 Phasen unterteilt werden. Die erste beginnt mit der Eingangsfrage, die gleichzeitig eine Erzählaufforderung ist und deswegen möglichst offen formuliert sein soll. Schütze geht sogar so weit, dass er unabhängig vom Thema des Interviews vorschlägt, von Anfang an nach der ganzen Lebensgeschichte zu fragen (vgl. Rosenthal 2005, S. 138). In Kurzinterviews ist es allerdings auch möglich eine eingeschränkte Erzählaufforderung zu formulieren, in der das Thema oder eine Zeitspanne schon angesprochen wird (vgl. Rosenthal 2005, S. 144). Um den Befragten nicht zu irritieren oder zu überfordern, sollte zudem über den Grund bzw. über die Vorgehensweise dieses etwas ungewöhnlichen Interviews aufgeklärt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung qualitativer Interviews und Abgrenzung der verschiedenen Standardisierungsgrade von Befragungsmethoden.
2. Nicht-standardisierte und teilstandardisierte Interviews im Vergleich: Systematischer Vergleich der Konzepte, Vor- und Nachteile sowie verschiedener Varianten der zwei gewählten Interviewformen.
2.1. Das nicht-standardisierte bzw. narrative Interview: Erläuterung der dreiphasigen Struktur narrativer Interviews nach Schütze inklusive der Bedeutung der Erzählaufforderung.
2.2. Die Leitfadeninterviews: Darstellung der Konstruktionsprinzipien von Leitfadeninterviews und der notwendigen intensiven Vorbereitung.
2.3. Vor- und Nachteile der beiden Interviewtechniken: Diskussion der methodischen Herausforderungen, wie der Gefahr der Interviewerverfälschung oder der unterschiedlichen Datenqualität und Auswertungskomplexität.
2.4. Verschiedene Varianten der Interviewtechniken: Übersicht über weitere Formen wie das fokussierte oder Experteninterview und die Möglichkeiten der nachträglichen Ergebnisreflexion.
2.5. Zusammenfassung: Synthese der Erkenntnisse mit dem Fazit, dass die Methodenwahl stark von den verfügbaren Ressourcen und dem Forschungsstand abhängt.
3. Schlusswort: Zusammenfassende Einschätzung der Eignung beider Verfahren unter Berücksichtigung der Rolle des Interviewers.
4. Literatur: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Qualitative Sozialforschung, Narratives Interview, Leitfadeninterview, Standardisierung, Interviewtechnik, Erzählaufforderung, Biografieforschung, Methodenvielfalt, Methodentriangulation, Auswertung, Forschungsdesign, Sozialwissenschaften, Datengewinnung, Interaktion, Interviewführung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die qualitativen Erhebungsmethoden in der Sozialforschung und setzt sich kritisch mit der Differenzierung von nicht-standardisierten und teilstandardisierten Interviews auseinander.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die methodischen Grundlagen der narrativen Befragung, die Strukturierung von Leitfadeninterviews sowie eine vergleichende Diskussion ihrer Vor- und Nachteile.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, Forschenden Entscheidungshilfen an die Hand zu geben, wann und unter welchen Voraussetzungen der Einsatz einer bestimmten Interviewtechnik methodisch sinnvoll ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden beleuchtet?
Fokussiert werden das narrative Interview als Vertreter der nicht-standardisierten Verfahren und verschiedene Formen des teilstandardisierten Leitfadeninterviews.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Phasen des narrativen Interviews, die Anforderungen an Leitfäden, die Risiken der Verfälschung durch den Interviewer sowie spezifische Varianten der Interviewgestaltung.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen qualitative Sozialforschung, Interviewtechnik, narrative Interviews, Leitfaden, Standardisierung und Datenauswertung.
Warum spielt die Person des Interviewers eine solch zentrale Rolle?
Die Arbeit betont, dass neben der methodischen Eignung vor allem das Feingefühl, der Charakter und die Erfahrung der interviewenden Person entscheidend für den Erfolg des Gesprächs sind.
Was unterscheidet das narrative Interview vom Leitfadeninterview bezüglich der Vorbereitung?
Während beim Leitfadeninterview eine sehr detaillierte inhaltliche Vorbereitung und Strukturierung im Vorfeld notwendig ist, setzt das narrative Interview stärker auf das Prinzip der Offenheit und den natürlichen Erzählfluss.
Welche Rolle spielen die sogenannten "Zugzwänge" im narrativen Interview?
Diese Zugzwänge führen dazu, dass der Erzähler seine Geschichte detaillierter und zusammenhängender darstellt, was die Datenqualität erhöhen kann, aber den Auswertungsaufwand vergrößert.
Was ist das Problem der "Leitfadenbürokratie"?
Dies beschreibt die Gefahr, dass der Interviewer zu starr an seinem vorformulierten Fragenkatalog festhält und dadurch die Offenheit des Interviews einschränkt sowie flexibel auf den Befragten reagieren kann.
- Quote paper
- Master of Arts UZH Sonja Gross (Author), 2012, Qualitative Einzelinterviews. Was sind die Vor- und Nachteile von nicht-standardisierten und teilstandardisierte Techniken?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313527