Ausflug in die Gedankenwelt der Kinder. Klinisches Interview nach Piaget zur Invarianz der Substanz


Wissenschaftliche Studie, 2010
27 Seiten, Note: 5.5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methode

3. Ergebnisdarstellung
3.1. Lina
3.2. Lara

4. Interpretation und Diskussion
4.1. Lina
4.2. Lara

5. Kritische Reflexion
5.1 Praktische Umsetzung
5.2 Interpretation und Theoriebezug

Anhang

Literaturverzeichnis

Schriftliches Konzept

1. Einleitung

Nachdem das Geburtstagskind die vier Kerzen auf dem Kuchen ausgeblasen hat, schneidet die Mutter ihn in acht gleich grosse Stücke. Jedes Kind auf der Party bekommt ein Stück auf einem Teller. Plötzlich fängt das Geburtstagskind zu weinen an. Weil der Kuchen etwas trocken war, ist sein Kuchenstück beim Hinstellen auseinander gefallen. „Ist doch nicht so schlimm“, meint die Mutter und erklärt, „er schmeckt doch noch genau gleich.“ „Ja, ich weiss schon, aber die anderen haben jetzt alle viel mehr als ich!“, klagt das Kind.

„Was ist Erkenntnis, und wie kommt sie zustande? Kein Forscher hat unser Bild der geistigen Entwicklung des Kindes nachhaltiger geprägt als der Genfer Erkenntnistheoretiker und Psychologe Jean Piaget“ (Reusser, 2006, S. 91).

Piaget ist 1896 in Neuchatel geboren und hat sechzig Jahre seines Lebens mit der „Erforschung des Werdens des menschlichen Geistes“ zugebracht. Er gilt als Vater des kognitiven Konstruktivismus. Somit sieht er die geistige Entwicklung als progressive Konstruktion der Wirklichkeit. Dieser Prozess lässt sich durch Assimilation und Akkommodation beschreiben. Neue, unbekannte Beobachtungen werden assimiliert, das heisst, sie werden den schon bestehenden Denkstrukturen zugeordnet. Wenn eine solche Zuordnung keinen Sinn mehr macht, bzw. das Beobachtete nicht mit dem Denkschema zusammen passt, wird nach einem neuen Schema gesucht. Diesen zweiten Vorgang nennt Piaget die Akkommodation (Reusser, 2006). Diese Überlegungen lassen sich auch in Piagets Stadien- oder Stufenmodell wiederfinden. Piaget unterscheidet vier Hauptstadien der geistigen Entwicklung in der Kindheit und im Jugendalter. Das sensumotorische Stadium, das präoperatorische Stadium, das konkret-operatorische Stadium, sowie das formal-operatorische Stadium (Arbringer, 2005).

Im Folgenden möchte ich näher auf einige Aspekte der beiden mittleren Stadien eingehen. Dabei handelt es sich um ausgewählte Aspekte, die im weiteren Verlauf des Berichts wichtig sind. Das präoperatorische Stadium, das auch präoperational oder zu Deutsch voroperatorisch genannt wird, zeichnet sich aus durch die Bildung stabiler mentaler Repräsentationen und entwickelt sich bei Kindern zwischen zwei und sieben Jahren. Im Verlaufe dieses Stadiums wird die Fähigkeit zur Repräsentationen unabhängig vom „Hier und Jetzt“ geschaffen. Die Kinder können zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht konservieren. Es fehlt ihnen der Erhaltungsbegriff, bzw. das Verständnis für Invarianz, und das physikalische Kausalverständnis. Das heisst, sie verstehen die Idee, dass bestimmte physikalische Merkmale von Gegenständen die gleichen bleiben, auch wenn sich ihre äussere Erscheinung verändert noch nicht. Die Kinder konzentrieren sich stattdessen auf einen Aspekt der Situation und vernachlässigen andere wichtige Merkmale und sind noch nicht in der Lage beobachtete Abläufe umzudrehen. Erst im dritten Stadium, dem konkret-operatorischen Stadium erwerben die Kinder das Konzept der Invarianz und das der Kausalität. Die Reversibilität des Denkens nimmt zu und ermöglicht es ihnen einfache logische Operationen, die sich auf reale Gegenstände und konkrete Handlungen beziehen, durchzuführen. Vollständig erreicht hat man diese Fähigkeiten erst im nächsten und letzten Stadium, von dem Piaget sagt, dass dieses auch nicht alle Erwachsenen erreichen (Arbringer, 2005).

Um nachzuweisen, wie sich diese höheren geistigen Operationen entwickeln, reicht Piaget die alleinige Methode der Befragung nicht mehr. Er kombiniert diese deshalb mit dem Experiment und erfindet so seine ganz eigene Methode, das klinische Interview. Mithilfe dieser neuen Methode untersucht er zahlreiche Kinder zu verschiedensten Themen der Erkenntniserlangung. Unter anderem zu dem der Invarianz (Piaget 2010).

Wie das Beispiel zu Beginn zeigt, ist es für Kinder unter Umständen noch nicht klar, dass ein Kuchenstück, das zerfallen oder verformt ist, noch immer gleich viel Kuchen enthält, wie vorher, als es noch ganz war. Piaget macht zur Erhaltung der Masse verschiedene Untersuchungen, unter anderem mit einer verformbaren Tonkugel. Mithilfe dieser stellt Piaget das sukzessive Auftreten dreier Invarianzprinzipien fest. Er unterscheidet hier vier Stadien. Im ersten Stadium gibt das Kind weder die Invarianz der Substanz noch die des Volumens und Gewichtes zu. Im zweiten Stadium erkennt das Kind die Invarianz ein nicht jedoch die des Gewichts und Volumens. In Stadium Drei und Vier folgt dann das Gewicht und zum Schluss die Invarianz des Volumens. Wir beziehen uns jedoch im Folgenden nur auf das erstes Stadium der „fehlenden Invarianz“ und das zweite Stadium der „Entdeckung der Invarianz der Substanz, im Unterschied zu der des Gewichts und des Volumens“. Das zweite Stadium teilt Piaget in zwei Unterstadien. Das erste Unterstadium ist dadurch gekennzeichnet, dass sich beim Kind Übergangsreaktionen im Bezug auf das erste Stadium und das zweite Unterstadium zeigen. Im zweiten Unterstadium behauptet das Kind die Invarianz der Substanz von vornherein, nicht aber die Invarianz des Gewichtes (Piaget & Inhelder, 1975). Gemäß Piaget (1975) sollte dieser Fokus auf die ersten beiden Stadien in Zusammenhang mit den ausgewählten Kindern zu den zu erwartenden Ergebnissen führen. Wir gehen hierbei auf Grund unseres Vorwissens davon aus, dass das Alter etwas geringer zu wählen ist.

Ziel dieses Projektes ist es die folgende Fragestellung im Rahmen eines klinischen Interviews zu beantworten: Wie zeigt sich die Invarianz der Substanz bei zwei interviewten Kindern im Alter von 5 und 7 Jahren? Die Durchführung orientiert sich an den Originalwerken von Piaget und Inhelder (1975). Auf die Methode und die Vorgehensweise wird im nächsten, dem zweiten, Kapitel genauer eingegangen. Im dritten Kapitel werden dann die Ergebnisse dargestellt, um diese dann im Folgenden Kapitel zu interpretieren und diskutieren. In einem abschließenden Kapitel wird auf alternative Deutungsmöglichkeiten eingegangen. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leistet die Theorie von Vygotsky.

2. Methode

Nehmen die zwei interviewten Kinder, im Alter von 5 und 7 Jahren, die Invarianz der Substanz wahr? Diese in der Einleitung eingeführte Fragestellung soll mittels der Methode des klinischen Interviews beantwortet werden.

Die ausgewählte Aufgabe befasst sich mit der Invarianz zweier Knetkugeln. Die in der Ausgangslage gleich großen Knetkugeln werden im Laufe des Interviews in verschiedene Figuren, wie zum Beispiel einem Zylinder, einer Schlange oder vielen kleine Kugeln, verformt. Das Kind soll hierbei vergleichen, ob die Knetkugel, die sich noch in der Ausgangslage befindet gleich viel, mehr oder weniger Knete enthält, wie zum Beispiel die zu einer Schlange verformten Kugel. Weiterhin werden die zwei Kugeln beide in eine lange dünne und eine dicke kurze Schlange verformt und verglichen. Zusätzlich liefert die Frage nach dem Gewicht der beiden Figuren Informationen über die Überzeugungen des Kindes. Entscheidend ist hierbei die Argumentation der Kinder. Wie begründen sie an ihre Überzeugung? (Piaget & Inhelder, 1975). Dies wird auch im Folgenden bei der Darstellung der klinischen Methode deutlich.

Das Ziel des klinischen Interviews ist nach Piaget (2010) die Erforschung des kindlichen Denkens. Hat das Kind eine Vorstellung der objektiven Wirklichkeit? Unterscheidet es zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiver Realität? Wie geht es mit Begriffen, wie Ursache, Gesetzmäßigkeiten und Kausalitäten um? – Und vor allem: Welche Überzeugungen hat das Kind? Entsprechend dieser Annahmen Piagets wird das in dieser wissenschaftlichen Arbeit dargestellte Interview mittels der klinischen Methode durchgeführt. Entscheidend ist, dass die klinische Methode dabei, wie in der Einleitung schon kurz angemerkt, über reine Beobachtungen hinausgeht. Sie ist experimentell, da der Versuchsleiter beim Interview Hypothesen generieren, entsprechende Fragen stellen, die Bedingungen variieren und somit seine Hypothesen überprüfen kann. Hinzu kommt die Möglichkeit die Reaktionen der Versuchspersonen, ihre Körperbewegungen, ihre Mimik und ihr Verhalten zu beobachten. Auch wenn sich durch das Fragenstellen systematische Fehler durch die Beeinflussbarkeit der Kinder ergeben, kann man nach Piaget nicht auf diese Methode verzichten. Es liegt in der Hand des Versuchsleiters den Anteil der Beeinflussung zu erkennen und zu interpretieren (Piaget 2010).

Die schwierige Rolle des Versuchsleiters beim klinischen Interview beschreibt Piaget wie folgt: „Er [der Experimentator] muss beobachten, das Kind sprechen lassen können, er darf den Redefluß nicht bremsen, nicht in eine falsche Richtung bringen, und er muß gleichzeitig ein Sensorium dafür haben, etwas Genaues herauszuholen, er muss jederzeit eine Arbeitshypothese, eine Theorie, ob richtig oder falsch, zur Hand haben, die er überprüfen kann“ (Piaget 2010, S. 21f). Auch über das Problem der suggestiven Fragen hält Piaget (2010) fest: „Anfänger suggerieren dem Kind, was sie finden möchten, oder aber sie suggerieren überhaupt nicht, weil sie nichts suchen, und dann finden sie auch nichts“ (S. 22). Dementsprechend ist es wichtig die richtige Balance zu finden, die richtigen Fragen zu stellen und keine falschen Kommentare zu den Antworten zu geben.

Um diesen vielen Vorgaben entsprechen zu können, werden vor dem Interview wichtige Vorbereitungen getroffen. Als Grundlage für das Vorgehen beim Interview gilt das erste Kapitel aus dem oben bereits genannten Text von Piaget und Inhelder zur Invarianz der Substanz (1975). Piagets Vorgehen und die zitierten Fragen und Antworten aus den von ihm, beziehungsweise seinen Studenten, durchgeführten Interviews wurden genau studiert, um dann ein idealtypisches „Drehbuch“ anzufertigen (siehe Anhang). Hierbei wurde das Interview in drei wichtige Phasen gemäß den drei wesentlichen Verformungen eingeteilt. Für jede Verformung wurde eine Hauptfrage, im Sinne einer Leitfrage, und dementsprechende Unterfragen formuliert, die vor allem auch darauf abzielen, die Begründungen der Kinder für ihre Annahmen zu erfragen. Wie oben bereits ausgeführt gilt Piagets Hauptinteresse ja genau diesen Begründungen für die Annahmen der Kinder und den Fehlern, die sie dabei machen (Piaget 1975). Beim Anfertigen dieses Drehbuchs wird vor allem darauf geachtet die Fragen kindgemäß zu formulieren, um Missverständnisse mit dem Kind zu vermeiden und sein Interesse zu wecken. Dieses Drehbuch wird von den Versuchsleiterinnen vor dem Interview mehrfach in verschiedenen Varianten durchgesprochen, um eine möglichst gute Routine für das Vorgehen zu erhalten. Ebenso werden verschiedene Abweichungen und die darauf folgenden Reaktionen besprochen.

Um das Interesse der Kinder zu bekommen und eine „Abschreckung“ zu vermeiden, wird das ganze Vorhaben nicht als Interview oder Experiment bezeichnet, sondern den Kindern als „Knetspiel“ vorgestellt, bei dem sie einige Fragen beantworten sollten. Um dieser Darstellung als Spiel gerecht zu werden, werden dem Kind vier verschieden Knettöpfchen in den Farben gelb, rot, blau und grün bereitgestellt, von denen sie zwei auswählen durften.

Kommen wir nun zum Vorgehen bei der Rekrutierung und Auswahl der Versuchspersonen für das geplante Interview. Die Kinder Gwen (3 Jahre) und Zoe (5 Jahre) sind Nachbarskinder der Versuchsleiterin Sonja Gross und wurden in der Vergangenheit als sehr aufgeweckte und interessierte Kinder wahrgenommen und schienen somit trotz ihres verhältnismäßig geringen Alters optimal für das Interview. Die Mutter der beiden Mädchen wird von Sonja Gross angefragt und über das Ziel und Interesse der Übung informiert. Der genaue Inhalt des Interviews wir jedoch nicht bekannt zu gegeben, um zu verhindern, dass die Kinder im vornherein wissen, welche Fragen sie beantworten sollen. Die Mutter und der Vater erklären sich einverstanden und es wird schriftlich ein Termin vereinbart. Zu diesem Termin wird die im Konzept enthaltene Einverständniserklärung mitgebracht und unterschrieben (siehe Anhang). Bei der Durchführung des Interviews zeigt sich jedoch, dass das jüngere Kind Gwen mit sehr viel Phantasie über alle möglichen Dinge berichtet, nicht jedoch auf die Fragen eingeht. Auch durch intensiveres Nachfragen gelingt es nicht im Sinne der Forschungsfrage relevante Antworten zu erhalten. Dies wird auf das geringe Alter von Gwen zurückgeführt. Es könnte unter anderem sein, dass sie die Fragen nicht ernst nimmt oder nicht richtig versteht und deshalb ihre sehr phantasiereichen Ideen zum Thema Formen und Knete berichtet. So kommt sie zum Beispiel vom Thema Kugel auf das Thema Bauch und interpretiert dann, dass dies die „Vaterkugel“ sei, wegen dem dicken Bauch. Sie ist jedoch nicht in der Lage, die zwei Knetfiguren in irgendeiner Weise im Sinne der gestellten Fragen zu vergleichen. Zoe, die ältere Schwester zeigt im Verlauf des Interviews schnell, dass sie sich sehr stark durch das Nachfragen beeinflussen und verunsichern lässt und mit immer weniger Überzeugung ihre Antworten kundtut. Dieses Ergebnis scheint nicht geeignet, da der Eindruck entsteht, dass sie nicht wirklich sagt, was sie denkt, sondern hauptsächlich gewillt ist nichts Falsches zu sagen, beziehungsweise versucht herauszufinden, was die Versuchsleiter wissen wollen.

Nach dem Interview haben wir beschlossen diese Erfahrung zu nutzen, um zwei weitere Interviews durchzuführen. Hierzu werden einige Veränderungen vorgenommen. Zum einen werden zwei ältere Mädchen mit 5 und 7 Jahren interviewt. Zum anderen wird versucht zwei Kinder auszuwählen, die auch im Alltag mit Überzeugung ihre Meinung kundtun und sich nicht so leicht beeinflussen lassen. Zu Beginn des Interviews werden die Kinder zudem darauf hingewiesen, dass es bei den Antworten kein richtig oder falsch gebe, sonder dass es wichtig sei, dass sie das sagen, was sie denken. Die geführten Interviews sind nun erfolgreicher und ihre Ergebnisse werden im Folgenden dargestellt.

3. Ergebnisdarstellung

3.1. Lina

Die erste Versuchsperson Lina ist zum Zeitpunkt des Interviews 5 Jahre alt. Sie zeigt sich sehr motiviert, bei unserem Knetspiel mitzumachen und stellt zu Beginn der Befragung fest, dass die rote und die grüne Knetkugel gleich groß und gleich schwer sind und, dass sie beide gleich viel Knete haben.

Erste Umformung (eine Kugel wird platt gedrückt): Nach der ersten Umformung, bei der die rote Kugel zu einem platten Kuchen verformt wird, ist Lina der Überzeugung, dass immer noch beide Figuren gleich viel Knete haben, kann dies aber auch nach längerem Überlegen nicht begründen. Auf die Frage ob beide gleich schwer seien, antwortet Lina mit ja und begründet dies damit, dass sie beide gleich viel Knete haben. Nach der Rückformung in zwei Kugeln stellt Lina fest, dass beide Kugeln gleich sind und auch gleich viel wiegen.

Zweite Umformung (Schlange(n) formen): Nun wird von Lina eine Schlange geformt. Auf die Frage hin, ob die Schlange und die Kugel gleich schwer sind, antwortet Lina mit ja. Es folgt die Frage, ob sie beide gleich viel Knete haben. Lina antwortet mit ja, kann dies aber nicht begründen. Natalie Graf weist darauf hin, dass es vorhin zwei Kugeln mit gleich viel Knete gab und daraus eine Schlange und eine Kugel hergestellt wurde:

NG: „Wieso denn?“ L: „Mmmmh…“ NG: „Häsch en Idee, wieso häts glich viel Knet?“ L: „Weiß es nöd!“

Auch auf den Hinweis hin, dass die ein Schlange vorhin eine Kugel war, Lina hat keine Begründung für ihre Annahme, beteuert aber auf Nachfrage, sie sei sich ganz sicher, dass es gleich viel Knete habe. Als eine weitere kurze, dicke Schlange geformt wird, stellt Lina fest:

Sie sind nöd glich lang.“ NG: „Und dick?“ L: „Sinds“.

Natalie Graf fragt nun wiederum nach der Menge der Knete. Auch hier gibt Lina an, dass es gleich viel Knete habe, kann dies jedoch nicht begründen. Auf die Frage hin, ob es sein könnte, dass die kleine Schlange mehr Knete habe, weil sie dicker sei, antwortet Lina ebenfalls mit ja und hält fest:

„Die isch chliner und dicker und die isch dünner und größer.“ NG: „Und trotzdem händs gleich viel Knete?“ L: „Ja“. NG: „Wieso denn?“ L: „Ich han immer no kei Idee.“

Dritte Umformung (kleine Kugeln): Bei der dritten Umformung wird aus einer der beiden großen Kugeln eine kleine Kugel geformt. Wieder wird die Frage gestellt, ob nun die kleinen Kugeln zusammen gleich schwer seien, wie die große Kugel. Lind weicht mit ihrer Antwort aus und meint:

„Nei, de isch groß und die alle sind chli.“

Auf Wiederholung der Frage, ob sie gleich schwer seien, antwortet Lina jedoch mit ja. Bei Nachfrage nach einer Begründung gibt Lina keine Antwort und erzählt stattdessen von einer anderen Idee, dass es mehr Knete gäbe, würde man beide Kugeln zusammen machen. Sie ist sich jedoch sicher, dass es auf dem Tisch gleich viel rote, wie grüne Knete hat. Auf die Nachfrage nach einer Begründung antwortet sie wiederum:

„Ich han immer no kei Idee“. NG: „Isch nöd schlimm…Mmmh...aber häsch en Idee, was passiert, wenn mir die alle (zeigt auf die kleinen Kugeln ) wieder zäme machet?“ L: „Denn sinds glich schwer.“

Bei einer weiteren, im Drehbuch nicht geplanten, Verformung zu einem dicken und einem dünnen Zylinder ändert Lina plötzlich ihre Meinung. Sie stellt fest die beiden „Pizzen“ seien nicht gleich. Eine sei dicker und eine dünner, beide seien jedoch gleich schwer. Natalie frägt nun wieder nach der Knete:

„Häts irgendwo meh, oder ischs gleich viel?“ ( Lina zeigt auf die flache „Pizza“) „Do häts meh und do (zeigt auf dicke Pizza) häts weniger.“ NG: „…Wie isch des komme, dass es do meh hat?“ ( Lina zuckt mit den Schultern und weiß es angeblich nicht.) NG: „Wo isch die herkomme?“ L: „Weiß es nöd.“ NG: „Aber bisch dir sicher?“ L: „Ja.“

Zusammenfassung: Insgesamt kann festgehalten werden, dass Lina sehr überzeugt davon zu sein scheint, dass es immer gleich viel Knete hat und diese auch immer gleich schwer ist. Jedoch kann sie dies auch durch mehrmaliges Nachfragen nicht begründen, was sie selbst zu frustrieren scheint. Die Kombinationen von dünn und lang beziehungsweise dick und kurz erwecken den Anschein, dass es implizit trotzdem Vorstellungen über gewisse Relationen und Tatsachen gibt. Auch die Annahme, dass sie bei einer Rückführung wieder gleich seien, weist darauf hin. Im letzten Teil zeigt sich, dass Linas Überzeugungen nicht konstant sind. Die detaillierte Interpretation und Einordnung der Ergebnisse in Piagets Theorie erfolgt im Kapitel 4.1 Diskussion.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Ausflug in die Gedankenwelt der Kinder. Klinisches Interview nach Piaget zur Invarianz der Substanz
Hochschule
Universität Zürich  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Entwicklungspsychologie
Note
5.5
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V313532
ISBN (eBook)
9783668123922
ISBN (Buch)
9783668123939
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ausflug, gedankenwelt, kinder, klinisches, interview, piaget, invarianz, substanz
Arbeit zitieren
Master of Arts UZH Sonja Gross (Autor), 2010, Ausflug in die Gedankenwelt der Kinder. Klinisches Interview nach Piaget zur Invarianz der Substanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313532

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