Warum wählt ein Bürger eine bestimmte Partei? Und warum wählt Person A Partei 1, Person B jedoch Partei 2? Bei diesen Fragen sind Wahlentscheidungstheorien unumgänglich. Vierecke beschreibt dies treffend mit der Frage: „Wer wählt wen warum?“ (Vierecke et al. 2010: 105). Sie schaffen es eine Vorhersage bei einer Wahl zu treffen, Ergebnisse zu erklären, Probleme in Bezug auf Parteien und deren Wähler zu lösen und sind gemeinhin ein Indikator für einen Wechsel der politischen Stimmung, sofern man sie theoretisch und in einer Längsschnittstudie betrachtet.
Im Falle der vorliegenden Arbeit sollen zwei der drei bekannten Wahlentscheidungstheorien (vgl. Vierecke et al. 2010: 105) analysiert, abgegrenzt und in Bezug auf deren Aussagekraft ohne die Mikrosoziologische Theorie bewertet werden. Die Forschungsfrage der Arbeit, ob eine Erklärung von Wahlergebnissen ohne die Milieutheorie möglich ist, spiegelt eine zentrale Frage der Wahlforschung wider, die unter anderem auch von Manfred Schmidt aufgeworfen wird: „Wie stark sind heutzutage noch die Bindungen von Wählern an bestimmte gesellschaftliche Milieus?“ (Schmidt 2011: 72).
Der Hauptteil der Seminararbeit wird nach der Einleitung mit thematischer Hinführung mit einem analytischen Theoriekapitel beginnen, in welchem sowohl die rationalistische als auch die sozialpsychologische Wahlentscheidungstheorie separat aufgearbeitet und dargestellt werden. Anschließend werden in einem Übersichtskapitel beide Theorien nochmals aufgegriffen, um ihre Aussagekraft ohne die Milieutheorie zu betrachten. Im direkt folgenden Kapitel 4 wird dann die Schlussbetrachtung folgen, in welcher die Vor- und Nachteile der Theorien an den theoretischen Ansätzen der Mikrosoziologischen Theorie abschließend zusammengefasst und so eine Aussage über die Ergebnisse getroffen werden kann.
Zur Beantwortung der Fragestellung wird sowohl die Auswertung der Fachliteratur als auch eine schlussfolgernde Analyse der Theorien angewandt, wobei auch Bezug auf öffentlich zugängliche Wahlforschung genommen wird, welche in Form einer Dokumentenanalyse mit den Erkenntnissen der Literatur zusammenfließen und anschließend theoretisch interpretiert werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.a. Thema der Arbeit
1.b. Aufbau der Arbeit
1.c. Methodisches Vorgehen
1.d. Forschungsstand
2. Wahlentscheidungstheorien
2.a. Rationalistische Theorie
2.a.i. Nutzenmaximierende Wahlversprechen
2.a.ii. Negative Kosten
2.b. Sozialpsychologische Theorie
2.b.i. Kandidatenorientierung
2.b.ii. Sachfragenorientierung
2.b.iii. Parteiidentifikation
3. Eine Wahlentscheidung ohne Milieus?
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Forschungsfrage, ob eine Erklärung von Wahlergebnissen auch ohne die Berücksichtigung der Milieutheorie möglich ist. Dabei werden die rationalistische und die sozialpsychologische Wahlentscheidungstheorie analysiert, um deren jeweilige Aussagekraft sowie die anhaltende Bedeutung gesellschaftlicher Milieus für das individuelle Wahlverhalten zu bewerten.
- Analyse der rationalistischen Wahlentscheidungstheorie (Rational Choice Ansatz)
- Untersuchung der sozialpsychologischen Theorie und ihrer Determinanten
- Evaluierung der Bedeutung von Parteibindungen und Milieueinflüssen
- Vergleich der Erklärungsleistung beider Modelle ohne Milieutheorie
- Einordnung aktueller Trends zur Personalisierung und Kurzfristigkeit in der Wahlforschung
Auszug aus dem Buch
i. Nutzenmaximierende Wahlversprechen
Beim ersten Teil der Theorie geht es im egoistischsten Sinne darum, den eigenen Vorteil zu suchen, welche vor allem vor dem Hintergrund der sozialen Schicht zu sehen sind. Monetäre Vorteile (z.B. Steuererleichterungen) werden dabei wohl in allen Bereichen Anklang finden, weshalb das folgende Schaubild (Abb. 1) die Theorie anhand eines steuerlichen Parameters erklären wird:
Es ist unschwer zu erkennen, dass die Wahlentscheidung bei der rationalistischen Theorie denkbar einfach ist – oder jedenfalls sein könnte, gäbe es nur ein Entscheidungskriterium. Letztlich spiegeln alle möglichen Kriterien, seien es die oben genannten oder die nicht genannten, unsere politische Einstellung in Verbindung mit unserer gegenwärtigen (sozialen) Situation wider. Dies bedeutet für Abb. 1, dass ein vermögender Wähler sicherlich Partei A wählen würde, stünde nur die Frage nach der Reichensteuer im Raum, da er sich immer für den „maximal zu erzielenden politischen Nutzen“ (Korte 2000: 92) entscheidet. Hierbei ist es gleich, ob er eventuell in seiner Jugend antikapitalistische Ideologien verfolgt hat, da er in der Gegenwart die für ihn beste Partei wählt, da sie seinen vermögenden Geldbeutel entlastet. Freilich kann die frühere Ideologie noch im Hintergrund sein, sie tritt jedoch in ihrer Wichtigkeit zurück – die Wahlentscheidung wird rational getroffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema der Wahlentscheidung ein, erläutert den Aufbau sowie das methodische Vorgehen und gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand.
2. Wahlentscheidungstheorien: Hier werden die rationalistische und die sozialpsychologische Theorie separat aufbereitet und ihre zentralen Komponenten sowie Kritikpunkte detailliert dargelegt.
3. Eine Wahlentscheidung ohne Milieus?: In diesem Kapitel wird untersucht, ob die genannten Theorien ihre Aussagekraft verlieren, wenn die Milieutheorie vernachlässigt wird, und inwiefern sie dennoch auf Milieueinflüsse angewiesen sind.
4. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der Theorien und kommt zu dem Ergebnis, dass keine der Ansätze gänzlich ohne die Berücksichtigung sozialer und emotionaler Milieueinflüsse auskommt.
Schlüsselwörter
Wahlentscheidungstheorien, Rational Choice, Sozialpsychologie, Milieutheorie, Parteiidentifikation, Kandidatenorientierung, Sachfragenorientierung, Wahlverhalten, Politische Partizipation, Volksparteien, Politische Kultur, Wählerbindung, Demokratietheorie, Wahlkampf, Politische Soziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Ansätzen der Wahlforschung und hinterfragt, wie Wahlentscheidungen zustande kommen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der rationalistischen Wahlentscheidungstheorie sowie dem sozialpsychologischen Modell und der Rolle von gesellschaftlichen Milieus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu beantworten, ob Wahlergebnisse wissenschaftlich erklärbar sind, wenn die Milieutheorie bei der Analyse konsequent ausgeklammert wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse auf Basis von Fachliteratur, ergänzt durch eine Dokumentenanalyse öffentlich zugänglicher Wahlforschungsergebnisse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Darstellung der zwei Theorien, eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Annahmen und eine Synthese bezüglich der Bedeutung von Milieus.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Nutzenmaximierung, Parteiidentifikation, Wähler-Parteien-Koalition, Personalisierung von Politik und das Schwinden traditioneller Milieus.
Inwiefern beeinflusst das Modell von Kellermann und Rattinger die Argumentation?
Das Modell wird genutzt, um die Wechselseitigkeit von Kandidaten- und Sachfragenorientierung sowie die Bedeutung der Emotionalität bei der Parteiidentifikation zu verdeutlichen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Relevanz der Milieutheorie?
Der Autor schlussfolgert, dass trotz der Erosion traditioneller Milieus beide untersuchten Theorien nicht gänzlich ohne deren Betrachtung auskommen, da soziale Einflüsse weiterhin existieren.
- Quote paper
- Philipp Freund (Author), 2015, Die Rationalistische und die Sozialpsychologische Wahlentscheidungstheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313568