Pharmakos Empedokles. Strukturen und Prozesse der Gewalt in Hölderlins Tod des Empedokles


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

27 Seiten, Note: sehr gut (-)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Anamnese

2. Symptomatik und Diagnostik
2.1. Symptome: Der wilde Wahn, Trunkenheit und Tobsucht
2.2. Vorläufige Diagnose: Opferkrise – Verlust der Differenz

3. Erster Therapieversuch – abgebrochen: Konsolidierung der Ordnung mittels Fluch und Bann

4. Ätiologischer Befund: Tragische Zyklothymie
4.1. Der Begriff des wandelbaren Glücks
4.2. Diagnostische Präzisierung

5. Therapie: Versöhnendes Opfer – revolutionäre Gründungsgewalt

6. Prognose

Literaturverzeichnis

„Wollt ihr nicht aufhören mit dem mißtönenden Morden? Seht ihr denn nicht, wie ihr einander zerfleischt in Unbedachtheit eures Sinnes? Und seinen eigenen Sohn, der die Gestalt gewandelt hat, hebt der Vater [zum Todesstreich] empor, schlachtet ihn und spricht auch noch ein Gebet dazu, der arge Tor! [...] Ebenso ergreift der Sohn seinen Vater und die Kinder ihre Mutter, rauben ihnen das Leben und schlingen das blutsverwandte Fleisch hinunter!”[1]

Diese deutlichen Worte geben eine schreckliche Situation kollektiver Gewalt wieder, verbunden mit dem Appell, endlich innezuhalten. Sie stammen nicht aus der Tragödie Der Tod des Empedokles, die Friedrich Hölderlin zwischen 1797 und 1800 entworfen und zumindest fragmentarisch ausgeführt, nie aber vollendet hat. Sie werden dem historisch verbürgten Empedokles zugeschrieben und sind der Fragmentsammlung der katharmoi, der sogenannten ‚Sühnelieder‘ entnommen. Die Reinigung, die katharsis der Affekte, ist in der Tradition der aristotelischen Poetik die wesentliche wirkungsästhetische Funktion der Gattung des Tragischen. Der Begriff selbst aber hat möglicherweise einen anderen, einen rituellen Ursprung: Das Menschenopfer. Katharsis, katharma sind von katharos abgeleitet, was ungefähr ‚sauber, rein, unbefleckt‘ bedeutet.[2] Katharma verweist auf ein ‚bösartiges‘ Objekt, an dem in der rituellen Zeremonie die Katharsis vollzogen wird. Die Katharsis selbst ist als das „geheimnisvolle Gutartige” zu verstehen, das „die Polis aus der Tötung des katharma zieht.”[3] Ihr Gebrauch ist medizinisch: „Das Heilmittel wird ... verstanden, als sei es gleicher Natur wie das Übel oder zumindest fähig dessen Symptome zu verstärken und dadurch eine heilende Krise zu bewirken, aus der die Genesung hervorgeht.”[4] In vielem ähnelt die katharsis, das katharma usw. einem anderen Phänomen der antiken Welt: Dem menschlichen pharmakos, der als pharmakon verdinglicht worden ist.

Die Figur des pharmakos läßt sich nachweisen etwa seit dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeit. Sie gehört ebenfalls in das Umfeld des rituellen Opfers. Älter ist die Figur des biblischen Sündenbockes (3. Mos. 16), jener Kreatur, die beladen mit den menschlichen Sünden, in die Wüste wird. Und mit dem nötigen Weitblick kann man im tragischen Bocksgesang noch einen ‚Sündenbockgesang‘ sehen.[5] Das Wort pharmakos ist aber, was oft übersehen wird, ganz anders akzentuiert als das des Sündenbocks. Abgeleitet von griech. pharmakon, das gleichermaßen Gift und Gegengift, Übel und Heilmittel bezeichnet,[6] scheint es dem Horizont der Medizin, nicht aber einem vorrangig moralischen entnommen zu sein. Im pharmakos kommt eine Dualität, eine Ambivalenz zum Ausdruck:

„Einerseits wird in ihm eine bedauernswerte, verachtenswerte, ja schuldige Person gesehen, er ist die Zielscheibe jeglicher Art von Spott, Beschimpfungen und selbstverständlich von Gewalttätigkeit. Andererseits wird ihm eine quasi-religiöse Verehrung zuteil; er spielt die Hauptrolle in einer Art Kult.”[7].

Soziologisch gesehen ist der pharmakos eine randständige und im sozialen Abseits lebende, aber keine gänzlich fremde Person, etwa ein Bettler, ein Krüppel,[8] dem eine magische Zauberkraft zugeschrieben wird. Er wirkt, einer Arznei im Krankheitsfalle gleich, auf die Gemeinschaft reinigend, indem er individuelle und kollektive Unreinheit an und auf sich zieht und der Gesellschaft als Projektionsfläche eigener Unreinheit dient. Dann schließt man ihn aus der Gesellschaft aus, verbannt ihn jenseits der Stadtgrenze, was, da das nackte Leben noch gebilligt wird, dennoch einem sozialen Tod gleichkommt, oder man tötet ihn gleich in einer großen rituellen Zeremonie.[9] Seine soziale Funktion besteht also darin, „bösartige Gewalt insgesamt auf sich zu ziehen, um sie durch seinen Tod in gutartige Gewalt, in Frieden und Fruchtbarkeit zu verwandeln.”[10] In Hölderlins Empedokles werden nacheinander beide Mechanismen - erst Verbannung, dann Opfertod - vorgeführt.

Diese Arbeit ist darum bemüht, Hölderlins Empedokles in eben dieser Funktion eines pharmakos und dessen Tod als ein versöhnendes Opfer zu analysieren. Der dafür nötige Hintergrund wird der Kulturtheorie Rene Girards entnommen.[11] Sie bietet ein begriffliches und analytisches Instrumentarium, um Hölderlins Tragödie einer radikalen, verwegenen, keineswegs aber abwegigen Interpretation zu unterziehen. Zugegeben, eine rücksichtslose Vorhabe, da Hölderlins Empedokles nicht anders behandelt wird, wie eine antike Tragödie in der Lesart Girards. Verwegen vielleicht deshalb, weil eine Tiefenstruktur freizulegen ist, in der selbst der genieästhetische Überbau des Natur-Göttlichen als notwendige Verschiebung eines drastischeren und realeren Phänomens entlarvt wird, nämlich dem der Gewalt. Ist Girards These plausibel, daß Göttlichkeit für die Griechen nichts anderes bedeute, als die „ins Absolute gesteigerte Gewalt,”[12] und andererseits Hölderlin zu den wenigen modernen Autoren gehört, die ein feines Gespür für den Begriff des wandelbaren Glücks (des göttlichen kydos und thymos) der antiken Tragödie besaßen,[13] so ist anzunehmen, daß das furchtbare und faszinierende Spiel der Gewalt auch bei Hölderlin präsent ist.

Zum Aufbau der Arbeit, sowie zu einer Formalie ist folgendes zu bemerken: Empedokles wird nicht einer Einzelanalyse unterzogen, in der er als herausragender, tragischer Held sichtbar wird, vielmehr ist das Augenmerk auf kollektive und gesellschaftliche Strukturen und Prozesse gerichtet. Dabei gilt es, zuerst die Momente einer gesellschaftlichen Krise wahrzunehmen. Diese Krise wird sich als Krise der Ordnung insgesamt beschreiben lassen, bevor letztlich versucht wird, in der Verbannung und Empedokles‘ Opfertod jenen ‚reinigenden‘ Mechanismus der Gewalt zu erkennen. – Da sich die zwischenmenschliche Rivalität, Konflikt und allgemein Gewalt, so Girard, gerne wie eine grassierende Krankheit vorgestellt (und auch verkannt) worden ist, wie der ‚medizinische‘ Begriff des pharmakos nahelegt, habe ich mir die künstlerische Freiheit herausgenommen die einzelnen Kapitel der Arbeit ebenfalls mit entsprechenden Überschriften zu versehen.

1. Anamnese

Akragas, dt. Agrigent; Stadt an der Südküste Siziliens, um 582 v. u. Z. von Gela unter Beteiligung von Rhodos gegründet. Im 6. und 5. Jh. wurde A. von Tyrannen (Phalaris, Theron) beherrscht. A. ist die Heimatstadt des Empedokles; durch seinen Reichtum (Anbau und Export von Getreide, Wein, Öl; Schwefelausfuhr; Pferdezucht) und die Schönheit seiner Bauten bekannt.[14]

2. Symptomatik und Diagnostik

2.1. Symptome: Der wilde Wahn, Trunkenheit und Tobsucht

Hermokrates, Agrigents oberster Priester berichtet von Auflösungserscheinungen:

„Das Volk ist trunken, wie er selbst ist.

Sie hören kein Gesetz und keine Not

Und keinen Richter; die Gebräuche sind

Von unverständlichem Gebrause gleich

Den friedlichen Gestaden überschwemmt.

Ein wildes Fest sind alle Tage geworden,

Ein Fest für alle Feste und der Götter

Bescheidene Feiertage haben sich

In eins verloren, allverdunkelnd hüllt

Der Zauberer den Himmel und die Erd [...].”[15]

Die Bürger „trunken” und offensichtlich aller zivilisatorischen Hemmung beraubt, machen, was sie wollen: Sie achten weder das zwischenmenschliche Band der Not, noch vermögen die weltlichen Institutionen, wie die überlieferten Sitten und in Stein gehauenen Gesetze, sie abzuschrecken und zu zügeln. Auch die Ehrfurcht vor den Göttern ist dahin, deren Feiertage sich nun „in eins verloren” haben. Mehr noch, der Kalender, durch die Feiertage strukturiert, ist außer Kraft gesetzt und die Orientierung im Fluß der Zeit verloren. Alles scheint in einem „unverständlichem Gebrause“ gleich geworden und seinen Sinn verloren zu haben. Was übrig geblieben ist? Ein dionysischer Rausch, „alle Tage ein wildes Fest”, Chaos, Anarchie.

[...]


[1] Aus: Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch von Hermann Diels. Vierte Auflage. Berlin 1922. Bd. 1, S. 273 ff..

[2] Vgl. R. Girard: Das Heilige und die Gewalt. Frankfurt a. M. 1992, S. 422.

[3] Ebd. S. 422.

[4] Ebd. S. 423.

[5] T. Eagleton: Sweet violence. The idea of the tragic. Oxford 2003, S. 276.

[6] Vgl. R. Girard: Das Heilige und die Gewalt. Frankfurt a. M. 1992, S. 423.

[7] Ebd. S. 142. Diese Ambivalenz findet sich im übrigen auch im Begriff des katharma und dem des Heiligen (sacer).

[8] Vgl. ebd. S. 20, 24. Vgl. auch: K. E. Müller: Der Krüppel. Ethnologia passonis humanae. München 1996. S. 271 ff.

[9] Vgl. R. Girard: Das Heilige und die Gewalt. Frankfurt a. M. 1992, S.20; 142 f..

[10] Ebd. S. 143.

[11] Rene Girards wissenschaftliches Interesse gilt der umfassenden Erklärung eines einzigen großen Phänomens, dem der Gewalt, der er in seinem Hauptwerk Das Heilige und die Gewalt und zahlreichen nachfolgenden Publikationen nachgegangen ist. Er behauptet mittels einer radikalen und dekonstruktiven Lektüre der antiken Mythen und Tragödien, daß Gewalt der eigentliche kreative Motor der Kulturentwicklung sei (vgl. dazu Heraklits berühmtes Diktum vom Krieg (=Gewalt) als Vater (=Erzeuger) aller Dinge). In diesen Mythen, wie in der antiken Tragödie gehe es, so Girard, um ganz reale Gewalt innerhalb einer Gemeinschaft, durch die eine Ordnung in eine Krise gestürzt wird. Diese Krise kann nur beendet werden, wenn sich ein Opfer finden läßt, daß für die Gewalt aller Mitglieder der Gemeinschaft verantwortlich gemacht und in einem neuerlichen Akt der Gewalt vertrieben oder getötet wird. Insofern die Gewalt am Opfer eine neue Ordnung herstellt, ist sie als Gründungsgewalt zu bezeichnen.

[12] Rene Girard: Das Heilige und die Gewalt. Frankfurt a. M. 1992, S. 224.

[13] Ebd. S. 228.

[14] Nach: Akragas. In: Lexikon der Antike. Hrsg. von Johannes Irmscher in Zusammenarbeit mit Renate Johne. 10. durchgesehene und erweiterte Aufl.. Leipzig 1990, S. 23.

[15] Friedrich Hölderlin: Der Tod des Empedokles. Stuttgart 1973, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Pharmakos Empedokles. Strukturen und Prozesse der Gewalt in Hölderlins Tod des Empedokles
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für dt. Sprache und Literatur)
Note
sehr gut (-)
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V31358
ISBN (eBook)
9783638323956
ISBN (Buch)
9783638648301
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pharmakos, Empedokles, Strukturen, Prozesse, Gewalt, Hölderlins
Arbeit zitieren
Nils Ramthun (Autor), 2004, Pharmakos Empedokles. Strukturen und Prozesse der Gewalt in Hölderlins Tod des Empedokles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31358

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