Diese Arbeit ist darum bemüht, Hölderlins Empedokles in eben dieser Funktion eines pharmakos und dessen Tod als ein versöhnendes Opfer zu analysieren. Der dafür nötige Hintergrund wird der Kulturtheorie Rene Girards entnommen. Sie bietet ein begriffliches und analytisches Instrumentarium, um Hölderlins Tragödie einer radikalen, verwegenen, keineswegs aber abwegigen Interpretation zu unterziehen. Zugegeben, eine rücksichtslose Vorhabe, da Hölderlins Empedokles nicht anders behandelt wird, wie eine antike Tragödie in der Lesart Girards. Verwegen vielleicht deshalb, weil eine Tiefenstruktur freizulegen ist, in der selbst der genieästhetische Überbau des Natur-Göttlichen als notwendige Verschiebung eines drastischeren und realeren Phänomens entlarvt wird, nämlich dem der Gewalt. Ist Girards These plausibel, daß Göttlichkeit für die Griechen nichts anderes bedeute, als die „ins Absolute gesteigerte Gewalt,” und andererseits Hölderlin zu den wenigen modernen Autoren gehört, die ein feines Gespür für den Begriff des wandelbaren Glücks (des göttlichen kydos und thymos) der antiken Tragödie besaßen, so ist anzunehmen, daß das furchtbare und faszinierende Spiel der Gewalt auch bei Hölderlin präsent ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Anamnese
2. Symptomatik und Diagnostik
2.1. Symptome: Der wilde Wahn, Trunkenheit und Tobsucht
2.2. Vorläufige Diagnose: Opferkrise – Verlust der Differenz
3. Erster Therapieversuch – abgebrochen:
Konsolidierung der Ordnung mittels Fluch und Bann
4. Ätiologischer Befund: Tragische Zyklothymie
4.1. Der Begriff des wandelbaren Glücks
4.2. Diagnostische Präzisierung
5. Therapie: Versöhnendes Opfer
– revolutionäre Gründungsgewalt
6. Prognose
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Hölderlins Werk "Der Tod des Empedokles" unter Anwendung der kulturtheoretischen Ansätze von Rene Girard. Ziel ist es, die Tragödie als Darstellung einer gesellschaftlichen Opferkrise zu deuten, in der Empedokles die Rolle des pharmakos einnimmt, um durch seinen Opfertod eine neue soziale und politische Ordnung zu stiften.
- Analyse kollektiver Gewaltstrukturen in Hölderlins Tragödie.
- Untersuchung der Rolle des pharmakos und der Opferkrise.
- Interpretation des Opfertods als versöhnendes und ordnungsstiftendes Ereignis.
- Kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Dynamik von Rivalität und Ordnung.
- Reflektion über politische Mündigkeit und den Übergang von monarchischen zu demokratischen Strukturen.
Auszug aus dem Buch
Diagnostische Präzisierung: Das Spiel der schwankenden Differenz
Die Opferkrise wurde anfänglich bestimmt als Verlust der Unterschiede. Alles schien identisch geworden. Zunächst ist das an den gesellschaftlichen Institutionen nachgewiesen worden. Diese Bestimmung bleibt in der Außenwahrnehmung auch in Hinblick auf die Protagonisten, Empedokles und Hermokrates, richtig, gleichen sie sich doch in Haltung, Verhalten und ihren Wünschen, wenn auch immer asynchron, nacheinander abfolgend, verzögert. Andererseits gehen die Unterschiede, darauf wurde im Rekurs auf Kydos und thymos hingewiesen, innerhalb des sozialen Systems nie verloren, sie schwanken, geraten ins Taumeln. Das Verhältnis von Empedokles und Hermokrates ist punktuell gerade durch eine gewaltige Differenz ausgezeichnet: Des einen Erfolg ist des anderen Mißerfolg, bis sich das Verhältnis umkehrt.
Gelingt es Hermokrates sich als ‚Herr der Krise‘ zu profilieren, so auf Kosten Empedokles‘, der selbst unfähig erscheint, sich noch zu verteidigen. Gleichwohl bleibt den Rivalen innerhalb des Systems immer verborgen, und sie täuschen sich darüber, daß sie in der zeitlichen Abfolge einander gleichen und austauschbar geworden sind. Diese Austauschbarkeit, verbunden mit dem Moment der Verkennung, aber garantiert erst die Opferstellvertretung, die notwendig ist, um die Gewalt aller auf ein gemeinsames Opfer zu verschieben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Anamnese: Darstellung der historischen Rahmenbedingungen der Stadt Akragas als Heimat des Empedokles.
2. Symptomatik und Diagnostik: Untersuchung der gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen und der Definition des pharmakos innerhalb der Opferkrise.
3. Erster Therapieversuch – abgebrochen: Konsolidierung der Ordnung mittels Fluch und Bann: Analyse der gescheiterten Versuche des Priesters Hermokrates, die Ordnung durch den Ausschluss Empedokles' wiederherzustellen.
4. Ätiologischer Befund: Tragische Zyklothymie: Erörterung der Begriffe des wandelbaren Glücks und der Zyklothymie im Kontext der mimetischen Rivalität.
5. Therapie: Versöhnendes Opfer – revolutionäre Gründungsgewalt: Interpretation von Empedokles' Opfertod als notwendigen Akt zur Etablierung einer neuen sozialen Ordnung.
6. Prognose: Reflexion über die Dauerhaftigkeit der neuen Ordnung und das politische Vermächtnis des Empedokles hin zur individuellen Mündigkeit.
Schlüsselwörter
Hölderlin, Empedokles, Rene Girard, Gewalt, Opferkrise, pharmakos, Tragödie, mimetische Rivalität, Kulturtheorie, Ordnung, Sündenbock, Opfer, Gründungsgewalt, Differenz, Soziale Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Hölderlins "Der Tod des Empedokles" als Darstellung einer gesellschaftlichen Krise, in der Gewaltmechanismen eine zentrale Rolle spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die kulturtheoretische Analyse von Gewalt, den Begriff der Opferkrise und die soziale Funktion des Opfers im antiken und dramatischen Kontext.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den Opfertod des Empedokles als notwendigen Prozess zur Überwindung einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Krise und zur Stiftung einer neuen Ordnung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Anwendung der kulturtheoretischen Konzepte von Rene Girard (z.B. mimetische Rivalität, Sündenbock-Mechanismus) durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine diagnostische Phase der gesellschaftlichen Krise, die Analyse der Therapieversuche durch Fluch und Bann sowie die Deutung des Opfertods als performativer Gründungsakt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Gewalt, Opferkrise, pharmakos, mimetische Rivalität und soziale Ordnung.
Wie wird das Verhältnis zwischen Empedokles und Hermokrates interpretiert?
Beide werden als mimetische Rivalen gesehen, deren Rollen in einem Spiel schwankender Differenzen austauschbar sind, was das zentrale Moment der Opferkrise darstellt.
Welche politische Dimension hat das Ende der Tragödie?
Der Opfertod des Empedokles wird als politisches Vermächtnis interpretiert, das den Bürgern einen Weg in eine Zukunft weist, die durch Mündigkeit und Selbstverantwortung statt durch monarchische Fremdbestimmung geprägt sein soll.
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- Nils Ramthun (Author), 2004, Pharmakos Empedokles. Strukturen und Prozesse der Gewalt in Hölderlins Tod des Empedokles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31358