Der Tod des Achilles. Zur doppelten Todesthematik in Heinrich von Kleists „Penthesilea“


Hausarbeit, 2010
11 Seiten, Note: 5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Im Tod ist auch der Tote tot ...1

2. Der Tod: Einige kulturtheoretische Überlegungen ...2

3. Das brutale Ende in Kleists „Penthesilea“ ...4
3.1 Die Ermordung des Achilles als kannibalischer Akt ...4
3.2 Die Ermordung des Achilles aus Liebe ...6

4. Schlussbemerkungen ...8

5. Literaturangaben ...9
5.1 Primärliteratur ...9
5.2 Sekundärliteratur ...9

„Der Tote ist immer schon ein Abwesender, der Tod eine unerträgliche Abwesenheit, die man schnell mit einem Bild füllen wollte, um sie zu ertragen“
- Hans Belting [1]

1. Im Tod ist auch der Tote tot

Achilles ist tot – wenigstens am Schluss von Heinrich von Kleists „Penthesilea“. Achilles wird in einem kannibalischen Akt von Penthesilea aufgefressen. Vielleicht bringt sie Achilles mit der Hilfe ihrer Hundemeute aber auch nur um, wenn es heisst, „[d]ie Glieder des Achills reisst sie in Stücken!“ [2]. Gemäss der Sage gestaltet sich ebengenanntes Verhältnis jedoch ein wenig anders. Als die Amazonen auf Seiten Trojas in den Krieg eingreifen, verwundet Achilles deren Königin Penthesileia tödlich und verliebt sich dabei in die Sterbende. Das Schlachtfeld ist aber in beiden Fällen identisch: Vor den Toren Trojas tobt der Krieg, die Trojaner verteidigen sich scheinbar chancenlos gegen die Griechen. In dieser Situation eilen ihnen die Amazonen mit ihrer Königin Penthesilea zu Hilfe – wenn auch aus etwas unterschiedlichen Motiven in den beiden erwähnten Fassungen. Der Kriegsschauplatz ist blutgetränkt, die Krieger trauern um die gefallenen Freunde und bereiten sich bereits auf weitere, unausweichliche Kämpfe vor. Überall lauert der Tod.

In einem Aufsatz zum Thema „Tod und Trauer“ sagt Thomas Macho: „Der Tod ist ein widerspenstiges Thema. Seine wissenschaftliche Theoretisierung und Diskussion wird aus verschiedenen Gründen erschwert“ und nennt u.a. den Umstand, dass ein „wissenschaftlicher Blick auf Sterben und Tod nur aus einer externen Perspektive“ [3] möglich sei. In der vorliegenden Arbeit soll auf weitere Auslegungen zur Todesthematik auf einer kulturwissenschaftlich-komparatistischen Basis eingegangen werden. Diese Darlegungen sollen als tertium comparationis für den nachfolgenden Vergleich dienen. Dabei werden – nach zwei Interpretationen des Todes des Achill in Auftritt 23 – Aspekte von Achilles’ Tod in von Kleists „Penthesilea“ untersucht und analysiert. Dabei sollen Parallelen zu von Kleists eigenen Lebensdaten nicht mit in die Diskussion einbezogen werden.

2. Der Tod: Einige kulturtheoretische Überlegungen

Der Tod als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung scheint regelrecht vor unterschiedlichen Herangehensweisen zu fliehen. Sei es, dass der Tod sich dem aussen stehenden Betrachter zum grössten Teil entzieht und ihm nicht die Gelegenheit bietet, Schlüsse über das Wesen des Todes aus persönlichem Erleben heraus zu ziehen – und falls doch, bleibt wohl die Lust am Aufzeichnen aussen vor. Es ist auch möglich, dass der Tod mental nicht repräsentiert werden kann. Kein (theoretisches) System kann das eigene Ende widerspruchsfrei fassen, gleichgültig ob dies den Tod eines Dritten oder den eigenen betrifft. [4] Der Tod könnte aber auch als anthropologische Konstante (z.B. als diachrones, kulturelles Ereignis, als Geschichte eines Todes) aufgefasst werden, welche kulturell gesehen jeweils unterschiedliche Behandlungsweisen erfährt; im Bewusstsein der Sterblichkeit des Individuums. Die Haltung gegenüber dem Ende ist dabei von zentraler Rolle: Der Mensch kann dem Tod mit Stolz und Ehrfurcht entgegentreten oder vor ihm fliehen. [5]

Grundlegend für den Bezug zum und für den Umgang mit dem Tod ist das Wissen um die eigene Sterblichkeit. Im biblischen Mythos vom Sündenfall essen Adam und Eva verbotenerweise vom ‚Baum der Erkenntnis’ und werden dadurch wissend wie Gott. Diese Handlung führt zur Vertreibung aus dem Paradies: Gott will nicht, dass die beiden Menschen auch noch vom ‚Baum des ewigen Lebens’ essen und die zur Erkenntnis zugehörige Unsterblichkeit erlangen. [6] Fortan sind Adam und Eva mit dem Zwang der Fortpflanzung und der Last der Sterblichkeit gestraft, der Mensch wird vergänglich, denn „Staub bist Du [Mensch], und zum Staub musst du zurück“ [7]. Jan Assmann berichtet von einem aus dem Alten Orient stammenden Mythos, demgemäss ein gottähnlicher Mensch namens Adapa [8] die Disposition zwischen dem Wissen über die (göttliche) Unsterblichkeit und der Unwissenheit über die (menschliche) Sterblichkeit ins Wanken bringt. Adapas göttliches Wissen ist so stark, dass die Götter ihn zum Gott machen wollen, um die unhaltbare Verbindung von Wissen und Sterblichkeit aufzulösen. Adapa aber – aus Angst vor einem Verrat – lehnt die ihm von den Göttern dargebotene Nahrung des Lebens ab, und so bleibt es immer bei der verhängnisvollen Verbindung von Wissen und Sterben, bzw. dem Wissen um die eigene Sterblichkeit. [9] Beide Mythen haben etwas gemeinsam, nämlich die Tatsache, dass das Wissen den Wissenden gottgleich – sicut deus – macht. Was den Menschen letztendlich aber vom göttlichen Wesen unterscheidet, ist sein Wissen um die eigene Sterblichkeit. Die Götter können dieses Wissen nicht besitzen, da sie unsterblich sind. Während also die Götter nicht durch Wissen um die eigene Sterblichkeit zerrüttet werden können, kann es, demgegenüber, den Menschen um den Verstand bringen. Vor diesem Hintergrund ist der Mensch ein Wesen, das sich durch ein Ungleichgewicht aus einem „Zuviel an Wissen“ und einem „Zuwenig an Leben“ [10] konzipiert. Um diesen Missstand auszugleichen hat sich der Mensch die Kultur geschaffen, in der er leben und sich selbst definieren kann. Die Kultur entspringt dem Wissen um den Tod und die Sterblichkeit. Sie stellt den Versuch dar, einen Raum und eine Zeit zu schaffen, in der der Mensch über seinen begrenzten Lebenshorizont hinausdenken und die Linien seines Handelns, Erfahrens und Planens ausziehen kann in weitere Horizonte und Dimensionen der Erfüllung, in denen erst sein Sinnbedürfnis Befriedigung findet und das schmerzliche, ja unerträgliche Bewusstsein seiner existentiellen Begrenzung und Fragmentierung zur Ruhe kommt. [11]

Dieser Horizont ist, auf kultureller Ebene gesehen, der Generator dessen, was die menschliche Kultur ausmacht, dem Bestreben, die (eigene) Sterblichkeit durch Handlungen zu ‚überwinden’, welche über den (eigenen) Tod hinausgehen, indem sie das spezifische kulturelle Gedächtnis nähren. Kollektive oder individuelle Leistungen in einem kulturell bedingten Rahmen (dazu gehören die Sicherung des Fortbestands der eigenen Art durch Zeugung von Nachwuchs genauso, wie die Ehrung der Taten grosser Helden) sind es also, welche die Disposition von Wissen und Tod (wenigstens einigermassen) ausgleichen sollen, um der Seele auch noch im Tod ein Fortbestehen der Existenz zu ermöglichen und ihr, wenn auch nicht dem Körper, Unsterblichkeit zuschreiben zu können.

[...]


[1] Belting, Hans: „Aus dem Schatten des Todes. Bild und Körper in den Anfängen“. In: Barloewen, Constantin von (Hg.): Der Tod in den Weltkulturen und Weltreligionen. München 1996, S. 94.

[2] Streller, Siegfried et. al. (Hgs): „Penthesilea. Ein Trauerspiel.“, in: Heinrich von Kleist. Werke und Briefe. Bd. 2/4. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag, 1978, S. 102, Aufzug 22 Zeile 2597 (=22.2597).

[3] Macho, Thomas: “Tod und Trauer im kulturwissenschaftlichen Vergleich”. In: Assmann Jan (Hg.): Der Tod als Thema der Kulturtheorie. Franfurt a. M.: Suhrkamp, 2000, S. 91.

[4] Vgl. Hahn, Alois: “Unendliches Ende: Höllenvorstellungen in soziologischer Perspektive”. In: Stierle, Karlheinz und Rainer Warning (Hg.): Das Ende. Figuren einer Denkform. Poetik und Hermeneutik, Bd. XVI, München 1996, S. 155-82.

[5] Vgl. Toynbee, Arnold: “Wandlungen des Verhältnisses zum Tod in der heutigen westlichen Welt” . In: Ders.: Vor der Linie. Der moderne Mensch und der Tod. Übersetzt von Wolfgang Gerfin. Frankfurt a. M.: Fischer, 1970.

[6] Vgl. Genesis 3, 22.

[7] Vgl. Genesis 3, 19.

[8] In der babylonischen Mythologie ist Adapa der Sohn des Ea, Gott der Weisheit.

[9] Vgl. Assmann, Jan (Hg.): Der Tod als Thema der Kulturtheorie. Todesbilder im alten Ägypten. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2000, S. 12.

[10] Assmann 2000: 13.

[11] Ders.: 13-14.

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Details

Titel
Der Tod des Achilles. Zur doppelten Todesthematik in Heinrich von Kleists „Penthesilea“
Hochschule
Universität Bern  (Germanistik)
Veranstaltung
Heinrich von Kleist
Note
5
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V313614
ISBN (eBook)
9783668124301
ISBN (Buch)
9783668124318
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Achilles, Tod, Kulturtheorie, doppelte Todesthematik, Tod und Trauer, Tod als Thema der Kulturtheorie, Hölle, Höllenvorstellung, Soziologie, babylonische Mythologie, griechische Mythologie, Mythologie
Arbeit zitieren
BA Philipp Brunner (Autor), 2010, Der Tod des Achilles. Zur doppelten Todesthematik in Heinrich von Kleists „Penthesilea“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313614

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