Ist der Feminismus eine utopische Vorstellung? Einsichten der modernen Geschlechtstheorie im Kontext der klassischen Phänomenologie


Hausarbeit, 2008
18 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

Hegels Erklärungsversuch „Das Andere“

2. Hauptteil
2.1. Existenz; Simone de Beauvoir
2.2. Differenz; Luce Irigaray
2.3. Konstruktion; Judith Butler
2.4. Feministische Utopien
2.5. Fazit

3. Schluss

- Einleitung

Die feministische Phänomenologie ist größtenteils in der feministischen Forschung ein Thema, nicht aber in der klassischen phänomenologischen Forschung, obwohl immer mehr und mehr Philosophinnen, sowohl in der feministischen Theorie als auch der Phänomenologie, heimisch sind. Die feministische Phänomenologie ist geschichtlich betrachtet genauso alt wie Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“. Spuren ihrer Theorie sind in zentralen feministischen Ansätzen bis in die Gegenwart zu finden. Lange stand Beauvoir im Schatten ihres Geliebten Jean- Paul Sartres und seiner Theorie des Existenzialismus. Ihr Werk wurde als existenzialistischer Feminismus anstatt als Teil der traditionellen Phänomenologie betrachtet. Besonders der zweite Teil ihres Werkes bezieht sich auf Merleau- Pontys Theorie der gelebten Erfahrung (expérience vécue) auf die er in der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ ausdrücklich aufmerksam macht. Der Körper wird bei Beauvoir als „Situation“ betrachtet und ihre Körpertheorie, die eine biologische Interpretation des Geschlechtes zu widerlegen versucht, wird von phänomenologischen Erkenntnissen gestützt.

Butler, Irigaray und Beauvoir sind aus vielen, teilweise aktuellen, Diskussionen nicht mehr wegzudenken. Fragen wir nach den Ursachen dafür, so ist sicherlich eine davon, dass sie alle Frauen sind und in einer Zeit leben, in der die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern thematisiert wird. In ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ beweist Beauvoir, dass die Verschiedenheit der Geschlechter, die als Rechtfertigung zur Unterdrückung der Frauen herangezogen wird, nicht natur- sondern kulturbedingt ist. Nur aus den jeweils herrschenden Normen, Sitten und Moralvorstellungen einer Kultur lässt sich die Konstruktion der Frau als „das andere“ Geschlecht erklären.

Jaques Derrida schreibt in seinem Werk “Difference“, die Differance „beherrscht nichts, waltet über nichts, übt keine Autorität aus“ sie „trägt und säumt das Spiel der Spur“. Von Derrida inspiriert betreffen die Kernaussagen Lucy Irigarays die Annahmen des Phallogozentrismus, der besagt, dass alle Aussagen über die Frau vom Mann konstruiert und formuliert wurden. Mit dieser These wird eine Einteilung in die Zweigeschlechtlichkeit aufgehoben und mit Hilfe der Sprache eine männlich dominiert patriarchale Gesellschaft geschaffen und verfestigt. Irigaray kritisiert die Ursachen und Folgen eines Systems, dass die Frau als „kein Geschlecht, sondern das Männliche das anders auftritt“ definiert und sie nur als ein Spiegelbild des Mannes oder dessen Ableitung verstehen lässt. Judith Butler baut die Theorie des feministischen Dekonstruktivismus auf den Forschungsansätzen verschiedener Denker und Philosophen, wie Jacques Derrida, Michel Foucault und Sigmund Freud, auf. In „Das Unbehagen der Geschlechter“ erweitert sie den „beauvoirschen Egalitätsfeminismus“ und kritisiert sowohl das biologische Geschlecht „sex“ wie auch das soziale Geschlecht „gender“ als ein gesellschaftliches Klassifikationskonstrukt.

Die Grundfragestellung mit der sich diese Arbeit beschäftigt bezieht sich auf die Einsichten der modernen Geschlechtstheorie, im Kontext der klassischen Phänomenologie. Die bisher als gegensätzlich betrachteten Geschlechtstheorien: Existenz, Differenz und Konstruktion finden ihren gemeinsamen Weg in den Diskurs des Feminismus. Darauf folgend wird darüber debattiert inwieweit der Feminismus eine utopische Vorstellung ist.

- Hegels Erklärungsversuch „Das Andere“

Der Mensch ist genauso alt, wie sein Bewusstsein. Urinstinkte in primitivsten Gesellschaften und alten Mythen haben den Menschen zu dualistischen Kategorien Bildung gezwungen. Binäre, hierarchische Gegenüberstellungen, wie Ehre und Schande, hart und weich oder das Eigene und das Fremde sind die Folge der menschlichen Realität und deren unsolidarischen und hasserfüllten Mitseins. Nach Hegel entdeckt das eigene Bewusstsein des Menschen in jedem anderen menschlichen Bewusstsein eine grundlegende Feindseligkeit. Er nimmt an „Das Subjekt setzt sich nur indem es sich entgegensetzt“. Das heißt, dass ein Subjekt sich als das Wesentliche zu behaupten versucht, um sein Gegenüber als das unwesentliche, das Objekt zu konstruieren (S. 13).

- Hauptteil

- Existenz; Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoir beginnt mit einer kritischen Abgrenzung zur damaligen geschichtlichen Geschlechterrollendefinition. Sie untersucht das Bild der Frau in der Biologie, in der Psychoanalyse und im historischen Materialismus, setzt sich mit Mythen über das Wesen der Frau auseinander, beschreibt die tatsächlichen Lebensbedingungen der Frau im Verlauf der Geschichte und beschäftigt sich mit verschiedenen Besonderheiten in den weiblichen Lebensphasen und der Sexualität.

Eines der Argumente Beauvoirs für die unterwerfende Rolle der Frau ist das Phänomen ihrer eigenen Verschuldung an ihrer Situation. Denn nicht ein Ereignis, sondern eine historische Entwicklung erklärt ihre Existenz als Klasse. Seit Beginn der Geschichte sind Frauen dem Mann immer untergeordnet und von ihm abhängig gewesen ohne das es eine dahingehende Entwicklung gegeben hätte. Eine Situation, die im Laufe der Zeit mehr oder weniger zufällig entstanden ist, kann sich zu einem anderen Zeitpunkt wieder auflösen. Frauen sind Dank ihrer physiologischen Struktur weiblich, diese ist ebenso wenig eine umwandelbare Gegebenheit, wie die Natur oder die historische Realität. Die Frau hat sich von Anfang an als das Unwesentliche erkannt und wird sich nie als das Wesentliche erkennen, weil sie zu dieser Umkehrung nicht selbst im Stande ist. Die Männer bezeichnen die Frauen als das Andere und diese übernehmen die Definition. Die Frauen setzen sich nicht als Subjekt, sie lassen sich vom Mann als Objekt setzen. Beauvoir denkt, dass auch wenn Frauen gegen ihre ungleiche Behandlung kämpfen, ihr Agieren nur symbolisch bleiben wird. Statt sich zu nehmen was ihnen zugesteht, nehmen sie nur an was die Männer ihnen geben. Aus einem unerklärlichen Grund zögern sie, eigenen Raum einzunehmen.

Der Ursprung der ungleichen Geschlechtertrennung liegt für Beauvoir darin, dass sich der Mann bei der Begegnung mit einer Frau zuerst „gesetzt“ hat, da er sich bewusst gemacht hat, welch gefährliche Bedrohung sie für ihn ist. Beauvoir argumentiert damit, dass die Frau hier als starkes Bewusstsein erscheint, da sie keine Bedrohung ihrer Existenz empfunden hat, als sie auf den Mann traf. Der Mann hat sich nur behaupten können, da er von Natur aus schwach, egoistisch ist und innerlich einen Drang nach Selbstrechtfertigung verspürt. Er hat Angst, um seine Privilegien, seine Absolutheit in Ewigkeit begründen zu können und versucht diese rechtlich, politisch und sozial zu festigen. Beauvoir ist der Meinung, dass sich der Mann die Philosophie und Theologie dienstbar gemacht hat, um die Gesetze zusammenzustellen, die sein Geschlecht begünstigen. Die Biologie und Psychologie vereinnahmte der Mann ebenfalls und versuchte in ständig neuen Forschungsexperimenten die Minderwertigkeit der Frau zu beweisen. Alle Feminismusbewegungen, die von Frauen gegründet wurden, basieren auf Forderungen an die Männer. Frauen sind nicht stark genug, verursachen nur Streit und haben nicht mehr als schlechte Argumente hervorzubringen, kritisiert sie. Das Problem liege im phänomenalen Denken der Frauen, da es keinen unparteiischen Schiedsrichter gibt, der die Machtprobleme zwischen den Geschlechtern lösen könnte, kann die Frau als Frau selbst auf ihre Situation eine Antwort geben. Sie braucht ein konkretes Mittel, um sich selbst zu setzen, indem sie sich entgegen- setzt. Um sich von der Macht des Mannes zu befreien muss sie Gemeinschaften bilden und solidarisch mit anderen Frauen umgehen. Die Frau ist dementsprechend deutlich benachteiligt, da sie keine eigene Religion, Geschichte und auch keine Vergangenheit hat. Beauvoir sieht die einzige Chance der Frauen in der Erschaffung des privaten Wohlbefindens für jeden Bürger, mit Institutionen, die dem Menschen als Individuum die Möglichkeit geben sich selbst als Seiendes zu verwirklichen. Das Subjekt muss sich durch eigene Entwürfe konkret als eine transzendentale Existenz setzen. Nach der Annahme des radikalen existenzialistischen Konstruktivismus Beauvoirs geht die Existenz der Essenz, dass heisst dem Leib voraus. Die Gesellschaft erlaubt dem Mann einen Selbst- entwurf während sie der Frau die Weiblichkeit lediglich als Essenz vorgibt. Der männliche Entwurf der Gesellschaft hält die Frau in ihrer Essentialität fest und beraubt sie ihrer Freiheit. Ein Individuum muss seine Existenz rechtfertigen können, um sein unendliches Bedürfnis nach Transzendenz in eine unendlich offene Zukunft auszudehnen. Beauvoir leugnet nicht, dass die Sexualität im sozialen Leben eine ausschlaggebende Rolle spielt, da das Existierende ein geschlechtlicher Körper ist. Das Phänomen ihrer Theorie ist, dass Mann und Frau nur definierbar unter dem Gesichtspunkt des Werdens sind, das heißt, dass der Mensch lediglich eine historische Idee und keine natürliche Spezies ist. Damit sich Frau und Mann vergleichen können, müssen sie sich auf der gleichen Ebene gegenüberstehen. Da für die Frau ein Transzendierungsprozess nie Wirklichkeit geworden ist, muss sie sich von der Unterdrückung des Mannes befreien. Das ist ihr einziger Weg zur Freiheit. Beauvoir geht davon aus, dass der Körper kein Gegenstand, sondern eine Situation bzw. der Zugriff auf die Welt ist. Durch die Heteronomie des weiblichen Körpers ist das Zugreifen auf die Welt zwar in eingeschränkterer Form als der des Mannes möglich, jedoch ist dies der Ansatz zum eigenen Entwurf. Phänomenologisch hat sie dadurch keinen Nachteil, da sich die Schwäche der Frauen nur in den fehlenden Instrumenten und Gesetzen zeigt. Denn solang Körperkräfte nicht zur Transzendenz erforderlich sind heben sich die Unterschiede der Geschlechter auf. Beauvoirs philosophische Theorie ist eine Vergeschlechtlichung der traditionellen Phänomenologie, dass heisst eine Phänomenologie, in die die Perspektive der Geschlechtlichkeit eingebracht ist. Stoller Silvia formuliert eine Definition der feministischen Phänomenologie: „Feministische Phänomenologie und Hermeneutik sind eine phänomenologische und hermeneutische Philosophie in feministischer Perspektive.“ Sie belegt in ihrem Werk „Feministische Phänomenologie und Hermeneutik“, dass insbesondere das Interesse der Feministinnen an der Phänomenologie gewachsen ist. Zur Entwicklung der feministischen Phänomenologie haben insbesondere die Geschlechterforscherinnen Luce Irigarays und Judith Butler mit der Wiederentdeckung des Körpers beziehungsweise des Leibes beigetragen. Mit den neunziger Jahren entstand ein regelrechter und bislang ungebrochener Körperboom. Die Phänomenologie entwickelte eine Philosophie der Leiblichkeit.

- Differenz; Luce Irigaray

Das Ziel bei Beauvoir ist die Herstellung von Gleichheit der Geschlechter, anders für Irigaray, ist das Ziel die Kultivierung der sexuellen Differenz. Der Fokus liegt auf der Differenz und Alterität der asymetrischen Geschlechter. Irigaray geht von der Theorie der gelebten Geschlechtlichkeit aus, anstelle einer Angleichung des weiblichen Geschlechtes an die männliche Norm in einem Prozess der Gleichstellung, handelt es sich um eine Aufwertung der Weiblichkeit in Abgrenzung von der Männlichkeit. Beauvoir und Irigaray gehen von verschiedenen Theorien aus, die der Gleichheit und die der Differenz. Mit dem Ziel die Rangordnung der Geschlechter zu beenden, gehen beide Theoretikerinnen von der Zweigeschlechtlichkeit aus. Beauvoir betrachtet den weiblichen Körper als ein Gefängnis, das der Frau zufällig von der patriarchalen Gesellschaft aufgezwungen wurde. Die soziale Kultur und die gesellschaftliche Ordnung sind, Beauvoirs Meinung nach, von Geschlechtserwartungen und Vorstellungen durchzogen. Die Frau kann sich nur aus ihrem Käfig befreien, wenn sie aus der Weiblichkeit ausbricht und durch Transzendenz und Selbstbestimmung die durch das Männliche beherrschten Bereiche erobert. „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Der Weg zur Gleichheit führt über die universelle Erziehung der Kinder beider Geschlechter. Die selben Methoden und das gleiche Klima umfassen die Übernahme traditioneller männlicher Werte durch die Frau. Völlige Freiheit kann die Frau nur durch den Zugang zur Arbeit erlangen, da hier der Mann aus seiner Entfremdung befreit wird. Hier wird das Weibliche dem Männlichen angeglichen. Irigaray strebt den Ansatz der Differenzierung an. Sie wertet das Weibliche auf, indem sie die traditionell weiblichen Eigenschaften positiviert und die „Frau“ nicht als Opfer einer Gefangenschaft darstellt. Die Weiblichkeit ist durch die Reproduktionsarbeit stärker mit der Welt und der Natur verbunden als das Männliche und trägt somit den Schlüssel zu einer besseren Gesellschaft in sich. Bei Irigaray bleibt das Problem der Suche nach weiblichen Traditionen und die Frage auf welcher Kulturgeschichte die Befreiung der Frau aufgebaut werden soll, wenn dem Männlichen keine Bedeutung mehr zugeschrieben wird?

Simone de Beauvoir formuliert das Problem anders: „Wo sind die Frauen?“(ebda) fragt die Franchise, eine französische Zeitschrift. Sind Frauen in der heutigen Gesellschaft noch begreiflich oder sind sie nur das Spiegelbild des Männlichen? Irigary geht von dem Konzept des Phallogozentrismus aus, dessen Behauptung sich darauf stützt, dass alle Weiblichkeitsentwürfe aus der männlichen Perspektive formuliert werden. Dieser Aspekt zeigt sich besonders in der Sprache, da hier das Weibliche kein eigenes Geschlecht darstellt, sondern das männliche Geschlecht verkörpert, jedoch als das andere in Erscheinung tritt. Phänomenologisch wird die Zweigeschlechtlichkeit durch diese Annahme aufgehoben. Da das männliche Geschlecht als universeller Bezugspunkt dient kritisiert Irigaray die ständige Suche der Frau nach dem anderen Geschlecht. Mit dem Ziel ein neues Denken und eine neue Praxis der Differenz der Geschlechter auszuarbeiten, in der keines der beiden dem anderen unterworfen ist, hat sie einen neuen Horizont der Kulturen entworfen.

- Konstruktion; Judith Butler

Judith Butler befasst sich in ihrer Subjekttheorie mit dem Thema Geschlecht und Identität. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Frage der Natürlichkeit und Neutralität der Geschlechteridentität.

Nach Butler ist der Körper Materie, die sich nie unabhängig von ihrer kulturellen Form materialisiert. Die kulturspezifische Wahrnehmung der Materie konstruiert den Körper. Geschlechterspezifikationen wie weiblich und männlich entstehen als Produkt in der Folge von wiederholten Handlungen. Das Geschlecht ist demnach eine Konstruktion der Wechselbeziehung des Individuums zwischen individuellen Handlungen und gesellschaftlichen Strukturen. Gesellschaftliche Ungleichheiten sind die Ursache für den unterschiedlichen Zugang zu sozialer Macht. Die Zwei- geschlechtlichkeit ist eine soziale Konstruktion, die durch das Anwenden der biologischen Geschlechtskriterien bedingt wird und die individuelle Selbstdarstellung im alltäglichen Leben festsetzt. Durch die Erwartungen der Gesellschaft an das Individuum, seine Zugehörigkeit zu einem der beiden Geschlechter zu beweisen, wird jede Handlung nach dem sozialen Geschlecht beobachtet und verurteilt. Das Individuum gelangt bei unangemessenem Verhalten unter den Druck der Gesellschaft. Irgaray argumentiert, dass es keine natürliche Geschlechtszugehörigkeit gibt, da andere Kulturen verschiedene kulturelle Konstruktionen zulassen. Für die Identitätsbildung eines Kindes ist die Selbstzuordnung zu einem Geschlecht notwendig, um eine stabile Persönlichkeit aufrecht erhalten zu können. In ihrem Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ entlarvt Butler nicht nur „gender“, das soziale Geschlecht, sondern ebenfalls den vertrauten Unterschied zwischen „sex“ und „gender“, das biologische Geschlecht als ideologisierte, kulturelle Konstruktion. Butlers These, dass die Geschlechts-identität keine natürliche, sondern eine kulturelle Konstruktion ist, stimmt mit der Theorie Beauvoir‘s, dass „gender“ nicht angeboren, sondern anerzogen ist, überein. Beauvoir zeigt auf, dass in der abenländischen Kultur das Eigne männlich und das Weibliche als das Andere betrachtet wird. So wird das Weibliche als ein negatives Spiegelbild des Männlichen instrumentalisiert. Butler erweitert Beauvoirs Theorie der Geschlechtsidentität, indem sie an Aristoteles anknüpft und versucht die Verbindung von Subjekt und Macht zu verdeutlichen. Da sich der Körper nur in Abhängigkeit von der kulturellen Beschaffenheit materialisiert, ist der Prozess der Materialisierung immer an die subjektive Wahrnehmung gebunden. Gefangen in einem Kreislauf konstruiert das Subjekt sein Selbst und wird von der kulturellen Subjektwahrnehmung geprägt. Im Modus der Selbstpräsentation bestimmt und entwirft sich ein Individuum als Subjekt oder Objekt seiner Handlungs-zusammenhänge, aus denen hervorgeht, inwieweit eigenverantwortliche, selbstbestimmte Entscheidungen als Ausdruck von Autonomie oder Heteronomie zugerechnet werden können. Butler stellt in ihrer Theorie unter Verwendung philosophischer und psychoanalytischer Begriffe das freie, selbstbestimmte Individuum in Frage und geht von der Fremdeinwirkung der Umwelt auf das Selbst des Menschen aus. So kann behauptet werden, dass niemand für sein Handeln direkt verantwortlich ist, sondern die Subjekte nur Opfer bzw. Effekte kausaler Macht sind. In „Das Unbehagen der Geschlechter“ stellt Butler fest, dass der menschliche Körper nicht von seiner Materialität her begrenzt ist. Das phänomenale Instrument des Körpers zur eigenen sozialen Wirklichkeits-konstruktion ist die Sprache. Diese gibt dem Körper die Möglichkeit, sich den Zugang zu dem Phänomen der Wirklichkeit zu erschließen und sich der Darstellungen der Erscheinungsweisen des eigenen Geistes bewusst zu werden. Butlers Phänomen der Sprache wird im Modus des Diskurs verkörpert. Sie sieht Diskurse als Systeme des Denkens, die eine Konstruktion der subjektiven Wahrnehmung liefern. Demnach entsteht aus aktiven Sprachhandlungen die individuelle Identität. Diese Annahmen Butlers widersprechen den traditionellen feministischen Theorien patriarchalischer Denkweisen, die zum größten Teil davon ausgegangen sind, dass eine vorgegebene Identität existiert, die durch Kategorien wie „Frau“ und „Mann“ ausgedrückt werden. Im Grunde ist eine Kategorien- konstruktion nicht definierbar, da die sexuelle, klassenbezogene, religiöse oder ethnische Identität gleichermaßen von männlichen, wie auch von weiblichen Individuen erworben werden kann, solang der Körper nicht als ein Hindernis, sondern als eine Differenz gesehen wird. Ihrer Meinung nach gibt es keine gegebenen Identitäten, jede Art von Materialisierung beschreibt einen Prozess, wie durch sprachliche Diskurse aus Geschlechtsidentitäten „gender“, „gendered“ Körper also „sex“ werden. Demnach hat jeder Körper eine eigene soziale und biographische Geschichte. Butler beschreibt gender als den sozialen, und kulturellen Unterschied der Geschlechter. Sex ist der körperliche und biologische Unterschied. Dabei ist entscheidend, dass die Unterscheidung der gelebten Geschlechtlichkeit nicht auf ein Vorhandensein oder Fehlen von Organen zurück- geführt wird, sondern auf die Reaktionen anderer auf die Organe.

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Details

Titel
Ist der Feminismus eine utopische Vorstellung? Einsichten der modernen Geschlechtstheorie im Kontext der klassischen Phänomenologie
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V313687
ISBN (eBook)
9783668186545
ISBN (Buch)
9783668186552
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feminismus, vorstellung, einsichten, geschlechtstheorie, kontext, phänomenologie
Arbeit zitieren
Ilse Lewczuk (Autor), 2008, Ist der Feminismus eine utopische Vorstellung? Einsichten der modernen Geschlechtstheorie im Kontext der klassischen Phänomenologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313687

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