Kollektive Erinnerung und kollektives Vergessen. Verliert das Grabmal seine Bedeutung als Baustein des kollektiven Gedächtnisses?


Hausarbeit, 2014

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Grundlagen zu Erinnern und Gedächtnis
1.1 Das Kollektive Gedächtnis nach Maurice Halbwachs
1.2 Das kommunikative und kulturelle Gedächtnis nach Assmann

2 Grabkultur als Teil der Erinnerungskultur
2.1 Antike: Ägypten − Nekropole von Gizeh − Cheops Pyramide
2.2 Neuzeit: Deutschland − Friedhöfe − Grabstätte Willy Brandts

Fazit

Abbildungen

Abbildungsverzeichnis Literaturverzeichnis Internetquellen

Einleitung

In dem am 23.06.2014 im „Tagesspiegel“ veröffentlichten Artikel „Totenzank. Berliner Senatskanzlei kündigt zweites Ehrengrab auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof.“ geht es um die Aufgabe der zweiten von 16 Ehrengrabschaften, deren Rechte das Land Berlin inne hat. Der Friedhofsverwalter fürchtet, dass auch die übrigen Prominenten in Vergessenheit geraten könnten, da auch deren Verträge auslaufen.1 Dies ist eine von mehreren Tendenzen in der momentanen Sepulkralkultur, aufgrund derer dieser Hausarbeit die These „Das Grabmal als ein Baustein des kulturellen Gedächtnisʼ kommender Generationen verliert heute mehr und mehr an Bedeutung.“ zu Grunde liegt. Die erlangten Erkenntnisse stützen sich dabei unter anderem auf den Beitrag „Das Gestern im heute“ von Aleida und Jan Assmann, welcher in dem Buch „Die Wirklichkeit der Medien“ von Klaus Merten erschienen ist sowie auf den Beitrag „Gedächtnis und Erinnerung“ von Harald Welzer aus dem Buch „Handbuch der Kulturwissenschaften“ von Friedrich Jaeger. Beide bieten einen umfangreichen Einblick in das Thema Gedächtnisforschung aus kulturwissenschaftlicher Sicht. Des Weiteren waren u.a. auch die Bücher „Ruhe sanft“ von Reiner Sörries, sowie „Der Tod gehört mir“ von Barbara Happe und der Beitrag „Zwischen Naturästhetik und Technokratie“ von Norbert Fischer von Bedeutung, da diese einen Überblick der Geschichte der Bestattung im Christentum liefern sowie den gesellschaftlichen Zusammenhang von Gräbern als Gedächtnisorte verdeutlichen.

Das erste Kapitel dient der Erfassung kommunikationstheoretischer Grundlagen zu dem Begriff des Erinnerns sowie dem Zusammenhang von Gedächtnis und Identität. Dazu wird einerseits das kollektive Gedächtnis erläutert, ein von dem französischen Soziologen Maurice Halbwachs geprägter Begriff. Andererseits soll auf die von den Kulturwissenschaftlern Jan und Aleida Assmann vorgenommenen Unterteilungen dieses Begriffs in das kommunikative bzw. kulturelle Gedächtnis eingegangen werden. Im zweiten Kapitel folgt eine Gegenüberstellung der Grabkulturen im antiken Ägypten sowie heutiger Zeit. Anhand zweier Beispiele von Grabmälern im politischen Kontext jener Zeiten soll erläutert werden, inwiefern diese Auswirkungen auf das kuturelle Gedächtnis haben. Ein Fazit fasst im Bezug zur eingangs aufgestellten These die gewonnen Erkenntnisse zusammen.

1 Grundlagen zu Erinnern und Gedächtnis

Das folgende Kapitel soll durch eine Erläuterung der Begriffe des Erinnerns und des Gedächtnis sowie dessen identitätsstiftendem Vermögen eine kommunikationstheo- retische Grundlage schaffen. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit, kann nicht in vollem Ausmaß auf dieses komplexe Themenfeld eingegangen werden.2 Das Verb „erinnern“ hat seinen Ursprung im „inne werden“ oder „innern“, sodass es also zum Einen auf das Subjekt selbst bezogen meint, bestimmte Inhalte wieder in das gegenwärtige Bewusstsein zu bringen („sich erinnern“), als auch andererseits auf andere Subjekte bezogen, bestimmte Inhalte wieder in dessen gegenwärtiges Bewusstsein zu bringen („jemanden erinnern“). Die Erinnerung an sich ist demnach also eine Aufforderung, etwas nicht zu vergessen sowie ein rückblickendes Nachdenken über Vergangenes. Dabei beschreibt das Erinnerungsvermögen, die Fähigkeit, sich zu erinnern. Gedächtnis und Erinnerung finden im Sprachgebrauch oftmals synonym Verwendung. Das Gedächtnis umfasst jedoch alle bisher aufge- nommenen Eindrücke und erlaubt durch das Vermögen der Erinnerung einerseits Bewusstseinsinhalte aufzubewahren, um diese bei Bedarf ins Bewusstsein zurückzu- rufen und zum Anderen ermöglicht es ein Gedenken, also ein ehrendes Andenken.3 Da jeder Mensch, egal wann und wo er geboren wurde Geschichte erlebt, kann ein jeder Mensch als potenzieller Zeitzeuge gesehen werden. Denn daran, was er mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört, was er geschmeckt, gerochen oder am eigenen Leib erfahren hat, erinnert er sich. Trotzdem wird sich seine Erinnerung nicht mit denen anderer Menschen am selben Ort zur gleichen Zeit decken. Denn jeder Mensch nimmt Erfahrenes subjektiv wahr und misst diesem erst vor dem Hintergrund seiner bisherigen sozialen Erfahrungen Sinn bei.4 „ Das Ged ä chtnis entsteht {also} nicht nur in, sondern vor allem zwischen den Menschen. “ 5 Es ist dabei nicht nur ein neuronales oder Psychisches, sondern vor allem ein soziales Phänomen, das sich in Kommunikation und Gedächtnismedien,welche die Wiedererkennbarkeit und Kontinuität sichern entfaltet. Neben den technischen Möglichkeiten der Speicherung, sind die jeweiligen Relevanzrahmen in einer Gesellschaft maßgeblich entscheidend, wie und was erinnert wird. Dem Gedächtnis kommen dabei grundsätzlich zwei verschiedene Funktionen zu, die in seinem diachronen Wesen, also der Ermöglichung der Ausdehnung in der Zeit, begründet sind: Gedächtnis dient sowohl der Speicherung als auch dem Wieder- herstellen von Erfahrenem, also einer Reproduktion sowie Rekonstruktion. Diese Definition von Assmann ist stark von dem französischen Philosophen und Soziologen Maurice Halbwachs und seinen Schriften geprägt. Vor allem sein Werk „ Les cadres sociaux de la m é moire “ aus dem Jahre 1925 ist hierfür grundlegend.6

1.1 Das Kollektive Gedächtnis nach Maurice Halbwachs

In Halbwachs Werk „ La m é moire collective “ , das posthum 1950 veröffentlicht wurde, konkretisiert er seine Ansichten zu dem von ihm geprägten Begriff des kollektiven Gedächtnisʼ. Die Forschung darüber kann als einer der bedeutendsten Zweige der Kulturwissenschaften bezeichnet werden. Denn das kollektive Gedächtnis als ein komplexes Phänomen, das in unterschiedlichen Erinnerungskulturen seine Ausprägungen findet, erlaubt und erfordert historische wie systematische Untersuchungen und vermag einen Bogen von den Geistes- über die Sozial- bis zu den Naturwissenschaften zu schlagen.7 Der Begriff der Erinnerungskultur kann hierbei als Oberbegriff verstanden werden, der alle denkbaren Formen von bewusster Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse vereint, gleichwohl ob sie ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur sind.8

Die zentrale These von Maurice Halbwachs lautet: Es gibt kein Gedächtnis, das nicht sozial ist.9 Denn, so erläutert er, was man erinnert, erinnert man mit Blick auf Andere und dank der Erinnerung Anderer. So gehört zu den wichtigsten Ergebnissen seiner Gedächtnisforschung, dass Gedächtnis durch Gemeinschaft entsteht und gleichzeitig Gemeinschaft entstehen lässt. Des Weiteren führt er auf, dass dieses individuell soziale Gedächtnis rekonstruiert, d.h. nur diejenigen Erinnerungen bewahrt, die sich von einer Gesellschaft in einen sinngebenden Rahmen, z.B. der Familien- gemeinschaft, fassen lassen und diejenigen vergisst, die ohne Bezug zu einem solchen Rahmen bleiben oder werden. Im Gegensatz zu einer solchen, zwar durch die Gemeinschaft entstandenen aber dennoch individuellen Gedächtnisleistung, ist eine kollektive Gedächtnisleistung immer „ die Kombination der individuellen Erinne- rungen vieler Mitglieder einer und derselben Gesellschaft. “ 10 Das kollektive Gedächtnis ist nach Halbwachs außerdem auf Kontinuität und Wiedererkennbarkeit angelegt, sodass seine Funktion darin besteht, selbstbezüglich die Eigenart und Dauer einer Gruppe zu sichern, indem es ein eigenes Profil entwirft. So stellt das kollektive Gedächtnis als gemeinsames Gedächtnis der Individuen einer sozialen Gruppe oder Kulturgemeinschaft einen Bezug zu Vergangenem her, indem es sich durch Interaktion, Kommunikation, Medien und Institutionen aus dem soziokultu- rellen Umfeld der Gruppe oder Gemeinschaft heraus bildet.11

Dabei gilt sowohl für das individuelle als auch das kollektive Gedächtnis, dass diese perspektivisch organisiert sind. Das bedeutet, dass immer nur eine Auswahl getroffen und nicht nach größtmöglicher Vollständigkeit gestrebt wird, was das Vergessen zu einem grundlegenden Teil des Gedächtnisʼ macht.12 Nur weil ein Ereignis nicht oder nicht mehr relevant ist erinnert zu werden, ist es allerdings noch nicht vergessen. Das ist es erst, wenn auch keine Gedächtnisträger, wie Aufzeichnungen oder andere Artefakte mehr vorhanden sind, die von ihm zeugen können. Entweder, weil niemand ein Interesse hat, sie zu erhalten oder weil jemand ein konkretes Interesse hat, sie zu zerstören, wie z.B. im Falle von Bücherverbrennungen.13 Da Halbwachs vermutlich der Auffassung war, dass mit dem Verlorengehen des Gruppen- und Gegenwarts- bezugs der Charakter dieses Wissens als kollektives Gedächtnis nicht fortbesteht, endet für ihn der Gedächtnisbegriff und geht über in den der Historie, wenn sich die lebendige Form der Kommunikation in Formen der objektivierten Kultur darstellt.14

[...]


1 Tobias Reichelt: Totenzank. Berliner Senat kündigt zweites Ehrengrab auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof, in: Der Tagesspiegel, 23.06.2014, S. 13.

2 Vgl. daher für weiterführende Erläuterungen sämtliche in den Fußnoten aufgelistete Literatur.

3 Vgl. Mathias Berek: Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Erinnerungskulturen, Wiesbaden: Otto Harrassowitz 2009, S. 30f.

4 Vgl. Sabine Moller: „Erinnerung und Gedächtnis.“, in: Docupedia-Zeitgeschichte (12.04.2010), http://docupedia.de/zg/Erinnerung_und_Ged.C3.A4chtnis?oldid=84601 (Stand: 05.07.2014).

5 Aleida Assmann/ Jan Assmann: Das Gestern im heute. Medien und soziales Gedächtnis, in: Klaus Merten/ Siegfried J. Schmidt/ Siegfried Weischenberg (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Opladen: Westdeutscher Verlag 1994, S. 114-140, hier S. 114.

6 „ Das Ged ä chtnis und seine sozialen Bedingungen “ , Vgl. Assmann: Das Gestern im heute, S. 114.

7 Vgl. Harald Welzer: Gedächtnis und Erinnerung, in: Friedrich Jaeger/ Jörn Rüsen: Handbuch der Kulturwissenschaften. Themen und Tendenzen. Band 3, Stuttgart: Metzler Verlag 2004, S. 155-175, hier S. 155.

8 „ Das kollektive Ged ä chtnis “ , Vgl. Cornelißen, Christoph: „Was heißt Erinnerungskultur? Begriff.Methoden. Perspektiven“, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 54 (2003), S. 548-563, hier S. 555.

9 Vgl. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München: C.H. Beck 1992, S. 35f.

10 Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Berlin: Hermann Luchterhand 1966, S. 22f.

11 Vgl. Assmann: Das Gestern im heute, S. 118.

12 Vgl. Aleida Assmann: „Kollektives Gedächtnis“, in: Bundeszentrale für politische Bildung:„Geschichte und Erinnerung“ (26.08.2008), http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte- und-erinnerung/39802/kollektives-gedaechtnis?p=0 (Stand: 06.07.2014).

13 Berek: Kollektives Gedächtnis und die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. 168.

14 Jan Assmann/ Tonio Hölscher (Hg.): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988,S. 11.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kollektive Erinnerung und kollektives Vergessen. Verliert das Grabmal seine Bedeutung als Baustein des kollektiven Gedächtnisses?
Hochschule
AMD Akademie Mode & Design GmbH
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V313874
ISBN (eBook)
9783668126336
ISBN (Buch)
9783668126343
Dateigröße
1071 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kollektive, vergessen, verliert, grabmal, bedeutung, baustein, gedächtnisses
Arbeit zitieren
Nina Vöge (Autor), 2014, Kollektive Erinnerung und kollektives Vergessen. Verliert das Grabmal seine Bedeutung als Baustein des kollektiven Gedächtnisses?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313874

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kollektive Erinnerung und kollektives Vergessen. Verliert das Grabmal seine Bedeutung als Baustein des kollektiven Gedächtnisses?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden