Der Wagenlenker von Delphi als Inspirationsquelle für Fortunys Delphosroben

Was trägt die Statue zur Emanzipation der Frau Anfang des 20. Jahrhunderts bei?


Studienarbeit, 2012
23 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Der Wagenlenker von Delphi als Bildnis griechisch antiker Mode

2. Die Delphosroben Mariano Fortunys

3. Die Stellung der Frau um 1900 und ihre Mode im Wandel der Zeit

Fazit

Literaturverzeichnis Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Ein steinernes Gewand als schillernster Begleiter der Emanzipation der Frau.

Die folgende Arbeit mit dem Titel ‚Der Wagenlenker von Delphi als Inspirationsquelle für Fortunys Delphosroben - Was trägt die Statue eines antiken Athleten zur Emanzipation der Frau Anfang des 20. Jahrhunderts bei?’, beschäftigt sich mit den so genannten 'Delphosroben' des Künstlers Mariano Fortuny und ihrer Einordnung in die Zeit der Reformierung der Frauenmode Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ausgehend von der Statue des Wagenlenkers von Delphi aus der griechischen Antike, die als Inspirationsquelle der Delphosroben diente, liegt das Hauptaugenmerk auf der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen den der um 1900 ein- setzenden Reformierung der Frauenkleidung zuzuschreibenden Roben und der gleichzeitig voranschreitenden Emanzipation ihrer Trägerinnen. Diesen Zusammen- hang herzustellen, ihn durch seine Untersuchung letztendlich zu verdeutlichen und abschließend die Frage zu beantworten, was die Statue eines antiken Athleten zur Emanzipation der Frau Anfang des 20. Jahrhunderts beitrug, ist das Ziel dieser Arbeit. Als Datengrundlage dient dabei die zahlreiche Lektüre verschiedener Literatur in Buch und Webform, wobei aufgrund der Kürze der Arbeit nicht alle gesammelten Informationen en detail einfließen konnten.

Einer Beschreibung der Statue des Wagenlenkers von Delphi und einem daraus abgeleiteten kurzen Einblick in die Mode der griechischen Antike folgt eine Beschreibung der Delphosroben selbst und ihres Schöpfers, Mariano Fortuny. Im Anschluss daran rückt die Stellung der Frau in der Gesellschaft um 1900 in den Mittelpunkt. Über den Wandel der Mode zu dieser Zeit, bis hin zu einem Ausblick auf die dann folgenden Jahre der völligen Reformierung der Kleidung der Frau, wird schließlich in einem Fazit auf die Ausgangsfrage zurückgeleitet und diese versucht abschließend zu beantworten.

1. Der Wagenlenker von Delphi als Bildnis griechisch antiker Mode

"Immer hielt die griechische Kunst die Waage zwischen einer treuen

Befolgung der Regeln und einer groß en Freiheit innerhalb der Regeln,

und das hat sie zum bewunderten Vorbild später Jahrhunderte gemacht."1

Das erste Kapitel befasst sich mit der auf 478/74 v. Chr. datierten und erst im Jahre 1896 n. Chr. im Apollo Heiligtum an der Straße von Delphi ausgegrabenen Statue des Wagenlenkers von Delphi, welcher den Ausgangspunkt für eine diese Arbeit abschließende Beantwortung der Fragestellung darstellt. Aufgrund dessen folgt zunächst eine kurze Einordnung der Statue in die Zeit der griechischen Antike und daraufhin eine detaillierte Beschreibung dieser (Vgl. Abb. 1). Anschließend folgt ein Exkurs in die griechisch antike Mode und eine Beschreibung des sog. Chiton, das Gewand, in welches auch der Wagenlenker gehüllt ist.

Der Wagenlenker von Delphi, zu finden im Delphi Museum in Delphi, misst ganze 1,82 m und ist eine Statue, komplett aus Bronze gegossen. Forschungen zufolge muss er schon ca. 356 v. Chr. durch ein Erdbeben verschüttet worden sein und blieb dann bis zu seiner Ausgrabung 1896 verschollen. Diesem Umstand verdankt der Wagenlenker wohl sein Überdauern, denn wurden im Mittelalter, ob des Mangels an Metall, sämtliche bis dato erhaltenen Bronzestatuen eingeschmolzen. Der Wagenlenker von Delphi ist somit eine der nur fünf erhaltenen Bronzestatuen aus dem 5. Jahrhundert vor Christi, was diese Ausgrabung gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem seltenen Zeugnis aus vergangener Zeit und einem chronologischen Fixpunkt der antiken Kunstgeschichte macht. Die Inschrift auf der Basis gibt zwar nur Auskunft über den Stifter, nicht über den Meister selbst. Man weiß jedoch, dass der Bruder eben jenes Stifters die pythischen Spiele von Delphi im Jahre 470 v. Chr. gewann, weshalb man annimmt, dass die diesen Gewinner des Wagenrennens glorifizierende Statue demnach zum nächsten oder übernächsten Tonus der Spiele, vier oder acht Jahre später errichtet wurde.2

Die griechische Antike, die auf einen Zeitraum von 1600 - 100 v Chr. datiert wird, ist die Blütezeit der künstlerischen Entfaltung. Sich von der ägyptischen Kunst weiterentwickelnd und eine subjektive Sichtweise zulassend, war man gerade in der Bildhauerei darum bemüht, durch die Vereinigung von statischen Formen mit einem Rest von Bewegung und Handlung eine Ausgewogenheit und Harmonie von Körper und Seele hervorzurufen.3

Die steinernen Gesichtszüge der Statue sind keine Wiedergabe des echten Wagenlenkers, sondern lediglich ein Abbild der idealisierten menschlichen Gesichtsform. Das ihn umhüllende Kleidungsstück, der Chiton, der wie eine Säule anmutet, denn wie ein wehendes Gewand, der aber nichtsdestotrotz täuschend echt wirkt, spiegelt den durch die strenge statische Formauffassung und verhaltene Bewe- gungskomposition klassifizierten Stil der griechischen Kunst. So ist der Wagenlenker ein gutes Beispiel für die Vermengung von Idealismus und Naturalismus.4

Der Wagenlenker steht starr, aufrecht und mit angehobenen Unterarmen, wobei der rechte Unterarm fehlt, auf der Basis. Sein zur Rechten gedrehter Kopf ist mit einer Binde aus Kupfer und Silber verziert und der sog. Ionische Chiton, verdeckt seinen gesamten Körper bis auf die Füße. Anhand weiterer gefundener Bruchstücke konnte man rekonstruieren, dass der Wagenlenker nur ein Teil eines größeren Denkmals war. So fand man noch einzelne Stücke von steinernen Zügeln, sowie Pferden und einem Wagen, woraus man schloss, dass er einst ein Gespann mit vier Pferden gelenkt haben muss. Eingefangen wurde der siegreiche Moment da er vor das jubelnde Publikum fährt - in einer ausbalancierten Pose, in völliger Selbstdisziplin und totaler emotionaler Kontrolle der Gesichtszüge.5

Als am weitesten verbreitete Kleidung trug man im alten Griechenland den Peplos oder aber den Chiton, beides weit fallende und durch einen zufälligen Faltenfall charakterisierte Hemdgewänder aus meist naturfarbenem Leinen oder Wolle, welche sich im Prinzip hauptsächlich durch ihre unterschiedliche Gürtung unterschieden. Der Chiton, nach 600 v. Chr. wurde er Ionischer Chiton genannt, ist "assyrischer Herkunft und das Hauptstück der griechischen Kleidung"6. Er wurde sowohl von Männern als auch Frauen getragen und hatte keine Schulternaht, sodass sich die Armlöcher direkt aus den Oberkanten des Stoffstücks ergaben, die nur durch sog. Fibeln, ähnlich der Sicherheitsnadeln oder Broschen, oder aber Knöpfe zusammengehalten wurden (s. Abb. 2). So hatte der Chiton an sich keine Ärmel, durch eine vergrößerte Weite des länglich rechteckigen Stoffstücks konnten aber teils Scheinärmel entstehen. Den Wagenlenkern diente dieses Gewand als Schutz vor dem Wind und die straffe Schnürung an den Schultern sollte, anders als in den im Folgenden behandelten Delphosroben, bei denen sie einzig dem Schmucke diente, ein Aufblähen verhindern.7

2. Die Delphosroben Mariano Fortunys

Die sog. "Delphosroben" des Erfinders, Künstlers und Designers Mariano Fortunys sind Hauptgegenstand dieses zweiten Kapitels. Im Anschluss an eine kurze Zusam- menfassung des Lebenslaufes Mariano Fortunys folgt eine Beschreibung der Roben, die in einem direkten Zusammenhang mit dem Gewand des vorab behandelten Wagenlenkers von Delphi stehen, bevor sich in dem noch folgenden letzten Kapitel eine Einordnung dieser in die damalige Zeit und unter Berücksichtigung der Fragestellung anschließt.

"Da sie [die Delphosroben] nie einer aktuellen Mode entsprachen, wurden sie auch nie wirklich unmodern, (...)".8

Der Maler, Architekt, Fotograf, Erfinder, Modeschöpfer und Bühnenbildner, sowie Stoffdesigner und -hersteller Mariano Fortuny y Madrazo (s. Abb. 3) wurde am 11.5.1871 in Granada in Spanien geboren und verstarb im Alter von 77 Jahren am 2.5.1949 in Venedig. Er entstammte einer Künstlerfamilie, durch die er schon früh kreativ gefördert wurde und mit der großen elterlichen Stoffsammlung in Berührung gelangte. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog die Familie nach Venedig, wo Fortuny 1907 im Bezirk San Marco den Palazzo Pesaro-Orfei, heutzutage umbenannt in Palazzo Fortuny, kaufte. Dort lebte er seiner Zeit zusammen mit seiner Frau, Henriette Negrin, die ihm sowohl Muse war als auch selber Hand an die Erforschung neuer Textilien legte. Der Palazzo wurde zu seiner Hauptwerkstätte und beherbergt heute ein ihm gewidmetes Museum. 1919 gründete Fortuny auf der zu Venedig gehörenden Insel Giudecca ebenso eine Seidenstoffdruckerei. Er betrieb neben seiner Verkaufsfläche in Venedig später auch eigene Boutiquen in Paris, Wien, London und New York.9

Fortunys Leidenschaft galt vor allem dem Theater, so meldete er zahlreiche Patente auf Theaterkulissen und -kostüme an und entwickelte eine verbesserte indirekte Beleuchtung der Bühne. Venedig als kosmopolitische Begegnungsstätte hatte wohl einen bedeutenden Einfluss auf sein Schaffen, aber vor allem Tanz und Theater waren es, die ihn zu dem von 1905 stammenden Erstentwurf seiner später so berühmten Delphosroben inspirierten. Fortuny war kein klassischer Schneider oder Designer, denn er entwarf keine dem Winter-Sommer Tonus angepassten Kollektionen oder bemühte sich um detaillierte Schnitte und Neuerungen.10

Dass er „ mit seiner Delphosrobe keinen Beitrag zur kommerziellen Mode leisten, sondern einen modeunabhängigen Prototyp schaffen wollte"11 und vielmehr ein Künstler und Erfinder war, der sich selbst auch hauptsächlich als ein solcher wahrnahm, kann man sehr gut daran ausmachen, dass er im Zuge der Patentierung des von ihm für die Delphos entwickelten Plissierverfahrens 1909 auch die Roben selbst als Patent anmeldete und diese somit ebenso zu einer Erfindung klassifi- zierte.12

Die Delphosroben mit einem Gewicht von gerade mal 150 g, sind schlauchartig, auf dem Boden aufliegend bis überbodenlang und können wie der Prototyp (s. Abb. 4, 5) nur Scheinärmel bis hin zu halben oder ganzen Ärmeln (s. Abb. 6, 7) haben. Sie sind aus feinstem plissierten Seidenstoffen handgearbeitet, die sich in changierendem, je nach Bewegung und Lichteinfall veränderndem Farbspiel zeigen. Die Schultern und der Saum und wenn vorhanden auch die Ärmel, sind mit kleinen Muranoglasperlen verziert, die neben ihrer ästhetischen Funktion auch die praktische Funktion des Zusammenhaltens und der Beschwerung des Kleides erfüllen. Der dehnbare, gerade Ausschnitt lässt oft auch ein tieferes oder spitzeres Dekolleté zu, immer jedoch besitzt er eine Kordel, die eine individuelle Anpassung erlaubt. Mit dem beigegebenen seidenen Gürtel, mit einem Blatt- oder geometrischen Muster, kann das Kleid je nach Wunsch unterschiedlich gegürtet und variiert werden.13

Die naturfarbene und ungeblichene Seide, die Fortuny als Grundmaterial für die Roben benutze wurde dazu von ihm in wiederholten Farbbädern gestaltet, bis sich ein metallisierendes Nuancenspiel ergab, das die Transparenz und Leichtigkeit des Stoffes noch hervorhebt. Durch die feine Plissierung, der vertikalen schmalsten Fältelung des ganzen Stoffes, dessen Verfahren trotz seiner Anmeldung zum Patent bis heute nicht völlig geklärt ist, wirkt das Kleid wie ein sich öffnender Fächer und verstärkt die irisierende Wirkung von Farbe, Licht und Bewegung. Diese Engfaltigkeit, zu sehen in den Variationen Fortunys wohl berühmtester Entwürfe (s. Abb. 4-7) und ihre Simplizität machen die wesentlichen Eigenschaften der Roben aus. Ihre Leichtigkeit und die Tatsache, dass man die Plissierung am Besten schütze, indem man sie zu Schläuchen gedreht aufbewahrte, machte die Roben zu einem perfekten Reisebegleiter und ermöglichte die Verschickung in kleinen Schachteln.14

Bis auf einige wesentliche Unterschiede gleichen die Delphosroben ganz dem Chiton des Wagenlenkers von Delphi, so ist es unübersehbar, dass Fortuny dieser als Inspirationsquelle gedient haben muss. Die im Gegensatz zu dem Chiton aus Seide gearbeitete Robe lässt die Trägerin z.B. ebenso statuenhaft und wie aus dem Boden wachsend wirken. Als Ausgangsform wurde benötigte man auch eine mehrmals so große Stofffläche wie Größe der Trägerin und, jedenfalls beim Prototyp, besitzt auch die Delphosrobe nur Scheinärmel.

[...]


1 Vgl. Ernst Hans Gombrich: Die Geschichte der Kunst, Berlin: Phaidon Verlag 2005, S. 87.

2 Vgl. Tomas Lochmann: „'Skulptur des Monats' April 2006. Der so genannte 'Wagenlenker von Delphi'", URL: http://www.skulpturhalle.ch/sammlung/highlights/2006/04/ wagenlenker.html, (Stand: 12.5.2012).

3 Vgl. Ingrid Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon, Stuttgart: Philipp Reclam Junior 2011, S. 13 ff..

4 Vgl. Harold Koda: "Goddess. The Classical Mode.", in Kat.: Goddess. The Classical Mode. Metropolitan Museum of Art New York, 29.4. - 3.8.2003 (Hg.: Harold Koda), New York: Yale University Press 2003, S. 12.

5 Vgl. Lochmann: „Der so genannte 'Wagenlenker von Delphi'".

6 Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon, S. 152.

7 Vgl. Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon, S. 152f.

8 Uta Bernsmeier: "Im Gewand der Zeit. Mode der Jahrhundertwenden 1800 - 1900 - 2000", in Kat.: Im Gewand der Zeit. Mode der Jahrhundertwenden 1800 - 1900 - 2000. Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Focke Museum 26.11.2000 - 18.2.2001, Bremen: 2000, S. 112.

9 Vgl. Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon, S. 550 f..

10 Vgl. Vgl. Gerda Buxbaum: "Mariano Fortuny: 1871 - 1949. Der Magier des textilen Designs", in Kat.: Mariano Fortuny: 1871 - 1949. Der Magier des textilen Designs.Österreichisches Museum für angewandte Kunst, 24.Mai - 21.Juli 1985 der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Wien: 1985, S. 25.

11 Bernsmeier: Im Gewand der Zeit, S. 100.

12 Vgl. Ebd, S. 100ff.

13 Vgl. Buxbaum: Mariano Fortuny: 1871 - 1949, S. 26.

14 Vgl. Vgl. Gerda Buxbaum: "Mariano Fortuny: 1871 - 1949. Der Magier des textilen Designs", in Kat.: Mariano Fortuny: 1871 - 1949. Der Magier des textilen Designs.Österreichisches Museum für angewandte Kunst, 24.Mai - 21.Juli 1985 der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, Wien: 1985, S. 27.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Wagenlenker von Delphi als Inspirationsquelle für Fortunys Delphosroben
Untertitel
Was trägt die Statue zur Emanzipation der Frau Anfang des 20. Jahrhunderts bei?
Hochschule
AMD Akademie Mode & Design GmbH
Note
1,2
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V313886
ISBN (eBook)
9783668129900
ISBN (Buch)
9783668129917
Dateigröße
12562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wagenlenker, delphi, inspirationsquelle, fortunys, delphosroben, statue, athleten, emanzipation, frau, anfang, jahrhunderts
Arbeit zitieren
Nina Vöge (Autor), 2012, Der Wagenlenker von Delphi als Inspirationsquelle für Fortunys Delphosroben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313886

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Wagenlenker von Delphi als Inspirationsquelle für Fortunys Delphosroben


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden