Konzepte zum Umgang mit Unterrichtsstörungen in Klassen mit verhaltensgestörten Schülern

Bindungserfahrungen als Krise und Chance?


Essay, 2015
12 Seiten, Note: 1,3
Anna Em (Autor)

Leseprobe

Die 4. Klasse der Schule mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ wird bis auf Sport und Musik in allen Unterrichtsfächern von ihrer Klassenlehrerin unterrichtet. Frau G.s Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern ist gut, sie ist sehr geduldig, gestaltet den Unterricht abwechslungsreich und achtet auf Differenzierung. Doch obwohl sie einen guten Draht zu den Schülern hat, stehen Unterrichtsstörungen und Konflikte auf der Tagesordnung. Schon der Stundenbeginn verzögert sich regelmäßig, weil einige Schüler ihre Materialien nicht ausgepackt haben, noch einmal zur Toilette müssen oder nach der Hofpause noch kleinere Streitigkeiten austragen. Oft handelt es sich um Bagatellstörungen, wie Schwatzen, Zwischenrufe und verbale Auseinandersetzungen zwischen den Schülern, sehr häufig aber auch um motorische Unruhe, die sich in unangemessenem Herumlaufen oder anderen Aktivitäten äußert. Zu Verzögerungen und Störungen im Unterrichtsablauf kommt es auch durch unerledigte Hausaufgaben, Zuspätkommen oder allgemein aufgrund mangelnder Lernmotivation. Häufige Fehlzeiten einiger Schüler sind ebenfalls ein Thema, wobei die Krankschreibungen durch die Eltern nicht immer schriftlich vorliegen bzw. die Begründungen nicht glaubhaft erscheinen.

Die hier beschriebenen Unterrichtsstörungen gehören zum Alltag von Pädagogen und Schülern, sie sind in unterschiedlichem Ausmaß im Unterrichtsgeschehen aller Klassenstufen und –Schularten beobachtbar. Unterrichtsstörungen werden von Lehrkräften als zunehmend stärker werdende Belastung wahrgenommen, wobei dieser Fakt von Erziehungshilfeschulen und in steigerndem Maße auch von Schulen mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ besonders deutlich vermeldet wird. In Lehrerbelastungsstudien erwiesen sich Unterrichtsstörungen als besonders gravierende Stressfaktoren, die nachweislich sowohl Lehrergesundheit als auch die Wirksamkeit des Unterrichts beeinträchtigen.

Unterrichtsstörungen können von verschiedenen Standpunkten aus erklärt werden: mit Blick auf die Schüler und deren Eigenschaften und Verhaltensweisen, als Unterrichtsstörung, die aus Eigenschaften und Verhaltensweisen der Lehrkraft resultiert oder als Unterrichtsstörung, die durch äußere Bedingungen – schulische und institutionelle Rahmenbedingungen - hervorgerufen wird. Die eingangs beschriebenen Störungen ließen sich wohl am ehesten unter der Kategorie „Disziplinschwierigkeiten“ verorten, die von Schülern gezeigt werden und gegenüber denen der Pädagoge Präsenz zeigen, auf die er Einfluss nehmen, die er natürlich auch unter didaktischem Gesichtspunkt („Passung von Inhalt / Methode und Schülerschaft“) beleuchten muss.

Es sollte dabei nicht darum gehen, Störungen möglichst effektiv zu bekämpfen, sondern vielmehr darum, Rahmenbedingungen für guten Unterricht zu schaffen, so dass Unterrichtsstörungen gar nicht (oder realistischer: in geringerem Ausmaß) auftreten. Gefragt ist eine – möglicherweise die - Basiskompetenz von Lehrkräften: das Herstellen und Aufrechterhalten von Ordnungsstrukturen im Klassenraum.

Eine Vielzahl an Trainingsprogrammen und pädagogischen Konzepten bieten Erklärungsansätze und Handlungsmöglichkeiten für den Umgang mit Unterrichtsstörungen. Ein Klassiker in Bezug auf das Erlernen von Klassenführungskompetenz ist dabei das Konzept des „Classroom Managements“. Lehrkräfte greifen darauf sehr häufig zurück, da es einen gut strukturierten Überblick über die vielschichtigen Aufgaben bei der Klassenführung ermöglicht. Classroom Management bietet ihnen eine Vielzahl von Maßnahmen, die sie präventiv ergreifen können, um von vornherein einen möglichst störungsfreien Unterricht zu gewährleisten, das Klassenklima zu verbessern und Disziplinschwierigkeiten und Konflikte zu vermeiden. Ein wesentlicher Baustein ist dabei die eigene gute Vorbereitung auf die Schüler, deren besondere Bedürfnisse, ihren sozialen Entwicklungsstand und Lernstand. Mit Blick auf die eigenen pädagogischen Ziele und Erwartungen muss mit den Schülern ein Regelsystem erarbeitet, eingeführt, geübt und konsequent verfolgt werden. Dem ritualisierten Üben von Verfahrensabläufen kommt dabei große Bedeutung zu. Bezug nehmend auf den Unterricht in der eingangs beschriebenen Förderschulklasse könnte somit Unterrichtsstörungen, wie verspätetem Auspacken der Unterrichtsmaterialien, Zwischenrufen und Schwatzen etc. durch konsequente Klassenführung prinzipiell vorgebeugt werden.

Diese Disziplin- bzw. Bagatellkonflikte stellen jedoch nicht das eigentliche Problem für die Lehrerin besagter Förderschulklasse dar, sondern die Störungen, die im Unterricht mit stark verhaltensauffälligen Schülern auftreten. Lehrkräfte beklagen vor allem das mangelnde Anpassungsvermögen dieser Schüler an andere Peers in Gruppenarbeitssituationen und die starke Tendenz zu Verweigerung und aggressivem Verhalten. In zunehmendem Maße als besonders belastend beschreibt die Lehrerin den Umgang mit Schülern, die ihr gegenüber ein sehr widersprüchliches Verhalten zeigen – sie bewegen sich in einem Kontinuum zwischen „extrem Nähe suchend“ und „aggressiv ausagierend“. Hier scheinen Lehrkräfte an die Grenzen solcher vorwiegend behavioristisch – kognitionspsychologisch ausgerichteter Konzepte zur Klassenführung zu stoßen.

So besteht beispielsweise Frau G.s täglich größte Sorge darin, dass Jonas wieder „austicken“ könnte. Jonas gehört zu den Leistungsstärksten der Klasse, ist aber schnell verunsichert und frustriert, wenn ihm etwas nicht sofort gelingt. Wesentlich häufiger als die übrigen Schüler bittet er die Lehrerin, ihm zu helfen und wird schnell wütend, wenn er warten muss. Die allgemeine Festlegung, dass, wenn alle Aufgaben erledigt sind, sich die Schüler auf Nachfrage bei der Lehrerin die letzten Minuten der Unterrichtsstunde am Gruppentisch leise beschäftigen dürfen, erkennt Jonas nicht an. Bei Desinteresse oder gefühlter Überforderung setzt er sich gelegentlich auch ohne Aufforderung an den Gruppentisch und puzzelt. Die unerledigten Aufgaben werden meist nicht nachgearbeitet. Verlangt Frau G., er solle zuerst wenigstens einen Teil seiner Aufgaben erledigen, fängt er an, mit seinen Stiften auf dem Tisch zu trommeln, immer lauter, bis die anderen Schüler genervt sind und selbst nicht mehr arbeiten können. Die Lehrerin versucht es so lang wie möglich „im Guten“, denn Verwarnungen haben keinen positiven Effekt. Der Aufforderung, den Raum zu verlassen, kommt Jonas nicht nach, sondern reagiert verbal und körperlich aggressiv. Versuche, ihn aus der Situation zu nehmen, gestalten sich derart, dass Jonas – sofern er nicht auch das verhindert – von der Lehrerin mit dem Stuhl aus dem Klassenraum geschoben wird. Sie redet dabei beruhigend auf ihn ein und bittet ihn, sich vor der Tür zu beruhigen. Dieses Verfahren führte aber in vielen Fällen dazu, dass Jonas entweder seine Wut an der Tür oder anderem Inventar ausließ bzw. er sich unbeaufsichtigt in der Schule bewegte und sich versteckte. Aus Gründen der nicht zu gewährleistenden Aufsicht wendet Frau G. Time – out daher kaum mehr an. Auch die Auszeit in einer höheren Klassenstufe ist nicht umsetzbar, da Jonas durch verbale Überzeugung nicht dazu zu bringen ist, den Raum zu verlassen und die Lehrer den gewaltfreien Umgang mit den Schülern sehr ernst nehmen. Meist bittet sie dann die anderen SuS, Jonas´ Klopfen zu ignorieren. Aber auch das führt natürlich nicht zu einer Deeskalation. Vielmehr zieht Jonas dadurch den Zorn der ganzen Klasse auf sich, der sich im Nachgang häufig durch verbale und manchmal auch körperliche Angriffe entlädt.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Konzepte zum Umgang mit Unterrichtsstörungen in Klassen mit verhaltensgestörten Schülern
Untertitel
Bindungserfahrungen als Krise und Chance?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Rehabilitationswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V313894
ISBN (eBook)
9783668127975
ISBN (Buch)
9783668127982
Dateigröße
909 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungsgeleitete Intervention, Classroom - Management, Unterrichtsstörungen, Lehrertrainings, verhaltensauffällige Schüler, Bindungsstörung
Arbeit zitieren
Anna Em (Autor), 2015, Konzepte zum Umgang mit Unterrichtsstörungen in Klassen mit verhaltensgestörten Schülern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313894

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