Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" und der Literaturstreit von 1990. Analyse der Entstehungs- und Verlaufsgeschichte


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,0

Julius Ledge (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Literaturstreit
2.1. Phase 1: Initiation des Streits
2.1.1. Vorgeschichte - die Rezensionen Nolls und Reich-Ranickis
2.1.2. Kritik an DDR-Autoren
2.2. Phase 2: Abrechnung mit der DDR-Literatur
2.2.1. Eskalation des Streits
2.2.2. Degradierung der DDR-Literatur
2.3. Phase 3: Gesinnungsästhetik und Akteneinsicht

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1. Monographien
4.2. Zeitschriftenaufsätze
4.3. Sammelbände

1. Einleitung

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“1 Die Aussage dieser Sätze, die Christa Wolfs 1976 erschiehenen Roman Kindheitsmuster einleiten, spielen in dem Schaffen und Leben der Autorin eine übergeordnete Rolle. „Erinnern und Vergessen werden zu Wolfs Königsthema“2. So gehört auch die 1929 geborene Autorin zu jener Generation welche im Nachkriegsdeutschland diese Begriffe zu Leitworten machte, um die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten. Genau die Leitworte sollten es allerdings auch sein, mit denen Christa Wolf nach einem weiteren deutschen Kapitel stark konfrontiert werden sollte und die in Beziehung zu Begriffen, wie „Heuchelei“, „Lebenslüge“ und „DDR- Staatsdichterin“ gesetzt werden sollten.

Auslöser dafür war das Erscheinen von Wolfs Erzählung Was bleibt kurz vor der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990. Unschwer lassen sich in dem Werk autobiografische Züge erkennen. Erzählt wird von einem Tag im März 1979. Eine Ostberliner Schriftstellerin schildert in ihrer Wohnung in inneren Monologen ihren Tagesablauf, ihre Gedanken und ihre Ängste. Sie weiß, dass sie von der Staatssicherheit der DDR observiert wird und kann deren Mitarbeiter nicht nur spüren sondern auch vor ihrem Haus beobachten. Den Höhepunkt der Erzählung bildet eine unter Polizeischutz stehende Lesung bei der ebenfalls Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes anwesend sind.

Ziemlich genau zeichnet die Erzählung ein Abbild davon, wie ein Schriftsteller in der DDR gelebt und observiert wurde. Was bleibt lässt damit Rückschlüsse auf das Leben Christa Wolfs zu. Auch sie wurde von 1965 an von der Stasi überwacht3 und kann so ein ziemlich genaues Bild eines privilegierten aber dennoch eingeschränkten Schriftstellers auf ihr Werk projizieren.

Wie eine solche kleine Erzählung aber einen so medienwirksamen Literaturstreit auslösen konnte, der über die Grenzen des Buches hinweg auch die Autorin Christa Wolf verurteilte und sich so weit ausdehnte, dass es am Ende nicht mehr um Werk und Autor, sondern um das Urteil einer ganzen politischen und literarischen Nation ging, soll in der vorliegenden Semesterarbeit geklärt werden. Im speziellen geht die Arbeit hierbei auf die Ursachen, die Auslöser und den Werdegang der Debatte ein. In diesem Zuge wird auch der zu diesem Thema geprägte Begriff der Gesinnungs ä sthetik genauer beleuchtet werden, bevor sich mit der Frage beschäftigt wird, ob sich Christa Wolf mit ihrer Erzählung nachträglich zum Opfer stilisieren wollte, obwohl sie als anerkannte und in der DDR mit etlichen Preisen ausgezeichnete Autorin und „ihrer Art einer moderat modernen und mäßig oppositionellen Stillhalteliteratur letztlich das autoritäre System der DDR gestützt“4 hatte.

Da der Streit zum Großteil in den Feuilletons großer Zeitungen ausgetragen wurde, ist es unumgänglich, dass diese in der vorliegenden Arbeit genauer beleuchtet werden. Die zusätzlich verwendete Sekundärliteratur setzt sich aus einschlägigen Lexika, wie Kindlers Literaturlexikon oder dem Metzler Lexikon DDR Literatur und den umfangreichen Sammelbänden von den Herausgebern Karl Deiritz und Hannes Krauss

(Der deutsch-deutsche Literaturstreit oder gebundener Zunge “) sowie Thomas Anz Literaturstreit im vereinten Deutschland.)

2. Der Literaturstreit

2.1. Phase 1: Initiation des Streits

„ Freunde, es spricht sich schlecht mit (Es geht nicht um Christa Wolf. Der

2.1.1. Vorgeschichte - die Rezensionen Nolls und Reich-Ranickis

Es geht nicht um Christa Wolf, so betitelte Thomas Anz seinen zum Literaturstreit erschienen Sammelband. Dass es sehr wohl auch um Christa Wolf persönlich ging zeigte sich jedoch schon einige Jahre vor der eigentlichen Initiation des Literaturstreits. Mit persönlichen Angriffen reagierte Chaim Noll in einer Rezension zu Christa Wolfs Die Dimensionen des Autors 5 in der Welt. Der Titel seiner Rezension Die Dimensionen der Heuchelei 6 spielte direkt auf den Text Christa Wolfs an und der Inhalt rechnete eiskalt mit der DDR-Schriftstellerin ab. „Die große Lebenslüge der Christa Wolf besteht darin, dass sie sich einem politischen System zur Verfügung stellt, dessen Amoralität ihr bewusst ist.“7 Noll wirft ihr vor ganz im Dienste des Staates geschrieben zu haben und dass ihre Kritik an der DDR „immer wohltemperiert und parteilich“8 blieb.

Wann immer ihr Auftreten für sie selbst riskant zu werden begann, nahm sie sich zurück. Als sie nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann gemeinsam mit Stephan Hermlin die bekannte Unterschriften-Aktion für den Sänger initiierte, folgten Hunderte von meist jungen DDR-Intellektuellen diesem Beispiel und unterschrieben auf den Namen Christa Wolf wie auf einen Wechsel. Dann zog die Schriftstellerin in einer Parteiversammlung des Ost-Berliner Schriftstellerverbands ihre Unterschrift zurück und übte „Selbstkritik“.9

Chaim Noll spricht der Autorin in seinem Welt -Artikel jegliche Charakterfestigkeit ab und wirft ihr letzten Endes Heuchelei vor. Kritik am deutschen Unrechtsstaat wurde nur zu wenig oder zu verdeckt geäußert und wenn es für Wolf bedrohlich wurde, wie nach der Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung Biermanns, dann zeigte sie stets Reue, kritisierte ihr Handeln und nahm wieder die Rolle der systemkonformen Schriftstellerin ein, während ihre Gefolgsleute unter schweren Repressalien zu leiden hatten.

Mit ähnlichen persönlichen Angriffen reagierte auch Marcel Reich-Ranicki wenige Monate später in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.10 Anlass dafür war eine Laudatio die Christa Wolf auf den Kleistpreisträger Thomas Brasch gehalten hatte. Darin hatte sie behauptet, dass erst DDR mir ihren Widersprüchen den 1976 aus der DDR geflohenen Brasch kreativ gemacht habe. Ranicki kontert scharf und meint, dass das Heimatland Braschs ein Ort war an dem „er schikaniert und tyrannisiert wurde und aus dem man ihn schließlich vertrieben hat.“11 Nicht die DDR, die Brasch einschränkte und zensierte, sondern die Bundesrepublik war es, die dem Schriftsteller seine Unabhängigkeit und Freiheit gab und ihn damit kreativ machte.

Auch sei die gesamte Lobrede an den Preisträger „weniger an die in Frankfurt Versammelten gerichtet [...], als an die Genossen in Ost-Berlin“.12 Denn so wie sie es immer tut, verschönere Wolf auch hier die Missstände in der DDR. Mit „Anstrengung, Reibung, Widerspruch“ verschleiere sie die wahren Beweggründe, die Thomas Brasch zur Ausreise bewegten. Ranicki klärt in seinem Artikel auf und ersetzt diese Begriffe durch Drohung, Schikane und Gefangenschaft. („Wie soll man das nennen: Zynismus, Heuchelei oder ganz einfach Unverfrohrenheit?“13 )

Die gesamte Rezension Ranickis ist weniger eine literarische oder politische Grundsatzdiskussion, sondern vielmehr ein persönlicher Angriff auf Christa Wolf. Er betitelt sie als „Deutschland humorloseste Schriftstellerin“14, „deren künstlerische und intellektuelle Möglichkeiten eher bescheiden sind“15. Ebenso wie Noll greift er den Sachverhalt der Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung Biermanns auf.

Als die SED es 1976 für erforderlich hielt, den Sänger und Poeten Wolf Biermann auszubürgern, hat Christa Wolf einen unter den damaligen Verhältnissen in der DDR ganz ungewöhnlichen Protest zahlreicher Schriftsteller und Künstler sehr wohl unterzeichnet - und ihre Unterschrift rasch und in aller Form wieder zurückgezogen. Wir haben nicht das Recht, ihr dies vorzuwerfen, aber wir dürfen sagen, daß es eine für sie bezeichnende Handlungsweise war: Mit der einen Hand beanstandet sie (eher vorsichtig) gewisse Maßnahmen der SED-Kulturpolitik, mit der anderen beteuert sie (und zwar mit Nachdruck) ihre Treue und Zuverlässigkeit. Immer wieder bewährt sie sich als DDR-Staatsdichterin […].16

Damit spricht Ranicki ihr „Mut und Charakterfestigkeit“17 ab. Obwohl sie Kritik am politische System äußert, tut sie dies zu zaghaft und stets darauf bedacht nicht zu sehr anzuecken. Dem Literaturkritiker fehlt es bei Christa Wolf an Antrieb und Courage, sich gegen die Missstände des politischen Systems, das sie umgibt aufzulehnen. Die zaghafte Kritik gegenüber der DDR auf der einen Seite und die Loyalität gegenüber derselben auf der anderen, machen Christa Wolf in den Augen Ranickis unglaubwürdig und feige. So wird sie „nicht müde, uns zu belehren, daß es im Westen eher scheußlich und schrecklich sei, in der DDR hingegen, allen Makeln und Schwächen zum Trotz, eher hold und hoffnungsvoll“.18

Vielleicht waren es gerade diese Aussagen, die Marcel Reich-Ranicki so sehr provozierten, dass er Christa Wolf derart scharf kritisierte. Hierbei ging es nun weniger um einen Literaturstreit zwischen der Bundesrepublik und der DDR, sondern vielmehr um eine persönliche Abrechnung mit der DDR-Autorin. Es geht nicht um Christa Wolf, so betitelte Thomas Anz seinen Band, der sich mit den Hintergründen und Zusammenhängen des Literaturstreits von 1990 auseinandersetzt. Bei der Initiation des Streits ein paar Jahre zuvor, ging es allerdings und dies bildet eine Antithese zur Behauptung von Thomas Anz, ausschließlich um Christa Wolf.

2.1.2. Kritik an DDR-Autoren

Die Wurzeln des Streits lagen eindeutig schon im Jahr 1987. Obwohl es danach wieder ruhiger um die Sache wurde, griff Ranicki die Debatte im Literarischen Quartett am 30.11.1989 erneut auf. Dabei kritisierte er neben Christa Wolf auch das Verhalten anderer Schriftsteller, wie etwa Stephan Hermlin oder Stefan Heym. Sogar ein aufgebrachter Zuschauer aus dem Publikum saß plötzlich neben dem Kritiker und versuchte ihn in die Schranken zu weisen, ehe er vom Sicherheitspersonal seines Platzes verwiesen wurde.

Nur drei Wochen nach dem Mauerfall war es abermals Marcel Reich-Ranicki, der mit seinen Äußerungen die Grundstein für eine Grundsatzdiskussion um die Literatur der DDR legte.

In Deutschland hat eine Revolution stattgefunden. Und wann immer auf dieser Erde eine Revolution stattfindet, erzählen Schriftsteller gern, sie, die Schriftsteller, hätten dazu wesentlich beigetragen. Wie ist das, haben eigentlich in der DDR die Schriftsteller gesiegt oder versagt?19

Heftig wurde daraufhin diskutiert. Doch ging es dabei vorerst noch weniger um die Literatur der DDR, als vielmehr um das politische und moralische Verhalten ihrer Verfasser. So wurde debattiert, ob die DDR-Autoren an den politischen Veränderungen ihres Staates einen Anteil hatten. Reich-Ranicki behauptet diesbezüglich sogar, die Schriftsteller seien durch die „Ambivalenz zwischen Schikane und Privilegierung [vom System] korrumpiert“20 worden. Erneut greift der Kritiker auch das Verhalten Christa Wolfs in der Biermann-Affäre an. Dabei kritisiert er, dass die Autorin damals ohne Repressalien fürchten zu müssen aus der Partei hätte austreten können und dass ihr später Abgang von der SED „jetzt, wo die SED an Einfluß und Macht sehr, sehr viel eingebüßt hat“ einer „lächerliche[n] Geste“21 gleicht.

[...]


1 Wolf, Christa: Kindheitsmuster. Berlin, Weimar 1976. S. 9.

2 Opitz-Wiemers, Carola: Christa Wolf. In: Opitz, Martin; Hofman, Michael: Metzler Lexikon DDR- Literatur. Autoren-Institutionen-Debatten. Stuttgart 2009. S. 367.

3 Ebenda. S. 368.

4 Gerlach, Rainer: Was bleibt. In: Arnold, Heinz Ludwig: Kindlers Literaturlexikon. 3 Aufl. Stuttgart 2009 S. 524.

5 Wolf, Christa: Die Dimensionen des Autors. Aufsätze, Essays, Gespräche, Reden 1959-1985. Berlin 1986.

6 Noll, Chaim (1987). Die Dimensionen der Heuchelei. Zu Christa Wolfs Essay-Band "Die Dimensionen des Autors". In: Die Welt, Bonn 04.07.1987.

7 Ebenda.

8 Ebenda.

9 Ebenda.

10 Reich-Ranicki, Marcel: Macht Verfolgung kreativ? Polemische Anmerkungen aus aktuellem Anlass: Christa Wolf und Thomas Brasch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt 12.11.1987.

11 Reich-Ranicki, Marcel: Macht Verfolgung kreativ? Polemische Anmerkungen aus aktuellem Anlass: Christa Wolf und Thmas Brasch. In: Anz, Thomas (Hrsg.), Es geht nicht um Christa Wolf. Der Literaturstreit im vereinten Deutschland. Frankfurt am Main 1995. S. 40.

12 Ebenda. S.37.

13 Ebenda. S. 39.

14 Ebenda. S. 36.

15 Ebenda. S. 35.

16 Ebenda.

17 Ebenda.

18 Ebenda. S. 36-37.

19 Anz: Es geht nicht um Christa Wolf. S. 46.

20 Ebenda. S. 47.

21 Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" und der Literaturstreit von 1990. Analyse der Entstehungs- und Verlaufsgeschichte
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Was bleibt? – Literaturgeschichtsschreibung in der DDR
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V313925
ISBN (eBook)
9783668126671
ISBN (Buch)
9783668126688
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
christa, wolfs, erzählung, literaturstreit, analyse, entstehungs-, verlaufsgeschichte
Arbeit zitieren
Julius Ledge (Autor), 2015, Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" und der Literaturstreit von 1990. Analyse der Entstehungs- und Verlaufsgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313925

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