Wie eine kleine Erzählung wie Christa Wolfs "Was bleibt" einen medienwirksamen Literaturstreit auslösen konnte, der über die Grenzen des Buches hinweg auch die Autorin Christa Wolf verurteilte und sich so weit ausdehnte, dass es am Ende nicht mehr um Werk und Autor, sondern um das Urteil einer ganzen politischen und literarischen Nation ging, soll in der vorliegenden Semesterarbeit geklärt werden.
Im speziellen geht die Arbeit hierbei auf die Ursachen, die Auslöser und den Werdegang der Debatte ein. In diesem Zuge wird auch der Begriff der Gesinnungsästhetik genauer beleuchtet werden, bevor sich mit der Frage beschäftigt wird, ob sich Christa Wolf mit ihrer Erzählung nachträglich zum Opfer stilisieren wollte.
„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ Die Aussage dieser Sätze, die Christa Wolfs 1976 erschienenen Roman „Kindheitsmuster“ einleiten, spielen in dem Schaffen und Leben der Autorin eine übergeordnete Rolle. So gehört auch die 1929 geborene Autorin zu jener Generation welche im Nachkriegsdeutschland die Begriffe „Erinnern“ und „Vergessen“ zu Leitworten machte, um die jüngste Vergangenheit aufzuarbeiten. Genau die Leitworte sollten es allerdings auch sein, mit denen Christa Wolf konfrontiert werden sollte und die in Beziehung zu Begriffen, wie „Heuchelei“, „Lebenslüge“ und „DDR-Staatsdichterin“ gesetzt werden sollten.
Auslöser dafür war das Erscheinen von Wolfs Erzählung „Was bleibt“ kurz vor der deutschen Wiedervereinigung. Unschwer lassen sich in dem Werk autobiografische Züge erkennen. Erzählt wird von einem Tag im März 1979. Eine Ostberliner Schriftstellerin schildert in ihrer Wohnung in inneren Monologen ihren Tagesablauf, ihre Gedanken und ihre Ängste. Sie weiß, dass sie von der Staatssicherheit der DDR observiert wird. Den Höhepunkt der Erzählung bildet eine unter Polizeischutz stehende Lesung bei der ebenfalls Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes anwesend sind.
Ziemlich genau zeichnet die Erzählung ein Abbild davon, wie ein Schriftsteller in der DDR gelebt und observiert wurde. „Was bleibt“ lässt damit Rückschlüsse auf das Leben Christa Wolfs zu. Auch sie wurde von 1965 an von der Stasi überwacht und kann so ein ziemlich genaues Bild eines privilegierten aber dennoch eingeschränkten Schriftstellers auf ihr Werk projizieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Literaturstreit
2.1. Phase 1: Initiation des Streits
2.1.1. Vorgeschichte – die Rezensionen Nolls und Reich-Ranickis
2.1.2. Kritik an DDR-Autoren
2.2. Phase 2: Abrechnung mit der DDR-Literatur
2.2.1. Eskalation des Streits
2.2.2. Degradierung der DDR-Literatur
2.3. Phase 3: Gesinnungsästhetik und Akteneinsicht
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den deutsch-deutschen Literaturstreit um das Jahr 1990 mit einem Fokus auf die Rolle von Christa Wolf und ihrer Erzählung „Was bleibt“. Ziel ist es, die Ursachen, Auslöser und den Verlauf der Debatte zu analysieren und zu klären, inwiefern die Kritik am Werk in eine grundsätzliche politische und moralische Abrechnung mit ostdeutschen Intellektuellen mündete.
- Der Einfluss der Erzählung „Was bleibt“ als Auslöser für den Literaturstreit.
- Die moralische Bewertung des Verhaltens ostdeutscher Schriftsteller durch westdeutsche Kritiker.
- Die Rolle des Begriffs „Gesinnungsästhetik“ in der literaturwissenschaftlichen Diskussion.
- Die mediale Dynamik und Eskalation des Streits im Feuilleton.
- Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und das Ringen um eine gemeinsame deutsche Kultur.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Vorgeschichte – die Rezensionen Nolls und Reich-Ranickis
Es geht nicht um Christa Wolf, so betitelte Thomas Anz seinen zum Literaturstreit erschienen Sammelband. Dass es sehr wohl auch um Christa Wolf persönlich ging zeigte sich jedoch schon einige Jahre vor der eigentlichen Initiation des Literaturstreits. Mit persönlichen Angriffen reagierte Chaim Noll in einer Rezension zu Christa Wolfs Die Dimensionen des Autors in der Welt. Der Titel seiner Rezension Die Dimensionen der Heuchelei spielte direkt auf den Text Christa Wolfs an und der Inhalt rechnete eiskalt mit der DDR-Schriftstellerin ab. „Die große Lebenslüge der Christa Wolf besteht darin, dass sie sich einem politischen System zur Verfügung stellt, dessen Amoralität ihr bewusst ist.“ Noll wirft ihr vor ganz im Dienste des Staates geschrieben zu haben und dass ihre Kritik an der DDR „immer wohltemperiert und parteilich“ blieb.
Wann immer ihr Auftreten für sie selbst riskant zu werden begann, nahm sie sich zurück. Als sie nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann gemeinsam mit Stephan Hermlin die bekannte Unterschriften-Aktion für den Sänger initiierte, folgten Hunderte von meist jungen DDR-Intellektuellen diesem Beispiel und unterschrieben auf den Namen Christa Wolf wie auf einen Wechsel. Dann zog die Schriftstellerin in einer Parteiversammlung des Ost-Berliner Schriftstellerverbands ihre Unterschrift zurück und übte „Selbstkritik“.
Chaim Noll spricht der Autorin in seinem Welt-Artikel jegliche Charakterfestigkeit ab und wirft ihr letzten Endes Heuchelei vor. Kritik am deutschen Unrechtsstaat wurde nur zu wenig oder zu verdeckt geäußert und wenn es für Wolf bedrohlich wurde, wie nach der Unterschriftenaktion gegen die Ausbürgerung Biermanns, dann zeigte sie stets Reue, kritisierte ihr Handeln und nahm wieder die Rolle der systemkonformen Schriftstellerin ein, während ihre Gefolgsleute unter schweren Repressalien zu leiden hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik um Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“ ein und stellt die Forschungsfrage nach den Ursachen und dem Werdegang des Literaturstreits.
2. Der Literaturstreit: Dieses Kapitel analysiert chronologisch die verschiedenen Phasen des Streits, von den ersten persönlichen Angriffen bis hin zur Grundsatzdiskussion über die gesamte DDR-Literatur.
2.1. Phase 1: Initiation des Streits: Hier werden die Vorläufer der Debatte durch Rezensionen von Noll und Reich-Ranicki thematisiert sowie die Kritik an DDR-Autoren im Allgemeinen beleuchtet.
2.1.1. Vorgeschichte – die Rezensionen Nolls und Reich-Ranickis: Dieser Abschnitt befasst sich mit der persönlichen Abrechnung der Kritiker mit Christa Wolf noch vor der eigentlichen Eskalation 1990.
2.1.2. Kritik an DDR-Autoren: Hier wird der Übergang von der Kritik an einer einzelnen Autorin zur inhaltlichen Debatte über das Verhalten der DDR-Schriftsteller im Allgemeinen behandelt.
2.2. Phase 2: Abrechnung mit der DDR-Literatur: Dieses Kapitel beschreibt die Eskalation der Debatte, die durch die Feuilletons der großen Zeitungen massiv befeuert wurde.
2.2.1. Eskalation des Streits: Hier wird aufgezeigt, wie der Streit zum „Medienrummel“ wurde und eine Welle der Solidarisierung sowie der scharfen Ablehnung auslöste.
2.2.2. Degradierung der DDR-Literatur: Dieser Teil beleuchtet, wie die westdeutsche Kritik dazu überging, die Literatur des Ostens pauschal abzuwerten und den moralischen Richter zu spielen.
2.3. Phase 3: Gesinnungsästhetik und Akteneinsicht: Das letzte Kapitel des Hauptteils diskutiert den Begriff der Gesinnungsästhetik und die spätere Debatte um Christa Wolfs Stasi-Vergangenheit.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Literaturstreit als eine notwendige, aber im Tonfall oft verfehlte Auseinandersetzung über die gemeinsame deutsche Vergangenheit.
Schlüsselwörter
Literaturstreit, Christa Wolf, Was bleibt, DDR-Literatur, Gesinnungsästhetik, Marcel Reich-Ranicki, Chaim Noll, Wiedervereinigung, Feuilleton, Stasi-Akte, Intellektuelle, Literaturkritik, Moral, Debatte, Kultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreit um 1990, der insbesondere durch Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“ ausgelöst wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die kritische Auseinandersetzung mit ostdeutscher Literatur, das moralische Verhalten von Schriftstellern im SED-Staat und die mediale Dynamik der deutschen Feuilletons kurz nach der Wende.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Ursachen für die heftige Debatte zu identifizieren und zu klären, warum aus einer literarischen Kritik ein politischer und moralischer Konflikt über die Identität beider deutscher Staaten wurde.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, bei der Rezensionen, zeitgenössische Zeitungsartikel sowie einschlägige Fachliteratur zum Literaturstreit ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert den Streit in drei Phasen: Die Initiation durch frühe Rezensionen, die Eskalation im Zuge der Veröffentlichung von „Was bleibt“ und die spätere Phase der Grundsatzdiskussion um Gesinnungsästhetik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die zentralen Schlagworte sind Literaturstreit, Christa Wolf, Gesinnungsästhetik, DDR-Literatur und die Rolle der Intellektuellen im wiedervereinigten Deutschland.
Inwiefern änderte sich die Rolle von Christa Wolf während des Streits?
Christa Wolf wandelte sich im Verlauf der Debatte von einer konkreten Zielscheibe der Kritik zu einer Symbolfigur für die gesamte intellektuelle Elite der ehemaligen DDR.
Was bedeutet der Begriff „Gesinnungsästhetik“ im Kontext der Arbeit?
Der Begriff beschreibt die These, dass die Ästhetik eines Werkes untrennbar mit der politischen Gesinnung des Autors verknüpft ist, was von Kritikern genutzt wurde, um literarische Qualität über moralische Vorwürfe in Frage zu stellen.
- Arbeit zitieren
- Julius Ledge (Autor:in), 2015, Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" und der Literaturstreit von 1990. Analyse der Entstehungs- und Verlaufsgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/313925