Karl Marx und Niklas Luhmann. Ihr Einfluss auf die (Sozial-)Pädagogik und die Soziale Arbeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Karl Marx - Kapitalismuskritik und Philosophie der Praxis
2.1. Das Basis-Überbau-Modell
2.2. Wirkung auf die (Sozial-)Pädagogik
2.3. Soziale Arbeit in der Zwickmühle zwischen System und Revolution

3. Luhmann - Chaos und Komplexität der Postmoderne
3.1. Komplexität
3.2. Grundlagen der Systemtheorie
3.2.1. Differenz System Umwelt
3.2.2. Funktion und Code
3.2.3. Autopoiesis
3.2.4. Kommunikation
3.3. Wirkungen auf die soziale Arbeit
3.3.1. Autopoiesis und systemorientierte Sozialpädagogik
3.3.2. Utopien und die Rettung der Welt
3.3.3. Funktionssystem? Ja oder Nein?

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Karl Marx und Niklas Luhmann waren zwei der berühmtesten Soziologen der Welt, die mit ihren Theorien großen Einfluss nicht nur auf die Soziologie haben. Ihre Werke werden mittlerweile in verschiedenen Disziplinen rezipiert und viele Fachleute ziehen sie heran, um mit dem Marxismus bzw. der Systemtheorie zu argumentieren. Beide wurden in Deutschland geboren und haben sich für die gesellschaftlichen Phänomene ihrer Zeit interessiert. Zwei unterschiedliche Epochen mit unterschiedlichen Problemen prägen die Werke der beiden. So haben sich zwei scheinbar differente Theoriestränge und Denksysteme entwickelt.

Karl Marx wurde im 19. Jahrhundert in Zeiten, in denen große soziale Not herrschte, geboren. Zeit seines Lebens machte er sich zur Aufgabe dieses Leid der damaligen Zeit zu erklären bzw. es zu beseitigen. Bis heute ist dies (leider) nicht gelungen. Im Gegensatz hierzu ist Luhmanns Systemtheorie vor allem eine Beobachtung der Gesellschaft; mit Kritik hält dieser sich zunächst zurück. Vielmehr sieht er Vorteile in der Beschreibung der Gesellschaft, da man diese erst richtig verstehen soll bevor man mit Moral oder Kritik argumentiert (vgl. Berghaus 2004, S. 21). Grundlage hierbei ist das Prinzip Gesellschaft als System zu sehen. Dieses System besteht aus Kommunikation, die nicht weggedacht werden kann. Was auch passiert, man hat immer die Möglichkeit darüber zu reden, also zu kommunizieren(vgl. ebd. S. 74).

In der vorliegenden Arbeit sollen einige Aspekte der Theorien der beiden Wissenschaftler aufgegriffen werden um sie miteinander zu vergleichen und den Einfluss auf die Soziale Arbeit bzw. die (Sozial-)Pädagogik zu verdeutlichen.

Welche Aufgaben hat die Soziale Arbeit in den beiden Theorien? Schließen sich beide gänzlich aus oder gibt es auch Gemeinsamkeiten? Wie können soziale Ungerechtigkeiten und soziale Probleme mit Marx bzw. Luhmann erklärt werden und wie ist der Einfluss der beiden Autoren auf die Fachliteratur der Sozialen Arbeit und der (Sozial-) Pädagogik? Welche Folgen haben beide Denkweisen auf die Theorie und Praxis der SozialpädagogInnen?

Hierfür wird im ersten Teil der Arbeit die Theorie von Karl Marx kurz umrissen. Geschichtliche Hintergründe und Einflüsse seiner Arbeit werden dargestellt. Fokus hierbei liegt auf dem Basis-Überbau-Modell, welches der These dieser Arbeit nach großen Einfluss auf das Denken verschiedener sozialpädagogischer Theorien hat. Es werden Probleme der Theorie für PädagogInnen verdeutlicht und mögliche Lösungsvorschläge präsentiert.

Im zweiten Teil der Arbeit geht es um die Systemtheorie nach Niklas Luhmann. Auch hier wird kurz umrissen welche Grundlagen die Theorie hat. Es wird nicht der Anspruch gestellt eine komplette Reflexion der Systemtheorie darzustellen, da dies den Rahmen deutlich sprengen würde. Stattdessen wird auf einige Grundbegriffe fokussiert um im Anschluss die Auswirkungen für die Soziale Arbeit und die (Sozial-)Pädagogik zu veranschaulichen. Es werden Vergleiche zu Marx gezogen und sowohl Vor-, als auch Nachteile der Systemtheorie verdeutlicht. Im letzten Teil soll vor allem die Frage gestellt werden, welche Funktion die Soziale Arbeit in der Gesellschaft hat und was eine systemtheoretische Perspektive auf die Gesellschaft für (Sozial-) PädagoInnen bedeutet.

2. Karl Marx - Kapitalismuskritik und Philosophie der Praxis

Kein anderer Philosoph hat das 20. Jahrhundert so geprägt wie Karl Marx. Er wird in einer turbulenten Zeit des Umbruchs in Mitten der industriellen Revolution geboren, die stark durch Aufklärungsideale geprägt ist. So verwundert es kaum, dass seine Kritik an Politik, Recht und Religion viele Hörer auf sich zieht und nach wie vor Einfluss auf Theorien nicht nur der sozialen Ungleichheit, hat (vgl. z.B. Jacoby 2001, S. 224-231). Eine wichtige Methode Marx´ ist die geschichtliche Erklärung der Gesellschaft. Grundlage ist hierbei die Idee, dass sich die Gedanken der Menschen durch ihre gesellschaftliche Praxis bilden, d.h. das Sein bestimmt das Bewusstsein und kreiert dieses. Somit ist das Bewusstsein eines jeden Menschen durch dessen Sein also durch die Umwelt in der er lebt, geprägt. Marx sieht eine historische Entwicklung von verschiedenen Produktionsweisen und damit von verschiedenen Bewusstseinszuständen, die er als Entwicklungsprozess der Menschen deutet. So fing die Menschheit in der Urgesellschaft an zu leben. Es entwickelte sich ein Weg über die Sklavengesellschaft zum Feudalismus hin zum Kapitalismus. Dieser Kapitalismus spielt die entscheidende Rolle für Marx, denn es gilt ihn zu überwinden, um einen neuen Bewusstseinszustand (wieder-)zu erlangen, den Kommunismus. In diesem Bewusstseinszustand der klassenlosen Gesellschaft, in der es keine Ungerechtigkeiten mehr geben soll, soll die Menschheit ihren ursprünglichen Naturzustand, den der Urgesellschaft wiedererreichen und in Frieden, das heißt ohne Ausbeutung und Unterdrückung, leben. Marx legt den Fokus seiner Studien auf die Ökonomie und befasst sich sehr genau mit ökonomischen Theorien seiner Zeit (z.B. David Ricardo und Adam Smith). Er sieht im Kapitalismus die Ursache des Leidens der Menschen und der sozialen Ungerechtigkeiten. Würde dieses Übel beseitigt werden, könnten auch andere Bereiche des Menschen positiv beeinflusst werden und die Menschen in Frieden und Freiheit leben (vgl. Berger 2008, S. 13-21).

2.1. Das Basis-Überbau-Modell

Da Marx sich mit sozialen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten befasst und er versucht diese zu erklären ist seine Theorie, so eine These der folgenden Arbeit, bis heute wichtiger Einflussfaktor für die (Sozial-)Pädagogik und die Soziale Arbeit. Außerdem gibt er im Gegensatz zu anderen Philosophen praktische Hinweise um eine bessere Gesellschaft zu schaffen, was der praktischen Sozialen Arbeit entgegen kommt.

Marx erklärt die Ausbeutung der Arbeiterschaft und damit die Entstehung sozialer Ungleichheiten logisch anhand der Verteilung des Mehrwerts. Nach Marx könne ein Unternehmen unter den Voraussetzungen des gerechten Tausches gar keine Gewinne erzielen. Problem ist, dass nicht die Arbeit, sondern die Arbeitskraft bezahlt würde. Der Unternehmer eignet sich die Differenz zwischen den Kosten der Arbeitskraft und dem Gewinn aus dem Verkauf des Produktes an und bekommt lediglich dadurch seinen Gewinn. Der Arbeiter dagegen erhält zu wenig Lohn um seine Lebensunterhaltungskosten decken zu können. Die Höhe des Gewinns wird durch die Lohnkosten begrenzt, die daher natürlich möglichst niedrig gehalten werden. Hierdurch werden der Unternehmer zum Ausbeuter und der Angestellte zum Ausgebeuteten, der schließlich verarmt und abhängig vom Ausbeuter ist (vgl. Berger 2008, S.22-26). Marx sieht im Kapitalismus das maßloseste Produktionssystem, das die Menschheit je gesehen hat. Es basiert auf Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unfrieden:

„Das Kapital entwickelte sich ferner zu einem Zwangsverhältnis, welches die Arbeiterklasse nötigt, mehr Arbeit zu verrichten, als der enge Umkreis ihrer eignen Lebensbedürfnisse vorschrieb. Und als Produzent fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit und Ausbeuter von Arbeitskraft übergipfelt es an Energie, Maßlosigkeit und Wirksamkeit alle früheren auf direkter Zwangsarbeit beruhenden Produktionssysteme“. (Marx 2002, S. 299)

Ursprünge dieses Kapitalismus sieht Marx bereits im 15. Jahrhundert in England als die Geldwirtschaft die Bezahlung durch Naturalien verdrängt. Der Prozess des Kapitalismus setzt sich durch die Erfindung von Maschinen weiter fort. Es entstehen die ersten Industrien in England und durch Großgrundbesitzer müssen die ehemaligen Bauern in die Städte ziehen um in den Fabriken arbeiten zu können. Dieser Prozess verschlimmert sich bis ins 18. Jahrhundert. Die hierdurch entstandene Arbeiterschicht (das Proletariat) verarmt, da sie unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und leben muss, da sie durch die Unternehmer ausgebeutet werden (vgl. Berger 2008, S.34-42).

Grundidee des Marxismus ist, dass verschiedene Bereiche der Gesellschaft z.B. Kultur, Politik oder Erziehung von der Ökonomie bestimmt werden und abhängig sind. So kann ein Arbeiter, der wenig verdient nicht ins Theater gehen und ihm wird daher ein gewisser Teil der Kultur verwehrt. Die Politiker werden durch Lobbyisten der Wirtschaft (in-)direkt beeinflusst und pädagogische Ideale wie Selbstbildung und Allgemeinbildung werden missachtet, da sie nicht funktional und produktiv für die Ökonomie sind (vgl. Burri 2004, S. 1-6). Diese Idee der Persönlichkeitsbeschränkung wird noch heute in vielen Theorien der Sozialen Arbeit und (Sozial-)Pädagogik angewandt um weniger Einfluss der Wirtschaft auf andere Bereiche (z.B. der Bildung) zu fordern. Im Folgenden wird dies näher erläutert.

2.2. Wirkung auf die (Sozial-)Pädagogik

Die Marx‘sche Theorie vervielfältigt sich nach seinem Tod. Es entstehen verschiedene Interpretationen und Fortführungen und seine Theorie hat enorme praktische Folgen für die Welt. So entsteht in Russland die UDSSR und der gesamte Ostblock Europas wird zu einer Diktatur unter Stalins. Nach dem 2. Weltkrieg wird Deutschland in BRD und DDR geteilt und der kalte Krieg bestimmt mehrere Jahrzehnte die Politik der ganzen Welt. Auch in Westeuropa entstehen Erkenntnistheorien, die sich auf Marx beziehen (vgl. Kallscheuer 1986). In der BRD der 1950er und 1960er Jahre ist es vor allem die kritische Theorie, die große Teile der Gesellschaft beeinflusst (Stichwort Studentenbewegung). Mit „der Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wird die 1968er Generation beflügelt, sich gegen kapitalistische und rassistische Elemente der bürgerlichen Gesellschaft zu wehren (vgl. Adorno und Horkheimer 2010). Die 1968er Bewegung prangert Ungleichheiten an und wehrt sich gegen das kapitalistische System durch das Entfremdung entsteht. Alte Werte und Normen werden in dieser Zeit hinterfragt, was Einfluss auf verschiedene Bereiche der Gesellschaft hat (vgl. Kallscheuer 1986, S.226- 263). Auch die Sozialpädagogik wird hierdurch beeinflusst und maßgeblich in ihrer Theorie und Praxis bestimmt. Es entsteht die kritische Sozialarbeit, die sich auf Marx bezieht und, so eine These meiner Arbeit, mit dem gleichen Erklärungsmuster des Basis- Überbau-Modells, vorgeht (vgl. z.B. Khella 1974).

Die klassische Auffassung von Sozialarbeit, sozialabweichendes Verhalten zu regulieren um somit die Gesellschaft und damit das System aufrechtzuerhalten, wurde erstmals kritisch hinterfragt und in Frage gestellt. Marx`sche Sozialarbeit kritisiert, dass Randgruppen durch Erklärungen der Selbstverschuldung zu Randständigen werden. Karam Khella (1974) erklärt Randständigkeit jedoch völlig anders und wehrt sich gegen die Erklärung der Selbstverschuldung (vgl. Khella 1974 Einleitung). Ebenso wie Marx sieht auch dieser das Problem der Verelendung von einzelnen nicht im Individuum selbst, sondern verursacht durch die Ökonomie, die den Menschen entfremden lässt, da sie alle anderen Bereiche des Menschen bestimmt (vgl. Khella 1974, S. 5-35). Er bezieht sich auf das Basis Überbau Modell von Marx. So heisst es in Khellas Werk „Theorie und Praxis der Sozialarbeit und Sozialpädagogik“:

„Der gesellschaftliche hberbau (Politik, Kultur, Religion, Wissenschaft, Gesundheitswesen, soziale Versorgung usw.) beeinflusst - hemmend oder fördernd - die Entwicklung der ökonomischen Basis und die Entfaltung der Menschen. Indes sind letztlich alle Erscheinungen in der Gesellschaft Folgen ökonomischer, materieller, d.h. objektiver Vorbedingungen. Die Verelendungserscheinungen sind Folgen einschneidender, tiefgreifender materieller Vorgänge, die das Leben der Menschen als Einzelne oder ganze Gruppen treffen. Auf die Zerschlagung der ökonomischen Lebensgrundlage folgt immer Deformation der sozialen Struktur.“ (ebd.: S. 34)

Auch neuere Interpretationen in der (Sozial-) Pädagogik unter der Marx’schen Brille haben das Basis-Überbau-Modell als Vorbild. So interpretieren einige Bologna-Prozess-Kritiker die Ökonomisierung der Bildung durch die Europäische Union (vgl. z.B. Höhne 2007, S. 30-43 und Vonken 2001, S.503-520). Wahre pädagogische Werte gingen dabei verloren und der Markt bestimme und entfremde das Subjekt. Dieses Interpretationsschema zeigt Höhne (2007) in seiner Kritik am Kompetenzbegriff. Dieser sei durch die Ökonomie geprägt und übernehme nun auch die Pädagogik. Er sieht hierbei eine Eliminierung der Bildung durch den funktionalen Kompetenzbegriff. Klassische pädagogische Ideale wie das Allgemeine der Bildung, die Selbstbestimmung des Subjekts und die Freiheit des Lernens gingen verloren (vgl. Höhne 2007, S.42f). Auch der Sozialpädagoge Ackermann (2007) sieht soziale Verelendung aus Marx‘scher Sichtweise als Folge ökonomischer Fehler. Durch ökonomische Not kommt es zu physischem und psychischem Leid der Betroffenen und das Sein bestimmt wiederum das Bewusstsein. Ackermann stellt fest:

„So lässt sich gut vorstellen, dass derjenige, der seine Arbeit verliert und seine Wohnung aufgeben muss oder schon seit Jahren gezwungen ist, in einem tristen „Mietshausghetto“ zu leben, auch in seinem subjektiven Empfinden negativ beeinflusst ist und etwa Zukunftsängste und Gefühle von Perspektivlosigkeit entwickelt.“ ( ebd.: S. 103)

Dieses kritische Denken hat nach wie vor Einfluss auf Theorien der Sozialen Arbeit. So stellt Neumann (2012) fest, dass die kritische soziale Arbeit seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt und wieder Marx zitiert werden kann (vgl. Neumann 2012, S. 17). Auch die Gründung des Arbeitskreises kritischer Sozialarbeit im Jahre 2005 oder der Gesellschaft für Wissen und Bildung im Jahr 2010 zeugt von dieser Renaissance (vgl. kritischesozialearbeit.de; bildung-wissen.eu und Neumann 2012, S. 18).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Karl Marx und Niklas Luhmann. Ihr Einfluss auf die (Sozial-)Pädagogik und die Soziale Arbeit
Hochschule
Universität Trier  (Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Luhmann Systemtheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V314031
ISBN (eBook)
9783668131989
ISBN (Buch)
9783668131996
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Marx, Niklas Luhmann
Arbeit zitieren
Stephan Schmider (Autor), 2015, Karl Marx und Niklas Luhmann. Ihr Einfluss auf die (Sozial-)Pädagogik und die Soziale Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314031

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