Politik als Sozialrollendrama. Gästestruktur und Inszenierung in öffentlich-rechtlichen Polit-Talks


Masterarbeit, 2015
115 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das politische System und die Medien
2.1. Zum Verhältnis von Politik und Medien
2.1.1. Paradigmen
2.1.2. Mediatisierung und Politainment
2.2. Das Spährenmodell medialer Politikvermittlung
2.3. Inszenierung
2.3.1. Definition und Dimensionen
2.3.2. Politik als Theater
2.4. Personalisierung
2.5. Selbstdarstellungsstrategien politischer Akteure

3. Der Polit-Talk
3.1. Das Genre
3.1.1. Definition und Typologie
3.1.2. Historische Entwicklung
3.2. Zur Wahrnehmung von Polit-Talks
3.3. Gäste in Polit-Talks
3.3.1. Relevanz
3.3.2. Teilnehmerkategorien
3.3.3. Talkshow-Präsenz aus der Perspektive politischer Akteure
3.4. Der öffentlich-rechtliche Programmauftrag
3.5. Aktuell relevante Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
3.5.1. Einschaltquoten
3.5.2. Geschichte und Moderation

4. Forschungsdesign und methodische Umsetzung
4.1. Zentrale Fragen der Studie
4.2. Methode
4.3. Datenmaterial

5. Darstellung der Ergebnisse
5.1. Polit-Talks im öffentlich-rechtlichen Fernsehen
5.2. Struktur und Funktionen von Gästen in Polit-Talks
5.2.1. Funktionen nicht-politischer Akteure
5.2.2. Zentrale Merkmale politischer Akteure
5.2.3. Vielfalt und Ausgewogenheit politischer Gäste
5.2.4. Die Häufung von Akteuren
5.2.5. Politische Akteure in Plenarwochen
5.3. Wie inszenieren sich politische Gäste?
5.3.1. Einführung und erste Erkenntnisse
5.3.2. Ergebnisse der untersuchten Variablen

6. Reflexion der Ergebnisse

7. Schlussbetrachtung und Ausblick

Literaturverzeichnis Codebuch

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Durchschnittliche Einschaltquoten relevanter Talkshows in 2014

Tab. 2: Anzahl der Sendungen und Gäste im Untersuchungszeitraum

Tab. 3: Repräsentativität der Gäste im dritten Analyseabschnitt

Tab. 4: Themenverteilung der Talkshows

Tab. 5: Häufigkeiten von Einzelthemen

Tab. 6: Akteursverteilung der Talkshows

Tab. 7: Akteursverteilung bei politischem Sendungsthema

Tab. 8: Detaillierte Akteursverteilung aller Sendungen

Tab. 9: Detaillierte Akteursverteilung nicht-politischer Akteure

Tab. 10: Anteile nicht-politischer Akteure nach Sendungsthema

Tab. 11: Anteile von Politikern nach Sendungsthema

Tab. 12: Verteilung der Merkmale Geschlecht/aktiv/führend von pol. Akteuren

Tab. 13 Anzahl der Auftritte der Bundesminister

Tab. 14: Die Parteizugehörigkeit politischer Akteure

Tab. 15: Die Anteile der Parteien je Thema

Tab. 16: Anzahl der Auftritte von "Dauergästen" nach Themen

Tab. 17: Anteil der Akteure mit mehr als einem Auftritt je Senung

Tab. 18: Anteile pol. Sendungsthemen und pol. Akteure in Plenarwochen

Tab. 19: Anteile ausgewählter Merkmale politischer Akteure in Plenarwochen

Tab. 20: Test auf Mittelwertgleichheit der zu untersuchenden Variablen

Tab. 21: Korrelationen der zu untersuchenden Variablen..

Tab. 22: Akteursverteilung und Anteile der Kommunikatorsequenzen

Tab. 23: Verteilung der Angemessenheit der Antworten (nur gestellte Fragen)

Tab. 24: Verteilung der Angemessenheit der Antworten (alle Sequenzen)

Tab. 25: Die Anteile verwendeter Urheber- bzw. Quellenangaben

Tab. 26: Die Anteile von Selbstinszenierungsstrategien

Tab. 27: Die Anteile charakteristischer Themenentfaltung

Tab. 28: Die Anteile der Argumentationsstile

Tab. 29: Die Anteile der Muster der Zusp./Dramatisierung und humor. Elemente

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das Sphärenmodell medialer Politikvermittlung

Abb. 2: Anteile politischer Akteure nach Funktionsgruppen

Abb. 3: Anteile politischer Akteure nach Funktionsgruppen und Sendungsthema

Abb. 4: Die Anteile der Parteien im Verhältnis zur Sitzverteilung im Bundestag

Abb. 5: Gäste in Sendungen mit politischem Thema nach Spektrum

1. Einleitung

Als der Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss am 28. September 2014 in der ARD- Talkshow G ü nther Jauch als Gast auftritt, nutzt er die Sendung, um intensiv Werbung für sich und seine Weltanschauung zu betreiben. In der Sendung zum Thema „Gewalt im Namen Allahs - wie denken unsere Muslime1 “ argumentiert Kamouss wortreich. Als Prediger sei es seine Aufgabe, Jugendliche zu „Friedensstiftern“ zu erziehen. So könnte er seinen Teil dazu beizutragen, die islamistische Radikalisierung in Deutschland zu stoppen. Er präsentiert zudem einen Brief des Berliner Innensenators, der ihm für verschiedene Initiativen gegen Gewalt in Berlin dankte. Kamouss stellt sich in der Talkshow durchweg als friedensliebender Prediger dar. Es ist allerdings derselbe Imam, der laut Bundeszentrale für politische Bildung (Jugendkultur, Islam und Demokratie…, 2012) einen „hochgradig radikalisierungsfördernden“ (ebd.) Islam vertritt. Der in der Berliner Al-Nur-Moschee predigt, die deutschen Sicherheitsbehörden zufolge als Sammelpunkt militanter Islamisten gilt (Bartsch, Popp & Scheuermann, 2012). Und der aufgrund seines maßgeblichen Einflusses auf die Berliner Islamistenszene seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird (Langer, 2014). G ü nther Jauch eröffnet Abdul Adhim Kamouss eine Bühne, auf der dieser sich einem breiten Fernsehpublikum nach seinen eigenen Vorstellungen präsentieren kann.

Der Auftritt des Imams sorgt im Nachgang für eine gewaltige Diskrepanz zwischen der Beschreibung durch Sicherheitsbehörden und der Wahrnehmung der Person Abdul Adhim Kamouss bei Betrachtung der Sendung. Das Echo der klassischen wie der sozialen Medien ist gewaltig. Alle führenden Printmedien greifen den Auftritt des Imams auf, die meisten kritisieren ihn scharf. Grundtenor der Qualitätsmedien ist, dass einer Person mit Werten, die klar „in einem Spannungsverhältnis zum Grundgesetz“ (Bittner, 2014) stehen, ein solch großes öffentliches Forum zur Verbreitung seiner Thesen gegeben wurde2.

Der Imam tat bei G ü nther Jauch allerdings nur, was viele andere Akteure, die in Talkshows eingeladen werden, auch tun: Er inszenierte sich selbst. Akteure versuchen über Auftritte in Gesprächssendungen, die Öffentlichkeit von den eigenen Positionen zu überzeugen. Unternehmer argumentieren aus Arbeitgebersicht und somit anders, als Gewerkschafter, die eher eine Arbeitnehmerperspektive einnehmen. Zumeist sind in Talkshows Personen mit klar entgegengesetzten Ansichten vertreten. Bei Ex-post- Bewertung der Sendung gibt es folglich ‚Gewinner‘ und ‚Verlierer‘, je nachdem wie überzeugend die Gäste ihre Argumentationen darlegen konnten. Meyer (2001, S. 52) beschreibt die Zuweisung von Funktionsgruppen in Polit-Talks als Sozialrollendrama. Dieses für die vorliegende Arbeit passende Schlagwort findet sich auch im Titel wieder. Dabei werden Gäste auf ihre soziale Rolle fixiert und im Verlauf der Sendung zurückgestoßen, um den vorher geplanten Ablauf einzuhalten. Für ein solches Sozialrollendrama und einen auch für den Zuschauer interessanten Diskussionsverlauf werden zumeist Akteure mit konträren Positionen eingeladen.

Besonders für Politiker sind öffentliche Auftritte wichtig. Der Zuschauer ist zur gleichen Zeit potentieller Wähler und muss angesprochen werden, um den Erfolg bei der nächsten Wahl für die eigene Person respektive eigene Partei zu sichern. Die großen Polit-Talks im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eignen sich dabei hervorragend für öffentliche politische Kommunikation. Sie erreichen seit einer Programmreform der ARD im Jahr 2011 beinahe täglich ein Millionenpublikum (Gäbler, 2011, S. 8). Talkshows werden - wie am Beispiel des Imams gesehen - von anderen Medien aufgegriffen, wodurch Diskussionen auch im Nachlauf der Polit-Talks weitergeführt werden können. Sie bieten dabei deutlich mehr Raum zur Darlegung von Argumentationen politischer Akteuren als vergleichbare Medien. Fernsehnachrichten oder Tageszeitungen können Aussagen von Akteuren nur in begrenztem Umfang in ihrer Berichterstattung aufgreifen. Für viele Akteure sind Auftritte in Polit-Talks also essentiell. Aber auch für die Talkshows sind Gäste unabdingbar. Denn mit ihnen kann eine hochwertige Vermittlung von politischen Meinungen erfolgen, durch die Zuschauer informiert und unterhalten werden.

Aus diesem Grund untersucht die Arbeit Polit-Talks im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und deren Gäste als zentrale Komponente der Sendungen. Aufgebaut nach einem dreistufigen Trichterverfahren wird im ersten Schritt beleuchtet, welche öffentlich-rechtlichen Talkshows als Polit-Talks bezeichnet werden können. Die Identifizierung relevanter Polit-Talks ist essentiell für die weiteren Untersuchungen.

1. Einleitung

Im zweiten Schritt werden die Gäste der relevanten Polit-Talks in einer quantitativen Inhaltsanalyse detailliert untersucht. Hier wird offengelegt, welchen Funktionsgruppen Gäste überwiegend zugeordnet werden können und ob sich die Zusammensetzung zwischen den Polit-Talks signifikant unterscheidet. Die Arbeit analysiert zudem, welche Art politischer Gäste in die Sendungen eingeladen wird. Ist die Parteizugehörigkeit der Politiker äquivalent zur Zusammensetzung des Bundestages in der laufenden Legislaturperiode? Nehmen an den Polit-Talks hauptsächlich Entscheider - also führende Politiker - oder eher einfache Abgeordnete teil? Unterscheidet sich die Zusammensetzung in Plenarwochen im Vergleich zu Wochen, in denen der Bundestag nicht tagt? Diese und weitere Fragen die Gästestruktur betreffend beantwortet der zweite Analyseabschnitt.

Abschließend wird in einer qualitativen Inhaltsanalyse das Verhalten von Gästen beleuchtet. Auf der Ebene von Kommunikatorsequenzen untersucht die Arbeit, ob sich politische Akteure in Talkshows anders inszenieren als nicht-politische Akteure oder ob zu erwartende Unterschiede in der Selbstinszenierung tatsächlich nicht vorhanden sind. Variablen, die Aufschluss über die Art der Inszenierung von Akteuren geben sollen, sind etwa die Verwendung von Dramatisierungsmustern, die Berufung auf konkrete Quellen in der Kommunikation oder die Verwendung eines konkreten Kommunikationsstils.

Dem Untersuchungsgegenstand wird sich zunächst theoretisch genähert. Nach einer Einführung in das Verhältnis von Politik und Medien werden die für die Analyse zentralen Begriffe wie Inszenierung oder Personalisierung erläutert und Selbstdarstellungsstrategien politischer Akteure aufgezeigt. Weiterhin beschäftigt sich der theoretische Teil mit den unterschiedlichen Facetten des Genres „Polit-Talk“ und den Gästen solcher Fernsehsendungen. Zudem wird die Relevanz von Polit-Talks unter den gesetzlichen Vorgaben des Programmauftrags und aus den Perspektiven der Rezipienten und der Teilnehmer beleuchtet. Der analytische Teil gibt empirische Antworten auf die zentralen Forschungsfragen. Alle Ergebnisse der Untersuchung werden erst dargestellt und anschließend interpretiert. Die Arbeit gibt somit über die Kombination aus quantitativer und qualitativer Inhaltsanalyse umfassend Aufschluss über Gästestruktur und -verhalten in öffentlich-rechtlichen Polit-Talks.

2. Das politische System und die Medien

In politischen Talkshows treten neben anderen Akteuren vor allem Politiker in einem medialen Umfeld auf. Diese Sendungen bilden eine Schnittstelle zwischen Politik und Medien mit Aufgaben, Funktionen und Zielen für alle beteiligten Akteure. Vor der Analyse der Gäste in politischen Talkshows wird daher zunächst das Verhältnis von politischem System und Mediensystem beleuchtet. Anschließend behandelt dieser Abschnitt das Verhalten von Akteuren im medialen Umfeld. Hierzu werden die für die Untersuchung relevanten Schlagwörter Inszenierung und Personalisierung erst definiert und anschließend auf das Verhalten von Politikern in den Medien übertragen.

2.1. Zum Verhältnis von Politik und Medien

Medien fungieren in modernen Gesellschaften als zentrale Vermittlungsinstanz zwischen Bevölkerung und Politik. In Deutschland agieren sie frei von staatlicher und wirtschaftlicher Einflussnahme, um eine politische Unabhängigkeit von Presse und Rundfunk zu gewährleisten (Art. 5 Abs. 1 GG). „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“ (Art. 20 Abs. 2 GG). In einer Demokratie ist das politische System also zwingend auf die Partizipation des Volkes angewiesen.

Für viele Bürger sind Medien die einzige Quelle für politische Informationen und bestimmen den öffentlichen Diskurs. Sie übernehmen neben der Informationsfunktion auch eine Orientierungs- und Kontrollfunktion und vermitteln dem Volk so das politische Geschehen (Gläser, 2010, S. 301). Weiterhin haben die Medien eine Sozialisierungsfunktion, die das Vertrauen in politisches Handeln stabilisiert. Die Relevanz politischer Entscheidungen wird dem Bürger auf diesem Weg sichtbar gemacht. Schließlich haben die Medien eine Bildungs- und Erziehungsfunktion, indem sie zur politischen Meinungs- und Willensbildung beitragen und politische Partizipation ermöglichen (Wegener, 2001, S. 12-13). Medien sind also laut Grundgesetz frei und politisch unabhängig. Gleichwohl kann von einer tatsächlichen Unabhängigkeit zwischen politischem System und Mediensystem nicht die Rede sein. Dies zeigen die folgenden Paradigmen. Nachfolgend werden die beiden Begriffe Mediatisierung und Politainment, die das Verhältnis von politischem System und Mediensystem aufgreifen, definiert und in den Kontext dieser Arbeit eingeordnet.

2.1.1. Paradigmen

Im wissenschaftlichen Diskurs herrscht weitgehend Einigkeit über ein Abhängigkeitsverhältnis von politischem System und Mediensystem. Grad und Richtung der Abhängigkeit sind hingegen umstritten.

Lediglich die Sichtweise des Gewaltenteilungsparadigmas postuliert ein ausschließlich distanziertes Verhältnis und beschreibt die Medien neben den drei bestehenden Gewalten als Kontrollinstanz des Staates. Diese Sichtweise stellt die Autonomie des Mediensystems in den Vordergrund und beschreibt die Medien als einen neutralen Vermittler zwischen Bevölkerung und der Politik (Köstler, 2012, S. 123).

Das Instrumentalisierungsparadigma hingegen beschreibt über ein Dependenz- Dominanz-Verhältnis die wechselseitige Abhängigkeit beider Systeme. Typisch für dieses Paradigma ist eine steuerungstheoretische Sichtweise, bei der zwischen zwei Einflussrichtungen zu unterscheiden ist (Jarren & Donges, 2011, S. 25). Nach Kepplinger (1985, S. 261) sind Medien „in einigen Fällen zur funktionalen Voraussetzung“ für politisches Handeln geworden. Er sieht die Medien als zunehmend eigene Macht, die im politischen System selbst agiert und nicht mehr ausschließlich auf die Politik reagiert. Als Folge müssen sich politische Akteure den Eigengesetzlichkeiten der Medien unterwerfen, um von ihnen gehört zu werden (ebd., S. 261-263). Vertreter, die von der entgegengesetzten Einflussrichtung ausgehen, konstatieren eine Zunahme von Interventionen und Instrumentalisierungen durch das politische System bei zeitgleicher Abnahme der Medien-Autonomie (Köstler, 2012, S. 124). Nach dieser Theorie werden Medien aufgrund eines erhöhten Legitimationsdrucks durch das Volk als direktes Steuerungsinstrument - etwa durch die Einrichtung von Pressestellen oder die Professionalisierung politischer Öffentlichkeitsarbeit - eingesetzt. Durch den Einfluss der Politik nimmt die Autonomie der Medien ab. Die steuernde Kraft des politischen Systems hingegen wird größer (Jarren & Donges, 2011, S. 25). Im Zusammenhang mit der Instrumentalisierungsthese wird mitunter mangelnde Objektivität von Journalisten kritisiert, die aufgrund des großen Einflusses durch das politische System ihre zentrale Aufgabe der neutralen politischen Berichterstattung nur unzureichend erfüllen (Donsbach, 1995, S. 28).

Im Gegensatz dazu beschreibt das Paradigma der Interdependenz und Symbiose wechselseitige Abhängigkeiten und Anpassungsprozesse zwischen politischem System und Mediensystem (Jarren & Donges, 2011, S. 25). Es ist das heute forschungstheoretisch dominierende Paradigma. Danach gehen beide Systeme eine Beziehung ein, bei der „Information gegen Publizität - und umgekehrt - eingetauscht wird“ (Sarcinelli, 1994, S. 39). Im Gegensatz zum Instrumentalisierungsparadigma kann hier allerdings kein System ausgemacht werden, welches das andere dominiert. Politik und Medien sind wechselseitig aufeinander angewiesen und agieren miteinander in einem aufeinander bezogenen Handlungssystem, das durch Regeln und die Zuweisung von Rollen stabilisiert wird (Jarren & Donges, 2011, S. 25-26).

2.1.2. Mediatisierung und Politainment

In den Kommunikations- und Publizistikwissenschaften beschreiben Ausdrücke wie Amerikanisierung3 oder Entertainisierung des Politischen4 die wechselseitige Abhängigkeit von politischem System und Mediensystem. Zwei Schlagwörter dominieren jedoch die Diskussion um Abhängigkeiten beider Systeme: Mediatisierung (auch Medialisierung) und Politainment beschreiben eine sich verändernde politische Kommunikation zwischen Politik und Wähler durch Massenmedien . Wie Strömbäck & Dimitrova (2011) feststellen, findet der Begriff der Mediatisierung in der Wissenschaft wie auch in populärwissenschaftlichen Texten seit mindestens zwei Jahrzehnten Verwendung. Häufig wird er jedoch ohne ausreichende Definition als allgemeiner Begriff herangezogen, der für einen zunehmenden Einfluss von Medien auf die Politik steht (ebd., S. 30-31). Kepplinger (2008, S. 327) präzisiert Mediatisierung. Er bezeichnet mit dem Begriff eine Adaption von Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft an die Bedingungen der Medien. Einhergehend mit dieser Anpassung seien Autonomie- und Funktionsverluste des eigenen Subsystems sowie dessen Verlagerung auf die Medien. Krotz (2003, S. 7) definiert Mediatisierung als Anpassungsprozess von Akteuren an das Mediensystem in immer differenzierter und komplexer werdenden Kommunikationsumgebungen. Die Akteure beschäftigen sich aufgrund des sozialen und kulturellen gesellschaftlichen Wandels mit immer differenzierteren Kommunikationsmedien (Krotz, 2003, S. 7). Den gesellschaftlichen Wandel beschreibt auch Imhof (2006). Für ihn ist Mediatisierung die „Ausdifferenzierung des Mediensystems“ (ebd., S. 191) aufgrund eines Strukturwandels der Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit habe sich nach einer Deregulierung des Mediensystems in den 1980er Jahren fließend von einem „Staatsbürgerpublikum“ zu einem „Publikum von Medienkonsumenten“ (ebd., S. 200) gewandelt, das immer differenziertere Kommunikations- und Medienkanäle nachfrage. An diese Entwicklung segmentierter Zielgruppen passen sich die Medien an. Die drei Systeme (Mediensystem, politisches System und Gesellschaftssystem) werden sich zunehmend ähnlicher (ebd.). Alle Definitionen stimmen darin überein, dass Annäherungen und Adaptionsprozesse von Mediensystem und Akteuren - also auch politischen Akteuren - existieren.

Während die angeführten Autoren Mediatisierung auf unterschiedliche Gesellschaftsbereiche anwenden, beschränkt Meyer (2001) das allgemeine Abhängigkeitsverhältnis von Medien und Gesellschaft auf die Ebene der Politik. Mit dem von ihm eingeführten Begriff der Mediokratie bezeichnet er die Einflussnahme der Medien, die dem politischen System ihre Handlungslogik aufzwingen. In der äußerst kritischen Betrachtung der Mediendemokratie konstatiert Meyer, dass die dem Mediensystem eigentümlichen Regeln auf die Politik übergreifen und die Regeln des politischen Systems einschränken oder sogar außer Kraft setzen (ebd., S. 10). Die Politik wird somit unter dem Druck der Medien „kolonialisiert“ (ebd., S. 200). Als Beispiel hierfür führt Meyer an, dass sich langatmige und komplizierte Prozesse im politischen System dem Wunsch der Medien nach Aktualität und unmittelbaren Entscheidungen annähern. Entscheidungen werden aufgrund des Widerspruchs von politischer Prozesszeit und medialer Produktionszeit vermehrt mit fehlender Weitsicht und Sorgfalt getroffen (ebd., S. 63-64). Das politische System laufe so Gefahr, zu einer „Scheinpolitik“ (ebd., S. 53) zu verkommen.

Weniger kritisch betrachtet Dörner (2001) diese Entwicklung. Mit Politainment führt er in Anlehnung an das bereits bestehende Infotainment einen Begriff in den wissenschaftlichen Diskurs ein, der auf die immer stärker werdende Verschmelzung von Politik und Entertainment hinweist. Politainment bezeichnet eine „bestimmte Form der öffentlichen, massenmedial vermittelten Kommunikation, in der politische Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden.“ (Dörner, 2001, S. 31). Der Begriff unterscheidet zwei Ebenen. Auf der einen Seite steht die unterhaltende Politik (I), in der Politiker und ihre Kommunikationsstrategen sich der klassischen Unterhaltungskultur bedienen und beispielsweise in unpolitischen Medienformaten in Erscheinung treten (ebd.). Auf der anderen Seite steht die politische Unterhaltung (II). Hier bedient sich die klassische Unterhaltungsindustrie politischer Elemente, um sie zur Attraktivitätssteigerung ihrer Produkte einzusetzen. Es steht also bei der politischen Unterhaltung nicht die Informationsvermittlung, sondern die Unterhaltung des Publikums im Vordergrund (ebd., S. 32).

Die in dieser Arbeit zu untersuchenden Polit-Talks sind nach Dörners Definition folglich als politische Unterhaltung einzuordnen, da politische Themen und Personen von Fernsehsendern genutzt werden, um ihre Angebote interessanter zu gestalten. Anders als Meyer (2001) mit dem von ihm geprägten und weitgehend negativ konnotierten Begriff der Mediokratie konstatiert Dörner, dass Politainment durchaus positiv zu bewerten sei. Die Verschmelzung von Politik und Entertainment mache die „Politik wieder sichtbar und sinnlich erfahrbar“ (Dörner, 2001, S. 33) und stelle im Sinne des Publikums „Themen in den öffentlichen Raum“ (ebd.), die anderenfalls der Öffentlichkeit verborgen geblieben wären.

2.2. Das Spährenmodell medialer Politikvermittlung

Nur wenige theoretische Konzepte beschäftigen sich mit der Messung des Politikgehalts von Fernsehangeboten. Die Systematik von Holbert (2005) ordnet Fernsehformate in eine Matrix ein. Die Publikumserwartung, in den Formaten politische Bezüge zu finden, wird ins Verhältnis gesetzt zu der tatsächlichen Intensität politischer Botschaften (implizite versus explizite politische Botschaften). Holberts Modell ist jedoch für diese Arbeit trotz der Schnittstelle von Politik und dessen medialer Vermittlung nicht relevant, da es ausschließlich unterhaltende Fernsehformate beinhaltet. Politische Talkshows mit hohem Informationsanteil sind in dem Modell nicht berücksichtigt (ebd., S. 445).

Im Sphärenmodell von Schwer & Brosius (2008) hingegen finden auch diese Formate Berücksichtigung. Das Modell systematisiert die wechselseitigen Abhängigkeiten von Fernsehangebot und Rezipienten-Merkmalen im politischen Umfeld. Kriterien sind der Anteil an politischer Sachinformation und der Grad der Informations- oder Unterhaltungsorientierung (Schwer & Brosius, 2008, S. 198). Nach diesen Kriterien lässt sich die Intensität medialer Politikvermittlung in vier konzentrische Kreise unterteilen (Abb. 1). Im Kern (I.) stehen klassische, genuine Informationsangebote wie Politmagazine, Nachrichten oder politische Talkshows mit hohem Informationsanteil. Die umgebenden Kreise beinhalten alle Formen der unterhaltenden, medialen Politikvermittlung mit abnehmender Intensität politischer Inhalte. Der zweite Kreis (II.) umfasst unterhaltende Informationsangebote wie Personality-Talkshows oder Magazine mit alltagsrelevanten Themen. Dieser Sphäre (III.) sind non-fiktionale Unterhaltungsangebote wie Late-Night-Shows oder Comedy-Formate zugeordnet. Der äußere Kreis (IV.) umfasst fiktionale Unterhaltungsangebote wie Serien oder Spielfilme (ebd., S. 201-203).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Sphärenmodell medialer Politikvermittlung (Schwer & Brosius, 2008, S. 198)

Die Autoren betonen, dass die Sphärengrenzen nicht statisch sind und eher als Horizonte denn als durch Grenzen abgesteckte Bereiche verstanden werden müssen. Häufig treffen Elemente aus verschiedenen Sphären in einer Sendung zusammen. Informierende Angebote können unterhalten, unterhaltende Angebote gleichzeitig einen informierenden Nutzen für Rezipienten haben (ebd., S. 198-200). Ein Exempel hierfür sind die politischen Talkshows, die im Verlauf dieser Arbeit untersucht werden. Diese werden dem Modell zufolge primär der ersten Sphäre zugeordnet, da sie sich mit genuinen politischen Themen und Akteuren im Rahmen ihrer Funktion auseinandersetzen (ebd., S. 201). Bei geringem Anteil an politischer Information und einer rollenfernen Darstellung politischer Akteure mit klarem Fokus auf Unterhaltung beinhalten Polit-Talks aber auch Elemente der zweiten Sphäre, der unterhaltenden

Informationsangebote. Die Übergänge sind dabei fließend und letztlich abhängig von der konkreten Ausgestaltung der Sendung.

2.3. Inszenierung

Neben Mediatisierung und Politainment gehört auch Inszenierung zu den häufig genutzten Schlagwörtern bei der Beschreibung des Verhältnisses von Politik und Medien. In der Mediengesellschaft ist die richtige Inszenierung heute ein bedeutender Baustein für politischen Erfolg. Definition und Anwendung des Inszenierungsbegriffs in der Politik werden im Folgenden näher erläutert.

2.3.1. Definition und Dimensionen

Der Inszenierungsbegriff ist heute nicht mehr auf den Bereich der Künste - dem er ursprünglich entstammt - beschränkt, sondern lässt sich auf alltägliche Dinge erweitern. Alle Ereignisse mit der Intention, einen vorgegebenen Anschein zu erwecken, können als Inszenierungen bezeichnet werden (Fischer-Lichte, 2001, S. 8; vgl. auch Schicha, 2008, S. 258). Ähnlich umschreibt Oevermann (1995) Inszenierung als das „bewusst und methodisch kontrollierte auf die Erzielung einer bestimmten Wirkung angelegte Gestalten eines Sachverhalts […]“ (ebd., S. 212). Entscheidend ist also, dass ein Ereignis oder eine soziale Realität strategisch auf eine bestimmte Wirkung abzielend konstruiert und kalkuliert wird. Nach dieser Definition können alle Gerichtsverhandlungen, Sportveranstaltungen, Zeremonien und politische Versammlungen als Inszenierungen bezeichnet werden (Fischer-Lichte, 2002, S. 8). In öffentlichen Debatten mit Politikbezug hat sich der Begriff zu einem Schlagwort entwickelt, das vorwiegend negativ konnotiert ist. Während der politischen Inhalts- und Sachebene zumeist Begriffe wie Wahrheit oder Authentizität zugeschrieben werden, sind mit Inszenierungen häufig Bedeutungen wie Schein, Täuschung und Manipulation verbunden. So wird der Begriff in Debatten genutzt, um etwa Aktionen und Kampagnen aus dem jeweils anderen politischen Lager zu kritisieren oder zu diffamieren (Schicha, 2008). Hitzler (1991) weist allerdings darauf hin, dass politisches Handeln an sich mit Inszenierung gleichzusetzen ist, da Parteien im Kampf um Aufmerksamkeit Themen und Kandidaten immer mit dem Ziel arrangieren, eine bestimmte Wirkung zu erzielen (ebd., S. 243). Inszenierung an sich ist demnach auch in einem politischen Umfeld wertfrei.

Die politische Kommunikationsforschung unterscheidet zwei Dimensionen der Inszenierung. Einerseits führen Politiker oder deren Stäbe Ereignisse herbei und stellen sie Journalisten zur weiteren Verarbeitung zur Verfügung. Andererseits inszenieren Medien politisches Geschehen, indem sie komplexe politische Zusammenhänge komprimieren und für Rezipienten aufbereiten. Die Selbstinszenierung von Politikern ist dabei der medialen Inszenierung vorgeschaltet. Medien können letztlich nur aufgreifen, was ihnen von außen vorgegeben wurde (Brosius, Eilders & Burmester, 2005, S. 8). Die Berücksichtigung der Rezipienten vergrößert die Bedeutung medialer Inszenierung beträchtlich. Durch Nachrichtenselektion können Medien Politiker nach ihren Wünschen inszenieren. Politiker verfolgen dabei ein primäres Ziel: Sie wählen ihre Selbstdarstellung so, dass sie von Medien nur positiv an die Rezipienten weitergegeben werden kann (ebd., S. 9). Dieses bereits angesprochene symbiotische Verhältnis von Medien und Politik nimmt Meyer, Ontrup & Schicha (2000) zufolge weiter zu. Denn während Medien die Politik beobachten, richten Politiker ihr Handeln nach dem medialen System aus und gestalten Auftritte immer stärker als medienwirksames und unterhaltendes Ereignis (ebd., S. 15).

2.3.2. Politik als Theater

Um Verhaltensweisen von Individuen differenziert betrachten zu können, verwendet der Soziologe Erving Goffman (2011) das Modell des Theaters zur Beschreibung von Darstellungen in der sozialen Welt. Dieses Modell ist nicht gleichzusetzen mit dem erläuterten Begriff der Inszenierung. Das Theater (oder auch die Theatralität) bezieht sich auf Mittel der Inszenierung. Eine Inszenierung bringt folglich Theatralität erst zum Vorschein (Meyer, Ontrup & Schicha, 2000, S. 14-16). Auch Fischer-Lichte (2001, S. 3-4) grenzt beide Begrifflichkeiten voneinander ab, indem sie Inszenierung neben der Performance, der Korporalität und der Wahrnehmung als einen Aspekt identifiziert, der Theatralität ausmacht. Im Theater spielt der einzelne Akteur nach Goffman (2011) eine Rolle, mit der er sein Publikum möglichst von der Realität des Dargestellten überzeugen möchte. Nur wenn diese Rolle glaubwürdig vermittelt wird, kann der Akteur das Publikum beeinflussen und für seine Ansichten gewinnen. Dabei geht Goffman davon aus, dass jedes Individuum zu jeder Zeit mehr oder weniger bewusst eine Rolle spielt, mit der es sich selbst darstellt (ebd., S. 19-21). Die Darstellung wird idealisiert oder auch sozialisiert, also den allgemeinen Erwartungen des Publikums angepasst. Ziel des Akteurs durch die Sozialisierung ist, den anerkannten Werten der Gesellschaft in höherem Maße gerecht zu werden als dies außerhalb seiner Rolle möglich wäre (Goffman, 2011, S. 35). In der Kommunikation mit dem Publikum versucht der Akteur, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Hierzu werden Nebenereignisse innerhalb der Darstellung entweder so weit kontrolliert, dass sie mit der gegebenen Situation vereinbar sind oder es wird dafür gesorgt, dass Nebenereignisse gar nicht erst auftreten. So wird durch Ausdruckskontrolle vermieden, dass das Publikum durch eine ungewollte Störung die Aufführung als unglaubwürdig empfindet. Dies könnte einen negativen Einfluss auf die Darstellung des Akteurs zur Folge haben (ebd., S. 48-49).

Zur Unterscheidung der Orte, an denen Interaktion und Kommunikation stattfinden, verwendet Goffman innerhalb des von ihm aufgestellten Modells die Begriffe Vorderbühne und Hinterbühne. Mit der Vorderbühne bezeichnet er den Raum, an dem der Darsteller sich in seiner Rolle selbst darstellt. Hier muss er sich an bestimmte Normen halten, vor allem an Höflichkeits- und Anstandsregeln. Da das Publikum alle Vorgänge auf der Vorderbühne mitverfolgt, muss sich der Darsteller fortwährend fragen, ob er die genannten Regeln einhält, welchen Eindruck er gerade erweckt und ob er den Ansprüchen der gegenwärtigen Situation gerecht wird (ebd., S. 100-104). Die Hinterbühne dagegen umfasst alle Orte, an denen die Rolle nicht öffentlich dargestellt wird, zu denen das Publikum folglich keinen Zugang hat. Dort können die Darsteller unbeobachtet ihre Rolle einstudieren. Die Hinterbühne wird vorwiegend zur Verbesserung des Eindrucks auf der Vorderbühne genutzt. Da dem Publikum der Zugang verwehrt bleibt, kann der Darsteller hier seine Maske fallen lassen und die Rolle, die er auf der Vorderbühne einnimmt, für eine gewisse Zeit verlassen (ebd., S. 104-109).

Burns (1972) erweitert Goffmans Modell um den Begriff der Rezeption. „Behaviour is not therefore theatrical because it is of a certain kind but because the observer recognizes certain patterns and sequences which are analogous to those which he is familiar in the theatre“ (ebd., S. 12). Die Rezeption stellt die Wahrnehmung in den Vordergrund und postuliert, dass Theatralität nur von denen wahrgenommen werden kann, die eine Vorstellung von Theater haben. Meyer (1998) überträgt das Modell des Theaters auf die politische Welt. Er stellt sechs Regeln auf, nach denen sich Fernsehakteure wie Politiker für eine erfolgreiche Gestaltung der medialen Vorderbühne richten müssen. Erstens müssen Selektionsregeln für Nachrichtenwerte erfüllt werden, damit politische Ereignisse zu Nachrichten werden können. Zweitens gibt es je nach Mediengattung bestimmte Präsentationsregeln, die sie in ihrer Grundstruktur mit dem Theater teilen. Die dritte Regel ist die Verkörperungsfähigkeit von Ereignissen durch einen Event oder auch durch die aktive Darstellung einzelner politischer Akteure. Viertens müssen Episoden kurz und abgeschlossen sein, während die Frequenz von Handlungsepisoden dagegen hoch ist. Fünftens ist es wichtig, dass politische Akteure das Wechselspiel der Bühnen beherrschen. Sechstens sollen politische Akteure eine unbefristete Medienpräsenz zeigen (Meyer, 1998, S. 48-49). Alle Regeln lassen sich auf die Gäste von Polit-Talks übertragen, die persönlich in einer in sich abgeschlossenen Gesprächsrunde und zu einem festgelegten Thema Stellung beziehen sollen. Dabei müssen sich die Gäste in ihrer Präsentationsweise der Vorderbühne, auf der sie sich befinden, bewusst sein und nachhaltige - also unbefristete - Medienpräsenz zeigen.

Meyer entscheidet sich bewusst für einen an das Theater angelehnten Begriff bei der Beschreibung der Gästestrukturen von politischen Talkshows als Sozialrollendrama (Meyer, 1998, S. 52). Diesem Begriff zufolge werden die Akteure in Polit-Talks im Verlauf einer Sendung immer wieder in die Darstellung ihrer sozialen Rolle zurückgedrängt, um dem Anspruch der vorab festgelegten Inszenierung gerecht zu werden (ebd., S. 52-53).

Die Verhaltensregeln eines Polit-Talks entsprechen also dem aufgezeigten Modell des Theaters. Allerdings werden auch außerhalb der hier untersuchten politischen Talkshows Metaphern des Theaters auf politische Vorgänge oder Symbolik angewendet. Politische Machtausübung beinhaltet neben Sach- und Inhaltsorientierung auch zumeist eine Darstellungskomponente, um Handeln zu legitimieren. Häufig findet in diesem Zusammenhang eine Assoziierung mit Begriffen wie „Staatstheater“ statt. Die Repräsentation eines Staates in Form von Hymnen oder Fahnen sind ebenso wie Bilder, Sprache oder Gestik bedeutende theatralische Elemente für politisches Geschehen (Schicha, 1999, S. 142).

Trotz der anschaulichen Verknüpfung von Theatralität und politischer Inszenierung muss schließlich ein zentraler Unterschied der Begrifflichkeiten aufgezeigt werden: Im Theater werden Handlungen zum Zwecke der Darstellung hergestellt. Dem Zuschauer ist bewusst, dass alle Vorgänge fiktional sind. Bei Theatralität und Inszenierungen im politischen Umfeld - also etwa bei Polit-Talks - kann der Zuschauer hingegen davon ausgehen, dass das Gezeigte real ist oder real stattgefunden hat. Nach Meyer, Ontrup & Schicha (2000, S. 15) ist es daher notwendig, in diesem Zusammenhang von inszenierter Wirklichkeit zu sprechen. Diese resultiert aus einer Verschmelzung der beiden Inszenierungsebenen der journalistischen Inszenierung und der Selbstinszenierung politischer Akteure.

2.4. Personalisierung

Geht es um den öffentlichkeitswirksamen Umgang von Medien mit politischen Themen, ist neben der Inszenierung im politik- und kommunikationswissenschaftlichen Diskurs häufig von Personalisierung die Rede. Der Begriff beschreibt ganz allgemein eine Berichterstattung, in der vermehrt Menschen an Stelle von Institutionen in den Fokus gerückt werden (Rohowski, 2009, S. 19). Für diese Arbeit ist der Begriff von besonderer Bedeutung, da Personen in Polit-Talks eingeladen werden, die häufig stellvertretend für Parteien oder andere Institutionen an der Diskussion teilnehmen.

Personalisierung in der Politik ist weder neu noch ein Phänomen der Mediengesellschaft. Sarcinelli (2011, S. 210) führt die Entstehung des Begriffs auf die Herrschaftssoziologie Max Webers zurück. Dennoch scheint Personalisierung für moderne Demokratien eine immer zentralere Komponente in der medialen Politikvermittlung zu sein. McAllister (2007) hält die zunehmende Personalisierung sogar für eine der zentralen Entwicklungen in modernen politischen Prozessen: „The personalization of politics will remain a - and perhaps the - central feature of democratic politics in the twenty-first century.“ (ebd., S. 585).

In der Forschung besteht ein Konsens über die generelle Existenz von Personalisierungstendenzen, keinesfalls jedoch über Definition und Verständnis von Personalisierung in der Politik (Merkle, 2015, S. 220). Lass (1995, S. 9) versteht unter dem Begriff, dass die Präsentation von Politikern in den Vordergrund rückt und die eigentlichen politischen Fragen hinter der Person zurückstehen. Für diese Form der Berichterstattung ist vor allem die zunehmende Unterhaltungsorientierung in der politischen Kommunikation verantwortlich (Wegener, 2001, S. 122). Kaltefleiter (1981, S. 296) begrenzt den Begriff in einer frühen Definition auf die Wahlentscheidung von Personen und führt an, dass eine zumeist komplexe und von unterschiedlichen Motivationen und Einstellungen geprägte Wahl durch Personalisierung auf eine Entscheidung zwischen Spitzenkandidaten reduziert wird. Trotz der unterschiedlichen Ansätze verstehen alle Autoren5 unter Personalisierung neben dem angeführten Fokus auf dem Menschen auch einen Prozess, der das Politische auf Kosten von Themen- oder Sachbezügen verkürzt.

Als Grund für das zunehmende Interesse an der Person führen Van Aelst, Sheafer & Stanyer (2011, S. 204) zwei miteinander korrelierende Faktoren an: einerseits nehmen die einst traditionellen Bindungen zwischen Wähler und Parteien in Demokratien ab und andererseits steigt die Bedeutung visueller Medien. Hierdurch treffen Bürger häufiger Wahlentscheidungen, die auf Personen, nicht aber auf Inhalte zurückzuführen sind. Politiker müssen sich diesem Prozess anpassen und ihrerseits medial vermehrt als Individuen denn als Parteimitglieder in Erscheinung treten (ebd.).

Personalisierung findet auf Politik-, Medien- und Bevölkerungsebene statt. Es lässt sich auf der Politikebene beobachten, dass Parteien von einem Teil der Wähler nicht aufgrund der Inhalte ihrer Parteiprogramme gewählt werden, sondern diese sich auf die Persönlichkeit des Spitzenkandidaten fokussieren. Die Personenorientierung dominiert somit die Themenorientierung. In der Folge wählen Politiker Strategien, um sich selbst darzustellen (Brettschneider, 2002, S. 14-20). Personalisierung ist für die Medien einer der Faktoren mit dem höchsten Nachrichtenwert. Personen können weit besser und effizienter vermarktet werden als Themen. Folglich findet Personalisierung auch auf der Medienebene statt (Wilke, 1998, S. 286-287). Da sich die Wähler häufig an Personen und nicht an Themen orientieren, wird Personalisierung auch auf der Bevölkerungsebene eingefordert. Kontrovers diskutiert wird auf dieser Ebene die These, dass mit nachlassender Parteienbindung die Orientierung an Personen steigt (Brettschneider, 2002, S. 75-89).

2.5. Selbstdarstellungsstrategien politischer Akteure

Bisher wurde festgestellt, dass politische Kommunikation in der medialen Öffentlichkeit zunehmend über Akteure vermittelt wird, die sich inszenieren, um persönliche Ziele oder Ziele ihrer Partei zu erreichen. In der Sprache des Theaters hat der Darsteller nach Goffman (2011) auf der Vorderbühne die Gelegenheit, durch Anwendung von Selbstdarstellungsstrategien das Publikum von sich zu überzeugen. Die Strategien unterteilt Schütz (1992) in drei Komponenten. Das Verhalten eines Akteurs in einer konkreten Situation kann als Selbstdarstellungsform bezeichnet werden. Der durch die Form angestrebte Eindruck ist das Ziel der Selbstdarstellung. Und die Bedeutung des Verhaltens für den aktuellen Zustand des Selbstbildes wird als Funktion bezeichnet (ebd., S. 72).

Unterschieden werden können assertive, offensive und defensive Formen der Selbstdarstellung. Bei der assertiven Selbstdarstellung baut der Akteur Bilder durch indirekte oder direkte Selbstbeschreibungen auf und stellt sowohl die eigene Persönlichkeit als auch die eigenen Fähigkeiten in den Vordergrund. Werden positive Bilder von sich selbst durch Angriffe auf Dritte aufgebaut, spricht Schütz von offensiver Selbstdarstellung. Dies kann in einer Gesprächssituation sowohl eine Kritik an der Frage oder dem Fragesteller sein als auch eine Abwertung des Gegners. Durch defensive Selbstdarstellung wird ein beschädigtes Selbstbild verteidigt oder wiederhergestellt. Dies ist immer dann notwendig, wenn der Akteur zuvor von anderen Personen angegriffen wurde (ebd., S. 122-123). Das gewünschte Ziel unterscheidet sich je nach gewählter Darstellung. Bei assertiven und offensiven Selbstdarstellungsformen möchte der Akteur positiv von den Rezipienten wahrgenommen werden und durch seine Fähigkeiten bzw. über die Darstellung der eigenen Persönlichkeit kompetent wirken. Weitere mögliche Ziele sind Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit. Hauptziel der defensiven Selbstdarstellung ist es dagegen nicht, ein positives Selbstbild aufzubauen. Hier soll zur Vermeidung eines negativen Bildes möglicher Schaden von der eigenen Person abgewendet werden (ebd., S. 76-78).

Kommunikation und Selbstdarstellung kann neben der verbalen auch auf nonverbaler Ebene stattfinden. Ein Gesetz der Kommunikationstheorie lautet, dass man nicht nicht kommunizieren kann (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1990, S. 53). Die Selbstdarstellung mittels Körpersprache kann also nicht unterbrochen werden. Dadurch ist sie für den Akteur deutlich unkontrollierter als die verbale Kommunikation (Neick, 2012, S. 62). Diese Form der Selbstdarstellung erfolgt vor allem über Gestik und Mimik. Weiterhin gehören die Motorik des Akteurs - etwa die Sitzposition und das allgemeine äußere Erscheinungsbild - zu den Aspekten der nonverbalen Kommunikation. Über sie kann sich der Akteur, ebenso wie bei den erläuterten verbalen Aspekten, selbst darstellen (Argyle, 2013, S. 16-17). Aufgrund der gewählten Analyseform auf Ebene von Kommunikatorsequenzen beschränkt sich diese Arbeit im dritten Untersuchungsabschnitt auf verbale Selbstdarstellungsstrategien von Akteuren.

Die Perzipienten der genannten Strategien und Ziele können variieren. Einerseits richten sie sich gegen den direkten Interaktionspartner. Das kann in einer politischen Talkshow der Moderator oder auch ein oppositioneller politischer Akteur sein. Andererseits ist die Kommunikation auf eine rezipierende Gruppe - also etwa auf das Fernsehpublikum oder die Zuhörer bei einer Podiumsdiskussion - ausgerichtet. Hier kann es mit einem Moderator zwar auch einen direkten Interaktionspartner geben, aber der eigentliche Adressat ist das Publikum - in der politischen Kommunikation der potentielle Wähler (Schütz, 1992, S. 206-207).

3. Der Polit-Talk

Talkshows im Fernsehen weisen global betrachtet eine inzwischen über 60 Jahre lange Geschichte auf. In Deutschland finden sie seit rund drei Jahrzehnten massenmediale Beachtung. Talkshows kennzeichnen nach Dörner (2015, S. 32) wie kein anderes Genre den wirtschaftlichen, inhaltlichen und präsentativen Wandel, welches das Fernsehen seit den 1980er Jahren durchlebt hat. Auf den hohen Stellenwert insbesondere politischer Formate für die Vermittlung politischer Inhalte weist Sarcinelli hin: „Mit Talkshows lassen sich politisch Interessierte ebenso erreichen wie politikferne Publika. Allein dies ist Rechtfertigung genug für ein Sendeformat, das wie kein zweites die Meinungen in Wissenschaft und Öffentlichkeit spaltet“ (Sarcinelli, 2013, S. 6). Der folgende Abschnitt nähert sich dem Typus der politischen Talkshow - auch als Polit-Talk bezeichnet - über Definition und Geschichte von Talkshows im Allgemeinen und stellt dann einen Bezug zur Politik her. Nach einer kurzen Darlegung von Talkshows aus rezipientenorientierter Perspektive wird detailliert herausgearbeitet, warum die eingeladenen Gäste in Polit-Talks die zentrale Komponente der Analyse sind. Weiterhin werden Gründe für die Rekrutierung bestimmter Akteursgruppen erläutert. Nach einer rechtlichen Einordnung von Polit-Talks in den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag beleuchtet dieser Abschnitt abschließend konkrete, für die Analyse als relevant geltende Formate.

3.1. Das Genre

3.1.1. Definition und Typologie

Alle Sendungen, in denen Personen gezeigt (show) werden, die miteinander reden (talk), können als Gesprächssendungen - oder eben Talkshows - bezeichnet werden (Rose, 1985). Diese sehr allgemeine Definition präzisiert Fley (1997, S. 20) durch fünf Merkmale, die Talkshows von anderen Formaten unterscheiden:

1. Gesprächskonzeption: Die Sendung wird von Gesprächen dominiert, die zwei oder mehr Personen miteinander führen. Mindestens eine Person übernimmt dabei die Leitung des Gesprächs, mindestens eine andere Person ist Gast und nicht regelmäßiger Teilnehmer.
2. Primäre Zweckfreiheit: Die Ausführungen der Teilnehmer unterliegen keinen festen Regeln.
3. Einseitige Gesprächsfreiheit: Mindestens ein Teilnehmer besitzt von Beginn an eine freie Meinung.
4. Lokale Einheitlichkeit: Gespräche innerhalb einer Sendung erfolgen zur selben Zeit an einem festgelegten Ort.
5. Seriencharakter: Die Sendung ist ein Abschnitt einer Sendereihe. Die Sendereihe folgt einem bestimmten Konzept mit gleichmäßiger Frequenz. Sendungen werden mindestens alle zwei Monate auf einem festen Sendeplatz ausgestrahlt.

Diese Merkmale beinhalten die zentralen Eigenschaften, die bereits Barloewen & Brandenberg (1975) in einer frühen Definition identifiziert haben. In einer Talkshow ist das Gespräch eher personen- als sachbezogen. Besonders diejenigen Akteure sind als Gast geeignet, deren Persönlichkeit interessant ist. Auch nach dieser Definition ist die zentrale Figur der Gastgeber, der langfristig über Erfolg und Misserfolg einer Sendung entscheidet. Zudem kehrt die Talkshow in regelmäßigem Rhythmus wieder und etabliert sich beim Zuschauer als feste Einrichtung (ebd., S. 18).

Die Optionen zur Einbindung von Zuschauern, die wechselseitige Kommunikation mit dem Publikum und die Gestaltungsmöglichkeiten der Sendung haben aufgrund der Digitalisierung in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen. Durch viele sehr unterschiedliche Formate sind die von Fley aufgestellten Merkmale - insbesondere die primäre Zweckfreiheit und die einseitige Gesprächsfreiheit - nicht mehr für alle Talkshows gleichermaßen gegeben. Auch die von Barloewen & Brandenberg beschriebenen Merkmale scheinen nicht immer zeitgemäß, da bei politischen Talkshows mit hohem Informationsanteil nicht zwangsläufig die Person im Mittelpunkt der Diskussion steht, sondern durchaus auch das Thema der Sendung. Daher scheint nur die sehr breit angelegte und allgemein gehaltene Definition von van Eimeren & Gerhard (1998) geeignet, um nach heutigem Maßstab alle heterogenen Talk-Formate zu umschreiben: „Eine Talkshow ist eine Gesprächssendung zwischen einem Moderator, mehreren Gästen mit oder ohne Publikum, die sich über ein beliebiges Thema unterhalten.“ (ebd., S. 601).

Plake (1999) unterscheidet drei Grundtypen von Talkshows: Personality-Shows6 stellen primär Personen statt Themen in den Vordergrund. Diese Talkshows dienen in erster Linie der Selbstdarstellung von zumeist prominenten Akteuren. Nicht-prominente Personen treten in Bekenntnisshows7 auf, die persönliche Alltagskonflikte oder Schicksalsschläge thematisieren. In Debattenshows schließlich werden Fragen der Politik und des öffentlichen Interesses diskutiert. Der Diskurs und eine Konstellation mit politischen Gästen, Experten oder Betroffenen sind prägend für diesen Typus, wobei ein vorgegebenes Thema im Mittelpunkt des Interesses steht (ebd., S. 32-34). Ergänzend zur Definition von Plake kann ein Format nach Eisentraut (2007, S. 30) als politische Talkshow bezeichnet werden, wenn sie überwiegend themen- und nicht personenbezogen ist und eine bestimmte aktuelle politisch oder gesellschaftlich relevante Frage unter der Leitung eines Moderators in den Mittelpunkt stellt.

Die vorliegende Arbeit sieht den Grundtyp der Debattenshow als das zentrale Analyseelement an. Der Talkshow-Typus Debattenshow ist gleichzusetzen mit dem hier zumeist verwendeten Begriff des Polit-Talks. Im ersten Schritt der späteren Analyse orientiert sich die Untersuchung an den Definitionen von Plake und Eisentraut bei der Identifizierung von relevanten politischen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Für politische Akteure kann der Besuch von Personality-Shows für das Erreichen eines persönlichen Ziels oder des Ziels der eigenen Partei ebenso wichtig sein wie der Auftritt in einer Debattenshow. Allerdings können nicht alle relevanten Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Debattenshow und somit auch nicht als politische Talkshow bezeichnet werden. Solche Formate sind folglich nicht Untersuchungsgegenstand der tiefergehenden Analysen dieser Arbeit.

3.1.2. Historische Entwicklung

Analog zu vielen anderen Formaten im deutschen Fernsehen entstammen auch die Talkshows den USA. Gesprächssendungen der drei Subgenres, die im US- amerikanischen Fernsehen auch heute noch am häufigsten ausgestrahlt werden, entwickelten sich in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Dies sind das Subgenre Late-Night-Show (begründet durch Broadway Open House, 1950-1951 sowie The Tonight Show, 1954-1961), die tägliche Talkshow mit Publikums-Partizipation (begründet durch The Phil Donahue Show, 1967-1995) und die tägliche Morningshow (begründet durch Today, 1952-1959) (Edgerton, 2007, S. 164-167). Bei diesen Sendungen handelte es sich zunächst um Unterhaltungsangebote mit geringem Informationsanteil. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich viele weitere, von diesen Formaten beeinflusste Subgenres von Talkshows (Timberg & Erler, 2002, S. 7).

Auch die heute weltweit verbreiteten Fernsehdebatten zwischen Spitzenkandidaten im Vorfeld von Wahlen haben ihren Ursprung in den USA. Das erste Fernsehduell fand im Präsidentschaftswahlkampf 1960 zwischen dem republikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon und seinem demokratischen Herausforderer John F. Kennedy statt (Kraus, 2011, S. 34). In den 90er Jahren waren Talkshows im US-amerikanischen Fernsehen das populärste Format. Das ist einerseits auf die Popularität von Moderatoren wie Oprah Winfrey, Jerry Springer oder David Letterman, andererseits aber auch auf die vergleichsweise geringen Kosten, mit denen Talkshows produziert werden können, zurückzuführen (Tolson, 2001, S. 1-2). Die erfolgreichsten US-amerikanische Talkshows werden aufgrund ihrer Gewinnspanne häufig auch als „Cash Cows“ bezeichnet (Schultz, 2006, S. 18). Die Verbreitung politischer Talkshows ist im US- amerikanischen Fernsehen bis heute gering, es überwiegen Personality-Shows und Bekenntnisshows (ebd., S. 17).

Die erste Gesprächssendung in Deutschland war der zunächst nur im Hörfunk, später auch im Fernsehprogramm der ARD ausgestrahlte Internationale Fr ü hschoppen (1952- 1987), dem direkten Vorgänger der politischen Talkshow Presseclub. Anders als die ersten Talkshows in den USA war diese Sendung eine Diskussionsrunde, welche ausschließlich Journalisten als Gäste geladen hatte. Die journalistischen Akteure setzten sich mit aktuellen politischen Themen auseinander, sodass der Schwerpunkt der Sendung klar auf Information und nicht auf Unterhaltung lag. Der Fokus auf Information ist zum großen Teil auf den Informations- und Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland zurückzuführen (Foltin, 1994, S. 73-74). Die ersten Talkshows mit Fokus auf Unterhaltung wurden in Deutschland im Laufe der 70er Jahre gesendet.8 Mit dem Aufkommen des Privatfernsehens in den 80er Jahren wuchs die Anzahl solcher Formate deutlich (Gleich, 2001). Ende der 90er Jahre erreichte die quantitative Ausbreitung von Talkshows ihren Höhepunkt. Van Eimeren & Gerhard (1998, S. 602) zählten für das Jahr 1998 insgesamt 65 unterschiedliche TalkFormate im deutschen Fernsehen.

Gesprächssendungen mit politischen Akteuren als Gäste gibt es im Rahmen der sogenannten ‚Elefantenrunden‘ seit den 1970er Jahren in Deutschland. 2002 wurde dieses Format, in dem ausschließlich im Umfeld von Wahlen Spitzenkandidaten als Gäste einladen werden, um die populären ‚TV-Duelle‘ erweitert (Schultz, 2006, S. 135). Sendungen, die dem heutigen Verständnis einer politischen Talkshow entsprechen, entwickelten sich in den 90er Jahren im privaten Fernsehen. Sat.1 sendete mit Talk im Turm (1990-1999) die erste Talkshow, die im wöchentlichen Turnus politische Akteure einlud und mit ihnen aktuelle gesellschaftspolitische Themen diskutierte (ebd., S. 137). Inzwischen gibt es eine Vielzahl solcher Formate, zumeist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie dominieren die Politikdarstellung im Fernsehen und haben in dieser Funktion die in früheren Jahren einflussreichen politischen TV-Magazine abgelöst (Gäbler, 2011, S. 5).

3.2. Zur Wahrnehmung von Polit-Talks

Diese Arbeit verfolgt einen teilnehmer- und medienorientierten Ansatz, indem Polit- Talks aus den Perspektiven der in die Sendungen eingeladenen Akteure und des Mediensystems betrachtet werden. Hier liegen auch die theoretischen Schwerpunkte. Dennoch muss für eine vollständige Betrachtung von politischen Talkshows auch die Sichtweise der Adressaten einbezogen werden, nicht zuletzt da das Fernsehen nach wie vor das wichtigste Meinungsbildungsmedium in westlichen Gesellschaften ist (Hasebrink & Schmidt, 2012, S. 36). Politische Akteure nehmen an Sendungen teil, um sich dem potentiellen Wähler der eigenen Partei zu präsentieren - mit dem Ziel des Machterhalts bzw. -erwerbs für die Partei oder die eigene Person. Medienakteure produzieren Polit-Talks, um neben der Erfüllung des Programmauftrags Interesse bei den Zuschauern zu wecken und einen Erfolg durch hohe Einschaltquoten zu erzielen. Bei beiden Betrachtungen steht der Rezipient im Mittelpunkt der Zielsetzung (ebd.).

Der Uses-and-Gratification -Ansatz untersucht die Rolle der Rezipienten im Umgang mit den Medien (Hasebrink & Popp, 2006, S. 371). Im Gegensatz zum Stimulus- Response-Modell (Schwenk, 2007, S. 25) fragt dieser Ansatz nicht nach der Wirkung von Medien - also den Veränderungen beim Rezipienten - sondern nach Gründen für die Nutzung. Der Rezipient wird so als Nutzer verstanden, der sich aktiv und aus eigener Motivation heraus für ein Medium entscheidet und dieses konsumiert (Treumann, Baake, Haake, Hugger & Vollbrecht, 2002, S. 23). Diese Entscheidung ist aber nicht immer frei und eigenverantwortlich, sondern beruht auf bestimmten Bedürfnissen, die zu einer Selektion von Medieninhalten führen (ebd., S. 24). McQuail (1983, S. 82-83) identifizierte schon vor mehr als drei Jahrzehnten vier politische Bedürfnisse von Rezipienten, die von den Medien befriedigt werden müssen: (1) das politische Informationsbedürfnis, (2) das Bedürfnis nach persönlicher politischer Identität, (3) das Bedürfnis nach Integration, sozialer Interaktion und politischer Partizipation und (4) das Bedürfnis nach Unterhaltung. Medien können nach dem Uses- and-Gratification -Ansatz nur eine ausreichende Wirkung entfalten, wenn der Rezipient sie als lohnend sowie als befriedigend für eines seiner Bedürfnisse einschätzt und deshalb von ihnen Gebrauch macht (Bonfadelli, 2004, S. 170).9

Heute werden politische Informationen nach Williams (2012, S. 117) von Personen vorwiegend genutzt, da sie für ihr eigenes Leben relevant sind. Die wichtigsten Indikatoren für die Glaubwürdigkeit von politischer Information im Fernsehen sind das Vertrauen in die Sender, die Glaubwürdigkeit des Inhalts und die auftretenden Personen. Dies weist Williams anhand der Nutzung von Fernsehnachrichten nach. Die Komponenten sind für den Rezipienten dabei identifizierbar und bewertbar (ebd., S. 122-127). Eine Untersuchung von Darschin & Zubayr (2002, S. 212) kommt zu dem Ergebnis, dass für die Akzeptanz von Polit-Talks drei Variablen - (1) die Teilnehmer der Diskussion, (2) die Aktualität der Themen und (3) die Pluralität der geäußerten Meinungen - den größten Einfluss haben. Aus Sicht der Rezipienten sind die Polit- Talks also neben dem ausstrahlenden Sender vor allem von den auftretenden Akteuren und dem Thema der Sendung abhängig. Akteure und Themen in Polit-Talks sind die beiden zentralen Komponenten der späteren Analyse.

[...]


1 Sendung online abrufbar. URL: http://daserste.ndr.de/guentherjauch/Gewalt-im-Namen-Allahs-wie- denken-unsere-Muslime-,guentherjauch448.html.

2 Vgl. hierzu auch weitere Kritiken zur Sendung (z. B. Schmidt, 2014; Lübberding, 2014; Drobinski, 2014).

3 Vgl. Brettschneider (2009, S. 510).

4 Vgl. Holtz-Bacha (2000, S. 156).

5 Vgl. hierzu auch Scherer, 1998; Karvonen, 2010; Holtz-Bacha, Langer & Merkle, 2014.

6 Beispiele für Personality-Talkshows nach Dörner (2015): Boulevard Bio (ARD, 1991-2003); Johannes B. Kerner-Show (ZDF, 1998-2009) u.a.

7 Beispiele für Bekenntnisshows nach Weiß & Groebel (2013): Hans Meiser (RTL, 1992-2001), Fliege (ARD, 1994-2005) u.a.

8 Z. B. 3 nach 9 (NDR/SFB); K ö lner Treff (WDR).

9 Zur Weiterentwicklung der Gratifikationsforschung vgl. Schwenk (2007, S. 691-694).

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Politik als Sozialrollendrama. Gästestruktur und Inszenierung in öffentlich-rechtlichen Polit-Talks
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
115
Katalognummer
V314032
ISBN (eBook)
9783668129382
ISBN (Buch)
9783668129399
Dateigröße
1144 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anne Will, Günther Jauch, Personalisierung, Mediatisierung, Politainment, Selbstdarstellung, Gäste, Polit-Talk, Politische Talkshow, Programmauftrag, Öffentlich-Rechtlich, Talkshow, Maybritt Illner, Sandra Maischberger, Markus Lanz, Menschen bei Maischberger, Frank Plasberg, Hart aber Fair, Inszenierung, Medien, Politisches System, Goffman, Theater, Selbstinszenieung, Mediengesellschaft
Arbeit zitieren
Urs Schulze (Autor), 2015, Politik als Sozialrollendrama. Gästestruktur und Inszenierung in öffentlich-rechtlichen Polit-Talks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314032

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