In der vorliegenden Hausarbeit werden fünf Lieder von Johannes Brahms analysiert. Alle fünf Liedertexte thematisieren das Leben im Diesseits und im Jenseits. In der Analyse der Lieder wird versucht nachzuweisen, wie Brahms die Haltung der Textautoren durch musikalische Mittel kommentiert und dabei zeitweilig eine den Texten entgegengesetzte Haltung einnimmt. Brahms´ kompositorische Mittel ebenso wie seine Einstellung zu Glaubensfragen werden auf diese Weise beleuchtet.
Obwohl Brahms sich zum evangelischen Glauben bekannte und sich mit bestimmten Bibeltexten intensiv auseinandersetzte, sind sein humorvoller Umgang mit christlichem Denken und sein freigeistiger Denkansatz aus Briefen und Überlieferungen bekannt. Davon, wie er sich mit dem Tod auch in seinem Werk auseinandersetzte, zeugt unter Anderem sein deutsches Requiem, aber auch eine große Zahl seiner Lieder, in denen seine Haltung zum Glauben ebenso eine Rolle spielen dürfte wie dieselbe zum in der Romantik häufig aufgegriffenen Erlösungsgedanken. Von diesen Liedern sollen fünf, Schwermut Op. 58 Nr. 5, Feldeinsamkeit Op. 86 Nr. 2, Todessehnen Op. 86 Nr. 6, Der Tod, das ist die kühle Nacht Op. 96 Nr. 1 sowie Oh Tod, wie bitter bist Du Op. 121 Nr. 3., in der vorliegenden Hausarbeit näher betrachtet werden. Der Tod ist in allen fünf Liedtexten zentrales Thema, verbunden mit eben jenem Erlösungsgedanken und somit auch mit der Frage nach Gottesglaube und Metaphysik. Eine Analyse der Lieder gibt somit Auskunft über Brahms´ Denken bezüglich dieser Fragen, zugleich aber auch über seine Auswahlkriterien für Liedertexte und seine Mittel, diese musikalisch zu deuten.
Um die Werke in Brahms Liedschaffen besser einordnen zu können, soll zunächst Brahms als Liedkomponist beleuchtet werden. Anschließend möchte ich die oben benannten Lieder in chronologischer Reihenfolge insbesondere hinsichtlich ihrer Textausdeutung analysieren. In einem abschließenden Vergleich sollen die Inhalte der Texte und musikalischen Mittel, die Brahms verwendet, zueinander in einen Kontext gestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Brahms als Liedkomponist
2.0. Liedanalysen
2.1. Schwermut Op. 58 Nr. 5
2.2. Feldeinsamkeit Op. 86 Nr. 2
2.3. Todessehnen Op. 86 Nr. 6
2.4. Der Tod, das ist die kühle Nacht Op. 96 Nr.1
2.5. O Tod, wie bitter bist du Op. 121 Nr. 3
3. Abschließender Vergleich
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Johannes Brahms zu theologischen und metaphysischen Fragen, insbesondere zum Erlösungsgedanken durch den Tod, anhand einer Analyse von fünf ausgewählten Liedern. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern Brahms durch seine musikalische Gestaltung die literarischen Vorlagen interpretiert, kommentiert oder gar in ihrem Aussagegehalt infrage stellt.
- Brahms' Auswahlkriterien für Liedertexte und deren musikalische Ergänzung
- Analyse der musikalischen Mittel zur Darstellung von Todessehnsucht und Erlösung
- Die Spannung zwischen christlich-theologischem Glauben und freigeistigem Denken bei Brahms
- Interpretation von Tonalität, Dissonanz und rhythmischer Struktur als Kommentar zur Textbedeutung
- Vergleich der spezifischen Textausdeutung über fünf ausgewählte Lieder hinweg
Auszug aus dem Buch
2.1. Schwermut op. 58 Nr. 5
Den Text des Liedes Schwermut schrieb Brahms´ Zeitgenosse Carl Candidus, (1817-1871), der ein reformierter Theologe war. Seine literarischen und religionsphilosophischen Werke finden heute nur wenig Beachtung. Das Gedicht entstammt Carl Candidus´ Gedichtband Vermischte Gedichte (1869). Das Lied entstand 1871 und wurde im selben Jahr veröffentlicht.
Mir ist so weh ums Herz,
Mir ist, als ob ich weinen möchte
Vor Schmerz!
Gedankensatt
Und lebensmatt
Möcht´ ich das Haupt hinlegen
In die Nacht der Nächte!
Das einstrophige Gedicht ist formal auf mehreren Ebenen unregelmäßig: Zunächst ist hier das Reimschema erwähnenswert. Die erste und dritte Zeile reimen sich aufeinander, ebenso die zweite und siebte Zeile, die zugleich die letzte ist, womit das Gedicht eine ungerade Zeilenlänge hat. Die vierte und fünfte Zeile reimen sich aufeinander, diese können unter Umständen als eine Zeile verstanden werden. Die sechste Zeile reimt sich auf keine weitere Zeile. Ein festes Reimschema ist also nicht gegeben. Dem Gedicht liegt annähernd ein jambischer Rhythmus zugrunde, der jedoch durch einen Rhythmuswechsel und die in ihrer Silbenlänge stark variierenden Verszeilen gebrochen erscheint.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Verbindung von Brahms' Liedschaffen mit dem Erlösungsgedanken und dem Tod ein und definiert die zu untersuchenden Werke.
1. Brahms als Liedkomponist: Dieses Kapitel erläutert Brahms' Auswahlkriterien für Texte, bei denen nicht die lyrische Qualität, sondern die Ergänzungswürdigkeit durch Musik im Vordergrund steht.
2.0. Liedanalysen: Dieses Kapitel bildet den analytischen Hauptteil, in dem fünf Lieder chronologisch hinsichtlich ihrer Textausdeutung und musikalischen Umsetzung untersucht werden.
2.1. Schwermut Op. 58 Nr. 5: Die Analyse dieses Liedes zeigt auf, wie Brahms durch rhythmische Unregelmäßigkeiten und harmonische Mittel die Todessehnsucht des Textes musikalisch deutet.
2.2. Feldeinsamkeit Op. 86 Nr. 2: Hier wird untersucht, wie Naturbetrachtung zur Todessehnsucht führt und wie Brahms musikalische Brüche mit der Intention des Dichters einbaut.
2.3. Todessehnen Op. 86 Nr. 6: Dieses Kapitel analysiert das durchkomponierte Lied und zeigt auf, wie Brahms durch das Verstummen des Klaviers oder groteske Klänge den Erlösungsgedanken kritisch hinterfragt.
2.4. Der Tod, das ist die kühle Nacht Op. 96 Nr.1: Die Untersuchung legt dar, wie Brahms die positive Bewertung der Nacht durch spezifische Klavier- und Melodiemotive in der Musik differenziert und infrage stellt.
2.5. O Tod, wie bitter bist du Op. 121 Nr. 3: Dieses Kapitel beleuchtet Brahms' Auseinandersetzung mit dem Alten Testament und wie er hier Bitterkeit und Erlösung gleichermaßen musikalisch gegenüberstellt.
3. Abschließender Vergleich: Der Vergleich fasst zusammen, wie Brahms in allen fünf Liedern das Todessehnen durch unterschiedliche kompositorische Mittel hinterfragt und den romantischen Erlösungsgedanken kritisch reflektiert.
Schlüsselwörter
Johannes Brahms, Liedkomposition, Todessehnsucht, Erlösungsgedanke, Textdeutung, Musikalischer Kommentar, Romantik, Christlicher Glaube, Metaphysik, Analyse, Harmonie, Dissonanz, Phrasierung, Kunstlied, Text-Musik-Verhältnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der musikalischen Auseinandersetzung von Johannes Brahms mit dem Thema Tod und Erlösung in fünf ausgewählten Kunstliedern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Todessehnen, die Interpretation literarischer Vorlagen durch musikalische Mittel, die Spannung zwischen Religiosität und freigeistigem Denken sowie die musikalische Hinterfragung romantischer Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, durch eine detaillierte Analyse der Lieder aufzuzeigen, wie Brahms die Texte nicht nur vertont, sondern diese durch musikalische Kommentare interpretativ ergänzt oder infrage stellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine musikwissenschaftliche Analyse der Lieder durchgeführt, die sich auf formale, harmonische und rhythmische Aspekte konzentriert und diese in den Kontext der Textaussage setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden fünf spezifische Lieder (Op. 58 Nr. 5, Op. 86 Nr. 2, Op. 86 Nr. 6, Op. 96 Nr. 1, Op. 121 Nr. 3) in chronologischer Reihenfolge analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Musikalischer Kommentar, Todessehnsucht, Text-Musik-Verhältnis, Interpretation, Brahms-Lieder und kompositorische Mittel.
Welche Rolle spielt das "Verstummen" des Klaviers in "Todessehnen"?
Das Verstummen wird als eine musikalische Parabel gedeutet, die das Fehlen einer Antwort des göttlichen Gegenübers auf die Bitte des lyrischen Ichs im Tod darstellt.
Wie unterscheidet Brahms zwischen "Leben" und "Tod" in seinen Vertonungen?
Brahms nutzt häufig rhythmische Kontraste, unterschiedliche Notenwerte und harmonische Verschiebungen, um das endliche Leben und die Unendlichkeit des Todes gegeneinander abzuwägen.
- Arbeit zitieren
- Lisa Otto (Autor:in), 2013, Musikalischer Kommentar zum Erlösungsglauben. Eine Betrachtung von fünf Liedern von Johannes Brahms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314098