"Undine" in den Werken von E.T.A. Hoffmann, Albert Lortzing und Hans Werner Henze


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1.1 Fouqués Undine - Einflüsse und Rezeption
1.2 „Undine“ als romantische Erzählung und als Opernstoff

2.1 E. T. A. Hoffmanns „Undine“
2.1.1. Libretto
2.1.2 Musik
2.2 Albert Lortzings „Undine“
2.2.1 Libretto
2.2.2 Musik
2.3 Hans Werner Henzes „Undine“

3 Zusammenfassung, Vergleich und abschließende Gedanken

0 Einleitung

Die „Undine“-Opern E. T. A. Hoffmanns und Albert Lortzings, beide beruhend auf der gleichnamigen Erzählung von Friedrich de la Motte-Fouqué, zeichnen sich durch sehr unterschiedliche Interpretationen ihrer Vorlage aus. Hoffmanns „Undine“, im Jahr der Uraufführung ein lokaler Erfolg, wurde seitdem nur weniger Male (Ulrich Schreiber gibt 4 Wiederaufführungen der Undine im 20. Jahrhundert an, die letzte davon 19701 ) inszeniert. Lortzings Oper war bis in die Fünfziger des 20. Jahrhunderts beim Opernpublikum äußerst beliebt, wurde seitdem aber ebenfalls selten zur Aufführung gebracht. Dennoch wird den Werken in der Musikgeschichte eine Rolle zugewiesen, und häufig werden sie dabei zueinander in Beziehung gesetzt: „Eine symbolische Klammer verbindet zwischen Wiener Kongress und Vormärz die Undine von E. T. A. Hoffmann (1816) und Lortzing (1845)“2.Tatsächlich sind beide Opern sowie die Erzählung, auf der sie fußen, für ihre Entstehungszeit bezeichnend, Hoffmanns Oper wegweisend. Erlangen weitere auf der Erzählung basierende Bearbeitungen für Musik aus dem 19. Jahrhundert heute keine Beachtung mehr - so die Opern von Ignaz von Seyfried (1817) und Christian Friedrich Johann von Kirschner (1837) oder Jules Perrots Ballett „Undine“ (1844), Werke, von denen Hans Pfitzner vermutet, es sei „gewiss berechtigt, anzunehmen, dass sie fürchterlich sind“3 - darf Hans Werner Henzes Ballett „Undine“ (1956) als heute bekannteste Vertonung zu „Undine“ gelten.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich Hoffmanns, Lortzings und Henzes „Undine“-Werke näher betrachten. Dazu werde ich zunächst auf Fouqués Erzählung eingehen und deren Entstehung und Rezeption kommentieren sowie zu erfassen versuchen, wieso der Stoff als Grundlage musikalischer sowie auch als Grundlage von Werken jeglicher anderer künstlerischer Gattungen - in der bildenden Kunst gibt es „Undine“- Gemälde von Johann Heinrich Füssli, John William Waterhouse oder Paul Gaugin, auch Hans Christian Andersens „Kleine Meerjungfrau“(1837), Jean Giraudoux´ „Undine“ (1939)oder Ingeborg Bachmanns „Undine geht“(1961) - letzteres ist in Beziehung zu Henzes Ballett zu setzen, da ihn und Bachmann eine enge Künstlerfreundschaft verband - beruhen auf Fouqués Erzählung - bedeutsam ist. Daraufhin werde ich mich den Musikwerken in chronologischer Reihenfolge widmen. Durch die Betrachtungen der Opern und des Balletts werden einerseits das Schaffen und ästhetische Vorstellungen der Komponisten beleuchtet, zugleich zeigt sich hier Unterschiedlichkeit und Konstantes in der Interpretation des „Undine“-Stoffs. Diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede sollen in einem abschließenden Vergleich zueinander in Beziehung gesetzt werden.

1.1 Fouqués „Undine“ - Einflüsse und Rezeption

Friedrich de la Motte-Fouqués veröffentlichte „Undine“ 1811 in der von ihm verlegten Zeitschrift „Jahreszeiten“. Die Erzählung, von ihm selbst als „romantisches Märchen“ bezeichnet, ist bis heute das einzige erfolgreiche Werk des Dichters.

Angeregt durch die Lektüre von Novalis, den er mit seinem Lehrer August Wilhelm Schlegel las, studierte Fouqué das Werk des Mystikers und Philosophen Jakob Böhme, das unter Anderem durch pantheistisches Gedankengut geprägt ist. Daraus ergab sich ein Interesse an Paracelsus, auf welchen Böhme sich vermehrt bezieht. In dessen Schrift „Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus“ (1590) las Fouqué über seelenlose Elementargeister, zu denen laut Paracelsus auch die Undinen als Wassergeister gehören. Die von Paracelsus zitierte „Historie von der Nymphe im Stauffenberg“ (verfasst wahrscheinlich 1320 von Egenolf von Stauffenberg) dürfte für die Entstehung der Undine eine wichtige Vorlage gewesen sein. Böhmes Werk, neben dem Werk des Naturphilosophen und Zeitgenossen Fouqués Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, ist für das Schaffen der Literatur insbesondere der Frühromantik prägend. Der Naturphilosophie kam in der Literatur eine für sie neue Rolle zu: „War die Begründung der Naturphilosophie als komplexer Rezeptionsvorgang mittelalterlichen und mystischen Gedankengutes beschrieben worden, so ist mit der literarischen Produktion im Anschluss an die naturphilosophischen Errungenschaften des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine weitere Rezeptionstradition ganz eigener Art angesprochen. Naturphilosophie wurde poetisch umgedeutet in die Erfassung des geheimen Sinns von Naturerscheinungen und Naturgewalten im Zusammenhang mit kaum fassbaren menschlichen Leidenschaften“.4 Darin spiegelt sich die Idee, die Schläder für den Mittelpunkt von Schellings Überlegungen hält, „das System der Natur stelle auch zugleich das System unseres Geistes dar“.5 Zudem beschreibt Helga de la Motte-Haber, Schelling habe die Naturphilosophie für die Kunst zugänglich gemacht: „Schelling hatte ein komplementäres Verhältnis von Natur und Kunst angenommen, die beide das Unendliche mit dem Endlichen verschränken. Die Kunst wie die Natur konnten damit einen offenbarenden Charakter haben“.6 Schelling gehörte dem Kreis der Romantiker um Fouqués Lehrer Schlegel an.

„Undine“ wird als auch autobiographisch motiviertes Werk betrachtet. Arno Schmidt vergleicht hierzu die Darstellung der Undine mit Elisabeth von Breitenbauch, die Fouqué als achtzehnjähriger 1795 kennen lernte und in die er sich verliebte.7 Eine Verbindung der beiden wurde jedoch vereitelt. Undines Aussehen und der unglückliche Ausgang der Liebe lassen sich auf Breitenbauch beziehen. Auch Bertalda ist laut Schmidt an Fouqués zweite Frau Caroline angelehnt.8 Der Name Huldbrand von Ringstetten weist auf Fouqué selbst hin: von Ringstetten ist eine Übersetzung des Nachnamens de la Motte-Fouqué in das Deutsche.

Wertschätzungen der „Undine“ durch E. T. A. Hoffmann, Edgar Allan Poe oder Richard Wagner erscheinen wenig zufällig, ließe sich ihr Schaffen leicht mit der Erzählung in Verbindung setzen. Goethe bezeichnete die „Undine“ als „allerliebst“ und „anmuthiges Büchlein“.9 Friedrich Schlegel und Jean Paul lobten die Erzählung überschwänglich. Grillparzer zufolge setzte „ein großer Teil der Nation [Fouqué] dem Altmeister Goethe an die Seite“.10

Peter Härtling zitiert einen Kommentar zu dem Märchen aus Heinrich Heines „Romantischer Schule“: „Aber welch ein wunderliebliches Gedicht ist die Undine. Dieses Gedicht selbst ist ein Kuss; der Genius der Poesie küsst den schlafenden Frühling, und dieser schlug lächelnd die Augen auf, und alle Rosen dufteten, und die Nachtigallen sangen, das hat unser vortrefflicher Fouqué in Worte gekleidet, und er nannte es Undine.“11

Peter Härtling bemerkt zu diesem Zitat, nur Wilhelm Müller gegenüber habe Heine in seiner „Romantischen Schule“ sich ähnlich enthusiastisch geäußert, zugleich wäre Heines Kommentar aber auch „auffällig verschwommen und ungenau. ‚Es wird‘, schreibt er, ‚Undine genannt‘, das ‚wunderliebliche Gedicht‘ Was wiederum aller Logik widerspricht. Undine hat das Gedicht ausgelöst. Es muss nicht erst nach ihr genannt werden. Undine ist das Gedicht, wie Heine anfänglich zutreffend feststellt.

Die für Heine ungewöhnliche Verworrenheit muss einen Grund gehabt haben. Ich nehme an, Undine hat ihn als Element überrumpelt, als Sensation einer Empfindung…“12

Härtlings Zitierung beleuchtet Heines Kritik von „Undine“ aber nur in Teilen. An gleicher Stelle schreibt Heine:

„Herr Fouqué kann sich rühmen, dass er der einzige von der romantischen Schule ist, an dessen Schriften auch die niederen Klassen Geschmack gefunden. Während man in ästhetischen Teezirkeln Berlins über den heruntergekommenen Ritter die Nase rümpfte, fand ich, in einer Harzstadt, ein wunderschönes Mädchen, welches […] errötend gestand: dass sie gern ein Jahr ihres Lebens dafür hingäbe, wenn sie nur einmal den Verfasser der Undine küssen könnte. […] [Undine ist] doch kein eigentlich menschliches Wesen. Unsere Zeit aber stößt alle solche Luft- und Wassergebilde von sich, selbst die schönsten, sie verlangt wirkliche Gestalten des Lebens, und am allerwenigsten verlangt sie Nixen, die in adligen Rittern verliebt sind. […] Die retrograde Richtung […] missbehagte am Ende den bürgerlich Gebildeten im deutschen Publikum, und man wandte sich ab von dem unzeitgemäßen Sänger.“13

Heines Begeisterung erscheint nicht ganz eindeutig, wenn er die Erzählung als unzeitgemäß bezeichnet, zumal offenbar nicht nur auch „niedere Klassen“, sondern diese sogar mehr als gehobene Kreise Gefallen an „Undine“ finden. Die Literaturkritik der Folgezeit fasst „Undine“ mit gleichfalls auseinanderreichenden Einschätzungen auf. Als entschiedensten Kritiker der Erzählung nennt Jürgen Schläder Richard Benz, der der Erzählung das für die Romantik wesentliche Wunderbare abspricht, sie als gehaltlose Staffage bezeichnet und sie somit der Trivialliteratur zuordnet.14 Dass Benz´ „offensichtliche Verunglimpfung eines der erfolgreichsten deutschen romantischen Literaturwerke“15 nicht unwidersprochen blieb, hebt Schläder im Folgenden hervor. Dabei bezieht er sich auf Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Texte, deren Werturteil über Sprache und Handlung sehr unterschiedlich ausfällt, sich aber meist auf einen Einzelbestandteil der Erzählung konzentriert. Schläder geht davon aus, dass Fouqué seine Erzählung dem Zeitgeist anpasste und mit sicherem Gespür einen Stoff schrieb, der dazu geschaffen war, sein Publikum anzusprechen.16

Auf den Wahrheitsgehalt dieser und vorhergehender Betrachtungen möchte ich nicht weiter eingehen.

Interessant ist die Menge der Folgewerke namhafter Künstler bis in das 20. Jahrhundert hinein, die Fouqués „Undine“ provozierte. Sowohl Hans Werner Henze17 als auch Peter Härtling18 heben in ihren Texten über Undine das Mythische des Stoffes hervor. Der Begriff Mythos ist mit einer großen Menge von Bedeutungen und Konnotationen belegt. Ich beziehe ihn bei der Betrachtung von „Undine“ auf eine Motivverbindung, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt, sowie besonders auf die Vorstellung, ein Mythos enthalte weltbildprägende Ideen, die als universelle Wahrheit aufgefasst werden können. Dem mythischen Gehalt der Erzählung möchte ich im Folgenden versuchen, mich zu nähern.

1.2 „Undine“ als romantische Erzählung und als Opernstoff

Im 19. Jahrhundert wurde die Wasserfrau19 ein beliebtes Motiv insbesondere in der Literatur. Fouqués „Undine“ ist für diesen Topos ein Schlüsselwerk, wie sich auch aus der großen Resonanz, die die Erzählung bei Fouqués Zeitgenossen fand, ablesen lässt.

Peter Härtling kommentiert die Undine: „[Undine ist] ein romantisches Inbild für die weit hinter unsere Erinnerung reichende Trennung vom Menschen vom Wesen - oder genauer gesagt von den Wesen - der Natur.“20

Henze setzt zudem Natur und Kunst in der Undine zueinander in Beziehung, wenn er schreibt: „[Undine] ist wie die Natur selbst, ohne Konsequenz, ihre Gedanken sind ohne Folgen. Wenn Palemon [Huldbrand] in Undine verliebt ist, ist er gleichsam in die Kunst verliebt[…]“21

Entfremdung und Idealisierung, Natur und Kunst werden hier benannt. Erstere drei lassen sich in der Erzählung leicht nachvollziehen: Entfremdung spiegelt sich in der Fremdheit, die Huldbrand und Bertalda Undine gegenüber empfinden und zu deren Verstoßung führt, Idealisierung in Huldbrands ursprünglichen Gefühlen für Undine, zugleich aber auch beim Autor selbst, der Undine als makellos beschreibt. Die Natur wird von Undine als Wassergeist verkörpert.

Die Darstellung von Wasserfrauen ist in der westlichen Kulturgeschichte schon früh an bestimmte Assoziationen verknüpft: Homers Sirenen in der „Odysse“(8. Jh. v. Chr.) sind die erste literarische Vorlage für Wasserfrauen. Anders als ihre Nachfahrinnen erlangen sie ihre Verführungskraft nicht durch körperliche Schönheit - die Sirenen wurden ursprünglich als dämonische Mischwesen aus Vogel und Frau beschrieben - sondern durch ihren Gesang, der die Macht besitzt, Schiffer in den Tod zu locken. Bereits hier stoßen wir auf Assoziationen, die wir später auch in der Darstellung von Undine und anderen Wasserfrauen finden. Männliches und Weibliches werden einander gegenübergestellt, das Weibliche ist dabei mit einer dämonisch anmutenden Verführungskraft verbunden, die den Männern den Tod bringt. Daneben besteht die Verknüpfung des Weiblichen durch die Sirenen als Meeres- oder Luftwesen mit der Natur. Seltener hervorgehoben wird die Verbundenheit dieser Naturwesen mit Gesang und also mit Kunst und Musik. Diese Zusammenhänge bleiben in der Darstellung von Wasserfrauen erhalten. Dass die Sirenen Homers sowie weibliche Wassergottheiten der Antike möglicherweise auf noch ältere Vorbilder verweisen, hebt Inge Stephan hervor: „Hinter dem Bild der Nixe […] stehen […] uralte mythische Vorstellungen. Die merkwürdige Ambivalenz des Nixenbildes [u. a. in Fouqués ‚Undine‘] […] findet ihre Auflösung in der Ambivalenz der Vorstellung von der ‚großen Mutter‘. In seiner symbolgeschichtlichen Arbeit ‚Die Bedeutung des Wassers im Kult und Leben der Alten‘ (1921) hat Martin Ninck auf den Zusammenhang zwischen dem Quellwasser als heiliger, lebensspendender Kraft und dem Kult der großen Mutter hingewiesen.“22

Bereits in der Antike und im frühen Mittelalter werden die Sirenen als schöne Mädchen dargestellt, deren dämonisch und männlich anmutenden Fischschwänze sie vollständig zu Wasserwesen machen. Durch das sich verbreitende Christentum wird den Wasserfrauen die Seelenlosigkeit als Makel angehaftet, der der Verführungskraft der heidnischen Wesen entgegenwirken soll. Paracelsus beschreibt, dass Undinen, die im Gegensatz zu Geistern anderer Elemente menschliche Gestalt annehmen können, durch die Hochzeit mit einem Menschen eine Seele erhalten, nach der sie streben. Inge Stephan führt den Erfolg von Fouqués „Undine“ unter Anderem auf dessen Bezüge auf Paracelsus zurück: „Mit seinen die Natur bewohnenden Elementargeistern hatte dieser das Bild einer Welt entworfen, in der Menschen und Elementarwesen in einer noch ungeschiedenen Weise miteinander verkehren, in der die Grenzen zwischen menschlicher Zivilisation und elementarer Natur noch durchlässig sind.“23

Auch angesichts des autobiographischen Kontextes erscheint das Thema der Beziehung von Mann und Frau in der Erzählung offensichtlich. Auch hier beschreibt Stephan das Bild, das von der Wasserfrau geschaffen wird, als komplex und ambivalent: „Die ‚arme, versoßene‘ Undine - ihr scheint alle Sympathie zu gehören, nicht nur die der Bevölkerung, sondern auch die des Autors. Der Ton der Rührung trügt jedoch, er täuscht Parteilichkeit für die Undine-Figur vor, die so ungebrochen im Text nicht ist. Von dem geheimen Grauen, das Huldbrand immer wieder vor der nixischen Abkunft seiner Frau überfällt, war schon die Rede. Auch der Autor kann sich davon nicht ganz frei machen. Ebenso wie Huldbrand die elementarische Kraft und Eigenständigkeit Undines durch zärtliche Diminuitive (‚Undinchen‘) abzumildern versucht, hat auch der Autor Fouqué als Erzähler an diesem Domestizierungs- und Verharmlosungsprozess teil. Auch er spricht vom ‚wunderschönen Blondchen‘, später sogar vom ‚Hausmütterlein‘, in das Undine sich nach der Hochzeitsnacht verwandelt hat. Die breite Ausphantasierung Undines als Heilige und Märtyrerin tilgt die Spuren ihrer beängstigenden Herkunft: Undine wird zum besseren Menschen. Das aber wird teuer erkauft: Sie büßt ihre elementare sinnliche Kraft ein und verliert damit ihre ursprüngliche erotische Attraktion.“24

Demgegenüber steht die Darstellung Huldbrands als unzulängliches männliches oder menschliches Wesen: Weder ist er in der Lage, sein Treueversprechen Undine gegenüber zu halten, noch dazu, Undine vollkommen aufzugeben. Bei ihrer Rückkehr erbittet er, Undines Gesicht zu sehen und durch ihren Kuss zu sterben. Stephan schreibt zu dieser Konstellation: „Die Trauer, die sich aus dieser Doppel- bzw. gegenseitigen Verfehlung der Liebenden ergibt, durchzieht den ganzen Text. Es ist auch die Trauer des Autors, dass Sinnlichkeit und bürgerlich-christliche Ehe nicht zu vereinbaren sind […]“25 Dass diese Unmöglichkeit der Beziehung sich aus falschen Wertvorstellungen, also im 19. Jahrhundert des Begreifens der Frau als Naturwesen, das Undine verkörpert, nährt, versucht Stephan anhand eines Zitats Theodor Wiesengrund Adorno zu beleuchten:

„[Die Frau] wurde[ …] zum Bild der Natur, in deren Unterdrückung der Ruhmestitel dieser Zivilisation bestand. Grenzenlos Natur zu beherrschen […] war der Wunschtraum der Jahrtausende.“26

Demgegenüber steht die Unterdrückung der eigenen Natur:

„Naturbeherrschung schließt Menschenbeherrschung ein. Jedes Subjekt hat nicht nur an der Unterjochung der äußeren Natur, der menschlichen und nichtmenschlichen teilzunehmen, sondern muss, um das zu leisten, die Natur in sich selbst unterjochen.“27

Undines Beseelung wird von Stephan als Metapher für die Unterdrückung der Frau verstanden - ihr folgt Undines Wandel vom wilden, von den Elementen bestimmten Mädchen zum zitierten „Hausmütterlein“.28 Inge Stephans Auslegungen schenken Undines Gegenstück Bertalda wenig Beachtung. Im Gegensatz zu Undine personifiziert Bertalda als höfisches Wesen die menschliche Gesellschaft. Dieses Wesen und seine Umgebung werden von Fouqué als Störfaktor der Beziehung von Huldbrand und Undine dargestellt. Undines Verstoßung ist durch ihre Konkurrenz zu Bertalda verursacht, die die gesellschaftliche Norm repräsentiert. Mag diese Norm die Beherrschungswünsche, die Stephan in Fouqués „Undine“ sieht, beinhalten und vom Autor ebenso vertreten worden sein, sind sie dennoch gesellschaftlich gegebene Umstände, denen die Protagonisten ausgeliefert sind. In Undines Wunsch nach einer Seele offenbart sich für Ullrich Schreiber „die Wunschverkehrung einer Beseelung bedürftigen Gesellschaft. […] Undine wie auch andere Elementargeister [werden] zur Chiffre für den Protest gegen die Ordnung der Menschenwelt in einem christlich-patriarchalischen Regelsystem.“29 „Undine“ wird somit zur Erzählung, die das christlich-patriarchalische Reglesystem zugleich vertritt und kritisiert.

Werke, die den Widerspruch menschlicher Natur und Gesellschaft in der Liebe behandeln, gehen der „Undine“ bereits voraus. Mozarts „Cosi fan tutte“(1790) oder „Zauberflöte“ (1791) erörtern die Differenzen von gesellschaftlichen Idealen oder Zwängen und realer Empfindung, auch in Shakespeares „Sommernachtstraum“ ließen sich möglicherweise ähnliche Ansätze finden. Durch Huldbrands Tod und Undines Metamorphose zur Quelle sowie durch ihren Bezug auf mythische Vorbilder erlangt die Geschichte eine stärkere Drastik und eine Allgemeingültigkeit. Die Darstellung von Undine als Naturwesen verleiht der Erzählung eine besondere Konnotation.

Durch die Aufklärung befand sich die westliche Welt und auch das Weltbild im Wandel. Hartmut Böhme beschreibt eine mit diesem Fortschritt der Naturwissenschaften einhergehende Änderung des Verständnis des Menschen für seine Umwelt und für sich selbst: War dieser bislang Teil einer bedrohlichen und mystifizierten Natur, wandelt er sich nun real zum Herrscher der Natur.30 Die neue Orientierung an der Naturwissenschaft, die in diesem Prozess erheblich an Bedeutung gewinnt, führt zu einer „Marginalisierung“ der Kunst, Philosophie und Religion, welche bis dahin die Welt erklärten, nun aber die Naturwissenschaft begleiten, und zu einer Entmystifizierung der Natur, die auf lange Sicht ein unvorsichtiges Verhalten ihr gegenüber zur Folge hat. Die bedrohlichen Folgen dieses Verhaltens zeichnen sich vielleicht erst seit dem 20. Jahrhundert ab.

Die Entfremdung von oder Beherrschung der Natur war 1811 (wie auch heute) ein Thema, das den Menschen nicht nur in Beziehung von Mann und Frau betraf, sondern sich in der Weltveränderung zeigte und den Menschen ungeborgen, da welterklärenden Gedankenguts beraubend, zurückließ.

Den Bruch zwischen Mensch und Elementargeist, Undines Rückkehr in ihr Element und das damit aufkommende Unheil für den Menschen Huldbrand versteht Peter von Matt unter diesem Gesichtspunkt auch als „Bericht von der Austreibung der chiliastischen Hoffnung, […][als] eine Erzählung vom Ende der Zuversicht auf das heranrückende Paradies.“31 Für die Romantik als Reaktion auf das neue Weltbild ist „Undine“ auch deswegen so bezeichnend.

Die sich verändernde Weltsicht spiegelt sich in einer sich verändernden Kunst- und damit auch Musikästhetik.

E. T. A. Hoffmann gehört zu den ersten, die eine neue Musikästhetik vertreten. Während die Musik bis zum 18. Jahrhundert einer „Nachahmungsästhetik“ unterlag und als solche die Natur unmittelbar abbilden sollte, veränderte sich diese Musikvorstellung im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts kontinuierlich bis hin zum Ideal der absoluten Musik. Der Begriff der absoluten Musik wurde durch Hoffmann und seine Zeitgenossen noch nicht formuliert, wohl aber eine Idee derselben: Programmfreie Instrumentalmusik, insbesondere die Symphonie, wurde als Sprache des Absoluten begriffen, welche jeder anderen Sprache bei weitem überlegen war. „Sie weckte, wie Ernst Theodor Amadeus Hoffmann 1810 anlässlich seiner berühmten Besprechung von Beethovens Fünfter Symphonie bemerkte, die Ahnung des ‚Unendlichen‘. […] Was mit dem Kunstwerk geschaffen werden sollte, war eine autonome Welt, in der sich das Absolute offenbaren konnte.“32 Diese Bedeutungsschwere der Instrumentalmusik legt den Begriff „Kunstreligion“, der zeitgleich an Bedeutung gewann, nahe.

Das neue musikalische Denken ist zugleich Idee der Aufklärung und widerspricht dieser: „[Es] beansprucht die Eigentümlichkeit des ‚freyen Geistes‘ und die uneingeschränkte Sprachmächtigkeit des Subjekts; andererseits öffnet gerade die Vision einer ‚unbestimmten‘ musikalischen Ausdrucksweise den Blick auf die Dunkelstellen der aufklärerischen Subjektkonstitution[…]“33

Eine Opernästhetik formuliert Hoffmann in dem imaginären Dialog „Der Dichter und der Komponist“, welcher 1814 während der Kompositionszeit der „Undine“ entstand. Darin schreibt er:

Ludwig: Ist nicht die Musik die geheimnisvolle Sprache eines fernen Geisterreichs, deren wunderbare Akzente in unserm Innern widerklingen und ein höheres, intensives Leben erwecken? Alle Leidenschaften kämpfen schimmernd und glanzvoll gerüstet miteinander und gehen unter in einer unaussprechlichen Sehnsucht, die unsere Brust erfüllt. Dies ist die unnennbare Wirkung der Instrumentalmusik. Aber nun soll die Musik ganz ins Leben treten, sie soll seine Erscheinung ergreifen und, Wort und Tat schmückend, von bestimmten Leidenschaften und Handlungen sprechen. Kann man denn vom Gemeinen in herrlichen Worten reden? Kann denn die Musik etwas anderes verkünden als die Wunder jenes Landes, von dem sie zu uns herübertönt? - Der Dichter rüste sich zum kühnen Fluge in das ferne Reich der Romantik; dort findet er das Wundervolle, das er in das Leben tragen soll, lebendig und in frischen Farben erglänzen, so dass man willig daran glaubt, so dass man, wie in einem beseligenden Träume, selbst dem dürftigen, alltäglichen Leben entrückt, in den Blumengängen des romantischen Lebens wandelt, und nur seine Sprache, das in Musik ertönende Wort versteht.34

[...]


1 Ulrich Schreiber, Opernführer für Fortgeschrittene, Bd 2: Das 19. Jahrhundert, Kassel u.A. 1991, S. 71

2 Vgl. ebd., S. 64

3 Hans Pfitzner, E. T. A. Hoffmanns „Undine“, in: ders., Gesammelte Schriften Bd. 1, Augsburg 1926, S. 58

4 Jürgen Schläder, Undine auf dem Musiktheater, Bonn Bad-Godesberg 1979, S. 52

5 Vgl. ebd., S.43

6 Helga de la Motte-Haber, Natur und Musik, Laaber 2000, S. 44-45

7 Vgl. Schläder, Undine auf dem Musiktheater, S. 78-79

8 Vgl. ebd., S. 78-79

9 zitiert nach: Stefan Börnchen, Undine, in: Heinz Ludwig Arnold, Kindlers Literaturlexikon, Stuttgart 2009, elektronische Ressource

10 Vgl. ebd.

11 Peter Härtling, Das wandernde Wasser, Stuttgart 1994, S. 37

12 Vgl. ebd.

13 Heinrich Heine, Die romantische Schule, in: Heinrich Heine, Manfred Windfuhr (Hrsg.), Sämtliche Werke, Bd. 8/2,Hamburg 1981, S.225-226

14 Vgl. Schläder, Undine auf dem Musiktheater, S. 39-40

15 Vgl. ebd., S.40

16 Vgl. ebd., S.42

17 Hans Werner Henze, Undine, München 1959, S. 14

18 Vgl. Härtling, Das wandernde Wasser, S. 48

19 Wegen der Allgemeinheit, die der Begriff Wasserfrau impliziert, werde ich ihn im Folgenden für sämtliche weibliche Meerwesen verwenden.

20 Vgl. ebd., S. 36

21 Vgl. Henze, Undine, S. 21

22 Inge Stephan, Weiblichkeit, Wasser und Tod- Undinen, Melusinen und Wasserfrauen bei Eichendorff und Fouqué, in:Hartmut Böhme, Kulturgeschichte des Wassers, Frankfurt am Main 1988, S. 245-246

23 Vgl. ebd., S.247

24 Vgl. ebd., S. 253-254

25 Vgl. ebd., S. 255

26 Vgl. ebd., S. 254

27 Vgl. ebd., S. 254

28 Vgl. ebd., S. 254

29 Vgl. Schreiber, Opernführer für Fortgeschrittene, S. 73

30 Hartmut Böhme, Umriss einer Kulturgeschichte des Wassers-Eine Einleitung, in: Hartmut Böhme: Kulturgeschichte des Wassers, Frankfurt am Main 1988, S. 10

31 Peter von Matt, Liebesverrat, München 1989, S. 238

32 Vgl. la Motte Haber, Natur und Musik, S. 18

33 Christine Lubkoll, Mythos Musik, Freiburg im Breisgau 1995, S. 10

34 http://www.zeno.org/Literatur/M/Hoffmann,+E.+T.+A./Erz%C3%A4hlungen,+M%C3%A4rchen+und+Schrifte n/Die+Serapionsbr%C3%BCder/Erster+Band/Erster+Abschnitt/Der+Dichter+und+der+Komponist

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
"Undine" in den Werken von E.T.A. Hoffmann, Albert Lortzing und Hans Werner Henze
Hochschule
Folkwang Universität der Künste  (FB 2/3)
Veranstaltung
Märchenopern
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V314102
ISBN (eBook)
9783668127395
ISBN (Buch)
9783668127401
Dateigröße
2083 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
undine, werken, hoffmann, albert, lortzing, hans, werner, henze
Arbeit zitieren
Lisa Otto (Autor), 2012, "Undine" in den Werken von E.T.A. Hoffmann, Albert Lortzing und Hans Werner Henze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314102

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