Kölsch – mehr als ein Getränk. Eine Biersorte als Medium regionaler Identitätskonstruktionen


Forschungsarbeit, 2011
34 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung ... Seite 3

II. Definition ... Seite 4

III. Historie ... Seite 6
3.1 Biergeschichte im Laufe der Zeit ... Seite 6
3.2 Kölsch als Wirtschaftsfaktor ... Seite 9
3.3 Vertrieb ... Seite 15
3.4 Kölsch-Marken ... Seite 18

IV. Traditionsreiche Eigenarten rund ums Kölsch ... Seite 22
5.1 Aberglaube ... Seite 22
5.2 Brauch ... Seite 24
5.3 Ritual ... Seite 26

V. Identitätsfaktoren ... Seite 27
5.1 Schaum ... Seite 27
5.2 Glaskultur ... Seite 28
5.3 Bierdeckel ... Seite 29
5.4 Kölsch als regionale Identität ... Seite 29

VI. Schlussbetrachtung ... Seite 32

Literaturverzeichnis ... Seite 34

Internetquellen ... Seite 35

I. Einleitung

Kulturanthropologen untersuchen die Kultur und ihre Gesetze, überwiegend die der Mittel- und Unterschichten. Ich habe mich hier mit der Biersorte Kölsch beschäftigt, welches in der Vergangenheit vorwiegend von diesen Schichten verzehrt wurde. Mein Forschungsthema: „Kölsch – mehr als ein Getränk. Eine Biersorte als Medium regionaler Identitätskonstruktionen“, bezieht sich in der vorliegenden Arbeit auf die identitätsbezogene Besonderheit dieser Biersorte – seit Beginn der Kölner Biergeschichte bis heute, im Jahre 2011 –.

Die Biersorte Kölsch ist der Genussmittel- beziehungsweise Nahrungsmittelforschung zuzuordnen. Eingangs werde ich die Biersorte Kölsch definieren, um herauszustellen was diese beinhaltet und um die Gründe für die genannte Zuordnung zu verdeutlichen. Der Übersicht halber ist die vorliegende Arbeit in drei Hauptkapitel unterteilt, wobei das Hauptaugenmerk stets auf dem oben genannten Leitthema liegt. Im ersten Kapitel werde ich auf die Ursprungsfrage der Sorte Kölsch eingehen. Dazu bedarf es einer historischen Betrachtungsweise, wobei ich die Kölner Biergeschichte eingehend studiert und die wichtigsten und für diese Arbeit bedeutenden Geschehnisse herausgestellt habe. Hierzu ziehe ich auch den Wirtschaftsfaktor der Sorte Kölsch heran, welcher die Präsens dieser Biersorte widerspiegelt. Warum die Sorte Kölsch als einzigartig unter den Biersorten gilt, wird in dem Unterkapitel „Vertrieb“ geklärt. Am Ende des ersten Kapitels lege ich eine Markenübersicht der Sorte Kölsch dar, um einen Gesamtüberblick dieser Sorte zu verschaffen. Das zweite Kapitel handelt von kulturanthropologischen Untersuchungen zu Aberglaube, Brauch und Ritual der Biersorte Kölsch. Das dritte Kapitel stellt explizit Identitätsfaktoren der Sorte Kölsch heraus. Weiter wird verdeutlicht warum die Biersorte Kölsch als regionaler Identitätsfaktor für die Menschheit gilt. Die Schlussbetrachtung wird einen prägnanten Überblick meiner bereits herausgearbeiteten Erkenntnisse liefern und eine zusammenfassende Antwort auf das Forschungsthema geben.

Die Thematik der Kulturanthropologie ist breit gefächert; diese Arbeit behandelt die Thematik der Nahrung, wobei auch Nachbardisziplinen der Religionswissenschaft und Kulturgeschichte bei dem Unterkapitel Aberglaube und Brauch sowie Nachbardisziplinen der Soziologie und Sozialgeschichte beim Kapitel Identitätsfaktoren aufgrund der sozialen Differenzierung angewandt werden. Zur Stellung der Thematik Nahrung ist anzumerken, dass dieses Feld lange den angrenzenden Disziplinen der Medizin, Lebensmittelchemie und Botanik überlassen blieb. Die volkskundliche Nahrungsforschung wurde lediglich vereinzelt schlicht beschrieben. Diese Verankerung der eben genannten Disziplinen ist auch in der nachfolgenden Definition von Kölsch wiederzufinden. Da die Thematik dieser Forschung – Nahrung – nicht museal konserviert werden kann, kamen die meisten Forschungsrichtungen des Faches in den Nahrungsstudien nicht zur Geltung. Der spätere Forschungsstand zeigt aber, dass im wesentlichen Konzepte der Kulturraumforschung, der Kulturfixierungstheorie und des Strukturalismus diskutiert wurden. Anhand dessen habe ich eine wissenschaftliche Arbeit zum Schwerpunkt Kölner Bier angefertigt.

Als 'e echt kölsch mädche' bin ich selbstverständlich mit der Biersorte Kölsch und dessen Bedeutung vertraut. Um aber nicht nur Laien, sondern auch involvierten Kölschkonsumenten neue Erkenntnisse über Kölns Identitätsfaktor nahezubringen, habe ich es mir in dieser Arbeit zur Aufgabe gemacht, ein möglichst breites Wissen über Kölsch und dessen Identitätskonstruktion zu vermitteln. Bevor Sie sich nun meiner Arbeit widmen, sei zuvor verraten, dass der Name Kölsch erst seit dem Jahre 1905 existiert und die Abkürzung für das zuvor benannte Kölsch-Wiess bildet.

II. Definition

„Kölsch ist ein, nach dem Reinheitsgebot hergestelltes, helles, hochvergorenes, hopfenbetontes, blankes obergäriges Vollbier“. [1]

Im Jahre 1516 erlässt Herzog Wilhelm IV. von Bayern das Reinheitsgebot, wonach Bier in Deutschland nur mit folgenden Zutaten gebraut werden darf: Malz, Hopfen und Wasser. Kölsch wird als helles Bier bezeichnet, da helles Malz verwendet wird. Seit im Jahre 1870 die Bierhefe entdeckt wurde, ist diese vierte Zutat für Kölsch unerlässlich. Zu verdanken haben dies die deutschen Brauherren dem Naturwissenschaftler Louis Pasteur, der unter dem Mikroskop die Hefepilze entdeckte, welche für die Gärung verantwortlich sind. Kölsch ist ein hochvergorenes Bier, da fast alle Inhaltsstoffe vergoren werden. Doch für die unterschiedliche Geschmacksverleihung des Bieres war die Erforschung von dem Botaniker Emil Christian Hansen wichtig: Er erforschte die Heferassen, welche mit ihren Enzymen die Rohstoffe unterschiedlich aufspalten.[2] Der Auftakt für die unterschiedlich schmeckenden Kölsch-Sorten war getan. Somit ist es auch ein hopfenbetontes Bier, welches einen feinherben Hopfengeschmack enthält. Da Bier seit 1920 filtriert wird, zählt Kölsch zu einem blanken Bier. Kölsch ist ein obergäriges Bier, wonach die Hefe während des Gärprozesses nach oben steigt und Hefeschaum bildet. Zum Vollbier zählt das Kölsch, da es einen Stammwürzgehalt von 11 - 12,5 Prozent enthält und einen durchschnittlichen Alkoholgehalt von 4,8 Volumenprozent hat.[3]

Bei der Herstellung von Kölsch sind 13 Schritte zu beachten. Zuerst werden auf der Tenne die Malzsäcke gelagert. Die Malzwaage wiegt hier die benötigte Menge für einen Sud ab. Weiter wird in der Schrotmühle das Malz zum Maischen zerkleinert. Im Maischbottich wird das geschrotene Malz dann in Wasser eingeweicht. Nun kocht die Maische in der Maischpfanne. Im Läuterbottich wird die Maische dann geklärt. In der Würzpfanne gibt man nun dem Sud den Hopfen zu. Der Würzkühler ist dann für das Abkühlen der Flüssigkeit verantwortlich. Die Bierhefe löst im Gärbottich die Gärung aus. Das junge Bier reift anschließend im Lagertank heran. Dann wird das noch trübe Bier gefiltert. Im Drucktank beginnt die Endreife. Zuletzt wird das fertige Bier in Fässer abgefüllt.[4]

Doch mit dem Zusammensetzen der Zutaten und dem Gärungsprozess ist es nicht getan: Ein gutes Kölsch muss elf Tage reifen. Auffällig ist hier das Symbol Elf, die Anzahl der Tage der Reifezeit. In Köln misst man der Zahl Elf, der Narrenzahl, eine hohe Bedeutung zu. Elf ist die Symbolzahl der Narren des Karnevals und steht für die Gleichheit aller Narren, bedingt durch die Gleichstellung der Zahlen Eins neben Eins. Auch gilt die Zahl Elf als Abkürzung der französischen Revolutionsideale E(galité), L(iberté), F(raternité). In der Zahlensymbolik des Mittelalters galt die Zahl Elf als Zahl der Sünde. Der Narr als Gottesleugner überschreitet in seiner Maßlosigkeit die Zehn (Gebote) und erreicht die (heilige) Zwölf nicht. In der bäuerlichen Sozialkultur war der Martinstag, der 11.11., ein Tag des Feierns vor dem Adventfasten. [5] Die Zahl Elf, welche in Köln eine große Rolle spielt, findet sich somit auch bei dem Kulturgut Kölsch wieder. Da es im Schnitt elf Tage sind, bis ein gutes Kölsch fertig ist, ist eine Überlegung, dass jedes Kölsch, gleich welcher Marke, diese Reifezeit benötigt. Die Gleichstellung ist hier und in den weiter aufgeführten französischen Revolutionsidealen wiederzufinden: So stand Köln in den Jahren 1794 - 1814 unter französischer Herrschaft, welches sich auch in der Wirtschaftspolitik der Brauer abzeichnete. Die Zünfte wurden durch die neugewonnene Gewerbefreiheit abgelöst und dies bedeutete fortan die grundsätzliche Freiheit für jedermann sich gewerblich zu betätigen.

Die Biersorte Kölsch ist, wie bereits aufgeführt, in der Genussmittel-, beziehungsweise Nahrungsmittelforschung festzulegen. Oft wird fälschlicherweise angenommen, diese sei allein der Alkoholforschung zuzuordnen, doch bereits in den Anfängen des Bierbrauens wusste man: Bier gehört vor allem zu den Grundnahrungsmitteln.[6] In Köln erfuhr man dies dadurch, dass das Wasser aus dem Rhein stets Seuchen hervorrief – das Bier hingegen erfüllte als Nahrungsmittel eine sättigende Wirkung. Nicht umsonst wird Bier flüssigem Brot zugeschrieben. Diese Zuschreibung kommt aus dem alten Ägypten, dem Ursprungsland des Brauens. In der Gesetzessammlung Kodex Hamurabi aus dem 2. Jahrtausend vor Christus wird von einem essbaren Bier und einem trinkbaren Brot gesprochen. [7] So enthält ein Liter Kölsch mehr Kalorien als ein Schinkenbrot. Auch ist seit dem Mittelalter bekannt, dass Bier als Heilmittel gilt. In der Psychologie wird bestätigt, dass ein Patient mit schäumendem Bier sich als vollwertiger Mensch fühlt. In der Urologie rät man bei der Bekämpfung von Nierensteinen zu reichlichem Kölschverzehr. Der Ernährungswissenschaft zufolge ist Kölsch reich an Vitamin B, die gängige Nahrung jedoch sehr Vitamin-B-arm. Auch fördert der Hopfen die Entschlackung. Das 21. Jahrhundert ist auch in der Geschichte des Kölschs von einem gewaltigen Fortschritt geprägt: Im Jahre 2000 wird Kölsch in die Liste der europäischen Regionalspezialitäten aufgenommen. Dies und die Garantie, dass Kölsch immer ein gleichbleibendes gutes Bier sein wird, ist eine besondere Ehre, da dies sonst nur Edelprodukten wie Champagner und Chianti zuteil wurde.

III. Historie

3.1 Kölner Biergeschichte im Laufe der Zeit

Das Bäckerhandwerk ist das älteste Handwerk der Welt und man entdeckte aus vergorenem Brot das erste gärende Bier. Das Brauhandwerk gehört damit zu dem zweitältesten Handwerk der Welt, hervorgegangen aus dem Bäckerhandwerk. Doch bevor in Köln das erste Bier gebraut und vertrieben wurde, bedienten sich die Kölner dem Weingenuss, importiert und selber Weinfelder angepflanzt durch die Römer.

Als 1164 Erzbischof Reinald von Dassel die Gebeine der Heiligen drei Könige, welche heute im Kölner Dom zu bestaunen sind, nach Köln überlieferte, soll zu deren Ehren ein Medebier – ein sehr süßes mit Honig gewürztes Bier – getrunken worden sein. Belegt ist dies anhand eines in Latein verfasstem Pergament, welches dem Jahre 1153 zugeschrieben wird. Der Kölner Hofdienst hat hier den einzelnen Hofangehörigen die ihnen zustehenden Deputate aufgezeichnet, worunter sich auch anteilig verschiedene Sester Bier befinden.[8]

Im Jahre 1170 wird das erste Mal die Berufsbezeichnung Brauer in der deutschen Sprache verwendet. Ezelinus bruere, ein Kölner Brauer, wird in den Schreinsbüchern der Stadt Köln verzeichnet als er und seine Frau Wendelmut ein halbes Haus in der Kölner Ortschaft Niederich kaufen. 1193 wird vom Novizenmeister Caesariusvon Heisterbach von der ersten bekannten Brauerin der Kölner Brauhistorie berichtet, welche auf eigene Rechnung Bier für das Stift von St. Apostel gebraut haben soll.[9] Belegt ist das im dialogus miraculorum, den Wundergeschichten, verfasst um 1440. Im Jahre 1285 gibt es erstmals eine schriftliche Überlieferung der Kölner Brauer. Der Brauer Henricus Medebruwer von der Bechergassen wird im Zuge dessen erwähnt.[10]

[...]


[1] Zit. nach Fröhlich, Janus/ Rick, Detlef: Kölsch es kölsch un bliev Kölsch. In: Janus Fröhlich/ Detlef Rick (Hg.): Kölsch Kultur. Köln 2002, S. 62.

[2] Vgl. dazu Föhlich, Janus/ Rick, Detlef: Die Hefe. In: Janus Fröhlich/ Detlef Rick (Hg.): Kölsch Kultur. Köln 2002,

S. 23.

[3] Vgl. dazu Fröhlich, Janus/ Rick, Detlef: Brauen ist eine Kunst! In: Janus Fröhlich/ Detlef Rick (Hg.): Kölsch Kultur. Köln 2002, S. 17.

[4] Vgl. dazu Mathar, Franz/ Schrörs, Karl-Heinz: Die Entwicklung des Bieres vom Urbier der Babylonier zum Kölsch von heute. In: Franz Mathar/ Karl-Heinz Schrörs (Hg.): Kölsch Story. Die Geschichte des kölschen Brauwesens. Köln 2003, S. 27.

[5] Vgl. dazu Oelsner, Wolfgang: Art. Elf. In: Das grosse Köln Lexikon. Köln 2005, S. 130.

[6] Vgl. dazu Rias-Bucher, Barbara: Februar und März. Was sind Fastenspeisen? In Barbara Rias-Bucher (Hg.) Feste und Bräuche. Eine Einladung zum Feiern. München 1999, S. 49.

[7] Vgl. dazu Dünnebier, Anna/ von Paczensky, Gert: Brot. In: Anna Dünnebier/ Gert von Paczensky (Hg.): Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. München 1999, S. 81.

[8] Vgl. dazu Huiskes, Manfred: Bier in Köln vor 1800. In: Franz Mathar/ Hans Georg Schmitz-Otto/ Manfred Huiskes et al. (Hg.): Zeugen Kölner Brau-Kultur 1396 -1996. Ausstellung zur 600-Jahrfeier der St. Peter von Mailand Bruderschaft. Köln 1996, S. 58.

[9] Vgl. dazu Mathar, Franz/ Schrörs, Karl-Heinz: Kaiser Karl der Große, Initiator der ersten professionellen Brauereien. (wie Anm. 4), S. 33 - 36. Vgl. dazu auch Huiskes, Manfred (wie Anm. 6), S. 59.

[10] Vgl. dazu Mathar, Albertus und Franz: Kölsch – ein regionales Bier mit Tradition und Zukunft. In: Albertus und Franz Mathar (Hg.): Kölner Brauhauswanderwege. Köln 2008, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Kölsch – mehr als ein Getränk. Eine Biersorte als Medium regionaler Identitätskonstruktionen
Autor
Jahr
2011
Seiten
34
Katalognummer
V314202
ISBN (eBook)
9783668129009
ISBN (Buch)
9783668129016
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kölsch, Bier, Köln, Identifikation, Identität, Getränke, Alkohol, Saufen, Feiern, Trinken, Kultur, Uni Bonn
Arbeit zitieren
Nadine Mallmann (Autor), 2011, Kölsch – mehr als ein Getränk. Eine Biersorte als Medium regionaler Identitätskonstruktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314202

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