Unterstützungssysteme für Angehörige bei der Pflege demenzkranker Menschen


Bachelorarbeit, 2014

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Recherchemethodik

2.) Allgemeiner Teil—Klärung von Grundlagen
2.1) Was ist Demenz? Ursachen, Auswirkungen
2.1.1) Definition, Ursachen
2.1.2) Auswirkungen der Demenz
2.2) Die Belastungssituation. Entstehungsgründe und Folgen
2.2.1) Woraus entsteht die Belastungssituation?
2.2.2) Welche Folgen hat die Belastungssituation für die Pflegenden?
2.3) Welche Typen von Interventionsmaßnahmen lassen sich recher- chieren und welche allgemeinen Effekte besitzen sie auf die Belastungssituation und ihre Folgen?

3.) Spezieller Teil—Die Wirkung von Interventionsmaßnahmen auf den Institutionalisierungszeitpunkt. Vorstellung entsprechender Studien incl. Diskussion und Fazit
3.1) Einführung—Kriterien für die Auswahl der verwendeten Studien.
3.2) Studie 1: Petra Menn et al (2012, Deutschland)
3.3) Studie 2: Karlijn J. Joling et al (2012, Niederlande)
3.4) Studie 3: Ulla Eloniemi-Sulkava et al (2009, Finnland)
3.5) Studie 4: Signe Andren, Sölve Elmstahl (2008, Schweden)
3.6) Studie 5: Mary S. Mittelman et al (2006, USA)
3.7) Zusammenfassung weiterer Studien
3.7.1) Ulla Eloniemi-Sulkava et al (1999, Finnland)
3.7.2) Robert Miller et al (1999, USA)
3.8) Diskussion
3.9) Fazit

Literatur

Einleitung

Derzeit leben in der Bundesrepublik Deutschland etwa 1.4 Millionen Menschen mit der Diagnose eines demenziellen Syndroms. Aufgrund der hierzulande steigenden Lebenserwartung gehen Hochrechnungen davon aus, dass die Anzahl der an Demenz erkrankten PatientInnen bis auf 1.8 Millionen im Jahre 2020 und bis zum Jahr 2050 auf 3 Millionen Menschen steigen wird (vgl. BMFSFJ 2013).

Unmittelbar nach Erkrankungsbeginn wird die Betreuung der erkrankten Menschen zunächst in etwa 2/3 der Fälle durch ihre Angehörigen im häuslichen Umfeld übernommen (vgl. BMFSFJ 2013, vgl. Luppa et al 2008 S. 65). Die Übernahme der Betreuung innerhalb des häuslichen Bereiches ist zumeist im Wunsch der PatientInnen und ihrer Angehörigen begründet (vgl. Luppa et al 2008, S. 65), dem mannigfaltige Ursachen zugrunde liegen: So spielen beispielsweise die Beziehung zum erkrankten Angehörigen und die damit verbundene emotionale Bindung, Verantwortungs- und Pflichtgefühle, gesellschaftliche Normen, aber auch pragmatische Überlegungen—wie finanzielle Notwendigkeiten—bei der Entscheidung der Betreuungsübernahme eine Rolle (vgl. Schneider-Schelte 2009, S. 11).

Bei Pflegenden und Gepflegten besteht das Bedürfnis, den Aufenthalt der erkrankten Personen im häuslichen Umfeld über einen möglichst langen Zeitraum zu erhalten, und somit eine Institutionalisierung des erkrankten Menschen so lange wie möglich hinauszuzögern (vgl. Luppa et al 2008, S. 65). Zudem bedeutet ein langer Verbleib im häuslichen Umfeld eine Verbesserung der Lebensqualität der erkrankten Menschen, und hilft, ihr soziales Netzwerk besser aufrecht zu erhalten (vgl. Luppa et al 2008, S. 65). Darüber hinaus besitzt die informelle Pflege demenzkranker Menschen kostensenkende Effekte: So betragen die Kosten für die häusliche Pflege in Europa im Durchschnitt pro PatientIn etwa 2491 Euro/Monat, die Kosten für die stationäre Pflege liegen bei ca. 4491 Euro/Monat (vgl. Wübker et al 2014, S. 2).

Etwa 20% der erkrankten Menschen werden im ersten Jahr nach Diagnosestellung institutionalisiert. Die Anzahl der Heimeinweisungen steigt in etwa auf 50% innerhalb von fünf Jahren, und auf etwa 90% innerhalb von acht Jahren nach Diagnosemanifestation an (vgl. Joling et al 2012, S. 1). Dieser Umstand lässt sich— neben anderen Faktoren—auf die Belastungs- und Stresssituation bei der Betreuung demenzkranker Menschen zurückführen (vgl. Brodaty et al 2014, S. 223; Luppa et al 2008, S. 74f), die Im Vergleich zu Angehörigen, die eine pflegebedürftige Person mit einer chronischen Erkrankung auf anderer Ebene daheim betreuen, deutlich größer ist (vgl. Pinquardt/Sörensen 2006, S. 577).

Für pflegende Angehörige demenzkranker Menschen wird eine Reihe von als belastungsreduzierend geltenden unterstützenden Interventionsmaßnahmen angeboten. Aus den zuvor angeführten Hintergründen stellt sich die Frage, ob diese Interventionen eine Möglichkeit seien, den Aufenthalt der Gepflegten im häuslichen Umfeld zu verlängern und somit eine Heimunterbringung zu verzögern—was einerseits dem Ansinnen der Pflegenden und Gepflegten Rechnung trüge, andererseits die Vorteile sowohl für die PatientInnen als auch für den Kostenfaktor über einen längeren Zeitraum erhielte.

Dieses ist das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit. Unter der Thematik „Die Wirkungsweise unterschiedlicher Unterstützungssysteme auf die Belastungssituation pflegender Angehöriger von Demenzkranken“ wird anhand der Fragestellung „Können als entlastend geltende Interventionsmaßnahmen für Pflegende die Institutionalisierung der von Demenz Betroffenen hinauszögern?“ in Form einer Literaturstudie untersucht, ob (und falls ja, über welchen Zeitraum) die für pflegende Angehörige demenzkranker Menschen angebotenen Interventionsmaßnahmen in der Lage sind, eine Institutionalisierung der von Demenz Betroffenen hinauszuzögern.

Diese Arbeit beginnt zunächst mit einer kurzen Darstellung der Recherchemethodik. Ihr folgt ein „allgemeiner Teil“, welcher sich mit Grundlagen befasst. Dieser beinhaltet kurze Ausführungen zu Ursachen und Auswirkungen der Demenz, schafft Klärung bezüglich der Hintergründe sowie der Folgen der Belastungssituation der Pflegenden und stellt in einer kurzen, ergebnisorientierten Zusammenfassung als entlastend geltende Interventionsmaßnahmen anhand von Übersichtsarbeiten/Metaanalysen vor (inclusive Darstellung der Ergebnisse einer selbst durchgeführten Literaturstudie im Rahmen einer mündlichen Prüfung im Januar 2014 an der Hochschule Hannover). Der „allgemeine Teil“ bereitet auf den darauf folgenden „speziellen Teil“ vor, der sich mit der Frage beschäftigt, ob (und falls ja, über welchen Zeitraum)

Interventionsmaßnahmen die Dauer des Aufenthaltes der PatientInnen im häuslichen Umfeld verlängern können. Dieses geschieht anhand der Vorstellung entsprechender Studien. Im Anschluss an die Studienvorstellung folgt eine Diskussion mit Gedanken zu den Ergebnissen. Ihr folgt ein Fazit, mit welchem die Arbeit abschließt.

1.) Recherchemethodik

Für die Recherche wurden die Datenbanken „medpilot“ sowie „Pubmed“ unter der Eingabe der Stichwörter „Demenz“; „Demenzerkrankte“, „pflegende Angehörige“, „Belastung“, „Unterstützung“, „Entlastung“, „Intervention“, „Heimunterbringung“ „Institutionalisierung“ bei „medpilot“, bzw. deren englischsprachiger Variante bei „Pubmed“ verwendet. Ein Teil der Literatur wurde über das „Schneeballverfahren“ ermittelt.

Bei der Auswahl der Studien für den speziellen Teil, richtete sich das Interesse auf Kontrollstudien mit sowohl experimentellen als auch quasi-experimentellen Designs (die sich auch ausnahmslos fanden). Diese gelten als besonders gut geeignet zur Herstellung kausaler Zusammenhänge (vgl. Panfil/Mayer 2013, S. 96), was für das Thema dieser Arbeit zentral war. Zudem gewährleisten diese Designs die stärkste Aussagekraft (vgl. Panfil/Mayer 2013, S. 101). Zu den Auswahlkriterien für die in dieser Arbeit eingeschlossenen Studien vgl. unten Abschnitt 3, S. 13

Viele der im allgemeinen Teil verwendeten Texte und Studien/Metaanalysen waren noch aus Recherchen für zwei frühere Prüfungsleistungen, die das Thema „Demenz“ zum Inhalt hatten (Biografiearbeit und herausforderndes Verhalten; CaseManagement als Unterstützungssystem) vorhanden. Hier fand nur eine kurze, aktualisierende Nachrecherche statt.

2.) Allgemeiner Teil—Klärung von Grundlagen

2.1) Was ist Demenz? Ursachen, Auswirkungen.

2.1.1) Definition, Ursachen

Der Begriff „Demenz“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „de“= weg, „mens“= Geist. Er umschreibt das Hauptmerkmal dieses Syndroms: den Verlust der geistigen Fähigkeiten. Durch die Demenz wird der betroffene Mensch in seiner Intelligenz und Persönlichkeit verändert (vgl. Falk 2009, S. 40).

Ursächlich lassen sich zwei Formen der Demenzen unterscheiden. So finden sich zum einen die Primären Demenzen, welche durch direkte Gehirnschädigung hervorgerufen werden (z. B. neurodegenerative Demenzen wie die Alzheimer Demenz mit Einlagerung neuritischer Plaques; vaskuläre Demenzen durch Mikrozirkulationsstörungen infolge von Blutgefäßschädigungen im Gehirn). Zum anderen lassen sich die sekundären Demenzen identifizieren. Hier gelten andere Erkrankungen, wie beispielsweise Gehirninfektionen, als Auslöser (vgl. Falk 2009, S. 46ff).

Im Verhältnis findet man in 50-60% der Fälle die Alzheimer-Demenz, in 10-20% der Fälle vaskuläre Demenzen, in 10% der Fälle lassen sich sekundäre Demenzen diagnostizieren. Die restlichen 10-20% entfallen auf andere Demenzformen, wie z. B. Mischformen aus neurodegenerativen und vaskulären Demenzen (vgl. Falk 2009, S. 48).

2.1.2) Auswirkungen der Demenz

Zu den wichtigsten Symptomen gehört die Gedächtnisstörung, die zunächst das Kurzzeitgedächtnis, im Verlauf auch das Langzeitgedächtnis betrifft (vgl. Falk 2009, S. 42). Mit Abnahme der Gedächtnisleistung nimmt auch das Orientierungsvermögen zunehmend ab (vgl. Falk 2009, S. 42). Weiterhin kommt es im Zuge der Abnahme der Gehirnleistung zu Aphasie (Sprachliche Verarmung), Agnosie (Unfähigkeit, Gegenstände wieder zu erkennen) und Apraxie (Störung der Handlungsabläufe) (vgl. Falk 2009, S. 43). Die Abnahme der kognitiven Fähigkeiten führt im Verlauf dazu, dass Alltagssituationen nicht mehr bewältigt werden können, weshalb die PatientInnen zunehmend Unterstützung bei den Aktivitäten des täglichen Lebens benötigen (vgl. Falk 2009, S. 43). Bei der Demenz kommt es häufig zu Störungen von Antrieb und Motivation, einer Verminderung des psychischen Tempos, zu Initiativ- und Teilnahmslosigkeit. Es können aber auch zielloses Herumwandern, Aggressivität und Schreien auftreten. Letztere Verhaltensweisen werden häufig als „herausforderndes Verhalten“ bezeichnet (vgl. Sowinski et al 2009, S. 21).

Primäre Demenzerkrankungen gelten derzeit als nicht heilbar, ihr Verlauf ist progredient (vgl. Falk 2009, S. 15). Die sekundären Demenzen bilden eine Ausnahme: durch die Behandlung der ursächlichen Erkrankung ist eine Rückbildung der Beschwerden möglich (vgl. Falk 2009, S. 49).

2.2) Die Belastungssituation. Entstehungsgründe und Folgen

2.2.1) Woraus entsteht die Belastungssituation?

Das Spektrum der Belastungen pflegender Angehöriger ist sehr reichhaltig und vielschichtig (vgl. Seidl et al 2007, S. 46). An der Belastungsentstehung sind zahlreiche Einflussfaktoren beteiligt, die als „komplexes Entstehungsgefüge ineinandergreifen“ (Kurz/Wilz 2011, S. 336). Dabei gelten Frauen als besonders für die Belastungen anfällig, und haben eher höhere Stress- und Belastungslevels als pflegende Männer (vgl. Kurz/Wilz 2011 S. 336, Burns/Rabins 2000, S. 9). Weiter wird die Pflege eines demenzkranken Ehepartners als größere Last empfunden als die Betreuung eines demenzkranken Elternteils (vgl. Kurz/Wilz 2011, S. 336). Im Einzelnen lassen sich folgende Faktoren identifizieren:

- Den größten Einfluss auf die Belastung hat die Ausprägung der Krankheitssymptome (vgl. Kurz/Wilz 2011, S. 336). So werden beispielsweise die mögliche gesteigerte Aggressivität oder das Herumwandern als problematisch wahrgenommen (vgl. Seidl 2007, S. 46). Auch entscheidend für das Belastungserleben ist die Reaktionslosigkeit (vgl. Seidl et al 2007, S. 46), sowie die zunehmende Unselbständigkeit (vgl. Kurz/Wilz 2011, S. 9).

- Das Auftreten hoher Belastungslevels hängt von der Ausgangssituation des Pflegenden ab. So spielen physischer und psychischer Status ebenso eine große Rolle bei der Belastung (vgl. Burns/Rabins 2000, S. 9), wie auch das Lebensalter. So sind betagte Pflegende vermehrtem Stress ausgesetzt (vgl. Kurz/Wilz 2011, S. 336). Gerade sie leiden unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen (z. B. durch Arthrose oder Diabetes Mellitus), welche die Betreuungsarbeit erschweren (vgl. Seidl et al 2007, S. 48).

Regenerationsmöglichkeiten werden meist aus Zeitmangel nicht in Anspruch genommen, Arztbesuche der Pflegenden werden aus Angst vor möglichen Konsequenzen gemieden—sie könnten beispielsweise einen Krankenhausaufenthalt nach sich ziehen. Dieses würde die Frage aufwerfen, was während dieser Zeit mit dem demenzkranken Menschen geschehen soll (vgl. Seidl et al 2007, S. 49).

Auch hängt die Stärke der Belastung von der Einstellung des Betreuenden zu seiner Pflegerolle ab. Sie kann als Lebenssinn und „persönliche Reifung“ erlebt werden, was die pflegerischen Aufgaben erleichtert. Die Belastung wird größer, wenn Faktoren wie geringe Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten, Selbstüberforderung aufgrund von Schuldgefühlen sowie die Überzeugung, Spielball der äußeren Umstände zu sein, zu Tage treten (vgl. Kurz/Wilz 2011, S. 338).

- Die mit der Demenz verknüpften kognitiven Einschränkungen haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Beziehung eines Angehörigen zur erkrankten Person. Die frühere Gegenseitigkeit geht allmählich in ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis über, was ein Belastungserleben nach sich zieht (vgl. Kurz/Wilz 2011, S. 10). Als schmerzhaft wird durch die pflegenden Angehörigen der Verlust der Kommunikationsfähigkeit des an Demenz erkrankten Menschen erlebt. Er beraubt beide der Fähigkeit, über die gemeinsame Vergangenheit zu kommunizieren, welche Bestandteil einer langjährigen Beziehung ist (vgl. Seidl et al 2007, S. 56). Zudem wird die Kommunikation generell monotoner (vgl. Seidl et al 2007, S. 46).

- Mit Fortschreiten der Erkrankung steigt die Notwendigkeit der Beaufsichtigung, was nicht selten eine 24-Stunden Betreuung erfordert. Dieses führt zum Erleben des „Angebunden-seins“ (vgl. Seidl et al 2007, S. 47). Daraus resultiert ein Freizeitverlust.

Häufig treten Doppelbelastungen auf, da zu der Pflege der demenzkranken Person noch andere Aufgaben zu erledigen sind, wie z. B. Haushaltsführung oder Gartenarbeit (vgl. Seidl et al 2007, S. 50). Hierdurch entwickeln sich häufig Konflikte, welche die psychische Belastung der Betreuenden erheblich verstärken (vgl. Kurz/Wilz 2011, S. 337).

- Oft erleben pflegende Angehörige demenzkranker Menschen soziale Ausgrenzung, die vielfältige Ursachen haben. Diese reichen vom Zeitverlust der Pflegenden bis hin zur Unsicherheit des Umfelds beim Umgang mit dem erkrankten Menschen. Diese Ausgrenzung ist oft auch durch einen selbstgewählten sozialen Rückzug der Pflegenden geprägt, um möglichen negativen Reaktionen des Umfelds zu entgehen. Das Resultat dieser extrinsischen und intrinsischen Ausgrenzung ist Einsamkeit (vgl. Seidl et al 2007, S. 48).

2.2.2) Welche Folgen hat die Belastungssituation für die Pflegenden?

Neben der bereits zuvor beschriebenen Konsequenz der Belastungssituation der Pflegenden in Form von Institutionalisierungen der Gepflegten (vgl. oben S. 2f), bleibt die Belastungs- und Stresssituation für die Pflegenden nicht ohne körperliche und/oder psychische Konsequenzen (vgl. Wilz 2001, S. 30), die hier nicht unerwähnt bleiben sollen: So weisen laut einer in Westösterreich an 85 Probanden durchgeführten Querschnittsstudie 25.9 % der pflegenden Angehörigen eine mäßige, 10.6% eine starke Ausprägung depressiver Symptome auf (vgl. Müller et al 2009, S. 139). Die depressive Symptomatik gilt als die am häufigsten anzutreffende psychische Reaktion und besitzt somit die stärkste Aussagekraft für die Belastung der Angehörigen (vgl. Wilz et al 1999, S. 256). Des Weiteren zeigen sich bei pflegenden Angehörigen demenzkranker Menschen im Vergleich mit der altersentsprechenden Allgemeinbevölkerung starke Einbußen hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Situation: Es lassen sich bei ihnen chronische Schmerzen (v.a. Rücken- oder Gliederschmerzen), Erschöpfungszustände, Schlafstörungen und eine Schwächung des Immunsystems beobachten (vgl. Wilz 2001, S. 30). Häufig besteht ein erhöhter Konsum an Schlaf- und Beruhigungsmitteln, nicht selten wurde eine Erhöhung des Blutdrucks und/oder der Herzfrequenz ermittelt (vgl. Wilz et al 1999, S. 256). Zusätzlich konnte in einer an älteren pflegenden Angehörigen durchgeführten Studie ermittelt werden, dass die Belastung durch die Pflege demenzkranker Menschen zu einer maßgeblichen Beeinträchtigung der subjektiv empfundenen Lebensqualität führen kann (vgl. Winkler et al 2006, S. 22f).

2.3) Welche Typen von Interventionsmaßnahmen lassen sich recherchieren, und welche allgemeinen Effekte besitzen sie auf die Belastungssituation und ihre Folgen?

Für pflegende Angehörige werden unterschiedliche Interventionsmaßnahmen angeboten, die eine Reduktion des Belastungserlebens und seiner Folgen erwirken sollen: Sörensen und Pinquardt konnten 2002 bzw. 2006 in zwei Metaanalysen sechs bzw. sieben unterschiedliche Arten von Unterstützungssystemen identifizieren.

Rechnet man die in Deutschland seit einigen Jahren etablierten „niedrigschwelligen Angebote“ hinzu, ergeben sich zum derzeitigen Zeitpunkt acht mögliche Interventionstypen. Die Maßnahmen werden nun kurz beschrieben, zudem werden deren Effekte kurz und Ergebnisorientiert dargestellt:

1. Psychoedukative Interventionen

Hier steht die Wissensvermittlung—beispielsweise über die Krankheit des Gepflegten oder über Unterstützungsmöglichkeiten—im Vordergrund. Methodisch können hierbei Vorträge, Rollenspiele oder Gruppendiskussionen zur Anwendung kommen (vgl. Sörensen et al 2002, S. 357; Pinquardt/Sörensen 2006, S. 579).

Wirkung: Die Studienlage ist nicht einheitlich: So finden sich abhängig von der Untersuchung unterschiedliche Ergebnisse. Es konnten zum einen signifikant positive Effekte in Bezug auf die Belastungssituation, der Depressivität, dem subjektivem Wohlbefinden und dem Kompetenzgefühl nachgewiesen werden. Andere Studien wiederum konnten keine signifikant positiven Effekte hinsichtlich des Belastungserlebens nachweisen; allerdings ergaben sich hier signifikant positive Ergebnisse auf die Reduktion der daraus resultierenden Depressivität (vgl. Mantovan et al 2010, S. 232).

2. Unterstützende Angebote

Hierunter versteht man unstrukturierte Gruppen (Selbsthilfegruppen), die entweder von professionellen Helfern oder von den Betroffenen selbst geleitet werden. Sie dienen der gegenseitigen emotionalen Unterstützung der Angehörigen, die hier die Möglichkeit erhalten, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Sie können erkennen helfen, dass andere Pflegende mit ähnlichen Probleme konfrontiert sind (vgl. Sörensen et al 2002, S. 357f; Pinquardt/Sörensen 2006, S. 579).

Wirkung: Auch hier finden sich studienabhängig unterschiedliche Ergebnisse: Bei diesem Angebot lassen sich einerseits signifikant positive Effekte zumindest auf die Depressivität als Belastungsfolge identifizieren, allerdings ohne Effekte auf das Belastungserleben. Andererseits finden sich Studien, die keinen Unterschied hinsichtlich der Wirkung auf Belastung und der Depressivität aufweisen (vgl. Mantovan et al 2010, S. 233).

3. Pflegeentlastende Angebote

Darunter werden Maßnahmen verstanden, welche es den Angehörigen ermöglichen, mehr Zeit für sich und andere Aktivitäten zu haben. Sie beinhalten die Tagespflege in entsprechenden Institutionen, bei der die demenzkranken Personen durch professionell Pflegende stundenweise betreut werden. Hierzu wird auch die stundenweise Betreuung des erkrankten Menschen durch professionelle Pflegekräfte im Privathaushalt gerechnet (vgl. Sörensen et al 2002, S. 358; Seidl et al 2007, S. 155).

Wirkung: Hier konnten bezüglich der Belastungen, der Depressivität und dem subjektiven Wohlbefinden signifikant positive Effekte ermittelt werden (vgl. Mantovan et al 2010, S. 233).

4. Psychotherapeutische Interventionen

Unter Einbezug geschulter Fachleute sind sie zumeist Verhaltenstherapeutisch ausgerichtet. Auf der Verhaltensebene wie auch auf der kognitiven Ebene sollen Wege des Umgangs mit schwierigen Pflegesituationen und der Veränderung von Emotionen erlernt werden. Weiterhin gilt als Interventionsziel die Ermutigung zur (Wieder-)Aufnahme von positiven Aktivitäten als Gegenstück zum Pflegeprozess (vgl. Sörensen et al 2002, S. 358; Pinquardt/Sörensen 2006, S. 579).

Wirkung: Auch In diesem Bereich lässt sich kein einheitliches Ergebnis bezüglich des Belastungserlebens ableiten, deutliche Effekte lassen sich aber in Bezug auf die Depressivität erkennen: So zeigen einige Untersuchungen positive Effekte sowohl auf das Belastungserleben als auch auf die resultierende Depressivität. Es finden sich aber auch Forschungsarbeiten, bei welchen das Belastungserleben keine Änderung erfuhr, aber positive Effekte in Bezug auf die Depressivität nachweisbar sind (vgl. Mantovan et al 2010, S. 233).

5. Trainingsprogramme zur Kompetenzerhöhung der Pflegebedürftigen

Ziel dieser Maßnahmen ist, sowohl die Affekt- als auch die Alltagskompetenz der Pflegebedürftigen zu verbessern. Dieses soll eine Verringerung des objektiven Stresses, welcher die Pflege nach sich zieht, herbeiführen. Hier kommt beispielsweise das Gedächtnistraining der erkrankten Menschen zum Einsatz (vgl. Sörensen et al 2002, S. 358; Pinquardt/Sörensen 2006, S. 580).

[...]

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Unterstützungssysteme für Angehörige bei der Pflege demenzkranker Menschen
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
40
Katalognummer
V314227
ISBN (eBook)
9783668142930
ISBN (Buch)
9783668142947
Dateigröße
772 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demenz, Pflege, Demenzkranke, Heimunterbringung, Literaturstudie
Arbeit zitieren
Niels Hollmann (Autor), 2014, Unterstützungssysteme für Angehörige bei der Pflege demenzkranker Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314227

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