Traumzeit. Die Religion der indigenen Bevölkerung Australiens


Bachelorarbeit, 2013
43 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Zugang
1.2. Forschungsstand und Methode
1.3. Forschungsfrage
1.4. Aufbau der Arbeit
1.5. Allgemeine Informationen

2. Geschichtlicher Überblick über die Entdeckung Australiens
2.1. Geschichte der Aborigines
2.2. Entdeckung Australiens
2.3. Erste Aufeinandertreffen von Aborigines und EuropäerInnen

3. Traumzeit
3.1. Allgemeine Charakteristika der Traumzeit
3.2. Was geschah während der Traumzeit?
3.3. Traumzeitwesen
3.4. Überlieferung der Traumzeit
3.5. Schöpfungsmythe aus Rainbow Beach

4. Forschungsgeschichte Religion: Anfänge -

5. Zeitraum 1: 1940er und 1950er Jahre
5.1. Auswahl der Texte
5.2. Biographie der AutorInnen
5.3. Analyse
5.3.1. Zugang und Themenauswahl
5.3.2. Darstellung der Traumzeit
5.3.3. Erkennbare politische Einflüsse

6. Zeitraum 2: 1980er und 1990er Jahre
6.1. Auswahl der Texte
6.2. Biographie der AutorInnen
6.3. Analyse
6.3.1. Zugang und Themenauswahl
6.3.2. Darstellung der Traumzeit
6.3.3. Erkennbare politische Einflüsse

7. Veränderungen Zeitraum 1 - Zeitraum
7.1. AutorInnen
7.2. Darstellungen der Traumzeit
7.3. Erkennbare politische Einflüsse

8. Schluss

Bibliographie

Internetquellen

Weiterführende Literatur

Informelle Gespräche

Anhang

1. Einleitung

Australien - das andere Ende der Welt. In meinen Augen ein Kontinent der Superlative: Riesengroß, im Vergleich zu seiner Größe aber sehr dünn besiedelt, beherbergt er eine einzigartige Flora und Fauna, steht wie kein anderes Land für Rucksackreisen und bietet aufgrund seiner so genannten „Ureinwohner“ ein breites Spektrum an Kultur und Geschichte.

Dieses wunderbare Land durfte ich nach meiner Matura, die ich im Sommer 2008 abgelegt habe, für ganze acht Monate mein zu Hause nennen. Ich bin noch heute, vier lange Jahre nach meiner Rückkehr nach Europa, der festen Überzeugung, dass ich nie so früh zurückgegangen wäre, hätte ich noch einmal die Möglichkeit gehabt, eine Verlängerung meines Visums zu beantragen beziehungsweise bewilligt zu bekommen.

Ich lebte und arbeitete für mehrere Monate in Sydney, New South Wales, bevor ich, nach meiner fast halbjährigen Tätigkeit als Operations Assistant bei einem IT-Unternehmen, meinen Rucksack packte und mich auf eine beinahe drei Monate dauernde Reise quer durch diesen, mir bis dahin unbekannten Kontinent, begab. Mein Weg führte mich zuerst von Sydney über viele Ortschaften die Ostküste entlang nach Queensland, in den Norden nach Cairns, dann ging es mit dem Flugzeug wieder zurück nach Sydney. Von dort startete ich in Richtung des Bundesstaates Victoria, nach Melbourne, anschließend ging es während einer fast schon dramatischen Hitzewelle und dadurch ausgelösten Buschbränden von Melbourne nach South Australia, genauer gesagt nach Adelaide und weiter durch das Outback bis Alice Springs (Northern Territory), mitunter vorbei am berühmten und heiligsten Ort der Aborigines, dem Uluru[1] und den Kata Tjuta. Von Alice Springs, einer Stadt mit sehr hoher Kriminalitätsrate (Vaisutis u.a.[1] 2007:839), ging es dann noch einmal per Flugzeug für einen kurze Zwischenstopp nach Sydney. Anschließend nahm ich einen Zug zurück nach Melbourne, von dort flog ich mit dem Flugzeug an die Westküste nach Perth (Western Australia). Mit verschiedenen Menschen, die Küste entlang bis nach Broome um dann weiter nach Darwin, zurück ins Northern Territory, ganz in den Norden, zu reisen war mein nächstes Ziel. Von Darwin, ging es noch einmal zurück an die Ostküste, an der ich mich unter anderem noch einmal einige Tage in Cairns und Rainbow Beach von den vielen Eindrücken erholen konnte, bevor es ein letztes Mal zurück nach Sydney und schlussendlich zurück nach Europa ging[2].

Diese wunderbare Zeit hat mich bis heute stark geprägt, sowohl meine Persönlichkeit, als auch meine bisherige wissenschaftliche Tätigkeit während meines Studiums der Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Ich habe mich immer wieder dem Thema Australien gewidmet, sei es in der Vorlesung von Gabriele Weichart „Einführung in die Ethnologie Australiens“ im Wintersemester 2012/2013, eine Seminararbeit zur Assimilationspolitik Australiens (Sailer 2011) oder eine überblicksartige Arbeit im Zuge der Vorlesung „Einführung in die Religions- und Bewusstseinsforschung“ von Manfred Kremser zur Traumzeit (Sailer 2010).

1.1. Zugang

Australien beherbergt nicht nur sehenswerte Landschaften, wie zum Beispiel die Whitsunday Islands, die östlich von Australian am Great Barrier Reef liegen, sondern auch eine wunderbare Pflanzen- und Tierwelt. Doch nicht nur die Natur ist einzigartig, auch die Kultur und die Geschichte der indigenen Bevölkerung ist beeindruckend. Die Aborigines gelten als eine der ältesten Gesellschaften der Welt (Stiglmayr 1957:161), die es nach wie vor in verschiedenen Formen gibt, obwohl sie von so vielen Seiten bedroht wird (QUELLE)[2] .

Auf meinen Reisen habe ich nicht nur den Australian Way of Life und die endlose Weite des Landes lieben gelernt, sondern auch viel über die Geschichte der so genannten „Ureinwohner“ erfahren[3]. Die Traumzeit, die vielerorts als Religion der indigenen Bevölkerung Australiens angesehen wird, ist beziehungsweise war essentiell für das Leben der Aborigines. Jeder noch so kleine Stein oder banale bunte Sandkörner können mit Hilfe von Geschichten aus der Traumzeit quasi zum Leben erweckt werden. Diese faszinierenden Anekdoten um die vielen Traumzeitwesen haben mich immer weiter in die Welt der Aborigines eintauchen lassen.

Je mehr Zeit verging und je weiter ich in den Norden kam, desto intensiver wurde mein Interesse an der Traumzeit. An der Ostküste, beziehungsweise in Sydney spielte sie für mich überhaupt keine Rolle, da ich einerseits meine volle Konzentration auf meine Arbeit legte, andererseits die einzigen Aborigines auf die man in der Stadt trifft, lediglich als eine Form der Attraktion dienen. Meist sitzen sie am berühmten Circular Quay, der zwischen dem Opernhaus und der Harbour Bridge liegt, spielen Didgeridoo und stehen für Fotos mit den Touristen bereit. Die Hintergründe oder das Wissen hinter der Kultur ist in diesen Fällen nebensächlich. In Darwin im Norden, aber auch beispielsweise in Broome in Western Australia, erlebte ich die Situation anders. Dort leben nach wie vor sehr viele Aborigines und man findet zahlreiche „Überbleibsel“ wie zum Beispiel Felsmalereien. Durch zufällige Plaudereien mit Aborigines beispielsweise in Parks erfuhr ich viel über Einzelschicksale, die Stolen Generation und das heutige Leben der indigenen Bevölkerung. Wenn ich erzählt habe, wo mich meine Reise schon überall in Australien hingebracht hat, dann hatte mein Gegenüber fast immer eine Entstehungsgeschichte zu dem jeweiligen Ort aus der Traumzeit parat.

Leider ist die heutige Situation für die indigene Bevölkerung noch immer sehr schwierig, man bedenke zum Beispiel die momentane Problematik in der Kimberley Region[4].

Obwohl die Kultur- und Sozialanthropologie heutzutage so viele verschiedene Forschungsschwerpunkte inne hat und die Erforschung anderer, nicht-weißer, fremder Kulturen eigentlich veraltet ist, möchte ich trotz allem zum ursprünglichen Grundstein unseres Faches gehen, da ich der Meinung bin, dass man, gerade weil in meinen Augen die Aborigines heute oft vergessen werden (und das auch in Australien selbst), manchmal zurück zu den (wissenschaftlichen) Wurzeln gehen sollte[5].

Ich möchte mit dieser theoretischen Bachelorarbeit versuchen, die Traumzeit und somit ein Herzstück der Kultur der australischen Aborigines nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

1.2. Forschungsstand und Methode

Ganz allgemein zu Australien gibt es sehr viele Publikationen mit verschiedenen Schwerpunkten. Am Anfang meiner Literaturrecherche in unserer Fachbereichsbibliothek[6] für diese Arbeit, als mir bereits klar war, dass ich über Australien und die Aborigines schreiben möchte, nur noch nicht die genaue Richtung, die ich einschlagen würde, wusste, habe ich mich zuerst auf die folgenden Schlagwörter wie „Traumzeit“, „Songlines“, „Dreaming“, „Half-Castes“, „Stolen Generation“ und „Religion“ konzentriert. Mein Anliegen war es, eher mit moderner Literatur zu arbeiten, jedoch habe ich hauptsächlich Literatur aus dem vorigen Jahrhundert gefunden. Ich muss zugeben, dass mich das persönlich schon ein wenig enttäuscht hat.

Die Umstände unter denen die Aborigines während und nach der Besiedelung der EuropäerInnen leben mussten, sind mir ebenfalls ein wichtiges Anliegen gewesen. Ich wollte daher auch auf die so genannte „Stolen Generation“ eingehen und diese mit dem Thema Traumzeit verbinden. Mich hätte dabei vor allem interessiert, wie zum Beispiel die Traumzeit die Versuche der Missionierung beeinflusst hat. Außerdem wäre es erforschenswert gewesen, wie die Eigen- und Fremdwahrnehmung dieser aussieht. Leider konnte ich aber keinerlei Literatur aus erster Hand finden, wobei dies eigentlich nicht weiter verwunderlich war, da sich die indigene Bevölkerung nur auf Oraltraditionen stützt. Um dieser Frage nachzugehen, müsste man also empirisch forschen.

Schnell habe ich mich dazu entschlossen meine Konzentration auf die Darstellung der Traumzeit in der Literatur zu legen. Aus meiner Erfahrung von meiner eigener Reise weiß ich, dass es unzählige Versionen von Vorkommnissen in der Traumzeit gibt und daher kann ich mir gut vorstellen, dass auch AutorInnen verschiedene Auffassungen über dieses Thema haben. Meine eigentliche Intention war es, herauszufinden, in welcher Weise die Traumzeit schon in den ersten Publikationen zu finden war. Bei meiner Recherche habe ich jedoch sofort bemerkt, dass diese überhaupt keine Rolle spielte und es zu dieser Zeit eher um die körperlichen Merkmale der Aborigines und deren materielle Kultur ging. Also habe ich mich dazu entschlossen, einen anderen Weg zu gehen: Ich möchte diverse Artikel aus zwei Zeiträumen zum Thema Traumzeit miteinander vergleichen.

Die jeweiligen Zeiträume habe ich mir ausgesucht, weil ich überraschenderweise relativ viel Literatur zur Traumzeit in Australien aus den 1940er und 1950er Jahren finden konnte und ich hier sogar eine eventuelle Beeinflussung durch den Zweiten Weltkrieg vermuten würde. Ich könnte mir vorstellen, dass einige EuropäerInnen, ähnlich wie Malinowski während des Ersten Weltkrieges, diese Zeit in Australien verbrachten um nicht in die Kriegsgeschehnisse verwickelt zu werden oder einfach nicht mehr zurück konnten. Als zweiten Zeitraum habe ich mich für die 1980er und 1990er Jahren entschieden, weil ich leider kaum aktuellere Literatur gefunden habe.

1.3. Forschungsfrage

Ich möchte innerhalb dieser Arbeit versuchen folgende Forschungsfrage zu beantworten: Wie hat sich die Auffassung und Darstellung der Religion der indigenen Bevölkerung Australiens in der Literatur westlicher[7] AutorInnen innerhalb zweier Zeiträume verändert? Wenn es Veränderungen gibt, woran können diese liegen? Gehen die AutorInnen auf die jeweils vorherrschende politische Situation ein?

Zeitraum 1: 1940er / 1950er Jahre

Zeitraum 2: 1980er / 1990er Jahre

1.4. Aufbau der Arbeit

Ich werde mit einem kurzen geschichtlichen Überblick Australiens diese Arbeit beginnen. Ich empfinde diesen Teil, auch wenn er nicht direkt mit der Forschungsfrage zusammenhängt, als absolut essentiell, da es meines Erachtens wichtig für das allgemeine Verständnis der indigenen Kultur ist. Ganz Australien baut sozusagen auf diese Ereignisse auf. Im Gegensatz zu Europa ist die Entdeckung Australiens zudem sehr kurz und einfach. Ich möchte bei diesem Überblick zuerst kurz die Geschichte der Aborigines beleuchten, da es etliche Widersprüche zu dieser gibt und ich somit klar stellen will, welches Wissen hinter meiner Arbeit steckt beziehungsweise von welchen Daten und Fakten ich ausgehe. Danach werde ich kurz die wichtigsten Stationen der Entdeckung Australiens durch die Europäer skizzieren um dann auf die ersten Treffen zwischen EuropäerInnen und Aborigines einzugehen.

Nach diesem eher allgemein gehaltenen Kapitel werde ich mich der Traumzeit widmen. Zuerst möchte ich auf die allgemeinen Charakteristika dieser eingehen, anschließend erklären, was währenddessen passiert ist, eine Erklärung abgeben was Traumzeitwesen sind und über ihre Überlieferung schreiben. Zum Abschluss dieses Kapitels werde ich zwecks Veranschaulichung eine kurze Schöpfungsmythe wiedergeben, die mir während meiner Reise erzählt wurde.

Im anschließenden Kapitel möchte ich wieder im Sinne der Vollständigkeit die Forschungsgeschichte zum Thema Religion in Australien von ihren Anfängen bis zum Jahre 1940 skizzieren.

Danach widme ich mich nacheinander den von mir untersuchten Zeiträumen. Zuerst den 1940er und 1950er Jahren und danach den 1980er und 1990er Jahren. Ich möchte jeweils in Unterkapiteln Stellung dazu nehmen, wie ich die Textauswahl getroffen habe, wer die AutorInnen sind und dann zu meiner Analyse kommen. Die Analyse wird ebenfalls aus drei Unterkapiteln bestehen, nämlich dem Zugang und der Themenauswahl, der Darstellung der Traumzeit und den erkennbaren politischen Einflüssen. Bevor ich zum Schluss komme, werde ich auf die etwaigen Veränderungen, die es im Vergleich vom ersten zum zweiten Zeitraum gibt, hinweisen.

1.5. Allgemeine Informationen

Obwohl ich eigentlich bezweifle, dass diese Bachelorarbeit jemandem in die Hände fällt, der australische indigene Vorfahren hat, möchte ich dennoch aus Gründen der Vollständigkeit folgenden Hinweis geben: Da mir bewusst ist, dass es für Aborigines verboten ist, den Namen von verstorbenen Indigenen weiter zu verwenden oder deren Fotos zu zeigen (Erckenbrecht 1998:36; Vorlesung „Einführung in die Ethnologie Australiens“), möchte ich gleich vorweg erwähnen, dass ich aus diesem Grund in dieser vorliegenden Arbeit keine Namen bereits Verstorbener oder Fotografien verwenden werde und daher beim Lesen keine besondere Vorsicht geboten ist.

Außerdem möchte ich hier festhalten, dass ich die Begriffe Kolonisation oder Kolonisierung nur sehr ungern verwende und ich daher in diesem Zusammenhang eher von Besiedelung sprechen werde. Die Intention der EuropäerInnen war eine Strafkolonie für die eigenen Gefangenen zu errichten und später auch den Kontinent selbst zu besiedeln. Die Problematik mit der indigenen Bevölkerung resultierte daraus erst als Folge dieser.

Weiters ist auch noch zu erwähnen, dass der Terminus Stamm in diesem Kontext nicht gleichzusetzen ist, mit dem was die Kultur- und Sozialanthropologie sonst darunter versteht. Im Zusammenhang mit der indigenen Bevölkerung Australiens wird von Stamm nicht als politischer Einheit, sondern als Gemeinschaft in linguistischer Sicht gesprochen.

Alle Daten zu den Aborigines, die hier in dieser Bachelorarbeit erwähnt werden, sind als Richtlinien zu verstehen. Viele AutorInnen haben andere Auffassungen zu einzelnen Themen und daher kursieren verschiedenste Theorien und vor allem Zahlen in der Literatur. Ich werde mich hauptsächlich auf Corinna Erckenbrecht stützen, da ihr Datenmaterial zu einem sehr großen Teil mit dem übereinstimmt, was ich in meiner Zeit in Australien erfahren habe.

2. Geschichtlicher Überblick über die Entdeckung Australiens

Australien in seiner jetzigen Form ist noch ein sehr junges Land. Dieser Tatsache sollte man sich stets bewusst sein, wenn man über dieses Land und dessen Menschen schreibt. Aus diesem Grund möchte ich die Geschichte der Aborigines beziehungsweise die Entdeckung des Kontinents in aller Kürze skizzieren. Auch hier ist es wichtig zu verstehen, dass es einen genauen geschichtlichen Überblick erst gibt, seitdem der Kontinent von der westlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert entdeckt und in Folge besiedelt wurde. Von der Zeit davor gibt es nur wenig relevante und sehr unterschiedliche Daten.

Ich möchte zu Beginn kurz die Geschichte der Aborigines beleuchten, dann zur Entdeckung des Kontinents übergehen und dieses Kapitel mit Informationen über die ersten Zusammentreffen von Aborigines und EuropäerInnen abschließen.

2.1. Geschichte der Aborigines

Wie lange Australien vor der Ankunft der EuropäerInnen bereits von Aborigines besiedelt war, ist nicht genau bekannt. Teilweise geht man von 300.000 Aborigines (Berndt R.M.; Berndt C.H. 1954:11) aus, aber auch 500.000 bis 600.000 sind durchaus realistisch, die vor der Besiedelung durch die EuropäerInnen in lockeren Zusammenschlüssen oder in verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Australien lebten. Ursprünglich dürften sie als Einwanderer von Südostasien gekommen sein. Archäologische Ausgrabungen zeigen Besiedlungsspuren, die 40.000 bis 60.000 Jahre alt sind (Erckenbrecht 1998:11; Vorlesung „Einführung in die Ethnologie Australiens“). Wobei es auch bei dieser Annahme zahlreiche andere Meinungen beziehungsweise Schätzungen gibt. Manche Aborigines gehen davon aus, dass es sie schon um einiges länger in Australien gäbe. Mir wurde zum Beispiel erzählt, dass sie schon vor über 100.000 Jahren[8] in Australien gelebt hätten.

Die Aborigines hatten keine zentralen Instanzen, sondern waren einander gleichgestellt. Jede Gruppe hatte eine eigene Sprache, wobei viele Menschen gleich mehrere Sprachen beherrschten, beispielsweise nicht nur ihre eigene, sondern auch die der benachbarten Gruppen (Erckenbrecht 1998:12). Fälschlicherweise gehen viele EuropäerInnen von einer Gleichheit der gesamten indigenen Bevölkerung Australiens aus. Obwohl es viele Ähnlichkeiten in Sprache und Kultur der einzelnen Gruppen gab, werden solche Verallgemeinerungen nicht gerne gehört.

2.2. Entdeckung Australiens Lange Zeit war man auf der Suche nach einem Südkontinent. Unter anderem dachte man sich, dass er existieren müsse, weil Eurasien ein Äquivalent brauche. Viele Entdecker und Reisende sind zwar nahe an Australien gekommen, der erste Europäer an Land war jedoch erst der Niederländer Willem Jansz im Jahre 1606. Im selben Jahr waren Schiffe aus Spanien mit Pedro Fernandes de Queirós (Kapitän der Flotte) und Luis Váez de Torres (Kapitän eines der Schiffe) unterwegs. De Queirós, eigentlich Portugiese, war im Auftrag der spanischen Krone unterwegs und entdeckte das heutige Vanuatu im südlichen Pazifik. Dieses nannte er „Austrialia del Espíritu Santo“ (Austria weil der damalige spanische König, Philip der Dritte, aus dem Hause Habsburg kam). De Torres entdeckte, wie sein Name schon verrät, die nördlich von Australien gelegene Torres-Straße. Jansz kartographierte rund 300 km, verließ das Land jedoch schnell wieder, weil es sehr unwirtlich war. Er war an der Westküste Cape Yorks unterwegs. Zehn Jahre später hat der Europäer Dirk Hartog, dessen eigentliches Ziel Java war, seine Anwesenheit beweisen wollen und einen Zinnteller mit dem Name seines Schiffes und dem Datum in der Shark Bay (Western Australia) aufgestellt (Vorlesung „Einführung die Ethnologie Australiens“).

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kamen weitere holländische Schiffe an die Westküste Australiens, wobei viele von diesen Schiffbruch erlitten oder aufgrund von starken Winden oder Strömungen zu Schiffbrüchigen wurden. Weil das Land nicht einladend war, verloren die Holländer das Interesse daran. Daher gab es niemals holländische Siedlungen oder konkrete Versuche das Land in Besitz zu nehmen (ebd.).

1699 kam als erster Engländer der erfolglose Pirat William Dampier, der drei Mal die Welt umsegelte, an die australische Westküste (ebd.).

Obwohl bei der Entdeckung Australiens die vorangegangen Namen eine durchaus legitime Rolle spielen, ist in Wahrheit nur einer von wirklich großer Bedeutung: Captain James Cook. Er bestritt drei Pazifikreisen, wobei die erste in diesem Fall von größter Wichtigkeit ist. Sie dauerte von 1768 bis 1771 und hatte das eigentliche Ziel in Tahiti zu beobachten, wie sich die Venus vor die Sonne schiebt. Damit sollte die Entfernung zwischen einzelnen Planeten leichter zu berechnen sein. Eine weitere Aufgabe am Rande war auch Ausschau nach dem Südkontinent zu halten und die genaue Lage der Torres Straße ausfindig zu machen. Im April 1770 gelangte Cook im heutigen Sydney an Land. Er nannte die Bucht Botany Bay, weil Joseph Banks, ein Botaniker, der Cook gemeinsam mit anderen diversen Wissenschaftlern auf seiner Reise begleitete, das Land als botanisch Reiches beschrieb. In den nächsten Monaten fuhr Cook die Ostküste mit seinem Schiff „Endeavour“ ab und kartographierte diese. Im August 1770 war er auf Possession Island, Queensland, wo erstmals die britische Flagge gesetzt und gehisst wurde. Da das Land nun zu England gehörte, nannte er es New South Wales. Heute ist New South Wales beschränkt auf den Südosten Australiens (ebd.).

Die erste Flotte mit Strafgefangenen schickte man aufgrund Cooks positiver Berichte am 13. Mai 1787 (Erckenbrecht 1998:15) nach Australien. Sie kam unter Captain Arthur Philipp, der später der erste Gouverneur wurde, am 26. Januar 1788 in Sydney Cove mit 778 Sträflingen an (Rademacher 2009:54). Da die Gefängnisse in England aufgrund sehr vieler Verurteilungen überfüllt waren und Amerika sich weigerte weitere Gefangene aufzunehmen (Supp 1985:216; Vorlesung „Einführung die Ethnologie Australiens“), wurde Australien von den Briten als geeigneter Ort für eine Sträflingskolonie angesehen. Die erste Sträflingskolonie gab es direkt in Port Jackson beziehungsweise im Viertel „The Rocks“ im Hafen von Sydney.

2.3. Erste Aufeinandertreffen von Aborigines und EuropäerInnen Bei den ersten Landgängen von Captain James Cook kam er auch in Kontakt mit den Menschen, die zu der Zeit schon in Australien lebten. Der erste Kontakt mit ihnen verlief nicht wie gewünscht, da die Aborigines seine Geschenke (beispielsweise Glasperlen) nicht annehmen wollten und die Verständigung sehr schwierig war (Vorlesung „Einführung in die Ethnologie Australiens“). Eine seiner ersten Beschreibungen zeigt, dass er sie als erbärmliches Volk ansah, dann aber meinte, dass sie weitaus glücklicher als EuropäerInnen wären, „da sie weder den Überfluß noch die vielen unabdingbaren Bequemlichkeiten, nach denen wir Europäer so beharrlich streben, überhaupt kennen[9] “ (James Cook zitiert nach Erckenbrecht 1998:15; Übersetzung C.E.).

Man lebte anfangs Seite an Seite, beziehungsweise interessierte man sich nicht sehr füreinander. Die Aborigines bildeten sich ihre Meinung über die Neuankömmlinge und die EuropäerInnen über sie. Da die Einwanderer keinen Namen für die indigene Bevölkerung kannten, benannten sie diese mit Hilfe des lateinischen Begriffes „ab origines“, was so viel bedeutet, wie „die, welche vom Ursprung an da waren“ (eigene Übersetzung A.S.).

Die EuropäerInnen stellten mit der Zeit fest, dass die Aborigines in keinen festen Bebauungen oder Siedlungen, sondern in einfachen Unterständen lebten. Sie waren keine sesshaften Menschen, eher ähnelten sie Wanderern. Außerdem lebten sie nur von dem, was sie in ihrer unmittelbaren Nähe finden konnten. Für die EuropäerInnen schien es, als würden die „Ureinwohner“ keinerlei Waren produzieren und kaum Güter besitzen, daher konnte man nicht von Privateigentum sprechen. Auch die besiedelten Landstriche sahen sie eher als Durchzugsgebiet der Indigenen. Daher kam es zum „Terra Nullius Act“, der besagte, dass die Erde Australiens wüst und leer sei und so von der weißen Gesellschaft eingenommen werden konnte. Erst 1992 wurde diese Rechtsgrundlage wieder aufgehoben (Erckenbrecht 1998:15f.).

Mit dieser Politik wird, wie ich finde, deutlich, welchen Stellenwert die Aborigines damals hatten: Nämlich einen sehr geringen. Auch die Tatsache, dass dieser „Terra Nullius Act“ erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wieder aufgehoben wurde, obwohl schon sehr lange klar war, dass das Land zwar karg und unwirtlich sein mag, aber die Menschen, die schon vor der Ankunft der EuropäerInnen dort angesiedelt waren, durchaus ein Recht auf ein Leben in Freiheit hatten.

„Everyone has the right to freedom of thought, conscience and religion; this right includes freedom to change his religion or belief, and freedom, either alone or in community with others and in public or private, to manifest his religion or belief in teaching, practice, worship and observance.“

(Article 18, Universal Declaration of Human Rights) Gerade weil dieser Artikel bereits 1948 in der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte verankert wurde, überrascht es mich immer wieder, warum die australische Politik so lange brauchte, um die Gesetzeslage entsprechend zu ändern. Diese Überlegung ist mit ein Grund, warum ich mich in dieser Arbeit mit der Darstellung der Traumzeit in der Literatur auseinandersetze. Wie wird etwas, dass es ja eigentlich schon von der Gesetzeslage her gar nicht geben dürfte, weil das einzunehmende beziehungsweise eingenommene Land ja schließlich wüst und leer ist, in der wissenschaftlichen Literatur dargestellt?

[...]


[1] Da der Name „Ayer‘s Rock“ von Einwanderern stammt und weil sie, in meinen Augen, für die Vertreibung und Ausrottung der Aborigines stehen, verzichte ich aus Respekt gegenüber der indigenen Bevölkerung auf diesen Namen und werde in der gesamten Arbeit ausschließlich, den von ihnen geprägten Terminus „Uluru“ verwenden.

[2] Zur groben Veranschaulichung meiner zurückgelegten Route habe ich am Ende dieser Arbeit eine Karte mit selbst eingezeichneter Reiseroute beigelegt.

[3] Aufgrund der vielen informellen Gespräche, die ich damals geführt habe, werde ich Informationen, die ich daraus beziehe, eigens Kennzeichnen um eventuelle Missverständnisse vorzubeugen.

[4] Der Staat möchte an der Westküste eine der größten Gasanlagen Australiens bauen. Auf dem Gebiet befinden sich aber viele, für die Aborigines, heilige Plätze und daher wird seit mittlerweile fast zwei Jahren täglich um das Land mit Hilfe von Demonstrationen oder der gleichen Aktionen gekämpft (URL 1).

[5] Immerhin bin ich aber kein armchair anthropologist, da ich wenigstens schon vor Ort war.

[6] Der Vollständigkeit halber wollte ich mir auch Literatur direkt aus den Bibliotheken von australischen Universitäten oder Museen besorgen, dies war jedoch leider nicht zu verwirklichen.

[7] Unter dieser Beschreibung verstehe ich nicht-indigene AutorInnen.

[8] Aussage vom indigenen Ranger Fred Cornway (Carnarvon Gorge, Queensland; 22.12.2008)

[9] Originalzitat von James Cook aus seinem Journal 1770: „But in reality they are far more happier than we Europeans; being wholly unacquainted not only with the superfluous but the necessary Conveniences so much sought after in Europe, they are happy in not knowing the use of them“ (Vorlesung „Einführung in die Ethnologie Australiens“).

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Traumzeit. Die Religion der indigenen Bevölkerung Australiens
Hochschule
Universität Wien  (Kultur- und Sozialanthropologie)
Veranstaltung
Bachelorseminar: Theoretische Diskurse
Note
3
Autor
Jahr
2013
Seiten
43
Katalognummer
V314364
ISBN (eBook)
9783668130777
ISBN (Buch)
9783668130784
Dateigröße
1007 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Note resultiert daraus, dass meine Betreuerin mehr Wert auf Gender gelegt hat, Texte von Diane Bell gerne bearbeitet gesehen hätte. Zeitlich waren mir diese Punkte nicht mehr möglich zu erfüllen, daher ist es keine bessere Note geworden.
Schlagworte
Australien, Traumzeit, Aborigines, Indigene Bevölkerung, Religion
Arbeit zitieren
Anna Sailer (Autor), 2013, Traumzeit. Die Religion der indigenen Bevölkerung Australiens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314364

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