Neue Gedichtformen im 19. Jahrhundert. Beziehung von Form und Inhalt der Poèmes Saturniens


Hausarbeit, 2008

30 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Form und Inhalt der Saturnischen Gedichte
a) Melancholia
b) Eaux-fortes
c) Paysages tristes
d) Caprices

3 Detailanalyse „saturnischer Gedichte“

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einführung

Diese Arbeit hat zum Ziel einen Überblick und Interpretationen zu einigen ausgewählten Gedichten des Gedichtzyklus «Saturnische Gedichte» von Paul Verlaine zu schaffen, der 1866 das erste Mal von Alphonse Lemerre herausgegeben wurde. Verlaine behauptet den Großteil der Gedichte um 1860 geschrieben zu haben, als er sechzehn Jahre alt war.

Der Druck wurde von ihm selbst finanziert mit Hilfe seiner Kusine Elisa Moncomble[1].

Das zentrale Thema des Zyklus ist Saturn, unter dessen Zeichen Verlaine zu stehen denkt, da er sich vom Leben ungerecht behandelt fühlt. Schon der Titel des Zyklus weist also auf den Symbolismus hin, der in dieser Zeit[2] entstand, und für den Verlaine eine besonders große Bedeutung hat. Der Dichter des Symbolismus zieht seine Symbole aus der realen Welt wie zum Beispiel aus der Musik, der bildenden Kunst oder der Architektur, um sie dann in seinem Gedicht zu einem neuen „Bild der Schönheit“ zusammenzusetzen. Auch der Saturn ist ein Symbol der realen Welt, da er schon im Mittelalter in der Astrologie auftaucht und in dieser mittelalterlichen Astrologie vor allem für Sorgen, Melancholie und Krankheiten, aber gleichzeitig auch für harte Arbeit steht. Indem er den Saturn als Symbol des Mittelalters wieder aufgreift, schafft er schon mit dem Titel einen Bezug zur Romantik, in der das Mittelalter in der Literatur und anderen Bereichen wie z. B. in der Kunst wieder aufgegriffen wurde. Anklänge an die Romantik sind in unterschiedlicher Form ebenfalls im ganzen Zyklus zu finden.

Was sind also zusammenfassend die Gründe von Verlaines zu dieser Namensgebung?

Zum einen mögen Verlaine sicherlich die unglücklichen Lebensumstände für die Wahl dieses Symbols inspiriert haben, zum anderen aber vielleicht die Tatsache, dass Saturn ebenso als Symbol für das Maß stand, welches Verlaine in seinen Gedichten befolgt. Obwohl er außer den traditionellen Formen viele neue Gedichtformen erfindet, ist in diesen neuen Formen eine Ordnung vorhanden. Seth Whidden vertritt jedoch die Meinung, dass Verlaine schon in der Wahl des Titels dieses Gedichtbandes die parnassische Schule und insbesondere Baudelaire imitiert[3], welcher dieses Thema in seinem Epigraphe pour un livre condamné schon vor Verlaine einführt. Baudelaire spricht ebenfalls von einem „saturnischen Buch“. Er schreibt:

Lecteur paisible et bucolique

Sobre et naif homme de bien

Jette ce livre saturnien

Orgiaque et melancholic[4]

Auch Louis Aguettant schreibt in seinem Buch über Verlaine, dass dieser sich auf Baudelaire bezogen und ihn sowohl in Themen als auch Rhythmus und Gefühlen in seinen „Poèmes Saturniens“ imitiert hat, nachdem er sie mit vierzehn Jahren das erste Mal gelesen hatte.

Wenn man bedenkt, dass Verlaine diese Gedichte zu Beginn seiner Karriere[5] geschrieben hat, macht man die Beobachtung, dass er schon zu dieser Zeit in einer negativen Grundstimmung war und dass sich diese -mitunter wahrscheinlich psychologischen Probleme- mit der Zeit nur verlagert haben, wobei die saturnischen Gedichte als Ausdruck der unglücklichen Liebe Verlaines zu seiner Adoptivschwester Elisa gesehen werden.

Das Thema der unglücklichen Liebe erscheint im ganzen Gedichtszyklus und wird gegen Ende immer schwächer. Aufgrund dieser Gedichte hat es Verlaine also geschafft, über seinen Schmerz der unglücklichen Liebe hinwegzukommen. Für diese These spricht, dass Verlaine selbst in einem, anlässlich einer erneuten Auflage der Poèmes Saturniens von 1890 später hinzugefügten Vorwort, seine Poèmes Saturniens als einen stetigen Wandel, welcher von Gedicht zu Gedicht zieht, beschreibt[6]. Er schreibt: „ On mûrit et veillit avec et selon le temps, voilà tout“. Inspiration für seine Saturnischen Gedichte hat Verlaine aber nicht nur in den Themen der Romantik und des Symbolismus gefunden, sondern auch in den Werken seiner Dichterkollegen, wie z. B. bei Baudelaire mit seinen Fleurs du mal, einem Gedichtband, in dem Baudelaire ebenfalls die Liebe zu einer Frau thematisiert. Zu guter Letzt war Verlaine ein Anhänger der „Ecole Parnassienne“, also der Parnassischen Schule, welche mythologische Themen, wie sie in den Saturnischen Gedichten im Prolog und zum Beispiel in dem Gedicht Calvitri zu finden sind, bzw. Themen aus der Kunst, also aus der Musik, der Malerei und der Architektur verwendete. Diese Dichtschule vertrat das Prinzip „Kunst steht für Kunst“. Das heißt die Kunst steht für sich selbst und benötigt keinerlei politische Richtung. Seth Whidden sieht in seinem Buch leaving Parnassu[7] diese Anhängerschaft an die Parnassische Schule auf die Saturnischen Gedichte bezogen als Suche des jungen Dichters nach seiner eigenen dichterischen Identität, die Verwendung der Mittel der Dichtschule als Ausdruck der noch vorhandenen Unsicherheit.

Weiterhin schreibt er, dass Verlaine seine parnassischen Vorbilder zuweilen bis an die Grenze der Parodie imitierte, was sich seiner Meinung nach vor allem im Epilog der Saturnischen Gedichte zeigt.

Nachfolgend eine formale Beschreibung des Gedichtszyklus an einigen beispielhaften Gedichten. Danach wird auf einige ausgewählte Gedichte detaillierter eingegangen werden. Zum Abschluss wird in einer kurzen Zusammenfassung versucht, die wichtigsten Punkte herauszustellen.

Form und Inhalt der Saturnischen Gedichte

Vom Inhalt ist der Zyklus in drei semantische Felder einzuteilen. In Melancholia beschäftigt sich Verlaine mit der unglücklichen Liebe zu seiner Adoptivschwester Elisa, die in Form von Gedichten im ganzen Zyklus auftauchen wird, aber auch insbesondere mit seiner Vergangenheit. Er steigert sich in seiner Melancholie so weit, bis er im letzten Gedicht (Angoisse) des Kapitels bekennt, dass ihm nichts mehr Freude bereitet und dass er seinen Glauben an Gott verloren hat. Zum anderen zeichnet Verlaine immer wieder „Seelenlandschaften“wie z. B. in den Paysages tristes, die seine eigene Seele meistens widerspiegeln. Die „schwarzen Gedichte“ sind zum Teil ebenso zu diesen Seelenlandschaften zu zählen, obwohl er mit dem mystischen Grundton gleichermaßen ein beliebtes Thema der Romantik wieder aufgreift. Gedichte dieser schwarzen Stimmung sind z. B. Sub Urbe oder Cauchemar. Es gibt aber auch solche Gedichte, die eine gesellschaftskritische Funktion haben, wie das z. B. bei M. Prudhomme oder Jésuitisme der Fall ist.

Der Gedichtzyklus kann in seiner äußeren Form in mehrere Abschnitte eingeteilt werden. Prolog und Epilog rahmen die Kapitel Melancholie, Eaux-Fortes, Paysages tristes und Caprices, wodurch schon im äußersten Aufbau eine Art Symmetrie erzeugt wird. Zwischen dem Prolog und dem ersten Kapitel ist ein Paratext eingeschoben, der die Funktion eines Vorwortes hat, aber nicht explizit als solches ausgewiesen wird. Verlaine erläutert hier den Zusammenhang des Titels des Gedichtzyklus mit seinen Gedichten. Er erklärt die Bedeutung indem er auf den Saturn als Symbol des Unglücks hinweist. Es fällt auf, dass der gesamte Prolog im Paarreim, der gesamte Epilog jedoch im Kreuzreim geschrieben ist. Diese geringfügige Änderung des Reimschemas könnte vielleicht für die innere Wandlung Verlaines stehen, der mit den Gedichten ja den Schmerz seiner unglücklichen Liebe verarbeitete. Für die Überwindung dieser unglücklichen Liebe spricht der Satz am Anfang des Epilogs “le soleil moins ardente“, welcher durch die weniger brennende Sonne ausdrückt, dass der Schmerz jetzt nicht mehr so groß sein kann. Mit dem Satz: „Maintenant va mon livre où le hasard te mène“ der den Prolog der Saturnischen Gedichte beschließt, gibt er gewissermaßen die Verantwortung für den Inhalt des Buches ab, er schickt das Buch auf seine eigene Reise, die man vielleicht auch als Verlaines Prozess der Selbstfindung sehen könnte.

Die Gedichtsformen innerhalb der verschiedenen Kapitel sind sehr vielfältig. Zum einen verwendet Verlaine konventionelle Gedichtformen, wie das Sonnet oder die Ballade. Ein Beispiel für das konventionelle Sonnet wären z. B. M. Prudhomme aus dem Kapitel Caprices, oder auch alle Gedichte des ersten Kapitels. Er fügt diesen konventionellen Formen im ersten Kapitel „Melancholia“ eine Form hinzu, welche im Mittelalter sehr beliebt war, nämlich die des umgedrehten Sonnets, bei der die zwei Terzette zuoberst stehen. Auch aus der Ballade wird er im weiteren Zyklus neue Gedichtformen bilden. Auf der anderen Seite erfindet Verlaine auch ganz neue Gedichtformen ohne jeglichen Bezug zum Althergebrachten. Diese neuen Gedichtformen sollen im Folgenden vorgestellt werden. Dabei soll außerdem ein kurzer Überblick über jedes Kapitel gegeben werden.

a) Melancholia

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die «Radierung» Melancholia von Albrecht Dürer, von der sich ein Exemplar in Verlaines Besitz befand, war unter anderem sicherlich Inspiration für die Titelwahl des ersten Kapitels der „Poèmes Saturniens“.[8]

Auf diesem Bild sind die verschiedenen Wissenschaften sowie die Natur durch ihre Attribute repräsentiert. Die Hauptfigur des Bildes jedoch sieht diese nicht, da ihr jegliche Inspiration fehlt. Durch die fehlende Inspiration verfällt also auch der Dichter in Melancholie und sucht nach seiner eigenen dichterischen Identität.

Man könnte vermuten, dass sich diese, also die fehlende Inspiration und somit Melancholie, im ersten Kapitel dadurch äußert, dass Verlaine die althergebrachten Gedichtsformen verwendet und nicht, wie in den folgenden Kapiteln, selbst neue Formen schafft.

Das Motiv der sechs Sonnette von Melancholia ist die erste Liebe, die in der Vergangenheitsform dargestellt wird. Diesen sechs Sonnetten haftet, nach der Meinung von Luis Aguettant, der triste Ton von Baudelaire an. Mit dem zweiten Gedicht „Nevermore“ in diesem Kapitel bezieht sich Verlaine auf ein Gedicht von Edgar Allan Poe mit dem Titel „the raven“. Dabei hat er den Ausdruck „Nevermore“ wortgetreu von Edgar Allan Poe übernommen, da dieser am Ende jeder Strophe des Gedichtes von Edgar Allan Poe refrainartig auftaucht. Der Inhalt bzw. das Thema der beiden Gedichte unterscheidet sich jedoch. In „The raven“ wird der Tod der Schönheit thematisiert, in „Nevermore“ wird Einsamkeit und Zweisamkeit im Gegensatz zueinander thematisiert. Als Beispiel für das erste Kapitel führe ich hier das erste Gedicht aus Melancholia an, welches sich von den anderen Sonnetten geringfügig unterscheidet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[9]

Strophe drei und vier stehen für das Jetzt zum Zeitpunkt der dichterischen Erzählung. In Strophe eins spricht Verlaine von „Héliogabale“ und „Sardanapale“. Diese Figuren sind aus der römischen und assyrischen Geschichte entliehen. Er verweist damit auf die späteren Gedichte, welche sich ebenfalls mit geschichtlichen Figuren befassen werden, wie „César Borgia“ und „La mort de Phillipe 2.“ „Non moins ardent“ in Strophe drei ist ein Verweis auf den Epilog, wo es heißt: „Le soleil, moins ardent, luit clair au ciel moins dense.“

b) Eaux-fortes

„Eaux-fortes“ ist der französische Ausdruck für Radierungen. Insofern ist mit dem Titel „ Eaux-fortes“ schon der Bezug zum ersten Kapitel, „ Melancholia“ geschaffen, welches die Radierung „ Melancholia“ von Dürer zum Vorbild hatte. Radierungen sind eine graphische Kunstform, die von Franzisco di Goya y Lucientes im 19. Jahrhundert zu ihrem technischen Höhepunkt entwickelt wurde. Denkt man an Goya und seine Radierungen, assoziiert man diese sogleich mit seiner bekanntesten Radierungsserie, den „ Caprichios“ (frz. Caprices). Da ja das vierte Kapitel der Saturnischen Gedichte ebenfalls den Titel Caprices trägt, könnte man davon ausgehen, dass sich Verlaine bei der Namensgebung an Goya orientiert hat. Es liegt der Gedanke nahe, dass das Kapitel Eaux-fortes in diesem Fall mit dem Kapitel Caprices zusammengehört. Wenn man das erste Kapitel der Saturnischen Gedichte vernachlässigt, da dieses ja noch die alten Gedichtformen anwendet, würde mit den Kapiteln Eaux-fortes und Caprices wieder eine innere Symmetrie im Zyklus hergestellt. Der Mittelpunkt der Saturnischen Gedichte wäre dann „Paysages Tristes“. Das erste Kapitel „Melancholia“ könnte dann als Kapitel angesehen werden, wo Verlaine noch im Alten verharrt, bevor er sich im zweiten Kapitel „Eaux-Fortes“ dann auf die Reise macht, wie er es schon im Prolog prophezeit hatte („maintenant va mon livre, où le hasard te mène). Diese Reise wird ihn zu sich selbst führen, den „Paysages tristes“, die somit auch als Höhepunkt des Zykluses angesehen werden können. Nach diesem Kapitel „Paysages tristes“ steht nicht mehr Verlaine mit seiner Psyche im Mittelpunkt sondern andere Menschen werden jetzt vor allem beobachtet und poetisch dargestellt.

[...]


[1] siehe Aguettant, Louis, Verlaine, Editions du Cerf, Paris 1978. S.26.

[2] Im Symbolismus werden Synästhesien und Onomatopoeia oft verwendet um Verbindungen zwischen den verschiedenen Sinnesebenen herzustellen. Der rhythmische und melodische Klang sind sehr wichtig.

[3] siehe Whidden, Seth, Leaving Parnassus, Editions Rodopi B. V., Amsterdam-Newyork 2007.

[4] http://fleursdumal.org/poem/324

[5] Verlaine behauptet in seinen „confessions“ die Saturnischen Gedichte bereits im Alter von 16 Jahren geschrieben zu haben, als er noch zur Schule ging.

[6] siehe Murphy, Steve: Eléments pour l’étude des poèmes saturniens, revue Verlaine 3-4 (1996), 165-274.

[7] siehe Whidden, Seth, Leaving Parnassus, Editions Rodopi B. V., Amsterdam-Newyork 2007.

[8] siehe Whidden, Seth, Leaving Parnassus, Editions Rodopi B. V., Amsterdam-Newyork 2007, S.57.

[9] Verlaine (1977): Poèmes Saturniens/Confessions

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Neue Gedichtformen im 19. Jahrhundert. Beziehung von Form und Inhalt der Poèmes Saturniens
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für romanische Literatur)
Veranstaltung
Die französische Lyrik des 20. Jahrhunderts
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
30
Katalognummer
V314439
ISBN (eBook)
9783668143388
ISBN (Buch)
9783668143395
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Saturnische Gedichte, Paul Verlaine, Gedichtinterpretation
Arbeit zitieren
Julia Wuggenig (Autor), 2008, Neue Gedichtformen im 19. Jahrhundert. Beziehung von Form und Inhalt der Poèmes Saturniens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314439

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