Mit dem Theaterstück "Nora (Ein Puppenheim)" gelangte der bereits über 50jährige norwegische Autor Henrik Johan Ibsen im Jahr 1879 zu Weltruhm. Er verursachte mit seinem Schauspiel viel Aufruhr und Unmut und wurde doch kräftig gefeiert und vor allem für sein emanzipatorisches Engagement (auch wenn Ibsen dies stets leugnete) von der damaligen Frauenbewegung geschätzt. Ähnlich erging es knapp hundert Jahre später der österreichischen Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit ihrem Theaterdebut "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften". Mit ihrer Fortsetzung von Ibsens Stück, welches direkt an dessen Ende anknüpft, gelang sie zwar auch zu hohem Ansehen, vermehrt von Frauen der dritten Welle der Frauenbewegung in den 70er Jahren, aber die Autorin machte sich mit ihrer Ästhetik und ihrer politischen Kernaussage nicht nur Freunde.
Ibsens Nora wartet auf das Wunderbare, sie wartet darauf, dass sich etwas in ihrem Leben zum Positiven ändert und schafft es zum Schluss, diese Veränderung aus eigener Kraft heraufzuführen, sich von ihren Fesseln in ihrem Puppenheim, der Männerherrschaft, zu befreien und in ein selbstbestimmtes Leben aufzubrechen. [...]
Zunächst muss dafür die Grundlage für Jelineks Stück, also Ibsens Nora (Ein Puppenheim) genauer betrachtet werden. Um herauszufinden, wieso das Schauspiel des Norwegers überhaupt als Emanzipationsstück berühmt geworden ist, bietet der historische Kontext, in dem Ibsen gestaltete, und die Rezeptionsgeschichte näheren Aufschluss. Danach soll sein ästhetisches Verfahren, also die Art und Weise der Schauspiel-Konzeption, unter dem Aspekt, ob hier auch ein Hinweis auf die Mythos Entstehung gegeben ist, genauer untersucht werden. Anschließend findet eine detailliertere Analyse des Inhalts statt. Den Schwerpunkt bildet dabei die Betrachtung der Figurenentwürfe, es soll gezeigt werden, wie die Männer- und die Frauenfiguren des Stückes, insbesondere Nora und Helmer, angelegt sind. Die sorgfältige Untersuchung des Stückes von Ibsen soll vor allem die Voraussetzung für ein profunderes Verständnis der Stoffumsetzung bei Elfriede Jelinek schaffen.
Der zweite Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit Jelineks "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften", welches zunächst unabhängig von Ibsens Original betrachtet werden soll. [...]
1. Einleitung
2. Henrik Ibsen: Nora (Ein Puppenheim)
2.1. Ibsens Stück, der historische Kontext und die Rezeption
2.2. Ibsens ästhetisches Verfahren
2.3. Männlichkeit und Weiblichkeit bei Ibsen
2.3.1. Die Konstruktion von Geschlecht
2.3.2. Figurenkonzeption
3. Elfriede Jelinek: „Was geschah nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“
3.1. Jelineks gesellschaftskritische Position
3.2. Jelineks ästhetisches Verfahren
3.2.1. Intertextualität und Struktur
3.2.2. Sprache und Körper
3.2.3. Die Dekonstruktion von Alltagsmythen
3.3. Männlichkeit und Weiblichkeit bei Jelinek
4. Warum Nora in ihr Puppenheim zurückkehren musste
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht das emanzipatorische Potenzial in Henrik Ibsens "Nora (Ein Puppenheim)" und dessen Dekonstruktion durch Elfriede Jelineks Stück "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften". Dabei wird analysiert, inwiefern Ibsens Stück als Emanzipationsmythos fungiert und wie Jelinek diesen durch eine marxistisch-feministische Perspektive sowie intertextuelle Montagetechniken entlarvt.
- Analyse der bürgerlichen Geschlechterrollen bei Henrik Ibsen
- Dekonstruktion des Mythos der Emanzipation in der Moderne
- Einfluss des kapitalistischen Systems auf die individuelle Freiheit
- Vergleichende Untersuchung der Figurenkonzeptionen und Sprachästhetik
- Kritik an patriarchalen Strukturen und der Instrumentalisierung der Frau
Auszug aus dem Buch
2.3.2. Figurenkonzeption
Zu Anfang des Stückes wird Nora als vergnügte und unbeschwerte junge Frau dargestellt, die sich auf die bevorstehende Gehaltserhöhung ihres Mannes freut, weil sie und Helmer sich dann etwas mehr „amüsieren“ können und nicht mehr „zu sparen brauchen“ (NP 6). Außerdem impliziert die Beförderung Helmers von einem durchschnittlichen Anwalt zum Direktor der Aktienbank nicht nur einen Aufstieg im finanziellen Bereich, sondern auch in Helmers männlicher Selbstachtung und der sozialen Stellung. Nora glaubt glücklich zu sein und in einer erfüllten Ehe zu leben: „Oh, die letzten acht Jahre sind wirklich eine glückliche Zeit für mich gewesen.“ (NP 11) Sie freut sich wie ein kleines Kind auf das bevorstehende Weihnachtsfest und ihre gute Laune scheint unerschütterlich. Diese freudvolle Stimmung wird noch nicht einmal durch ihren bevormundenden Gatten getrübt, sondern kippt erst, als ihre Jugendfreundin, die verwitwete Christine Linde, auftaucht.
Diese führte bis dahin ein mühevolles Leben in einer freud- und lieblosen Ehe an der Seite eines Mannes, dessen Antrag sie aus Pflichtbewusstsein annahm. Frau Linde, die mittlerweile unabhängig von einem Mann lebt, ist auf ihre eigene Versorgung angewiesen und deshalb auf der Suche nach Arbeit; eine Seltenheit zu Ibsens Zeit, in der alleinstehende Frauen entweder in ihrer eigenen oder als Hausmädchen in einer fremden Familie lebten, um ihre Versorgung zu sichern. Frau Linde ist eine alte Bekannte aus Noras Vergangenheit und wird zu Noras Vertrauten, da sie durch ihre eigene, schwere Lebensgeschichte, also als Gegenentwurf zu Nora, in Nora das Bedürfnis auslöst, von ihren eigenen Schwierigkeiten zu erzählen und klarzustellen, dass auch sie es nicht immer leicht hatte. So vertraut Nora ihr das Geheimnis ihres Schuldscheins und ihrer Opferbereitschaft für ihren Mann an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die beiden Theaterstücke vor und formuliert das Ziel, Ibsens Emanzipationsmythos im Kontrast zu Jelineks pessimistischer Dekonstruktion zu untersuchen.
2. Henrik Ibsen: Nora (Ein Puppenheim): Dieses Kapitel analysiert Ibsens Werk im historischen Kontext, sein ästhetisches Verfahren sowie die Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit.
3. Elfriede Jelinek: „Was geschah nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“: Hier wird Jelineks marxistisch-feministische Perspektive, ihr Einsatz von Intertextualität und ihre Kritik am patriarchalen Kapitalismus detailliert untersucht.
4. Warum Nora in ihr Puppenheim zurückkehren musste: Dieses Kapitel führt die Ergebnisse zusammen und begründet Jelineks pessimistisches Ende, in dem Nora trotz Emanzipationsversuch in bestehende Strukturen zurückfällt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Untersuchung zusammen und resümiert, dass Nora bei Jelinek aufgrund des kapitalistischen Systems und mangelnder politischer Weitsicht scheitern muss.
Schlüsselwörter
Henrik Ibsen, Elfriede Jelinek, Nora, Emanzipation, Feminismus, Patriarchat, Kapitalismus, Geschlechterrolle, Dekonstruktion, Alltagsmythen, Intertextualität, Montage, Identität, Sprache, Männlichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Kontrast zwischen Henrik Ibsens Theaterstück "Nora (Ein Puppenheim)" und der Fortsetzung von Elfriede Jelinek, um die Mechanismen der Emanzipation und deren Scheitern im kapitalistischen System aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die kritische Auseinandersetzung mit bürgerlichen Rollenbildern, der Einfluss von ökonomischen Strukturen auf das Individuum und die Dekonstruktion von gesellschaftlich etablierten Mythen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu hinterfragen, warum Ibsens Nora als emanzipatorisches Vorbild diente, während Jelineks Nora diesen Mythos in einem unbedingten Pessimismus auflöst und entlarvt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine detaillierte Inhalts- und Formanalyse, ergänzt durch Ansätze der Geschlechterforschung sowie marxistische und zeichentheoretische Analysen, insbesondere nach Roland Barthes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert Ibsens Ästhetik und die Figurenkonzeption seines Stückes sowie Jelineks intertextuelles Verfahren, ihre Montagetechnik und die politische Intention ihrer Adaption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Emanzipation, Kapitalismus, Patriarchat, Gender Studies, Mythen dekonstruktion und Sprachkritik.
Warum ist die Figur der Nora bei Jelinek so anders angelegt?
Bei Jelinek dient Nora nicht als psychologisch motivierte Figur, sondern als "Sprachfläche" und Zitat, um aufzuzeigen, dass eine Frau innerhalb eines patriarchalen, kapitalistischen Gefüges kaum echte Autonomie gewinnen kann.
Was bedeutet das "Puppenheim" in beiden Werken?
Bei Ibsen symbolisiert es die eingeengte, bürgerliche Welt Noras; bei Jelinek wird diese Welt durch das ökonomische System erweitert, in dem Nora auch nach ihrem Verlassen des Zuhauses gefangen bleibt.
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- Nadja Krakowski (Author), 2014, Ibsens und Jelineks Nora-Stücke und der Mythos der Emanzipation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314470